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    Börde-Museum Burg Ummendorf

 

SammlungsStücke

Viele Stücke aus dem Museumsbestand werden in Dauer- oder Sonderausstellungen gezeigt. Doch darüber hinaus gibt es in Museen naturgemäß viele weitere Objekte, die besonders erhaltenswert sind, aber in der öffentlichen Ausstellung manchmal keinen Raum finden. Hierzu zählen oft auch Bestände des Archivs und der Bibliothek. Die Rubrik SammlungsStücke gibt diesen hier ein Forum. 


SammlungStück August 2020                                                                     

Hebammentasche aus Ummendorf 


                                                                   Tasche der Hebamme Emma Loof (* 10.04.1894, +18.08.1978) aus Ummendorf (Inv.-Nr. BMBU 2011-0440) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Inv.-Nr.:                            BMBU 2011-0440

Material:                           Leder, Eisenblech, Leinen

Maße:                               L 36 cm / B 12 cm / H 16 cm bzw. 23,5 cm mit Tragegriff

Datierung:                          1. Hälfte 20. Jahrhundert

Erhaltungszustand:                 Gebrauchs- und Alterungsspuren, Beschichtung der Riegel und der Schließe teilweise abgegriffen, ebenso Abnutzungen am Leder;                                                                      Auf der Rückseite der Tasche ist die Naht auf der rechten Seite 5 cm lang gelöst. Der Schlüssel zum Abschließen der Tasche ist nicht mehr vorhanden.

 

In Verbindung mit der Sonderausstellung ›Kinderwelten‹ im Jahr 1997 gelangten auch einige Stücke als Schenkung in die Museumssammlung. Es gehörten u. a. dazu: eine Hebammentasche (Inv.-Nr. BMBU 20011-0440) und das Ausstattungsinstrumentarium der Hebamme Emma Loof aus Ummendorf, in einem dafür angefertigten verschnürbaren Leinentuch mit Schlaufen für Nabelschnurschere, Fadenschere, Arterienklemme, Fieberthermometer, anatomischer Pinzetten und Pulsuhr u. a. m. (Inv.-Nr. BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10). – Das gestreckt s-förmige Instrument mit Öhr und Schlaufe (ganz rechts im Bild) wurde in der Benennung bisher nicht aufgefunden.


Aufgewickeltes und zugebundenes Leinentuch mit Einsteckschlaufen für das Hebammenutensil (links) und geöffnet (rechts), (BMBU 2011-0438 und BMBU 2011-0439, 1-10) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die aus braunem Leder gefertigt Tasche in der Museumssammlung ist eine zeitypische Tasche, die von einer Hebamme nachweislich genutzt wurde. Nicht selten gab es ähnliche Taschen, größer in der Anfertigung, mit mehr Stauraum und feinteiligerer Fächeraufteilung, für die notwendigen Dinge zur Behandlung von Erkrankten sowie zum Einsatz bei Gebärenden ausgestattet. Auch die Ausführung als Koffer war üblich (siehe Vergleiche). Noch heute werden Taschen ähnlicher Gestalt als Doktor-, Arzt- oder Hebammentaschen bezeichnet. Oft jedoch sind sie zur Verwendung für Büro und Reise gedacht, ohne dass sie in der namensgebenden Nutzung stehen.

Der gesamte obere Rand der hiesigen Tasche ist mit sog. Bügeln eingefasst. Es sind zwei Metallschienen, die zur haltgebenden Einfassung genietet sind. Sie haben im Unterschied zum Leder eine Farbgebung in hellerem Braun. Die Bügelenden sind auf den beiden Schmalseiten beweglich fixiert. Somit wird das Öffnen und Schließen der Tasche ermöglicht und stabilisiert. Ein einseitig abgeflachter, leicht ovaler Ring dient als Griffhilfe beim Öffnen der Tasche. Im Tascheninneren befindet sich ein braunes Leinenfutter, das auf der nach vorn aufklappbaren Seite durch die Benutzung auf einer Länge von 12 cm aus der Metallschiene gelöst ist. Der Futterstoff hat entsprechende Nutzungsspuren, u. a. weist er zwei Flecken auf (max. 2,5 x 1,5 cm), die auf eine ölige Flüssigkeit schließen lassen. Die Seite der Arbeitstasche, an dem sich der Tragegriff aus braunem abgestepptem Leder befindet, hat innen noch ein Seitenfach, ebenfalls aus braunem Leinenstoff gefertigt. Der Verschluss erfolgt über zwei innen am Blech angenietete Haken, die in die rechts und links obenauf befindlichen Riegel greift. Ein weiterer Haken ist mittig, oberhalb der Grifföse zu finden, der in das abschließbare Schloss unterhalb des Tragegriffes einrastet. Zum Schutz des Taschenbodens vor Beschädigungen gibt es in jeder Ecke einen sog. Standfuß aus Eisenblech.


Unterseite der Hebammentasche (links) und geöffnete Tasche mit den sichtbaren Haken zum Verschließen (rechts) © Fotos S. Vogel BMBU – Landkreis Börde (Inv.-Nr. BMBU 2011-0440)


Die Hebammentasche mit den chirurgischen Instrumenten von Emma Loof und das archivalische Material aus dem Nachlass der Mutter Emma Loof, geb. Künnemann, weckte im Zusammenhang mit den Eingangsinformationen zu den Schenkungen das Interesse, mehr zu erfahren. Mit den inzwischen im Museum vorhandenen Hebammentagebüchern, eines von der Hebamme Marie Junge aus Eimersleben und eines von der Hebamme Anna Voigt aus Eggenstedt, besteht inzwischen ein thematischer Sammlungsgrundstock. Er ist zudem besonders interessant, da ein ähnlicher Zeitraum für die Hebammentätigkeiten dokumentiert ist. Zur jüngeren Hebamme Emma Loof wurde im Kontext des SammlungsStückes erstmals auch Biografisches zusammengetragen. 

Die Eltern der jüngeren Emma Loof, geb. am 10. April 1894 in Ummendorf, sind als Mutter: Emma Loof, geb. Künnemann (*29.11.1864, +19.8.1943), gebürtig aus Warsleben – dort bis zur Übersiedlung nach Ummendorf in ihrem Heimatdorf und in den Nachbargemeinden als Hebamme tätig sowie Albert Loof (*22.9.1862, +2.4.1925) als Vater. Beide Hebammen Loof erhielten ihre Ausbildung an der 1795 gegründeten Provinzial-Hebammenlehranstalt (ab 1914 Landesfrauenklinik) in Magdeburg. In einem Zeitungsartikel der Museumssammlung (ohne bisher nachvollziehbarer Quellenangabe, Inv.-Nr. BMBU 2011-0437) zum 50. Dienstjubiläum der Hebamme Emma Loof, geb. Künnemann, wird darauf verwiesen, dass diese am 29. März 1856 ihre damalige Hebammenprüfung in der Hebammenlehranstalt in Magdeburg mit vorzüglich bestand. Zum Zeitpunkt ihrer  fünfzigjährigen Hebammenarbeit im Jahr 1936 hatte sie in 2365 Fällen Geburtshilfe geleistet, so in der Beilage zur „Allertal-Zeitung“ vom 28. März 1936 nachzulesen.

Bildungseinrichtungen für Hebammen gehen auf eine Anordnung Friedrich II. von Preußen aus dem Jahr 1772 zurück. Der Hintergrund für die Verordnung galt der Bevölkerungspolitik, … »die die »Produktion von Menschen« forderte, um ein Bevölkerungswachstum zu erreichen. Viele Menschen bedeuteten viele Untertanen und Soldaten, an deren Zahl der Herrscher glaubte, seine Macht messen zu können: »que le nombre des peuples fait la richesse des Etats« war der wirtschaftspolitische Grundsatz Friedrichs II von Preußen.« (S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz 1999, S. 21). 

Um eine Ausbildung an einer Hebammenlehranstalt in der Zeit um 1900 aufnehmen zu können, musste eine schriftliche Bewerbung vorausgehen. »Die Auswahl erfolgte durch Beachtung von sozialen und intellektuellen Komponenten. Entscheidend war einerseits der gute Ruf in der Gemeinde bzw. Stadt, aber auch die Gabe, lesen und schreiben zu können. Dies war von Nöten, um das Lehrbuch lesen und die Prüfung schreiben zu können. [Und auch das Führen eines Tagebuches zu den Geburten war von den Hebammen verlangt. – S. V.] Analphabetismus versperrte den Schülerinnen die Ausbildung, aber Kinderlosigkeit und unverheiratet zu sein [wie bei der ledigen Emma Loof – S. V.] nicht mehr. Dem Bewerbungsschreiben musste man seinen Geburtsschein, ein Leumundszeugnis, eine ärztliche Bescheinigung über eine kürzlich erfolgte Wiederimpfung, Staatsangehörigkeitsausweis und bei Gemeindeschülerinnen auch der abgeschlossene Hebammenvertrag beifügen.« (Tabarelli 2004, S. 2–3) So ist es um 1900 aus Mainz dokumentiert.

Die ärztliche Leitung der Magdeburger Hebammenlehranstalt wurde am 1. Juli 1907 an Prof. Alkmar von Alvensleben vom Provinzialausschuss der Provinz Sachsen übertragen, die er bis 1945 ausübte und unter dessen Weisung auch die jüngere Emma Loof stand. Prof. von Alvensleben war federführend bei der Entwicklung der Hebammenlehranstalt mit geburtshilflichem Charakter zu einer gynäkologisch-geburtshilflichen Einrichtung mit chirurgischer Etablierung. Nach ihrer Ausbildung war Hebamme Loof als Reisehebamme der Landesfrauenklinik tätig, u. a. um auf den Gütern der Region Geburtshilfe zu leisten. Auch dazu brauchte die Hebamme die Tasche mit allen wichtigen Utensilien.  Emma Loofs Wirkungsbereich lag ebenso in den Orten Eilsleben und Ummendorf. In Eilsleben hatte sie Quartier im Haus von Tischlermeister Bettzüche (heute Zimmermannplatz 3) und in Ummendorfer war ihr Zuhause in der heutigen Berliner Str. 18. Im Gemeindekrug in Eilsleben (Zimmermannplatz 1) führte Emma Loof eine Entbindungsstation, nicht zuletzt auch für Landarbeiterinnen, Umsiedlerinnen und unverheiratete Frauen.

 

                                                                                                               Hebamme Emma Loof (* 10.04.1894, +18.08.1978), um 1950 © Foto BMBU Archiv (Inv.-Nr. BMBU 2010-872)


 »Mit dem 1938 verabschiedeten Hebammengesetz war es den Hebammen möglich, sich niederzulassen; sie bezogen ein garantiertes Mindesteinkommen und waren gegen Berufsunfähigkeit versichert. Waren die Hebammen bei einem Träger (Kommunen oder Landkreise) angestellt, wurden ihnen die Beiträge für die Alten- und Krankenversicherung ganz oder teilweise bezahlt. Ausbildung und Fortbildungsgänge waren kostenlos. Anschaffungskosten für Instrumente, Bücher usw. waren ebenfalls erstattungsfähig.« (Mädrich – Nicolaus 1999, S. 76–77) Doch auch hierbei galt politisch der Reproduktion von Arbeitskräften und potenziellen Soldaten das Augenmerk, ganz im Sinne Friedrich II. von Preußen.  

»Zur Entbindung in die Accouchirhäuser [Entbindungshäuser/Gebäranstalten – S. V.] kamen fast ausschließlich Frauen aus der Unterschicht. In der Regel handelte es sich um sehr arme, mittellose und ledige Frauen, die von ihrer Familie oder von ihrem Dienstherren verstoßen worden waren.« (A. Gengnagel – U. Hasse 1999, S. 32)  

In den Accouchirhäusern zu entbinden, »war gesetzlich vorgeschrieben; zum einen, um dem verbreiteten Kindsmord entgegenzuwirken, meist eine Folge völliger sozialer Hilflosigkeit, zum anderen, um der Ausbildung ärztlicher Geburtshelfer und Hebammen zu dienen.« (Weber-Kellermann 1994, S. 17)

 

Hebamme Emma Loof arbeitete nach Gründung der DDR in dem in der Wormsdorfer Straße in Eilsleben neu entstandenen Landambulatorium mit Entbindungsstation (zuvor Unterkünfte für die Zuckerfabriksarbeiter in der Erntesaison/Kampagne). Hausgeburten gab es jedoch weiterhin, und so blieb die Hebammentasche mit der nötigen Ausstattung unverzichtbar.

In ähnlicher Ausführung gibt es im Museum Wolmirstedt zwei Taschen, Inventarnummern: [KG 6585] und [KG 6511] , die, auch aufgrund der Datierung, den Schluss nahelegen, von Hebamme oder Arzt bei den Hausbesuchen verwendet worden zu sein. Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht. https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020); https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020). Eine bestätigte Nutzung gibt es für beide Taschen leider nicht.

Ein Hebammenkoffer im Stadtmuseum Erfurt zeigt eine umfangreichere Ausstattung, sowohl mit medizinischem Utensil als auch mit erforderlichem Zubehör. (1950er-/60er-Jahren).

https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).  

Für das Heimatmuseum Östringen (Badeb-Württemberg) wird ein Wiesbadener Hebammentasche (Geburtstasche) in der Sammlung aufgeführt. Es handelt sich dabei um einen Koffer mit einem zusätzlichen, herausnehmbaren Einlegeboden, der die Instrumente, in Schlaufen eingesteckt, griffbereit verwahrt. Dieses Transportbehältnis kam lt. Beleg ebenfalls bis in die 1960er-Jahre bei Hausgeburten zum Einsatz. https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020)

 

Mit dem Erreichen des Rentenalters endete auch für Ummendorf die direkte Betreuung durch eine Hebamme. Die bei zu erwartenden Komplikationen nunmehr empfohlene stationäre Entbindung, so u. a. in der Landesfrauenklinik in Magdeburg, wurde allmählich regelhaft. Bereits in den 1960er-Jahren übernahmen Entbindungsstationen in den Kreiskrankenhäusern Aufgaben der Hebammen, die Betreuung während der Schwangerschaft lag nun in der Verantwortung der Schwangerenberatung mit ärztlicher Zuständigkeit.

Emma Loof starb am 18. August 1978. Die Instrumente wurden von der Gemeindeschwester des Ortes verwahrt. Tasche, Fotos und Archivmaterial verblieben familiennah. Durch die Ausstellung des Museums 1997 wurden die noch vorhandenen Bestandteile der Hebammenausstattung wieder zusammengeführt und veranschaulichen stückweit Hebammenleben und Zeitgeist in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

 

 

Literatur:

 

Beilage zur „Allertal-Zeitung“, 33. Jahrgang, Nr. 38, 28. März 1936 (Eilsleben 1936) 3.

H. Beyer, Eilsleber Geschichte(n), 1. Auflage (Eilsleben 2015) 93.

A. Gengnagel – U. Hasse, »Die Geburt der Klinik«: Accouchiranstalten in Deutschland, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 31–36.

S. Keyhan-Falsafi – R. Klinke – C. Schütz, Geburtshelfende um 1800. Ein Geschlechterkonflikt, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 21–30.

J. Mädrich – U. Nicolaus, Hebammen im Nationalsozialismus, in: M. Metz-Becker (Hrsg.), Hebammenkunst gestern und heute. Zur Kultur des Gebärens durch drei Jahrhunderte (Marburg 1999) 76–77.

V. Limburg, Drackenstedter Frauengeschichte erzählt von der Geburt bis zum Tod vom 16. bis zum 19. Jahrhundert (Selbstverlag Dreileben 2020) 194–195.

N. Panteleon, Hebammentagebuch von Marie Junge, in: SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 18–23.

J. Schlumbohm – B. Duden – J. Gélis – P. Veit (Hrsg.) Rituale der Geburt. Eine Kulturgeschichte (München 1998) 58.

P. Tabarelli, Das Hebammenwesen in Mainz um 1900 (o. Ort 2004) 2–3.

I. Weber-Kellermann, Die helle und die dunkle Schwelle. Wie Kinder Geburt und Tod erleben (München 1994) 17.

https://de.wikipedia.org/wiki/Landesfrauenklinik_Magdeburg (25.05.2020).

 

Quellen:

BMBU Archiv – Geburt.

BMBU Archiv – Sonderausstellung Kinderwelten.

Pfarrarchiv Ummendorf.

 

Vergleiche:

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46195&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://st.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=46185&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/singleimage.php?objektnum=23235&imagenr=35475 (08.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/data/bawue/images/201602/09134659292.jpg (10.07.2020).

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=90940&cachesLoaded=true (10.07.2020).

  







SammlungsStück Juli 2020        

Typ: Barkas V 901/2Z

Kategorie: Kleintransporter

Inv. Nr. 2009-645

Technische Daten:

Motor:                              Dreizylinder-Zweitakt-Reihenmotor

Kühlung:                            wassergekühlt

Leistung:                             28 PS

Bohrung:                            70 mm

Hub:                                 78 mm

Hubraum:                         900 cm³

Nutzlast:                            750 kg

Baujahr:                           1958

Hersteller:                        VEB Barkas Werk Hainichen


                                                             Der Barkas V 901/2Z in der Landtechnikausstellung des Kreismuseums Oschersleben 1993 © Foto M. Kautschur (Meikes Fotostudio) Oschersleben  


Ohne Barkas rollte in der DDR fast nichts. Die VEB Barkas Werke Karl-Marx-Stadt produzierten nicht nur den bekannten Kleintransporter, sondern versorgten die PKW-Hersteller auch mit den entsprechenden Motoren. So kamen von den Barkas Werken die Motoren für die eigene Produktion sowie für die PKW F 8; F 9; P 70, Trabant 500; 600; 601; 1.1, für die Wartburgtypen 900; 311 – 313; 353 und 1.3. Sie wurden einzeln oder als komplette Triebsätze, also mit Kupplung und Getriebe, teilweise auch mit Antriebswellen hergestellt. Dazu gehörte nicht nur die Bereitstellung der Triebsätze für die laufende PKW-Produktion, sondern auch für die Ersatzteilbereitstellung von Motoren, Getrieben und Antrieben für den entsprechenden Servicebereich. Zusätzlich wurden die F 8-Motoren mit geänderter Kühlung für die Produktion des Geräteträgers RS 08/15 ›Maulwurf‹ des VEB Traktorenwerk Schönebeck von den Barkas Werken produziert. Für Dieselmotoren wurde ein Teil der Einspritzpumpenproduktion von den Barkas Werken abgedeckt.

  


Eine Einspritzpumpe für den RS 01/40 ›IFA Pionier‹/ ›Typ Harz‹ vom VEB Barkas Werke Karl-Marx-Stadt © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Weiterhin produzierten die Barkas Werke verschiedene Motoren für Kleingeräte, Stationärmotoren sowie Bodenfräsen, Einachsschlepper und Motorhacken. Für die Kettenschlepperproduktion des Brandenburger Traktorenwerks (BTW) arbeitete das Framo Werk daran, ein verschleißfesteres Laufwerk zu entwickeln und produzierte Laufrollen für den Kettenschlepper KS 07. Um die Produktion der Garant-Fahrzeuge im VEB ROBUR-Werk Zittau weiter zu steigern, ließ man bei Barkas Achsantriebe für diesen LKW fertigen. Speziell für die Armee produzierte man Sonderaufbauten.

Umso erstaunlicher ist es, dass man es dennoch schaffte, in den Barkas-Werken neue moderne Kleintransporter zu entwickeln und in Serie zu bringen. Die bekannten Barkas-Fahrzeuge wurden in viele Länder exportiert, nicht nur die sozialistischen Staaten kauften diese Transporter. Bereits 1957 wurde der Barkas in 20 Länder geliefert. Zu ihnen gehörten Belgien, Schweden, die Niederlande, Österreich und die BRD. Es gab kaum einen Wirtschaftszweig in der DDR, der ohne Barkas auskam und tatsächlich war er der variantenreichste Kleintransporter dieser Zeit. Man unterschied zwei Haupttypen, den Hauber und den moderneren Frontlenker, der hierzulande ›B Tausend‹ genannt wurde. Der Hauber wurde meistens mit ›Framo‹ betitelt, obwohl auch er das Barkas-Signet auf der Kühlerhaube trug. Sagte der Meister: »Nimm den Framo und hole die Ersatzteile ab!«, blieb garantiert jeder B 1000 auf dem Betriebshof stehen. 


                                                                                                Umgangssprachlich ein ›B Tausend‹ und ein ›Framo‹ während des Oldtimertreffens 2010 in Hornhausen. © Foto U. Schmidt 


Besonders im Service-Bereich waren diese Transporter sehr beliebt, aber auch in der Landwirtschaft.





    


                                                                                                              Ein Framo, wahrscheinlich als Servicefahrzeug in der Ernte. © Sammlung U. Schmidt      



Somit war es für die Mitarbeiter des damaligen Kreismuseums Oschersleben eine wichtige Aufgabe, ein solches Fahrzeug für die Sammlung ausfindig zu machen. Ein Lehrer aus Völpke war dabei sehr behilflich. Er berichtete 1991, dass das Fahrzeug, das die Schulspeisung für die Gemeinde ausfuhr, außer Dienst gestellt wurde und verschrottet werden sollte. Nachdem sich die Museumsmitarbeiter bei der Gemeinde Völpke nach dem Fahrzeug erkundigten, war man schnell bereit, den Framo-Barkas in die Sammlung des Museums zu geben, wo er auch sofort in die Ausstellung kam.

 

                                                   Der Barkas V 901/2Z in einer Werkstattinszenierung 1996 innerhalb einer Sonderausstellung des Kreismuseums Oschersleben. © Foto T. Ruppel BMBU – Landkreis Börde 


Weitere Nachforschungen zur Geschichte des Barkas ergaben, dass das Fahrzeug vorher in einem kleinen Privatbetrieb als Firmenwagen eingesetzt wurde. Der um 1979 gegründete Betrieb war auf Reparatur- und Servicearbeiten für Pumpen des VEB Pumpenfabrik Oschersleben spezialisiert, weshalb er in der DDR auch eine Zulassung bekam, denn die Gründung eines Privatunternehmens war ab 1973 fast unmöglich. Genauso schwierig war es, einen Barkas-Transporter als Privatperson in der DDR zu bekommen. Grundsätzlich wurden Barkas-Fahrzeuge nicht an Privatpersonen oder Privatbetriebe verkauft. Mit guten Kontakten konnten einige Privatfirmen diese Hürden überwinden. Ausnahmen bestanden für kinderreiche Familien oder Familien mit behinderten Angehörigen und natürlich über Genex (Geschenkdienst- und Kleinexport GmbH). Hier konnte man aus dem ›Westen‹ mit D-Mark-Zahlung für die Verwandtschaft im ›Osten‹ fast jedes Auto kaufen, auch einen Barkas. Da es sich in unserem Falle um einen veralteten Framo/Barkas handelte war es hier wahrscheinlich etwas einfacher als einen B 1000 zu erwerben, doch auch ganz ohne ›Beziehungen‹ noch schwer genug. Mit der Zuordnung des Vorbesitzers konnte ohne weitere Untersuchung des Fahrzeuges auch seine Originalfarbe bestimmt werden, denn ein Mitarbeiter des Kreismuseums kannte den Firmeninhaber und das Fahrzeug noch aus DDR-Zeiten. Der Barkas war ursprünglich in einem dunklen Grau mit schwarzen Kotflügeln und schwarzem Chassis lackiert. Wahrscheinlich nach seinem Verkauf erhielt er eine lindgrüne Farbgebung, eine Farbvariante, die nicht serienmäßig beim V 901 war. Doch warum hießen diese Barkas-Transporter immer Framo? Dazu muss man die Geschichte von Barkas näher betrachten.

In den 1920er-Jahren entwickelte sich der Raum Chemnitz/Zwickau zu einem der wichtigsten Standorte des deutschen Automobilbaus. Ansässig waren hier die Automobilhersteller Horch, Audi, Wanderer und DKW, um die vier wichtigsten zu nennen.

In Zschopau gründete 1907 der Däne Jørgen Skafte Rasmussen (1878 – 1964) eine Maschinenfabrik aus der später eines der größten und bedeutendsten Motorradwerke hervorging – DKW. Rasmussen war darauf bedacht, seiner Kundschaft leichte, zuverlässige, in der Handhabung und Wartung einfache Motorräder anzubieten. Zusätzlich achtete er auf eine preiswerte Produktion, was seine Produkte besonders attraktiv machte. Mit diesen Prinzipien lag er genau richtig. Mit einer Jahresproduktion von 60 000 Stück wurden DKW-Motorräder zu den meist gebauten weltweit (siehe auch SammlungsStück Februar 2015).

Um die Motorradproduktion noch besser zu strukturieren, gründete Rasmussen 1923 die Metallwerke Frankenberg/Sachsen GmbH. Hier sollten Teile als Zulieferbetrieb für die DKW-Motorradproduktion gefertigt werden. Bekannt wurde das Unternehmen durch ihre Motorradsattel, die qualitativ und preislich kaum Konkurrenz zu fürchten hatte. Die meisten deutschen Motorradhersteller bezogen deshalb ihre Sitze aus Frankenberg.

        

                                                                                                                      Ein Motorradsattel von Framo, gefertigt nach 1933.© Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Mit der Idee, ein zuverlässiges, preiswertes und robustes Transportfahrzeug bauen zu wollen, ließ Rasmussen 1926 bei DKW das dreirädrige Transportfahrzeug 204 E in Serie bringen. Bei diesem Fahrzeug wurden viele Teile aus der Motorradproduktion verwendet. Um diese im vollen Umfang erhalten zu können, wurde die Transporter-Fertigung nach Frankenberg verlegt. Für diese kleinen Transportfahrzeuge sprach ihre relativ preiswerte Anschaffung und Unterhaltung und der Umstand, dass man diese Fahrzeuge ohne Führerschein fahren konnte.

Von verschiedenen Dreiradtransportern bis hin zu vierrädrigen Lieferwagen begann unter der Firmenbezeichnung FRAMO (Frankenberger Motorenwerke) die Erfolgsgeschichte des Frankenberger Unternehmens. 1931/32 wurden die Folgen der Weltwirtschaftskrise immer stärker in Deutschland spürbar. Viele Unternehmen kamen in Schieflage. Um die Krise in der sächsischen Automobilindustrie besser abfangen zu können, schlossen sich auf Anraten der Sächsischen Staatsbank am 29. Juni 1932 die Automobilhersteller Horch, Audi, Wanderer und DKW zur Auto Union AG zusammen. Symbolisch trugen die Fahrzeuge zu ihrem Logo die vier verschlungenen Ringe, die diese Fusion der vier Firmen symbolisierte.

Bei diesem Zusammenschluss hielt Rasmussen sein Nutzfahrzeugwerk heraus. Da seine Unternehmen von allen vier die Krisenfolgen am besten stemmten, war er von diesem Zusammenschluss nicht angetan und musste regelrecht dorthin gedrängt werden.

Schon 1933 war die Fertigungsanlage in Frankenberg zu klein, weshalb man im benachbarten Hainichen das Gelände einer Spinnerei erwarb und mit 400 Beschäftigten etappenweise dorthin umzog. Ab 1934 hieß das Unternehmen Framo-Werke GmbH. Hier wurden nun in kurzer Zeit verschiedene Transportfahrzeuge und kleine PKW entwickelt und gefertigt.

                                                                                                                 

                                                                   Der kleine dreirädrige PKW Framo ›Stromer‹, ausgestellt im Fahrzeugmuseum Frankenberg. © Fotos U. Schmidt

 

Im Nutzfahrzeugbereich blieb man nicht nur bei den erfolgreichen Dreiradfahrzeugen. Dort belegte man immerhin hinter Goliath und Tempo Platz drei. Man beabsichtigte größere Transportfahrzeuge mit Nutzlasten um den 1 Tonnen Bereich zu bauen. In diesem Segment waren Hersteller wie Opel und Ford marktführend.

Durch das Schell-Programm zur Typenbereinigung fiel die Produktion der dreirädrigen Transporter bei Framo weg. Rasmussen konnte dennoch erreichen, dass Framo einen neuen Einheitstyp entwerfen und produzieren durfte. 1939 stellte Framo seinen neusten Transporter vor, den Framo V 501.

        


Der Einheitstyp Framo V 501 aus dem Jahr 1941 im Fahrzeugmuseum Frankenberg. © Foto U. Schmidt  


Dieser Transporter konnte bis 1943 produziert werden. Er wurde ein internationaler Erfolg für Framo. Besonders die Balkanstaaten, Skandinavien, die Sowjetunion und die Schweiz kauften diesen zuverlässigen Kleintransporter, der für eine Nutzlast von 700 kg ausgelegt war. In der Weiterentwicklung erhielt der V 501 einen neuen Zweizylinder U-Motor. Dieser Doppelkolbenmotor leistete 17 PS.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurden auch die Framo-Werke GmbH mehr und mehr in die Rüstungsproduktion einbezogen. Die Beschäftigungszahlen wuchsen bis Kriegsende auf 1100 an. Unter ihnen waren sowjetische Kriegsgefangene, ausländische Zwangsarbeiter, politische Gefangene und jüdische Bürger, die aus den Konzentrationslagern zum Einsatz in die Kriegsproduktion gebracht wurden.

Im Mai 1945 übernahm die sowjetische Militärverwaltung auch die Framo Werk GmbH. Aufgrund der Rüstungsproduktion ordnete die Militärverwaltung die vollständige Demontage des Betriebes an. Mit nur noch 150 Beschäftigten erhielt Framo die Erlaubnis zur Produktionsaufnahme von Ackerwagen, Handwagen und Kinderrollern. Ab 1947 durften Ersatzteile für Fahrzeuge gefertigt werden. Mit der Bildung des Industrieverbandes Fahrzeugbau, kurz IFA am 1. Februar 1955, wurde auch Framo dort mit eingeordnet und dem Verband unterstellt. Den Willen, wieder Kleintransporter zu produzieren, demonstrierten die Beschäftigten der IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke, Werk Framo, wie das Werk nun korrekt hieß, als sie zur Leipziger Herbstmesse 1949 ihren ersten Nachkriegstransporter Framo V 501 vorstellten. Das Fahrzeug entstand aus noch vorhandenen Teilen, die als Restbestände greifbar waren. Wie schwierig das für die Framo-Werker war, konnte man an diesem Fahrzeug deutlich sehen. Da keine Reifen mehr vorhanden waren, stand der Transporter auf den blanken Felgen. Auch die Scheibenwischer fehlten – es gab kein Gummi in ausreichendem Maße.

Im gleichen Jahr begann die Belegschaft in Hainichen die Produktionsanlagen neu zu errichten und sie brachten es fertig, noch 65 Lieferwagen herzustellen, eine überaus herausragende Leistung in dieser Zeit, zumal viele Zulieferteile aus dem westlichen Sektor illegal beschafft werden mussten. Auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone waren Normhersteller für Lenkungs- und Bremsteile oder Fahrzeugelektrik kaum ansässig. Diese wichtigen Zulieferer für den Fahrzeugbau waren durch die Teilung Deutschlands komplett weggebrochen. Die wenigen, die hier existierten, waren demontiert und in die Sowjetunion verbracht.

Anfang 1950 wurde der Transporter überarbeitet. Als Framo V 501/2 ging der Transporter in Serie, war allerdings nichts anderes als die vereinfachte Version des Vorgängermodells.

Mit dem Produktionsbeginn des Dreizylinder-Zweitakt-Motors für den IFA F 9, wurde der Transporter noch einmal überarbeitet. Unter der Typenbezeichnung Framo V 901 kam der neue Transporter auf die Straße.

Ab 1954 arbeitete man bei Framo an einem völlig neuen Lieferwagen in Frontlenkerbauweise mit Frontantrieb. Als ›L1‹ bezeichnet, entstanden erste Funktionsmuster. Eine nochmalige Überarbeitung des V 901 machte sich also notwendig. Auffällig war die deutliche Vergrößerung der Fahrerkabine in der Breite um 200 mm. Der Einbau der Scheinwerfer in die Kotflügel verlieh dem Transporter einen modernen Eindruck. Die Verwendung von Aluminiumzierleisten gaben dem Wagen einen besonders freundlichen Charme. Mit der Typenbezeichnung ›Framo V 901/2Z‹ verließ er in verschiedenen Ausführungen das Werk. Das ›Z‹ stand für Zwischenlösung, doch nichts hält länger als ein Provisorium. Die Arbeiten zum neuen Frontlenker zogen sich noch lange hin. 1956 fand eine Werksausschreibung für einen neuen Firmennamen statt. Neben Namensvorschlägen wie ›Haika‹ oder ›Velux‹ gab es den Vorschlag ›Barkas‹. ›Barkas‹ stammt aus dem phönizischen und bedeutet Blitz oder eben der Schnelle. Man wollte hier zum Ausdruck bringen, einen Schnelltransporter bauen zu wollen. Den Zusatznamen ›Blitz‹ konnten die Frankenberger Fahrzeugbauer nicht verwenden, denn der war von Opel als Typenbezeichnung für ein sehr ähnliches Produkt geschützt.


                                                                               Ein Opel ›Blitz‹ aus dem Jahr 1937 während des 13. Treffen historischer Fahrzeuge und Landtechnik 2009 in Ummendorf. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



1957 wurden aus dem VEB Barkas Werk Hainichen, dem Motorenwerk Karl-Marx-Stadt, dem Fahrzeugwerk Karl-Marx-Stadt und dem Einspritzpumpenteilewerk Wolfspfütz die VEB Barkas-Werke Karl-Marx-Stadt mit Sitz in Karl-Marx-Stadt. Bei der Gestaltung des neuen Signets tat man sich etwas schwer, weshalb die ersten Barkas V 901/2Z eine Zeit lang nur mit dem IFA-Zeichen ausgeliefert wurden.




                                                                                                                               

                                                                                         Heute sehr selten zu finden ist ein Barkas V 901/2Z ohne Barkas-Zeichen. © Foto U. Schmidt

 

Trotz neuen Namens und Signets blieb der Barkas V 901/2Z immer der Framo. Mit der Einführung des neuen Schnelltransporters Barkas B 1000, wie er in den zeitgenössigen Prospekten bezeichnet wurde, setzte sich der neue Name wirklich erst durch.


                                                                                                            Das Signet für ›Barkas‹ ein kleingeschriebenes ›b‹ mit Höhenunterschied im Auf- und Abstrich,                                                                                                                                                                                                                                                                                         welches einen querliegenden Blitz darstellt. © Foto U. Schmidt


Literatur:

 

G. Wappler, Framo & Barkas – Die Geschichte der 2-Takt-Transporter aus Sachsen (Druck- und Verlagsgesellschaft Marienberg mbH 2005) S. 4 – 12, S. 15 – 39. 

G. Wappler, Modellautos 1:87 und ihre Vorbilder – Fahrzeuge aus dem Straßenbild der DDR (Bildverlag Böttger GbR, Witzschdorf 2015) S. 146.

F. Rönnecke, Schrader-Typen-Chronik Framo und Barkas 1949 – 1990 (Motorbuchverlag, Stuttgart 2012) S. 9 – 37.

H. Schmieder, Der „Vater“ des B 1000 – Die Lebensgeschichte des Dr.-Ing. eh. Heinrich Schmieder – Chefkonstrukteur bei Framo – Technischer Direktor bei Barkas (Druckerei Schiemenz GmbH, Cottbus 2003) S.63 – 74.

 








Sammlungsstück Juni 2020

Werk:                        Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik

Herausgeber:               Meteorologischer und Hydrologischer Dienst der Deutschen Demokratischen Republik

Verlag:                       Akademie Verlag Berlin

Entstehungsjahr:          1953

Maße:                       DIN A2 Format, 43x58 cm

 


                                                                                                                            Einband © Foto U. Mühe, BMBU Landkreis Börde


Unter der Inventar-Nummer 1119/1 finden Sie in unserer Bibliothek den ›Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik‹ aus dem Jahr 1953. In anschaulich großem DIN A2 Format bietet er 64 Übersichtskarten des DDR-Gebietes zu verschiedenen Umweltfaktoren und sieben weitere graphische Darstellungen. Alle werden einzeln in einem begleitenden Erläuterungsband beschrieben. Neben den zu erwartenden Ansichten bzgl. der Niederschlagssummen, der Lufttemperatur, der Bewölkung, einem Trockenheitsindex, den Boden- und Vegetationskarten, gibt es fünf auffallende Karten zur ›Schneeglöckchenblüte‹, ›Fliederblüte‹, ›Winterroggenblüte‹, ›Winterroggenernte‹ und dem ›mittleren Beginn der Feldarbeiten‹.

Erläutert wird die Schneeglöckchenblüte als »Künder des nahenden Vorfrühlings« und »mit der Fliederblüte erreicht der Blütenfrühling seinen Höhepunkt. […] In den landwirtschaftlichen Betrieben ist die Frühjahrsarbeitsspitze im allgemeinen bewältigt. Der Aufgang der Hackfrüchte steht dicht bevor bzw. ist bei den zeitigen Kartoffelsorten vereinzelt schon zu beobachten. Viele Imker schaffen ihre Stände in die Feldmark, um ihren Bienenvölkern die Rapsblüte leichter zugänglich zu machen.« (Erläuterung, S. 14–15). Übrigens ist der Beginn der mittleren Fliederblüte für unsere Region mit dem 5.–10. Mai angegeben. »Mit dem Beginn der Winterroggenblüte hält der Frühsommer seinen Einzug«, und »der Beginn der Winterroggenernte kennzeichnet den Einzug des Hochsommers«. Es folgen detaillierte Aufzählungen, wo und wann geerntet wird, ebenso zum Beginn der Feldarbeiten.

Dieser Inhalt gibt dem Band bereits einen agrarwirtschaftlichen Einschlag, der durch Übersichten zur Verteilung von Pflanzenfamilien, der Einteilung in Vegetationszeiten oder auch der Bodenarten, noch vertieft wird.

Dann fällt ein Kuriosum auf: die Daten, die für die Darstellungen verwendet wurden, sind fast alle um einiges älter als das Erscheinungsjahr dieser Veröffentlichung vermuten lässt. Wetter- und Klimadaten der – zu diesem Zeitpunkt erst vier Jahre alten – DDR, sind so gut wie gar nicht vorhanden, stattdessen wurden meist Daten aus der ›Klimakunde des Deutschen Reichs‹ (erschienen 1939) verwendet und stammen aus der Periode 1891–1930. Natürlich ist es normal, dass die Zusammenstellung eines Klima-Atlanten lange Zeiträume beinhaltet, denn sonst kämen keine Durchschnittsdaten zustande. Aber das Fehlen von Wetter- und Klimadaten aus den 1930er-Jahren bis zum Erscheinungsjahr des Buches ist auffällig. Lediglich die erwähnten Darstellungen zur Flieder-,  Schneeglöcken- und Winterroggenblüte sowie Winterroggenernte und dem Beginn der Feldarbeiten sowie einiger Niederschlagssummen aus urbanen Gebieten, sind jüngeren Datums und damit das einzig ›Neue‹ an diesem Klima-Atlas eines jungen Staates.

Was kommt dadurch zum Ausdruck? Was verrät es uns?



                                                                                                           Physisch-geographische Gliederung © Foto U. Mühe, BMBU ─ Landkreis Börde


Gewidmet ist dieser Atlas »der Gesamtheit der meteorologischen Beobachter aller Stationen«. Das beigefügte Erläuterungsheft bedeutet jedoch, dass auch nichtwissenschaftliche Leser mitbedacht worden waren, denn Meteorologen hätte man die Bedeutung der Übersichten nicht extra erklären müssen. Wäre es hier um eine generelle Darstellung des Klimas in all seinen Facetten gegangen, dann wäre der Band größer gewesen, hätte mehr Daten und größere Zeiträume enthalten, sofern die Datenlage es zugelassen hätte. Im Vergleich zur heutigen Zeit fällt auch auf, dass Umweltschutz- bzw. Umweltbelastung nicht auftauchen. So gibt es in diesem Klima-Atlas z.B. keine Informationen zu Emissionen, oder – für einen agrarwirtschaftlich orientierten Staat – zur Bodenbelastung. Der Einfluss des Menschen kommt lediglich darin zum Ausdruck, dass Ballungs- und Industriegebiete eine höhere Umgebungstemperatur und dadurch weniger Frost aufweisen.

Klar wird der agrarwirtschaftliche Einschlag: Die meisten Daten haben direkten Bezug auf die Landwirtschaft (Vegetationsperioden, Frosttage bzw. Frostzeiten, Daten für den Anfang von Feldarbeiten) und so kann man darauf schließen, dass es vorranging um die Nutzung des Bodens und die einhergehende Praxis geht. Und natürlich brauchte die junge DDR diese Daten, so wie es das Ende des Vorwortes verrät: »Möge dieser Atlas eine Bereicherung der klimatologischen Literatur darstellen, möge er Helfer und Ratgeber sein und möge er insbesondere auf dem Sektor Meteorologie und Klimatologie zu seinem Teil dazu beitragen, das große Werk des Aufbaus des Sozialismus in unserem Land zu fördern.« Hier tritt die Stoßrichtung des Bandes explizit zu Tage.


                                                                                                            Pflanzengesellschaften © Foto U. Mühe,  BMBU ─ Landkreis Börde


Aber es lässt sich noch mehr herauslesen. Aus Mangel an kompletten Datenreihen griff man also auf vorherige Publikationen und deren Datensätze (1891–1930) zurück. Was ist mit den Daten aus den Jahrzehnten, die der Veröffentlichung unmittelbar vorangingen? Offensichtlich gab es aus den 1930er- und 40er-Jahren keine Datensätze (abgesehen von Extremereignissen wie besonders strengen oder milden Wintern) in ausreichender Vollständigkeit, Genauigkeit und Zeitverlauf. Vorher dagegen waren die Daten akribisch geführt worden. Die einzigen Darstellungen neueren Datums (bis 1950), die sich am Ende des Atlanten finden, sind eher abstrakt im Vergleich zu den vorherigen, anschaulichen Karten. Die Auswahl der Stationen zeigt außerdem, dass es sie scheinbar nur in wenigen urbanen Räumen gab. Es musste also erst wieder ein zuverlässiges Informationsnetz geschaffen werden. Historisch gesehen zeigt damit auch dieses Werk, was für eine Zäsur in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts – und vor allen mit dem Zweiten Weltkrieg – stattgefunden haben muss.

Wenden wir uns von der historischen Einordnung ab und der Beschäftigung mit den Klimadaten zu, dann wird der Rückgriff auf die Jahre von 1891–1930 für uns im Jahr 2020 zum Vorteil, denn der Vergleichszeitraum erweitert sich für uns somit von 70 auf ca. 100 Jahre. Und heutzutage gestaltet sich die Recherche von Wetterdaten um einiges einfacher. Der Deutsche Wetterdienst (www.dwd.de) informiert nicht nur über das aktuelle Wettergeschehen, sondern bietet, neben einem aktuellen ›deutschen Klima-Atlas‹, sämtliche Wetterdaten online frei zur Verfügung an, inklusive der Auswahl der Daten, des Zeitraums und dem Ort oder der Region. (Die Ummendorfer Wetterstation hat übrigens die Kennung 5158). Allerdings, umso älter die Daten sind, umso spärlicher sind sie auch beim Deutschen Wetterdienst und so bietet der Klima-Atlas von 1953 einen angenehm gebündelten Zugriff auf Daten von vor 100 Jahren. Aus diesen Daten ermittelt der Klima-Atlas für unsere Region eine mittlere Lufttemperatur im Juli von 17–18° C, im ganzen Jahr von 8,5° C. In den letzten zehn Jahren lagen wir im Juli bei 18,09° C, im ganzen Jahr bei 9,6° C. Der Niederschlag im Juli hat sich über das Jahrhundert weniger verändert: Lag der durchschnittliche Niederschlag vor 100 Jahren bei 70 mm, lag er in den letzten zehn Jahren, trotz der letzten Dürren, durchschnittlich bei 68,8 mm. Jedoch hinkt der Vergleich etwas: die Daten des Klima-Atlanten umfassen, wie bereits erwähnt, die Jahre 1881–1930 und geben also ein Mittel aus 49 Jahren an. Die hier verwendeten Daten für den Vergleich mit unserer Zeit umfassen lediglich die Jahre 2008-2018, also ein Mittel aus 10 Jahren. Wer dieses Manko berichtigen möchte, weitere Vergleiche ziehen will, oder sich generell für dieses Zeitzeugnis interessiert, dem legen wir den Klima-Atlas der Deutschen Demokratischen Republik von 1953 gerne zur Ansicht vor. Ein vergleichbares Druckerzeugnis ist heute kaum erhältlich und wäre in dieser Art sehr teuer.

Wie bereits erwähnt, würde ein Klima-Atlas heutzutage mehr Informationen zu verschiedenen Umweltbelastungen beinhalten, wohingegen Karten zu Flieder- und Schneeglöckchenblüten wohl eher fehlen würden. Dass diese Karten im Klima-Atlas von 1953 auftauchen, deutet auf ein Verhältnis der Menschen zum Naturkreislauf hin, innerhalb dessen ihnen die Bedeutung dieser Ereignisse bewusst war.

 

Literatur:

Klima-Atlas für das Gebiet der Deutschen Demokratischen Republik (Herausgeber: Meteorologischer und Hydrologischer Dienst der Deutschen Demokratischen Republik, Akademie Verlag Berlin, 1953)

Deutscher Wetterdienst (dwd.de, Zugriff 13.5.2020)

 






SammlungsStück Mai 2020

 

Werk:                        Halbliegende im Gewand

Künstler:                    Wolfgang Roßdeutscher

Entstehungsjahr:           1977

Maße:                        L 140 cm x H 110 cm x T 60 cm

Material:                     Ummendorfer Sandstein

Ankauf Kulturfonds DDR R. d. Bez. Magdeburg (Reg. Nr. 298)

 

Der Ummendorfer Sandstein – auch Sandstein von der oberen Aller genannt – ist ein Rohstoff, der gerade in der Region spätestens seit dem Mittelalter verbaut wurde. Durch seine homogene Struktur eignet es sich aber insbesondere als Bildhauermaterial. Der hellgelblich bis weiße Stein wurde natürlich auch bei den zwischen 1975 und 1985 durchgeführten Symposien der Bildhauer des Verbands Bildender Künstler der DDR (Bez. Magdeburg) in Ummendorf verwendet, bei denen sich das Börde-Museum maßgeblich an der Durchführung beteiligte. Im Jahr 1977 entstand im Zuge dessen auch eine Arbeit von Wolfgang Roßdeutscher, die sich in der Freiluft-Ausstellung des Börde-Museums befindet, die ›Halbliegende im Gewand‹.


                                                                                                                                                ›Halbliegende im Gewand‹ in der Ausstellung im Burggraben 1977                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto H. Nowak (Inv.-Nr. BMBU Arch-Symp-11)

 

Bei der lebensgroßen, halbbekleideten Figur handelt es sich um eine Frau, die gelagert dargestellt ist. Ihr rechtes Bein ist angewinkelt. Darüber liegt das linke, ausgestreckte Bein. Ihr Oberkörper ist leicht nach links eingedreht und der linke Arm stützt sich hinter dem Körper ab. Das Haar ist zu einem Knoten gebunden und ihr Blick folgt der Drehung des Oberkörpers. Dabei ist ihr Kinn leicht erhoben. Gerade in dieser Kopfhaltung und dem aufrechten Sitz kommt stolz zum Ausdruck. Den Mund umspielt ein zurückhaltendes Lächeln. Der rechte angewinkelte Arm hält ein wenig Stoff in der Hand, welcher sich über ihre Beine erstreckt. Er liegt in Wellen, die gerade aus der ¾ Ansicht ideal mit den Konturen der Beine und Füße korrespondieren. Betrachtet man das Werk aus allen Perspektiven, fällt nicht nur die Allansichtigkeit auf, sondern auch die Kontraste sind im Blickwinkel.


                                                                                Frontalansicht und Rückansicht der Skulptur vom Künstler Wolfgang Roßdeutscher © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Schaut man frontal auf die Figur, wirken die Gewandfalten scharfkantig und die Oberfläche vielfach ungeglättet und sehr bewegt. Blickt man die Figur von hinten an, so ergibt sich durch die Wölbung des Gesäßes und der Wirbelsäule eine stimmige Einheit und eine kraftvolle, dynamische Formensprache. In der ¾ Frontalansicht überwiegen hingegen runde, ruhende Linien, die auf den Beinen am deutlichsten sind. Gerade hier ist die Glättung der Oberfläche auch sorgfältiger und verstärkt den Kontrast. Thomas Müller meint wohl diese Varianten, als er vom Ausdruck von femininen und maskulinen Formen in der Bildsprache Roßdeutscher spricht. Klar erschließt sich auch in dieser Arbeit ein Grad zur Reduzierung und Abstraktion. An den Extremitäten ist kein Realismus erkennbar, stattdessen stellt er die Form in den Vordergrund.

 

»In der Bildhauerei muss man sich auf die Formgebung des Steines beschränken. Man kann die Schwere des Steines betonen oder versuchen sie aufzuheben. Bei der Arbeit ›Halbliegende mit Gewand‹ habe ich durch die Bewegung der Figur versucht, der jungen Frau Lebensfreude, Stolz, Selbstbewusstsein und Leichtigkeit zu verleihen.«

Wolfgang Roßdeutscher 2020

                                                                                                                      Wolfgang Roßdeutscher im Atelier in Magdeburg, auf dem Tisch das Modell der                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      ›Halbliegenden im Gewand‹ © Foto H. Thorau – Archiv BMBU

 

Arbeiten in diesen Größenformaten entstanden in der Regel nicht ohne Entwürfe. So ist es auch in diesem Fall. Ein besonderes Zeitzeugnis ist dabei ein Foto von Horst Thorau (1930–1989). Er lehrte in der Abteilung Fotografie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig und wurde 1977 beauftragt, eine Fotodokumentation des Symposiums in Ummendorf zu machen, bei dem diese Skulptur entstand. Auf einigen Aufnahmen ist auch Wolfgang Roßdeutscher zu sehen. Besonders interessant ist ein Foto, welches ihn im Magdeburger Atelier zeigt. Auf diesem ist nämlich ein kleines Modell der Halbliegenden zu sehen. Vorlagen wie diese konnten aus Stein, Metall, Holz oder Ton sein. Seltener wurde ein Bronzeguss gemacht, gerade da Bronze in der Zeit der DDR nur selten für Kunst zur Verfügung stand. Zunächst stellte Wolfgang Roßdeutscher in diesem Fall ein kleines Gipsmodell her und machte den Versuch, es in der Folge in Staßfurt in Aluminium gießen zu lassen. Da er mit dem Ergebnis nicht zufrieden war, beließ er es bei dem Test. Eine andere Möglichkeit bestand darin, Zeichnungen und Skizzen zu erstellen. Diese brachten natürlich nur bedingt die Tiefenwirkung und den Lichteinfall zum Ausdruck, waren aber gerade für das Formverhältnis ein probates Mittel. Während bei diesem Modell also die Proportionen der Körperglieder zueinander und der Aufbau der Skulptur dargestellt sind, fehlen einige Details und gibt es Unterschiede. So ist etwa der Bauch der Frau im Modell deutlich betonter. Noch augenscheinlicher ist der Unterschied im Hinblick auf die Beinhaltung. Hier hat der Künstler sich später zu einer Variante entschieden. Die Beine sind nicht wie beim Modell übereinander gelagert, sondern das untere Bein ist nach hinten angewinkelt. Dies gibt der Figur eine andere Standhaftigkeit und Raumtiefe.


                                                                                                                   Aluminium-Guss-Modell ›Halbliegende im Gewand‹ 1977 © W. Roßdeutscher

 

Die Grundidee der ›Halbliegenden‹ griff W. Roßdeutscher 1980 noch einmal in der Figur ›Mutter mit Kind‹ auf. Es war ein Auftrag der Stadt Halberstadt. Die Liegende ist dabei in die entgegengesetzte Richtung orientiert. Ein Kind sitzt auf ihren Beinen. Die Figur ist sehr ausgewogen und hat eine klare Formensprache. Auch hier ist das Modell noch heute überliefert. Die Skulptur fertigte er aus rotem Mainsandstein. Aufgestellt wurde sie zunächst vor der Halberstädter Sporthalle, wurde im Zuge einer Baumaßnahme dann aber in den 1990er-Jahren in den Schlosspark Langenstein (?) umgesetzt.


                                                                                                                              Arbeitsfoto des Werkes ›Mutter mit Kind‹ 1981 © W. Roßdeutscher

 

Wie ordnet sich diese Arbeit also nun in sein Werkschaffen ein?

Betracht man diese Skulptur, ordnet sie sich nahtlos in die Reihe seiner Werke aus den 1970er- und 1980er-Jahren ein. Gerade in diesen frühen Schaffensjahren ist die Steinbildhauerei ein Schwerpunkt seines Œuvres. Typisch sind die runden Formen, die kontrastreichen Oberflächen und die horizontalen und vertikalen Linienführungen, die sich in den Arbeiten wiederfinden. Dies lässt in den 1990er-Jahren nach, wohingegen der Abstraktionsgrad zunimmt. Seine Stein und Materialwahl wird zudem noch vielfältiger und Bronzearbeiten ergänzen sein Repertoire.

  

Biografie Wolfgang Roßdeutscher

1945               geboren in Magdeburg

1962–1965       Lehre als Steinmetz und Steinbildhauer im Familienbetrieb

1968–1973       Studium an der Hochschule für Bildende Künste in Dresden bei Walter Arnold, Gerd Jaeger und Gerhard Naumann

ab 1973           freischaffender Bildhauer in Magdeburg

197x–19xx        Zirkelleiter beim VEB Schwermaschinenbau Georgij Dimitroff

1976 (?)           Mitgliedschaft im Verband Bildender Künstler der DDR

1979               lebt und arbeitet in einer ehemaligen Wassermühle in Sohlen bei Magdeburg

1992–1994        Mitglied im Bundesvorstand des Verbandes Bildender Künstler als Vertreter der ostdeutschen Länder

ab 2006            Lehrer an der Steinmetz- und Steinbildhauerschule in Königslutter


                                                                                                              Wolfgang Roßdeutscher bei den Arbeiten im Ummdorfer Steinbruch 1997 © Foto H. Thorau – BMBU Archiv

  

Öffentliche Werke und Projekte

1977                 „Plastikgarten“ Gymnasium Marzahn – Berlin

1980                 Mutter mit Kind – Halberstadt

1981                 Mitarbeit am „Lied des Lebens“ für das Haus der Kultur in Gera (ausgezeichnet mit dem Kunstpreis des FDGB)

1983                 Plastik „Aufsteigende weibliche und stürzende männliche Figur“ an der Stadtmauer von Gera

1984                 Sandsteinskulptur „Plastisches Ensemble“ in Stendal

1984                 Abschluss des Mahnmals „Vernichtung durch Arbeit“ für die Gedenkstätte in Langenstein-Zwieberge – Entwurf von seinem Vater Eberhard Roßdeutscher (1921–1981)

1992                „Befreite Formen“ vor dem Rathaus Lohne

1993                 „Magisches Quadrat“ vor dem Gymnasium Lohne

1997–2000         Arbeit am EXPO-Projekt „Wasserspuren“ in Hann. Münden

1998                 Fertigstellung der Sinti und Roma Ehrung in Magdeburg

2002                 Restaurierung des „Bake Epitaph“ im Magdeburger Dom

                       Übergabe des Brunnens für das Sozialministerium Magdeburg

2005                 Gedenksteele für das Zwangsarbeiterlager Diana

2006                „Entfaltung“ aus Rochlitzer Porphyr Höhe 3,20 m in Sohlen bei Magdeburg

2006/2007         Skulptur des Schutzgottes Heimdall in Thale (Harz)

2009                 Einweihung des Gedenksteines für die Sinti und Roma

2014                 „Verlorener Engel“ Neustädter Friedhof

2015                 Aufstellung „Börde Paar“ am Kreuzberg

  

Ausstellungen

1977               Ausstellung „Mensch und Landschaft“ in Halle und Magdeburg

                       Ausstellung im „Kunstschalter“ Ulm

1978               Beteiligung an der ersten Ausstellung junger Künstler des Verbandes der Bildenden Künstler der DDR im Bezirk Magdeburg (Kloster Unserer Lieben Frauen, Magdeburg)

1983–1984     Beteiligung an der Ausstellung „Junge Bildhauer in der DDR“ (Kloster Unserer Lieben Frauen, Magdeburg)

1985               Teilnahme am letzten Symposium in Ummendorf (Börde)

1998               Ausstellung in der Galerie „Priess“ Hannover

                       Ausstellung in der „Galerie De Dilcht“ in Haren – Groningen

2005               Konzeption für die Restaurierung der Westfassade am Magdeburger Dom

2010                 Ausstellung „Steinzeit“ Forum Gestaltung

                       Ausstellung im Funkhaus des MDR    

Literatur:

N. Eisold – N. Pohlmann (Hrsg.), [steinzeit] Rossdeutscher. Eine Kunst- und Lebensgeschichte. Drei Generationen Bildhauer in Magdeburg (Magdeburg 2010) bes. 20–21. 52–55.

H. Lauter, Zur gesellschaftlichen Stellung des bildenden Künstlers in der griechischen Klassik. Erlanger Antrittsvorlesung am 12.12.1972, Erlanger Forschungen Reihe A: Geisteswissenschaften – Band 23 (Erlangen 1974) 5.

T. Müller, Einführung, in: W. Roßdeutscher (Hrsg.), Wolfgang Roßdeutscher – Plastik in Bronze und Stein (Magdeburg 2003).

R. Müller-Busse – W. Roßdeutscher (Hrsg.), Kultur – Kirche – Kirche – Kultur. Ausstellungen und Veranstaltungen in der Kirche Sankt Egidius – Sohlen (Calbe 2016).

N. Panteleon, Rhät-Sandstein aus Ummendorf und seine (historische) Verwendung, in: R. Falke (Hrsg.), Festschrift 875 Jahre Ummendorf (Backnang 2020), 48–55.

N. Panteleon, Bildhauerarbeiten im Börde-Museum, SammlungsStücke Heft 1 (Ummendorf 2015) 10–12.

W. Roßdeutscher (Hrsg.), Wolfgang Roßdeutscher – Plastik in Bronze und Stein (Magdeburg 2003).

Verband Bildender Künstler der DDR, Bezirk Magdeburg / Rat des Bezirkes Magdeburg, Abteilung Kultur (Hrsg.), Kleinplastik. Bildhauer des VBK DDR Bezirk Magdeburg stellen aus (Magdeburg 1975).

S. Vogel, »Lesende«, SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 3–10.

 

https://de.wikipedia.org/wiki/Wolfgang_Ro%C3%9Fdeutscher (17.4.2020).

http://www.wolfgang-rossdeutscher-bildhauer.de/ (17.4.2020).

http://boerde-museum-burg-ummendorf.de/SammlungsStuecke (21.4.2020)

 

Quellen:

BMBU Archiv – Kunst und Kunstpflege / Symposien der Magdeburger Bildhauer Mappe 1–3.

BMBU Archiv / Kunst und Kunstpflege / Protokolle 20. Sept. 1976 Seite 4 „Von Kollegen H. Thorau wird eine Fotoserie angefertigt.“

BMBU Archiv – Fotos Museum Ummendorf / Symposien I–II

BMBU Archiv – Fotos Symposien / Steinbildwerke

BMBU Archiv – Ausstellung „Neugier ist keine Schande“ Bilder von H. Thorau

BMBU Archiv – Ausstellungen 1977 – Studentensommer

Archiv BMBU: Kunst und Kunstpflege / Symposien Ummendorf 1975-1985

Korrespondenz W. Roßdeutscher – N. Panteleon April 2020








Sammlungsstück April

Tonpfeife aus dem 18. Jahrhundert


Inv.-Nr. BMBU IV: A1985/001

Maße: L (erh.) 73 cm, Dm Stiel 0,5-1,0 cm, Dm Ferse 0,6 cm, Dm Kopfrand 2,45 cm, Dm Brennkammer 2,9 cm, Randstärke 0,2 cm, Hals Dm 1,65 cm, Mittelpunktsenkrechte 5,9 cm

Material: Ton, glasiert – gebrannt

Hersteller: C. H. Bosse (Walbeck)

Erhaltung: restauriert, mehrfach gebrochen, Mundstück fehlt, Nutzungsspuren am Pfeifenkopf

Fundort: Burg Ummendorf

Fundjahr: 1985

Datierung: Mitte 18. Jahrhundert


                                              Tonpfeife (Inv.-Nr. BMBU IV: A1985/001) vom Pfeifenbäcker C. H. Bosse © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Die Burg in Ummendorf hat über die Jahrhunderte verschiedene Umbauten, Sanierungen und Restaurierungen erfahren. So errichtete man 1959 an der Westseite der Burg einen Anbau. Er wurde zwischen 1959 und 1984 vom örtlichen Kindergarten genutzt und ein Jahr nach dem Auszug des Kindergartens abgerissen (1985).


                                                                                                Burgansicht mit Verandaanbau © BMBU_Archiv


Dabei entdeckte man eine deutlich ältere, darunter liegende rechteckige Struktur aus Sandstein. Sie schloss direkt an die Außenmauer des Westflügels an und nur an drei Seiten gemauert. Heinz Nowak (damaliger Museumsleiter und Ausgräber dieses Areals) vermutete in der Struktur eine ›Senkgrube‹, da in direkter Nähe (im ersten Obergeschoss) bei den gleichen Umbaumaßnahmen Indizien für einen Abort gefunden wurden.

Über das ganze Areal verteilt gab es eine große Menge an Funden aus verschiedenen Zeithorizonten. In der ‚Senkgrube‘ war die Fundmenge geringer, dafür fanden sich dort größtenteils ungebrochene bzw. vollständig erhaltene Exemplare, die scheinbar auch aus einem Zeithorizont stammen.

Neben Flaschen in unterschiedlichen Formaten und Materialien (Glas, Steinzeug) fanden sich dort auch eine vollständig erhaltene Tonpfeife und eine Silbermünze (Inv.-Nr. BMBU IV:A 1985/002). Letztere wurde 1764 geprägt. Es handelt sich um 6 einen Reichsthaler, der nach der Buchstabenkennung A aus Berlin stammt. Umseitig findet sich ein Porträt im Profil mit der Umschrift Fridericus Borussorum Rex.



                                                    Silbermünze (1764) © Fotos N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Die Pfeife wurde bereits in mehreren Sonderausstellungen gezeigt. Zuletzt 2014 zur Jubiläumsausstellung des Museums, das damals 90 Jahre wurde. Es handelt sich um eine sog. Fersenpfeife. Fersenpfeifen werden in fünf Basistypen aufgeteilt. Dieses Exemplar gehört dem Typ 3 an. Dabei zeichnet sich die langstielige Pfeife durch einen einförmigen Pfeifenkopf aus. Auf der Ferse, also dem Fortsatz am unteren Abschluss des Kopfes ist eine Schlange als Marke wiedergegeben auf den Seiten (Fersenseitenmarke) sind in einem Fall zwei Punkte und umseitig ein Quadrat mit zwei vertikalen Linien sowie jeweils drei flankierenden Punkten.


                                                        Pfeifenkopf mit Fersenmarken © Fotos N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Des Weiteren befindet sich am Kopfrand ein schmales Zierband, bestehend aus eingedrückten Strichen. Sie sind gleichmäßig tief und lang und könnten durch ein Rädchen in den Ton eingedrückt worden sein. Der Stiel ist im unteren Drittel zudem mit einem umlaufenden Text (Schriftmarke) und drei schmalen Zierbändern versehen. Diese sind wohl ebenso wie die Fersenmarken in den Ton eingestempelt worden. Dafür spricht die große Ähnlichkeit der Marken mit vergleichbaren Funden. Eine Naht, die für eine zweischalige Herstellung sprechen könnte, fehlt.

Innerhalb der Schriftmarke werden der Pfeifenbäcker und sein Sitz benannt. Es handelt sich um "C.H. BOSSE/IN WALBEC[K]". Diese Initialen lassen sich Carl Heinrich Bosse (*um 1730 † vor 1786) zuweisen.


                                                                                                 Detail der Pfeife – Herstellerkennung © Foto N. Panteleon  BMBU – Landkreis Börde


Belegte Fundorte seiner Pfeifen in archäologischem Kontext sind Uelzen (Lkr. Uelzen), Potsdam, (Helmstedt?), Magdeburg und Walbeck (u. a. im Flussbett der Aller) selbst. Pfeifen aus Walbeck wurden aber auch über die Grenzen des Braunschweiger Landes und die Grenzen Preußens hinaus vertrieben, zahlreiche Beispiele gibt es aus Hamburg und in Stralsund sind mehrere Funde vom Walbecker Pfeifenbäcker Grabenhorst gemacht worden.

J. Ansorge arbeitet in einem Beitrag über Funde aus Stralsund auch in einem Exkurs die Walbecker Pfeifenmacher auf und nennt 64 Personen dieser Profession im 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Danach scheint der Standort keine Rolle mehr zu spielen. Warum sich die Tabaks-Pfeifen-Macher Walbeck aussuchten, erklären die weißen, reichlichen und guten Tonvorkommen vor Ort, die bereits 1832 D. Bauke benennt. Zwei andere aus Fundmaterial und Quellen bekannte Standorte für Pfeifenbäcker sind Helmstedt und Harbke.

Mit der Einführung des Tabakkonsums in Form des Pfeifen-Rauchens in Deutschland am Anfang des 17. Jahrhunderts zog auch das Pfeifenbäcker-Handwerk ein. Die ersten Pfeifen stammten vor allem aus niederländischen Werkstätten (Gauda) und auch noch im 18. und 19. Jahrhundert wurde von dort importiert. Doch auch in Deutschland entstanden verschiedenen Orts sogar Zentren für die Herstellung: In Mainz (1634), Wesel (1638), Köln (1648) und Glückstadt/Schleswig-Holstein (1641) sind bisher die nachweislich ältesten Betriebe. Zu den Zentren des 18. Jahrhunderts gehören auch Helmstedt und Walbeck. Nachweisbar sind Manufakturen in Walbeck ab 1725. Weitere Zentren des 18. Jahrhunderts sind u. a. Celle, Großalmerode, Grimma, Hildesheim, Rostin, Uslar und Westerwald. Manche z. B. Grimma und Großalmerode reichen gleichfalls bis ins 17. Jahrhundert zurück. Vielfach gab es zwischen diesen Zentren Kontakte, so wechselten die Gesellen den Betrieb oder es wurde auch innerhalb der verschiedenen Pfeifenbäckerfamilien geheiratet. Der Name Bosse taucht etwa auch in Verbindung mit Danzig (DANZICH) auf.

Viel ist über C. H. Bosse nicht bekannt. Jedoch gibt es in Walbeck weitere Pfeifenmacher mit dem Namen Bosse: Carl Johann Heinrich Andreas Bosse (1754–1823), Sohn des Pfeifenmachers Hans Heinrich Bosse (1714–1771), so dass es sich wohl hier um eine Pfeifenbäckerfamile handelt. Die Qualität der Arbeit von C. H. Bosse spricht auf jeden Fall für einen routinierten Hersteller. Zudem kennzeichnete er seine Pfeife mit einer Schriftmarke und stand damit mit seinem Namen für das Erzeugnis ein.


Literatur:

J. Ansorge, Archäologische Untersuchungen auf der ehemaligen Fährbastion in Stralsund. – Mit einem Exkurs zur Tonpfeifenproduktion in Walbeck (Aller) Bodendenkmalpflege in Mecklenburg-Vorpommern, Jahrbuch 60, 2012, 169–258. Bes. 211–229. 237–242.

K. Bartels, Familienbuch Walbeck/Aller (Landkreis Börde, Sachsen-Anhalt), 1643–1814 (Leipzig 2011).

D. Bauke, Mittheilungen über die Stadt und den Landräthlichen Kreis Gardelegen (Stendal 1832).

R. Kluttig-Altmann – M. Kügler, Tabak und Tonpfeifen im südlichen Ostseeraum und in Schlesien (Husum 2004).

R. Kluttig-Altmann – N. Mehler, Die Emanzipation der deutschen Tonpfeifenforschung: Frühe deutsche Tonpfeifenproduktion im 17. Jahrhundert, Mitteilungen der deutschen Gesellschaft für Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, Band 18, Paderborn 2007, 71–80.

R. Kluttig-Altmann, New Technologies in the Manufacture of Clay Tobacco Pipes in Central Europe, in: N. Mehler (Hrsg.), Historical Archeology in Central Europe (Rockville 2013) 295–303.

M. Kügler, 10. Treffen des Arbeitskreises zur Erforschung der Tonpfeifen in Hamburg Harburg am 4. und 5. Mai 1996, Mittheilungen der AG Archäologie des Mittelalters und der Neuzeit, 7 / 1996, 27.

Klaus-Peter Schweickert, Tonpfeifenfunde aus der Aller in Walbeck (Ohrekreis), Knasterkopf, Band 12/1999, 25–29.

F. Teichner, Tonpfeifenbäcker in Berlin und Brandenburg 2: Bodenfunde aus Berlin, Königs Wusterhausen, Kloster Zinna und Potsdam, EAZ, 42, 2001, 265–305.

http://www.pfeife-tabak.de/Artikel/Pfeifenkunde/Tonpfeifen/Teil3/tonpfeifen3.html (1.4.2020).

http://helene-bonn.info/AK/h12.htm#Schwe (31.3.2020)

http://www.pfeife-tabak.de/Artikel/Pfeifenkunde/Tonpfeifen/Teil3/tonpfeifen3.html Abb. 14 (1.4.2020).

Quellen:

BMBU Archiv / Burg Ummendorf

LASA: Plan vom königlichen Amt Ummendorf von Chr. Sprengel 1795 © LASA Magdeburg C 28 IIIa Amtskasten 461 Nr. 2 (6,19).                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                          https://www.oblivion-art.de/index.php/heimatgeschichte-magdeburg/magdeburg/tonpfeifen-18-jahrhundert/item/1299-konvolut-tonpfeifen-18-jahrhundert-magdeburg-d2058                                                                              

  





SammlungsStück März 2020

Düngermolle


                                                                                      Streuwanne/Düngermolle © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Inv. Nr.:            2012-0507

Hersteller:          unbekannt

Bauzeit:             2. Viertel 20. Jahrhundert

Länge:               360 mm

Breite:               600 mm

Höhe:              190 mm

Gewicht:            1500 g

Material:            Stahlblech, verzinkt

 

Der intensive Pflanzenanbau in der Landwirtschaft, entzieht dem Boden wichtige Nährstoffe. Ohne Düngergabe macht sich das durch Fehlentwicklungen in der Folgekultur bemerkbar. Mit dem Einsatz organischen Düngers wie Stallmist, Asche oder Fäkalien aus den Städten wurde dem entgegengewirkt. Mit dem erhöhten Anbau der Zuckerrübe um 1850 reichte das herkömmliche Düngen nicht mehr aus. Die Zuckerrübenpflanzen entzogen dem Boden deutlich mehr Nährstoffe, als Getreidearten im Vergleich dazu. Besonders gravierend wurde das Problem, als man die Fruchtfolge nicht mehr einhielt. Das geschah als der Getreidepreis abrutschte. Auf der Suche nach gewinnbringenderen Anbaupflanzen kam die Zuckerrübe verstärkt in den Focus, zumal die rübenverarbeitende Industrie stark zunahm und man somit keine Absatzschwierigkeiten fürchten musste. Der herkömmliche organische Dünger reichte nicht mehr aus. Landwirte rieten zur Erhöhung von Viehbeständen, um somit mehr Dung zu produzieren. Seit 1840 wusste man, dass Stickstoff, Phosphat und Kalium das Wachstum von Pflanzen positiv beeinflussen. Stickstoff erhält man durch Einsatz von Nitraten. Mit teuren Importen von Guano-Dünger aus Peru, einer Substanz, die sich aus den Exkrementen von Seevögeln bildet, wurde versucht, das Problem zu lösen. Ein exportunabhängiger Dungstoff in ausreichendem Maße war somit von Vorteil.

In der Magdeburger Börde und den angrenzenden Gebieten sind Salzlagerstätten vorhanden. Über Schachtanlagen wurden die tiefliegenden Steinsalze abgebaut. Über dem Steinsalz liegt das bunte, bittere Kalisalz, das bisher als unverwertbarer Abraum auf Halde lag. Besonders stark war das Kalisalzvorkommen im Raum Staßfurt.


                                                                                       Salzschacht ›Marie‹ in Bartensleben © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Der Staßfurter Chemiker Dr. Adolph Frank (1834–1916) untersuchte dieses Salz und stellte eine stark düngende Wirkung fest. Dieses Abraumsalz besteht hauptsächlich aus Carnallit. 1860 erhielt Dr. Frank ein Patent für ein Verfahren zur Isolierung von reinem Kaliumchlorid aus diesem Carnallit. 1861 eröffnete er in Staßfurt die erste Kalidüngerfabrik in Deutschland. Davon ausgehend entwickelte sich ein regelrechter Kali-Boom, denn mit der Aussicht einer hohen Nachfrage des neuen Düngermittels entstanden schnell weitere Düngefabriken in kurzer Zeit. Staßfurt wurde damit die Keimzelle des Kalisalzbergbaus, Deutschland selbst zum weltgrößten Düngerproduzenten sowie dem Land mit der auf Kalisalzen beruhenden leistungsstärksten Chemieindustrie in dieser Zeit.

Mit der erfolgreichen Einführung des mineralischen Düngers ergaben sich allerdings bei der Ausbringung erhebliche Probleme. Dem Landwirt stand dazu anfangs keine geeignete Maschine zur Verfügung. Doch die Landwirte hatten einen jahrhundertealten Erfahrungsschatz im Ausbringen von Streugut auf ihren Felder.

In einem Relief eines Torbogenschlusssteines aus Klein Wanzleben aus dem Jahr 1753 ist dies dargestellt. Ein Bauer wirft sein Saatgut, das er in einem umgehängten Tuch mit sich führt, auf das Feld.


                                                                                                  Schlussstein eines Torbogens aus Klein Wanzleben mit der Darstellung eines säenden Bauern,                                                                                                                                                                                                                                                  Initialen R. W.(Walstab), Jahreszahl 1753 aus dem Sammlungsbestand des Börde-Museums Burg Ummendorf.                                                                                                                                                                                                                         © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde BMBU_V:01/00/06/03

 

Und so wurde der Dünger per Hand von Bauern und Landarbeitern, die mit einer umgehängten Düngermolle über das Feld gingen und den Dünger auswarfen, ausgebracht. Geübte erledigten die Arbeit beidhändig über Kreuz mit großer Schnelligkeit. Auch hatten sie auf Grund ihrer Erfahrungen den richtigen Blick, um zu entscheiden, an welchen Stellen der Boden etwas mehr Dünger und an welchen er weniger oder kaum Dünger benötigte. Gleichzeitig musste auf die Schrittfolge und Geschwindigkeit geachtet werden.


                                                                                      Auswerfen von mineralischem Dünger per Hand © Foto F. Giesecke, Fotoarchiv BMBU 2009,1-046

 

Die Düngermolle aus dem Bestand des Museums ist industriell gefertigt. Sie ist nierenförmig und passt sich so gut an den Körper an. Deutlich sind weißliche Ausblühungen im Material erkennbar. Dünger ist aggressiv und greift Metalle an, wie man hier auch gut erkennen kann. Unsere Düngermolle wurde bis in die 1970er-Jahre hinein in einer bäuerlichen Wirtschaft in Wormsdorf verwendet. Neben der mündlichen Überlieferung durch den Schenkgeber, belegt die lange Verwendung, das spätere Anbringen des Trageriemens mit Pressenband für Strohpressen aus dieser Zeit.


                                                                                                               Sekundäre Befestigung des Trageriemens an der Molle mittels modernerem  Pressenband.                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Obwohl ab 1895 erste Düngerstreuer zur Verfügung standen, ist der Einsatz per Hand doch erstaunlich lange Zeit gebräuchlich gewesen. Dies hatte verschiedene Gründe. Die ersten pferdegezogenen Streuer waren nur bedingt einsetzbar. Wurde der Dünger feucht, und dazu reichte schon die Luftfeuchte, neigte er zum Verkleben. Die Schlitze des Streuers verstopften. Heinrich Kuxmann entwarf 1915 einen besser funktionierenden Kettendüngerstreuer, den er später selbst produzierte und unter dem Markennamen „Westfalia“ vertrieb.

 


                                                                                      Katalogvorderseite für Westfalia Düngerstreuer von Kuxmann um 1920. Archiv BMBU-BAW Düngung

 

Auch regionale Hersteller wie Friedrich Dehne in Halberstadt produzierten ab den 1920er-Jahren Kettendüngerstreuer, die besonders durch ihre Arbeitsbreite auf großen Gütern zur Anwendung kamen. Allerdings waren sie mit einem Anschaffungspreis von ca. 1000 Mark auch eher für diese erschwinglich. Allein mit diesem Umstand lässt sich der Gebrauch von Düngermollen bis nach dem Zweiten Weltkrieg erklären.

Mit der Umsetzung der Bodenreform im September 1945 wurden die bestehenden landwirtschaftlichen Strukturen maßgeblich verändert. Die Großbauern wurden enteignet und ihre landwirtschaftlichen Flächen in bis zu etwa 8 ha große Stücke aufgeteilt und an Flüchtlinge, landarme Bauern und Lohnarbeiter neu vergeben. Lediglich die Staatsdomänen, teilweise Klostergüter sowie Versuchs- und Saatzuchtbetriebe, blieben weitgehend verschont. Sie wurden in Volkseigene Güter umgewandelt und waren damit die einzigen vorhandenen landwirtschaftlichen Großbetriebe in der sowjetischen Besatzungszone. Die Volkseigenen Güter wurden zum Vorbild für die Bildung der LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) in den 1950er-Jahren. Allerdings bestand bis dahin ein akuter Mangel an Saat- und Pflanzgut, Traktoren, Zugtieren und Landtechnik. Um den Neubauern eine Bewirtschaftung ihre Felder zu ermöglichen, wurden ab 1946 Maschinenhöfe gebildet, die die Maschinen verwalteten. Die Neubauern waren somit in der Lage, sich Maschinen und Zugtechnik auszuleihen. Damit wurde nun auch die Ausbringung des Düngers erstmals in die Hände eines Dienstleisters gelegt. Für viele Kleinbauern blieb das Ausbringen des Düngers mit der Hand weiterhin die Alternative aus Mangel an Maschinen.

Mit der Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften wurden der Pflanzenbau auf großen Anbauflächen möglich. Als eine ZBE (Zwischenbetriebliche Einrichtung) bildeten mehrere Betriebe von LPG, VEG und BHG das ACZ (Agrochemisches Zentrum) als einen leistungsstarken Dienstleister. Der Betreuungsradius eines ACZ betrug durchschnittlich 23 000 Hektar. Ausgerüstet waren die ACZ mit moderner Ausbringetechnik, vorrangig auf der Basis des allradgetriebenen IFA W 50 LAK oder LAZ.



                                                                                      W 50 mit Düngerstreuer D032, um 1970, © Foto Privatsammlung U. Schmidt

 

Obwohl in der Börde, wie in der gesamten Republik, diese moderne Düngertechnik vorhanden war, blieb unsere Düngermolle im Einsatz. Dies ist daraus zu erklären, dass der Eigentümer, der 2012 die Streuwanne in den Bestand des Museums übergab, selbst noch etwas Garten- und Ackerland privat bewirtschaftete, wo sich die Anschaffung eines Düngerstreuers nicht lohnte. Und somit zeigt sich, dass auch ›althergebrachte Art und Weise‹ neben modernster Technik Bestand haben kann.

 

Literatur:

 

Als die Börde boomte. Kleine Schriften aus dem Börde-Museum, Band 23, Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung (Ummendorf 2008).

H. Berenbruch, Industralisierungsprozesse in der preußischen Provinz Sachsen, (ttps://www.bildung-lsa.de/barrierearm/faecher___lernfelder_/geschichte/ausgewaehlte_materialien___weiterfuehrende_angebote/die_geschichte_sachsen_anhalts_im_zeitstrahl/industralisierung_mitteldeutschlands_.html, Stand 02/2020).

G. Fischer, Landmaschinenkunde (Weltbild Augsburg, Reprint 1928).

J. Fricke, Das Kalibergwerk "Thüringen" bei Heygendorf, (http://www.technikmuseum-online.de/homepage_dateien/beitrag_11.htm, Stand 02/2020).

K. Schmidt, Landwirtschaft in der DDR – VEG, LPG und Kooperationen – wie sie wurden, was sie waren, was aus ihnen geworden ist (Agrimedia GmbH 2009).

von Mendel-Steinfels (Hrsg.) Zeitschrift des landwirthschaftlichen Central-Vereins der Provinz Sachsen A. (Halle 1892).

 




 

 


 

SammlungsStück Februar 2020

Das Magdeburger Kochbuch


                                                                 Das Magdeburger Kochbuch: Titelseite  © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde


Ein auffallendes Buch in unserer Bibliothek ist das sog. »Magdeburger Kochbuch« von 1784. Unter diesem Namen ist es bekannt geworden, eigentlich aber heißt es: »Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigner Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter«. Wie dieser Titel bereits erkennen lässt, ist das Kochen nur ein Teil dessen, was vermittelt werden sollte.

Vieles an diesem Buch ist außergewöhnlich. Zunächst ist es eines der ältesten Bücher in unserem Bestand und wurde von einer Frau, der Magdeburgerin Johanna Katarina Morgenstern (1748–1796), geschrieben. Das ist heute ganz normal, im 18. Jahrhundert war es das aber nicht. Zudem wurden die Autorin und ihr Buch bereits zu ihrer Zeit öffentlich gelobt und gewürdigt – auch von Männern. Ein Nachruf auf die Autorin aus ihrem Sterbejahr 1796 schäumt geradezu über an Wertschätzung. Auch dass es zu großen Teilen ein Kochbuch ist, ist bemerkenswert, denn etwas so Alltägliches wie das Kochen wurde selten niedergeschrieben und somit fixiert. Eher lernten die Frauen es damals durch Praxis und Überlieferung in der Familie. Dieser Umstand erklärt auch, warum dieses Buch, obwohl Kochbuch, nur wenige Mengenangaben enthält: sie gehörten entweder zum Allgemeinwissen oder waren so ungenau und individuell, dass es damaligen Autoren nicht einfiel, Mengenangaben zu machen. Außerdem gab es 1784 noch keine Maßeinheiten, die überregional oder sogar international genormt und anerkannt waren. Stattdessen gab es eine Unzahl an regional unterschiedlichen Maßen (z.B. Quentchen, Lot, Neuloth, Quint und Pfund) und die Suche nach allgemeinen Maßeinheiten fing gerade erst an. So stand 1784 noch nicht fest, dass 1 Pfund = 500 Gramm waren, denn das metrische System gab es noch nicht, es wurde erst fast einhundert Jahre später, am 20. Mai 1875 international beschlossen. Beim Erscheinen des Buches hätten sie höchstens feststellen können, das (beispielsweise) im Herzogtum Braunschweig 1 Pfund = 32 Loth waren, oder auch 128 Quentchen. Aber wenn keine dieser Einheiten ‚geeicht‘ ist (an was auch) dann … Vorsicht beim Salzen!



                                                                                                 Schattenriss von Johanna Katarina Morgenstern aus dem Taschenbuch der Haus- Land- und Stadtswirtschaft                                                                                                                                                                                                                              für Männer, Weiber und Kinder. © Universitäts- und Landesbibliothek Sachsen-Anhalt in Haale (Saale)


Johanna Katarina Morgenstern hatte dieses Buch jedenfalls ursprünglich überhaupt nicht zur Veröffentlichung vorgesehen. Stattdessen hatte sie es nur geschrieben, um damit ihrer gerade verheirateten Schwester zu helfen. Dann jedoch wurde das Buch weitergereicht und auf Anraten eines Freundes sowie eines Verlegers, bald in Magdeburg veröffentlicht. Die zweite Auflage von 1784 war, gemäß dem oben erwähnten Nachruf, die von der Autorin einzig anerkannte Auflage. Die erste erschien 1782 und war schnell vergriffen. Spätere Auflagen, denen der Verleger eigene Passagen hinzugefügt hatte, betrachtete sie nicht als ihr Werk. Vier dieser Bände befinden sich ebenfalls in unserer Bibliothek (Inventar Nr. 451/1a, 451/2a, 451/2b, 451/3).

Das Buch enthält neben Rezepten sowie der »Verfertigung von Butter, Käse wie auch eines guten Kesselbieres« (S. 545) und dem Einkochen und Aufbewahren von Lebensmitteln, auch Hinweise und Anleitungen zum Anordnen einer Tafel, zum Waschen, Kerzen ziehen, Färben, Flecken entfernen, zur Anfertigung von Betten, Reinigung von Küchenutensilien (Geschirr, Besteck, Töpfen und Pfannen) aber auch Spiegel und Möbel, das Herstellen von Waschwasser oder auch Mittel für aufgesprungene Hände und »ein Mittel wider das Durchliegen in langen Krankheiten« (S. 541). Es ist also eher ein Haushaltungsbuch, als ein reines Kochbuch, wie der original Titel ja auch besagt.

Die Aufzählung der Rezepte und ihrer Zutaten ist ebenfalls interessant, denn sie geben darüber Aufschluss, was einer Hausfrau verfügbar gewesen sein muss. Austern, Artischocken, und Oliven kommen vor, es gibt drei Seiten mit Rezepten für Ochsenzunge, sechs Seiten mit Rezepten für Krebs, dafür aber nur einen einzigen Eintrag für Kartoffeln. Auch gibt es Rezepte für Schnepfen, Lerchen, Rebhühner, Bekassinen und Wacholderdrosseln (Krammetsvögel). Im Gegensatz zu heute müssen sie also so zahlreich gewesen sein, dass man sie leicht als Speise fangen konnte oder sie leicht beschaffbar waren.

Darüber hinaus gibt es natürlich einige heute merkwürdig klingende Einträge. So gibt es Pastete von zahmen Enten, Lerchen in Sauerkohl oder auch Gelee von Hirschhorn. Sehr aufwendig klingen »gefüllte Mohrrüben«, oder auch »gefüllte Gurken« und eher gewöhnungsbedürftig erscheint »Pudding mit Hecht«, »Nierenschnitte«, »Lungenmus«, oder auch »Neunaugen einzubraten«. »Ein sehr gutes Mittel für Personen, die eine sehr schwache Brust haben« (S. 542) beinhaltet »1 gereinigte Schildkröte, 12 Frösche, 12 Schnecken, 6 lebendige Krebse von mittlerer Größe« und einige weitere Zutaten. Auch über den Zeitpunkt, zu dem man erntet oder schlachtet, hat die Autorin geschrieben, wobei der folgende Satz am meisten verblüfft: »Die Krebse sind am vollesten und schmackhaftesten in denjenigen Monaten, deren Namen kein R in sich halten.« (S. 290)

Dagegen mutet ihre »Kraftsuppe für Kranke« zumindest teilweise vertraut an:

»Brate ein altes Huhn, wenn es halb gar ist, zerstoß es zu kleinen Stücken, gieß ein Maaß kräftige Brühe dazu, stoß ¼ Pfund Mandeln klein, thu sie dazu und laß es gut durchkochen, hernach wringe alles durch eine grobe Serviette. Wenn Du willst, kannst du ein Stückchen Zitronenschale und ein Stückchen Zimmt dazu legen und mitkochen lassen, auch wohl etwas Zitronensaft.« (S. 15)

Eier kommen oft und zahlreich vor, hier zum Beispiel für »Gebackene Milch auf andere Art«:

»Nimm 16 Eyer auf 1 Maaß abgekochte Milch, quirle sie hinein, thu dazu geriebne Zitronenschale, Zucker, Orangeblüt- oder Pfirsichlaubwasser und etwas abgebrühete und recht fein gestossne süsse Mandeln; wenn es wohl durcheinander gequirlt ist, gieß es in eine tiefe zinnene Schüssel , lege Sand auf den Boden der Tortenpfanne, daß die Schüssel nicht schmelze, setze die Schüssel drauf, decke den Tortenpfannendecke drauf und backe sie bey gelindem Feuer. Wenn sie steif und oben etwas braun ist, so ist sie gut. Dann laß sie kalt werden, streue gestossnen Zimmt drüber und gieb noch Zucker dazu.« (S. 268)

Sie verfasste noch viele weitere Schriften (vor allen Dingen Ratgeber und Lehrbücher) und setzte sich währenddessen unermüdlich für die Armen der Gesellschaft ein. Auch von offizieller Seite fanden ihre Ratgeber und Anleitungen Zuspruch, so setzte sich der damalige Geheime Staatsminister Brandenburgs, Carl August von Struensee, dafür ein »von ihrer „Unterweisung in dem Ackerbau für Arme und Unbemittelte“ ein paar hundert Exemplare unentgeltlich unter dürftige Anpflanzer zu vertheilen«. (National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM). Ihr »Lesebuch für angehende weibliche Dienstboten« wurde unter anderem in der magdeburgischen Industrie- und Armen-Schule verwendet. Trotz solch öffentlicher Anerkennung blieb Johanna Katarina Morgenstern bodenständig und stellte nur die Dinge, um die es ihr ging, nie sich selbst, in den Vordergrund. Bereits das erste ihrer Bücher, das hier beschriebene »Kochbuch«, ist dafür ein Beispiel, denn ihr Name taucht nirgends im Buch auf.

Wie oben erwähnt, erlebte das Buch zahlreiche Auflagen und der Magdeburger Verleger Johann Adam Creutz wurde nicht müde, weitere Regeln und Rezepte hinzuzufügen und diese schon in den Einleitungen der Bände zu loben. Er war es auch, der das Buch unter dem neuen Namen »Magdeburgisches Kochbuch« verkaufte. Viele Zusätze sind weitere Rezepte sowie Anleitungen zur Gänse-, Enten-, Tauben- und Hühnerzucht, oder auch Mittel gegen Hausschwamm, Motten und Fliegen. Allerdings sind auch einige obskure Neuerungen dabei. So enthielt Band 2 der Ausgabe von 1804 bereits ein »Mittel gegen Ansteckung bösartiger Krankheiten«, bei dem Zimmer mit einer Mischung aus Vitriolöl (oder Schwefelsäure) und Salpeter ausgeräuchert wurden.

 »Es steigt dann ein starker Dampf aus der Masse auf, mit welchem man das Krankenzimmer auszufüllen suchen muss. Auch dem Kranken schadet dieser Dampf nicht, nur muß man ihm mit der Tasse selbst nicht zu nahe an den Kopf kommen. Man kann aber zuweilen unter seinem Bette damit räuchern. Während des Räucherns müssen Fenster und Thüren zugehalten und erst eine Stunde nachher für die frische Luft geöffnet werden, wenn der Dampf sich gesetzt hat. Dies Räuchern ist täglich nur einmal, und in sehr schlimmen Fällen nur zweymal nöthig.«  

Der anschließende Nachsatz ermutigt wenig:

»Mit dem Vitriolöl muß man nur recht vorsichtig umgehen, daß man nichts davon an die Hände, anderwärts oder an Mobilien bringe, auch muß man dasselbe in starken Gläsern mit eingeriebenen gläsernen Stöpseln aufbewahren, denn wohin ein Tropfen kommt, frißt er sich durch und durch.« (S. 427).

Band 3 der Ausgabe von 1835 z.B. folgenden Eintrag:

 »682. Salat in vier Stunden wachsen zu machen. Fülle gute fette Erde in einen großen und weiten Topf, etwa zwey Finger hoch, säe in dieselbe Salatsamen, welcher 24 Stunden in Branntwein geweicht hat, so wird der Salat in 4 Stunden so hoch wachsen, daß du ihn gebrauchen kannst.«

Drei Jahre später, in einer Ausgabe von 1838 (S. 474), findet man die Anwendung magnetischen Stahls gegen Zahnschmerzen. Dazu muss man sich mit dem Gesicht nach Norden stellen und den schmerzenden Zahn mit dem Nordpol des Magneten berühren.

»Alle Leidenden werden nun beym Anhalten des Magnets Einerley Wirkung verspüren, nemlich zuerst eine sehr kalte Empfindung, nicht lange hernach eine wallende Bewegung und zuletzt ein Klopfen, und wenn das Letztere folgt, so hören die Schmerzen sogleich auf.« (S. 475)

Dieser Eintrag spiegelt die damalige Euphorie um den Magnetismus wider. Das Phänomen war bekannt, die Erforschung war aber erst in den Anfängen und es brauchte noch das gesamte 19. Jahrhundert, um den verschiedenen Erklärungen und Anwendungen ein wissenschaftliches Fundament zu geben, bzw. sie zu widerlegen.

Und noch ein letztes Kuriosum: In zwei der späteren Ausgaben gibt es ein Mittel gegen Sommersprossen, interessanterweise unterscheiden sie sich deutlich voneinander. 1804 sollte ein Brei aus zerdrückten Johannisbeeren und Schwefelmilch helfen, den man abends aufträgt und morgens mit »laulichter Milch« wieder abwäscht (S. 424). Dagegen riet der Verleger 1835 dazu, geschabten Meerrettich und Weinessig an der Sonne zu destillieren und dann mit Lavendelspiritus und Weingeist zu vermischen. »Wasche dich damit beim Schlafengehen mit Vermeidung der Zugluft« (S. 318).

Wie bereits beschrieben, war Johanna Katarina Morgenstern schon zu ihren Lebzeiten mit den Erweiterungen ihres Buches unzufrieden. Neben ihren Büchern gab sie, zusammen mit Christine Dorothea Gürnth, auch eine Frauenzeitschrift »Oekonomisches, moralisches und gemeinnütziges Journal für Frauenzimmer« heraus. Morgenstern starb 1796 mitten in den Arbeiten zu einem neuen Buch, mit welchem sie ihr erstes Werk wieder aufgreifen, erweitern und verbessern wollte. Laut des oben zitierten Nachrufs starb sie »ungeachtet vorangegangener körperlicher Schmerzen, mit einer sehr seltenen Heiterkeit und Geistesgegenwart.« (National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM). Sie war zweimal verheiratet (1767-1782 mit dem Arzt Friedrich Simon Morgenstern, ab 1785 mit dem Kämmerer Schulze) und hinterließ zwei Söhne. Bildlich ist lediglich der hier abgebildete ›Schattenriss‹ erhalten.

Übrigens: Wer in der Vergangenheit bereits einmal beim sogenannten »Burgschmaus« im Börde-Museum Besucher war, wird möglicherweise bereits Gerichte aus dem Magdeburger Kochbuch verkostet haben. Der ehemalige Leiter Dr. Ruppel hatte mehrmals Rezepte aus dem Kochbuch nachgekocht, allerdings keine Lerchen oder Schnepfen.


Literatur:

Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, Creutz, Magdeburg, 1784.

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 2. Band, Creutz, Magdeburg, 1804

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 2. Band, Creutz, Magdeburg, 1835

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 3. Band, Creutz, Magdeburg, 1835

Magdeburgisches Kochbuch für angehende Hausmütter, Haushälterinnen und Köchinnen, Unterricht für ein junges Frauenzimmer, das Küche und Haushaltung selbst besorgen will, aus eigener Erfahrung ertheilt von einer Hausmutter, 1. Band, Creutz, Magdeburg, 1838

National-Zeitung der Deutschen, Gotha, 46stes Stück, 17.11.1796, S. 1023, verfügbar unter http://www.mdz-nbn-resolving.de/urn/resolver.pl?urn=urn:nbn:de:bvb:12-bsb10503152-0, Zugriff: 22.1.2020, UM

https://de.wikipedia.org/wiki/Johanna_Katharina_Morgenstern Zugriff: 22.1.2020, UM

https://de.wikipedia.org/wiki/Carl_August_von_Struensee Zugriff: 22.1.2020, UM






SammlungsStück Januar 2020

Laterne

Als Provenienzforschung bezeichnen wir die Recherche nach der Herkunft von Sammlungsgut. Diese umfasst Fragen wie etwa: Wie und wann ein Objekt in die Sammlung gekommen ist? Welche Geschichte das Objekt mit sich bringt? Und wer seine Vorbesitzer waren? Tatsächlich ist diese Forschung manchmal sehr kurz wie bei dem Sammlungsstück dieses Monats.


                                                                                                                              Laterne aus dem ehem. Oscherslebener Bestand (KMO 93:A1)                                                                                                                                                                                                                                                                         © Foto J. Alasaad  BMBU-Landkreis Börde

 

Es handelt sich dabei um eine Laterne, genau genommen eine Brustlaterne. Im Jahr 1993 fanden Mitarbeiter des Oscherslebener Museums diese Laterne auf der Treppe abgestellt, ohne jegliche Notiz versehen. Die Mitarbeiter nahmen sich der Laterne an und bewahrten sie. Solche Fälle kamen in der Vergangenheit leider immer wieder vor und bringen es mit sich, dass es Objekte im Bestand gibt, über die außer des jeweiligen Zugangsdatums nichts weiter über ihre Vergangenheit bekannt ist. Nachdem das Oscherslebener Museum 2003 geschlossen wurde, übernahm das Börde-Museum Burg Ummendorf den Bestand.

 

Inv.-Nr.: KMO 93:A1

Datierung: um 1900

Herkunft: Oschersleben (?)

Maße: H: 16 cm ohne Tragbügel, 22 cm mit Tragbügel, B: 7 cm, T: 11,5 cm

Material: Weißblech

 


                                                                                                                                                   J. Ammann, Der Laternmacher. Holzschnitt.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Aus: H. Sachs, Eygentliche Beschreibung                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                Aller Stände auff Erden (Franckfurt am Mayn 1568).

 

Was aber nun ist eine Laterne? Sie definiert sich als ein Behälter mit durchscheinenden Wänden, um darin eine Lichtquelle vor Wind oder Regen zu schützen. Laternen dieser Art gab es bereits seit der Antike. Meist wurden sie aus Ton oder Metall hergestellt. Der antike Autor Clemens Alexandrinus schreibt ihre Erfindung den Ägyptern zu und berichtet, dass Hippokrates und Alexander diese in Griechenland eingeführt haben. Für das 4. Jahrhundert v. Chr. sind Laternen auch mehrfach in Aristophanes Schriften bezeugt (z. B. in „die Acharner“, „die Wespe“ und „der Frieden“). Die Laterne schützte das Licht dabei nicht nur vor dem Erlöschen, sondern sie war gleichsam ein Brandschutz. Ohne feste Beleuchtungen im Innern der Häuser und auch ohne eine installierte Straßenbeleuchtung brauchte man eine Lichtquelle für den Gang im Dunkeln, gerade auf den in Antike und Mittelalter oftmals unwegsamen Wegen. Diese Form des Brandschutzes wurde etwa 1576, wie Wendland beschreibt, auch in der Polizeiordnung von Rostock festgelegt.

Im 17. Jahrhundert führten Städte die ersten neuzeitlichen, öffentlichen Beleuchtungsanlagen mit Straßenlaternen ein, dazu gehörten etwa Paris (2. September 1667) und Wien (24. Februar 1687). Zu dieser Zeit gingen abendlich und am Morgen Laternenwächter mit langen Stangen umher; um zu entzünden, zu löschen und Öl nachzufüllen.

Die meisten Laternen benötigten also entweder eine Befestigungsmöglichkeit z. b. eine Aufhängung oder einen Tragegriff, gerade wenn diese aus wärmeleitendem Material ist auch einen entsprechenden Abstand.

Unser Exemplar weist zunächst am oberen Abschluss einen mit wenigen vorgewölbten Rillen Bogen auf, an dem ein beweglicher Tragbügel angebracht ist. Unter diesem Bogen befindet sich der Abzug. An drei Seiten sind dicke an den Kanten schräg geschliffene Glasscheiben eingesetzt. Die Rückwand ist aufklappbar und damit ist man in der Lage, an die Lichtquelle zu gelangen. Noch gut erhalten ist ein Docht aus Flachs mit schwarzen Rußspuren. Er ragt aus einem kleinen kastenförmigen Vorratsbehältnis, das mit Öl gespeist wurde. Das tankähnliche Behältnis ist auf einer rechteckigen Platte gelötet und mit einem runden Deckel verschlossen, vom dem geht ein langer Griff ab. Mit ihm ist die Höhe des Dochtes zu regulieren und damit auch die Helligkeit zu verändern. Der Griff zur Dochtregulierung ist so lang, dass er von außen betätigt werden konnte, ohne die Rückwand der Laterne öffnen zu müssen.


                                                                                           Geöffnete und geschlossene Rückansicht mit Luftzufuhr und Haken © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

An der inneren Rückwand angenietet, befindet sich zudem eine runde Blende, die das Licht zusätzlich spiegelt. Im unteren Bereich findet sich dann eine Luftzufuhr, um der Flamme den benötigten Sauerstoff zukommen zu lassen. Von außen ist diese durch ein zusätzliches Blech überdeckt, um nicht durch einen Windstoß gelöscht zu werden. Der Verschluss der Öffnung ist nicht erhalten. Auch wenn die Laterne deutliche Spuren von Korrosion aufweist, so ist ein rückseitiger, gleichfalls angenieteter Haken doch vollständig erhalten. Ein Hersteller oder eine andere Kennung ist nicht zu finden und hat es scheinbar auch nicht gegeben.

Das Format der Laterne spricht dafür, dass diese nicht fest installiert war, sondern zum Tragen gedacht war. Schnell finden sich gute Vergleiche. In der eigenen Sammlung ist etwa eine Laterne ähnlichen Formats mit identischem Aufbau (Inv.-Nr. 2010–1132). Der auffälligste Unterschied umfasst die Griffgestaltung. Hier befindet sich noch ein weiterer Bogen, der zusätzlich mit Filz überdeckt ist. Insgesamt scheint diese etwas hochwertiger bzw. stabiler gemacht zu sein. Alleine schon die Stärke des Hakens an der Rückseite und das Gewicht sprechen dafür. Außerdem hat diese im Innern eine Halterung für eine Kerze und eine zusätzliche Schublade. Es ist gut vorstellbar, dass in dieser etwa Zündhölzer aufbewahrt wurden.


                                                                                   Brustlaterne aus dem Ummendorfer Bestand, aus Eilsleben                                                                                                                                                                                                                                                                                                   © Foto J. Alasaad – N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Solche Laternen finden sich deutschlandweit und darüber hinaus gibt es vergleichbare Stücke mit einem nachweisbaren Herstellungsort in der Schweiz. Diesen Typ gibt es seit dem 19. Jahrhundert und auch unser Exemplar wird wohl um die Jahrhundertwende gefertigt worden sein. Sie lassen sich als Brustlaterne klassifizieren. Diese konnten am Griff getragen werden, wurden aber oftmals mit dem rückseitigen Haken an ein Brustleder gesteckt.

 


                                                                                                       Brustlaterne mit Brustleder, um 1900, K. Bay. St. B. (Königlich bayrische Staatsbahn) © nach:                                                                                                                                                                                                                                  https://www.dampflokmuseum.de/fileadmin/content/ default/Museum/Wissenswertes-Aktuelles/                                                                                                                                                                                                                                         sonderschau-teil2-bayerisch.pdf (17.1.2020) S. 4 Abb. 6d.

 

Diese war aus Leder und ermöglichte dem Träger freie Hände für die Arbeit. Belegt sind diese seltener für den Bergbau (s. Lit.) vermehrt allerdings bei der Eisenbahn. Im Bergbau selbst waren die schlagwettersicheren Bergwerkslampen die Regel. Im Bereich der Eisenbahn sind auch die Schaffnerhandlaternen bedingt vergleichbar. Doch bei genauerer Betrachtung fallen hier zahlreiche Unterscheide auf, die unmittelbar mit der Verwendung in Zusammenhang stehen. So haben zwei Exemplare des Herstellers Fa. L. Kolb aus Nürnberg (verwendet auf dem Bahnhof Kilchberg/Thüringen) auf der Rückseite zwei herausklappbare Griffe und keinen Haken sowie eine in rot eingesetzte Glasscheibe zur Signalgebung.

Durch die Tiefenrecherche gelang es also, zusätzliche Informationen zur Verwendung und Provenienz der Laternen zu bekommen und die Vorbesitzer könnten also in der Region beheimatete Mitarbeiter bei der Bahn gewesen sein.

 

Literatur:

S. Beuster – J. Graf, Licht und Schatten, die Entwicklung der künstlichen Beleuchtung im 19. Jahrhundert in Braunschweig (Braunschweig 1997).

J. G. Jacobsson, s. V. Laterne. Johann Karl Gottfried Jacobssons technologisches Wörterbuch oder alphabetische Erklärung aller nützlichen mechanischen Künste, Manufakturen, Fabriken und Handwerker, wie auch aller dabey vorkommenden Arbeiten, Instrumente, Werkzeuge und Kunstwörter, nach ihrer Beschaffenheit und wahrem Gebrauche (Berlin 1794) 424.

J. G. Krünitz, Oekonomisch-technologische Encyklopädie oder allgemeines System der Staats-, Land und Hauswirtschaft in alphabethischer Ordnung (Berlin 1782).

K. E. Matt – D. Wunderlin, Weil noch das Lämpchen glüht (Basel 1988).

H. Müller, Die Lustspiele des Aristophanes (Leipzig 1843) 162 Sp. 816.

H. Müller, Öllampen (Bern 1988) 70 Abb. 245 H; 75. (um 1900, Schweiz, 15 cm hoch).

R. Müller, Licht und Feuer im ländlichen Haushalt (Hamburg 1994) 16–17.

A. F. Neukrantz, Ausführlicher Bericht über die große, allgemeine, deutsche Gewerbeausstellung in Berlin im J. 1844 (Leipzig 1845).

A. Pahl – E. Markert, Gegenstände der Feuererzeugung und Beleuchtung, Sammlung Graf Luxburg (Schweinfurt 1989) 41–42.

L. Seeger, Aristophanes (Frankfurt a. M. 1846) 49. 190.

S. Wechssler, Lampen, Leuchten und Laternen (München 1983) 108–114.

B. Wendland, Licht in Bewegung: Von der Laterne zum ersten Scheinwerfer, in: J. Matz – H. Mehl, Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) 81–99.

http://www.zirkel-im-licht.de/16708.html (17.1.2020)

https://www.google.com/imgres?imgurl=https%3A%2F%2Fwww.picclickimg.com%2Fd%2Fl400%2Fpict%2F123279415677_%2FBergbau-Grubenlampe-Brusthalterung-Fahrsteiger-Brustlaterne-Leder-Messing-Selten.jpg&imgrefurl=https%3A%2F%2Fpicclick.de%2FBergbau-Grubenlampe-Brusthalterung-Fahrsteiger-Brustlaterne-Leder-Messing-Selten-123279415677.html&docid=qTBurcVJp5GkRM&tbnid=z6mw7CJ5QmAeXM%3A&vet=10ahUKEwj_6LS10YrnAhWPC-wKHeKEDkwQMwhFKAEwAQ..i&w=400&h=348&itg=1&client=firefox-b-d&bih=584&biw=1280&q=brustlaterne&ved=0ahUKEwj_6LS10YrnAhWPC-wKHeKEDkwQMwhFKAEwAQ&iact=mrc&uact=8 (17.1.2020).

https://www.dampflokmuseum.de/das-museum/wissenswertes/sonderausstellungen-im-museum/ (17.1.2020).

http://vlp.mpiwg-berlin.mpg.de/technology/search?-max=10&-Op_lit.reference=eq&lit.reference=lit54&-skip=1050 (17.1.2020).

 

Vergleich

Deutsches Dampflokomotiv-Museum

https://www.dampflokmuseum.de/fileadmin/content/default/Museum/Wissenswertes-Aktuelles/sonderschau-teil2-bayerisch.pdf (17.1.2020 Seite 4).

Städt. Hellweg Museum Gesecke

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=182053&cachesLoaded=true (13.1.2020).

kult Westmünsterland

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=87991&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31993&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31916&cachesLoaded=true https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31879&cachesLoaded=true

https://nat.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=31820&cachesLoaded=true (13.1.2020).

B. Wendland, Licht in Bewegung: Von der Laterne zum ersten Scheinwerfer, in: J. Matz – H. Mehl, Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) Kleine Öllaterne aus Blech mit Reflektor S. 86.

 





SammlungsStück Dezember 2019                                                              

Binsenvogel


Grundkörper eines Binsenvogels in der Museumssammlung, Oberseite (links), Unterseite (rechts) © Fotos  S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Inv.Nr.:                     Ha 15:27 (Alter Museumskatalog), A/186 (-52) ,                                                                                                                                                             V:14/01/03/01 (Inventarnummer 1970er-Jahre)

Maße:                      29,5 x 25,5 cm, Durchmesser gebogener Stock: 2 cm

Herkunft:                  Försterei Zernitz bei Haldensleben

Erhaltung:                 starke Abnutzungsspuren, nur noch Grundkörper mit Binsenumwicklung und farbigen Papierresten erhalten

Datierung:                 1930er-Jahre

 

Ein Stockstück und eine Querleiste, teilweise umwickelt und mit buntem Papier beklebt, mag in Verbindung mit Weihnachtsbrauchtum berechtigt irritieren. Doch das was auf den zwei Objektfotos des Sammlungsstückes für den Monat Dezember 2019 zu sehen ist, stellt eines der wenigen Belege für die Binsenvögel dar, die als Brauch der Vorweihnachts- und Weihnachtszeit über dem Ofen von der Zimmerdecke hingen und Mobile-Charakter trugen, auch hier in der Magdeburger Börde.

In der alten Sammlung des Museums ist ein Binsenvogel verzeichnet unter der Inventarnummer Ha 15 : 27 (A 186-52). Heinz Nowak (Museumsleiter 1954–1991) schrieb dazu in der Materialsammlung - Bibliographie über Binsenvögel, die er in den 1980er-Jahren erstellte: »Vogel vorhanden, aber ganz desolat. Nowak« Die Abbildung dieses Reliktes aus den 1930er-Jahren ist am Beginn des Dezember-Sammlungsstückes zu sehen. Es ist der aktuelle Zustand vom November 2019. Da der originale Rumpf eines vormaligen Binsenvogels lichtgeschützt in einem geräumigen Karton aufbewahrt wurde, hat sich der Erhaltungszustand in den Jahrzehnten seither nicht verschlechtert. Trotz Fragilität ist alles so vorhanden, dass sich der Grundkörper auch heute noch gut erkennen lässt. Hauptsächlich fehlt das Gefieder aus Binsenmark. Dennoch vermittelt dieses unscheinbare Objekt ein Bild davon, wie dieser Binsenvogel vor mehr als 80 Jahren ausgesehen hat. Dass wohl eine gewisse freie Gestaltungsmöglichkeit der Vögel bestand, zeigen zwei weitere Fotos.

Im Archiv des Börde-Museums befinden sich in der Mappe zum Thema Binsenvogel zwei Schwarz-Weiß-Aufnahmen einer anderen Machart. Die Karten stammen beide von Wilhelm Rauch (1871–1952) aus Gutenswegen. Dieser war familiär und durch den eigenen Beruf in der Landwirtschaft verankert. Zu seinem heimatgeschichtlichen Engagement gehörte auch die Förderung des Plattdeutschen durch seine Gedichte, Geschichten und Theaterstücke.  Die Brauchtumspflege spielte eine weitere wichtige Rolle, so u. a. in Verbindung mit dem Weihnachtsbrauch der mundartlich als Rischföjjels bezeichneten Binsenvögel.

Die eine Bildkarte wurde 1932 an Dr. Albert Hansen, den damaligen Tierarzt in Eilsleben und gleichzeitig Museumsleiter in Ummendorf, per Post geschickt. Die Seitenbeschriftung der Karte ist: Binsenvogel. Ein alter Weihnachtsbrauch. Wilh. Rauch, Gutenswegen. Die andere Bildkarte hat auf der Rückseite den handschriftlichen Vermerk: Aus dem Nachlass von W. Rauch – Gutenswegen. 1952 (Sterbejahr W. Rauchs). Folglich stammen beide Aufnahmen aus derselben Quelle, von Wilhelm Rauch aus Gutenswegen, ca. 15 km westlich von Magdeburg gelegen. Die Gleichheit der abgebildeten Binsenvögel ließ zudem auf eine identische Herkunft schließen.


                Abbildungen eines Binsenvogels von Wilhelm Rauch in Gutenswegen, 1932 © BMBU_Archiv_Binsenvogel


In der benannten Archivmappe liegt ebenfalls ein Brief vor, der sich an den Ummendorfer Museumsleiter Dr. Albert Hansen richtet. Darin beschreibt der Absender Wilhelm Hentling aus der Försterei Zernitz (bei Haldensleben) die Materialien und die wichtigsten Arbeitsschritte, die zur Anfertigung der Binsenvögel nötig sind.

»Zernitz, den 4. Januar 1935

Sehr geehrter Herr Hansen.

Auf Ihre Karte vom 31.12.35 [muss 1934 heißen - S. V.] möchte ich Ihnen follgen des mitteilen. Die Vögel welche ich Ihnen zugeschickt habe, tragen den Namen "Binsenvögel". Werden aber von Beisen [Binsen - S. V.] die an Gräben und sumpfigen Stellen wachsen hergestellt. Die Herstellung geschieht vollgendermaßen: Die Beißen werden an Gräben usw. geflückt[.] Dann werden sie von der grünen Hülle durch abströpeln befreit, inzwischen hat man sich schon nach einem Vogelmäßigen Knüppel umgesehen welcher auch entrindet wird. Nun wird der Klebstoff hergestellt, dieser besteht aus Roggenmehl und kaltem Wasser. Zuerst beginnt man mit der Herstellung des Rumpfes der gewickelt wird, ist dieser fertig dan[n] werden die Flügel hergestellt, dazu dienet ein Theil von Zigarrenkisten Deckel. Hier werden nun die Beisen Federmäßig angebracht. Genau so wird der Schwanz angebracht. Ist diese Arbeit fertig, dann beginnt man mit der Schmückung des Vogels, hierzu wird Buntes Papier verwand. Der Vogel wird dann an einer warmen Stelle aufgegangen, weil er sich von der aufsteigenden Hitze (Wärme) bewegt [,] werden die Kinder Ihre größte Freude an haben. Die Fertigkeit und das Herstellen der Vögel vererbt sich in unserer Gegend von Generation zu Generation [,] ich habe es schon als Kind von meinem Großvater gelernt. … Wilh. Hentling Zernitz«

 

Die Äußerung von Wilhelm Hentling in seinem Brief an Hansen, dass sich das Anfertigen der Vögel »vererbt … in unserer Gegend von Generation zu Generation«, lässt keine Zeitspanne herausfinden, in der dieser dekorative Raumschmuck, als Art Mobile, zur Weihnacht seinen Anfang genommen hat. Gepflogenheit von den Urgroßeltern oder Großeltern wird gelegentlich als Tradition » … von Generation zu Generation« reflektiert. So bleibt der zeitliche Ursprung quellenmäßig noch unbelegt.

 

In einem konkreten Beispiel, von vor 176 Jahren werden die Binsenvögel hinsichtlich Zeit und Ort greifbar, nämlich in einer Schilderung, die 1843 auf das Jahr 1844 verfasst und veröffentlicht wurde: Der deutsche Bauer. Ein Volksbuch auf das Jahr 1844. Herausgegeben von Ernst Willkomm. Darin heißt es: »Es gab der Tische wohl sechs bis acht, die mehr oder weniger mit sprechenden, trinkenden oder rauchenden Gästen besetzt waren. Ueber jedem hing an einem Bindfaden von der Decke herab ein Vogel, etwas größer, als eine Hausschwalbe. Dieser war recht zierlich von Binsenmark gefertigt, und an den Flügelenden, an Schwanz und Schnabel vergoldet. Ehemals mochten diese Binsenvögel recht hübsch weiß ausgesehen haben, jetzt aber waren sie graubraun geworden, theils vom häufigen Tabaksqualm, theils vom vielen Fliegenschmuz, der sich an sie angelegt hatte. Einem fehlte überdies noch ein Flügel und der Schwanz, und ein anderer hatte gar den Kopf verloren. Dennoch schwebten sie alle, stets leis bewegt, über den Häuptern der Bauern, gleich dem heiligen Geist, den sie auch in der That vorstellen sollten. Der Wirt hatte einmal vor langen Jahren das Kloster in Lauban besucht und dort von den Nonnen, die sich mit so frommen und gottgefälligen Arbeiten beschäftigten, ein halbes Dutzend solcher den heiligen Geist vorstellender Binsenvögelein gekauft. Die Bauern waren mit diesem Einfall des Wirthes dergestalt zufrieden, daß mit Willen Niemand diese Schutzgeister der Schenktische beschädigen durfte, und der Wirth war streng angewiesen, auch die schadhaft gewordenen so lange , wie irgend möglich schwebend über ihren Tischen zu erhalten.« (Der deutsche Bauer. Ein Volksbuch auf das Jahr 1844. II. Feierabende und Sonntage. S. 32–33).

Lauban ist seit 1945 mit der Benennung Luban bzw. Laubm eine polnische Stadt in der Woiwodschaft Niederschlesien, ca. 24 Kilometer östlich von Görlitz gelegen. Die im dortigen Kloster bis ebenfalls 1945 ansässigen Schwestern vom Orden der heiligen Maria Magdalena zur Buße, kurz Magdalenerinnen genannt, dürften entsprechend der Schilderung von Ernst Willkomm, diejenigen gewesen sein, bei denen »ein halbes Dutzend solcher den heiligen Geist vorstellender Binsenvögelein gekauft« wurden. Ob und wie eine Verbindung zur Magdeburger Börde und dem Brauchtum der Binsenvögel besteht, bleibt noch zu klären. Zumindest ist es kein Alleinstellungsmerkmal der hiesigen landwirtschaftlich geprägten Region, Binsenvögel zu fertigen. Aus der Beschreibung der Gastwirtschaft war der Eindruck zu gewinnen, dass die Binsenvögel ganzjährig von der Decke herabhingen und von Wärme oder Luftzug bewegt wurden. Dies ist mit der Symbolik des Vogels/der Taube als Verkörperung des Heiligen Geistes somit auch nachvollziehbar.

»Der Vogel ist von Alters her ein Symbol der körperlosen Seele, der freien Gedanken oder der Transzendenz. In den archaischen Kulturen symbolisieren Vögel auch Geister der Luft oder die zum Himmel aufsteigenden Seelen der Verstorbenen.« https://www.derkleinegarten.de

Es gibt etliche Vögel, bei denen sich mit ihrer individuellen Erscheinung (z. B. Storch, Adler, Pfau, Kranich, Elster, Taube) eine bestimmte Assoziation verbindet und auch in der Symbolik festgeschrieben ist. In der Mythologie der indogermanischen Völker können Vögel auch Seelenvögel sein, die »das Geistwesen der Verstorbenen in das Totenreich tragen.« https://www.derkleinegarten.de

Allgemein betrachtet sind Vögel symbolhaft für Hoffnung, Zuversicht, Zukunftszugewandtheit und Frühlingserwarten.

Wie konkret nun die Binsenvögel zuzuordnen sind, bleibt noch näher zu erkunden. Möglicherweise hat auch ein inhaltlicher Wandel stattgefunden, den es herauszufinden gilt. Zunächst einmal kann jedoch der Aspekt aus der Literatur von 1843 aufgenommen werden, dass sie »den heiligen Geist vorstellender Binsenvögelein« sind. (Der deutsche Bauer. Ein Volksbuch auf das Jahr 1844. II. Feierabende und Sonntage. S. 33.) In gewisser Weise erinnert dies auch an die Taube und die Ausgießung des Heiligen Geistes zu Pfingsten (s. den binsenähnlichen Vogelnachbau).

Bis in die 1930er-Jahre ist der Brauch der Binsenvögel hier in der Region durch die vorhandenen Belege bestätigt. Wie aus der o. g. Quelle belegt, allerdings nicht nur für die Magdeburger Börde zu vereinnahmen. Darüber hinaus ist bisher nichts verbindlich Dokumentierendes verfügbar. Die Anleitung zur Anfertigung des mobileartigen Zimmerschmuckes besitzt zumindest Regionalität und ist konkret durch die Beschreibung im Brief von Wilhelm Hentling gegeben.

Für die Binsenvögel ist es erforderlich, mit dem angeeigneten Wissen über Binsen und ihre Standorte, das Hauptmaterial zu beschaffen. Dann kann ein Rekonstruktionsversuch zum Weihnachtsbrauchtum gestartet werden. (Binsen/Simsen sind namensgebend für die Gattung der Binsen-/Simsengewächse, weltweit 300 Arten, davon 29 in Deutschland; ausdauernde Süßgräser; markant: meist starre, rundliche, borstig zugespitze Blattteile/-spreite; Blütenstand: abgewandelte Form der Rispe; Arten der Gattung Juncus wachsen an feuchten und nassen Standorten: Sümpfe, Moore, hier in der Umgebung an Gewässerufer und auf Feuchtwiesen wie der Ummendorfer Bögewiese oder den Feucht-/Salzwiesen zwischen Wormsdorf und Eilsleben.)


                                                                       Binsenvogel, nach Originalteil angefertigt, 1990, Zustand 10/2012 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Im Jahr 1990 setzten die Praktikantin Katja Schmitz und die Museumsmitarbeiterin Sabine Vogel ein von Museumsseite länger gehegtes Vorhaben in die Tat um. Anhand der im Archiv vorhandenen Bildvorlagen wurden zwei Binsenvögel nachgestaltet. Die dazu erforderlichen Binsen waren bereits im Vorfeld von Museumsleiter Heinz Nowak am feuchten Wiesenstandort geerntet worden. Dabei war es wichtig, Binsen zu finden, die ein komplett das Stängelinnere durchziehendes Binsenmark (ähnlich gekochter Spaghetti) aufwiesen.  – Versuche in den Folgejahren, geeignete Binsen zu finden, scheiterten meist, da der Markstrang von Leerstücken unterbrochen war.

Ein im Durchmesser ca. 5 mm starker Stab wurde vorn mit einer Vertiefung versehen, um das weiße bis cremefarbene Binsenmark aus dem umgebenden grünen Stängelmaterial herauszulösen. Dies musste in einem Stück realisiert werden, um möglichst lange Stränge für die Flügelgestaltung zu bekommen. Und auch für den Körper erwiesen sich längere Stücke als günstig, denn so entstanden weniger Klebestellen, die die Stabilität des Binsenmarkes ungünstig beeinflussten. Als Kleber wurde Tapentenleim verwendet (nicht das von Hentling benannte Roggenmehl; Dieses stand 1990 nicht so unproblematisch zur Verfügung. Heute sollte Kleber aus Roggenmehl ausprobiert werden.) Nach je einer aufgebrachten Lage mussten Kleber und Binsenmark trocknen. Erst dann konnte die nächste Schicht in Form von angdeuteten Brustfedern oder Flügeln aufgebracht werden. Und stets hieß es, ganz behutsam zu arbeiten, um die Binsen nicht durchzubrechen. Nach einer Woche Arbeit – mit Pausen für das Trocknen – waren zwei Repliken entstanden. Sie bekamen in der Advents- und Weihnachtszeit als dekorativer Schmuck ihren Platz in der inszinierten Bauernstube der Museumsausstellung und waren ansonsten lichtgeschützt in einem Schrank verstaut.


                                                                                                Binsenvögel nach unterschiedlichen Vorlagen 1990 angefertigt,                                                                                                                                                                                                                                                 Zustand 10/2012 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Die aus Binsen gefertigten Vögel sind sehr filigran und das Binsenmark neigt zum Zerbrechen, je trockener die einzelnen Binsenstränge werden. Die Porösität und die Instabilität nehmen zu, je öfter ein Platzwechsel des Binsenvogels erfolgt bzw. dieser ständig dem Licht ausgesetzt ist. So kam dem Leiter des Börde-Museums, Dr. Thomas Ruppel, 1997 die Idee, Binsenvögel aus textilen Strängen nachzubilden, die im Kreativsortiment von Bastelläden zu bekommen waren. Nach mehr als zwanzig Jahren, lichtgeschützt, in einem Karton frei hängend aufbewahrt, ist der binsenähnliche Vogel immer noch intakt und Weihnachtszimmerschmuck.


                                                                                                                                   Binsenähnlicher Vogelnachbau, 1997, Zustand 2019                                                                                                                                                                                                                                                                                         © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Da auch diese Anfertigung sehr zeitaufwendig ist, wurde die Überlegung, diese materialveränderte Variante als Verkaufsartikel des Museums auf dem Ummendorfer Weihnachtsmarkt anzubieten, bis dato verworfen. Jedoch ist mit diesem Beitrag der Museumshomepage und Schriftenreihe SammlungsStücke für Leser und Leserinnen ggf. die Anregung gegeben, sich selbst am Nachbau zu versuchen. Alle wichtigen Infos zu den benötigten Materialien und der Ausführung sind ebenso vorhanden wie das Aussehen der überlieferten Binsenvögel durch die Fotos veranschaulicht wird. Doch auch freie moderne Interpretationen der Gestaltungen sind denkbar. So wie sich die Lauschaer Glasvögel als Baumanhänger wieder wachsender Beliebtheit erfreuen, könnten die Binsenvögel in der einen oder anderen Art als Börde-Brauchtum der Weihnachtszeit vielleicht neu wiederentdeckt werden.  

Unter W wie Weihnachtsschmuck findet sich im Internet bei »halle life« vermischtes, folgende Kurzinfo zu Binsenvögeln als Weihnachtsschmuck:

»Selbst gebastelte Binsenvögel waren bis in die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ein beliebter Weihnachtsschmuck in der Magdeburger Börde. Die auch als "Rischföjjels" (ostfälische Mundart) bezeichneten kleinen Kunstwerke symbolisierten je nach Art Fruchtbarkeit, Weisheit oder ein gutes neues Jahr. Tauben standen für den Frieden, Störche für den Frühling und Kindersegen. Die Bewohner stellten für ihre Binsenvögel zunächst ein Holzgestell her, das sie mit Halmen des Binsengewächses umwickelten und mit farbigen Papierstreifen verzierten. Aufgehängt über den Öfen, schwangen die Vögel in der aufsteigenden warmen Luft sanft hin und her.« https://hallelife.de/nachrichten/vermischtes/details/w-weihnachtsschmuck.html

 

Literatur:

Grässe, Was in unserer Gegend an die Einführung des Christentums erinnert. In Heimatstimmen, Nr. 9, (Wolmirstedt 1928) 72.

Brief von Wilhelm Hentling, Försterei Zernitz, an Museumsleiter Hansen, 1935. BMBU_Archiv Mappe Binsenvögel.

A. Hansen, Strohmosaik und Binsenvögel. Heimatverbundene Weihnachtsarbeiten in der Börde. Wochenblatt (Haldensleben 1942).

Hansen – H. Schönfeld, Holzland-ostfälisches Wörterbuch. Besonders der Mundarten von Eilsleben und Klein Wanzleben. Die Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft, Band 4 (Ummendorf 1994) 162.

M. Rieß, Weihnachtsbräuche in Altmark, Börde und Harz: Burklaas, Binsenvögel und Kurrende. In: Himmlische Weihnachten mit der Volksstimme, Beilage zur Volksstimme, 11/2007, S. 13.

T. Ruppel, Weihnachtsbrauchtum - Aus der Börde. In: wohin, Ihr monatliche Freizeitplaner. Elbe, Börde, Harz, Dezember 2008, 6-7.

S. Vogel, Fast vergessen: Binsenvögel an der Zimmerdecke über dem Ofen, in: Volksstimme, 24. Dezember 1992, S. 10.

E. Willkomm (Hrsg.) Der deutsche Bauer. Ein Volksbuch auf das Jahr 1844. 1. Jahrgang 1843 (Leipzig 1843) S. 32–33.

https://hallelife.de/nachrichten/vermischtes/details/w-weihnachtsschmuck.html (20.11.2019).

https://www.derkleinegarten.de (23.11.2019).

https://de.m.wikipedia.org (23.11.2019).

 

 

 

 

SammlungsStück November 2019

Zwei Wandteller aus Klein Wanzleben

Beim Sammlungsstück für November 2019 handelt es sich um zwei sehr ähnliche Wandteller mit einer identischen Herkunft aus Klein Wanzleben von einem devastierten Gut, im Januar 1962 als Zugang für das Museum karteimäßig verzeichnet.

 

Der erste Wandteller trägt die Sammlungsnummer V: 5409

Material: Porzellan

Größter Durchmesser: 39 cm

Bodendurchmesser: 23 cm

Höhe: 4 cm

Gestaltung im Historismus-Stil (1851-1889)

Unterseite des Tellers: "38"

Serien- oder Modelnummer: 1770-39 ctn



Es handelt sich um einen großen, flachen, runden Teller mit Landschaftsdarstellung. An der rechten Seite wurde ein einzeln stehendes Haus mit einer braunen dreieckigen Dachfläche, einem Spitzdach, dargestellt. Das Haus ist umgeben von rosa-violettena Blumen und Grasflächen sowie zwei Zypressenbäumen daneben. Hinter dem Haus stehen die Waldbäume. In der Mitte des Bildes befindet sich ein Bach/Fluss, der dieses Haus von der Waldseite trennt. Eine Brücke in brauner Farbe ermöglicht jedoch das Überqueren des Flusses. Auf der linken Seite des Bildes verläuft ein geschwungener Weg, der am Haus vorbeiführt. Auf der rechten Seite des Flusslaufes wachsen Birken, die in kleinen Gruppen zusammen stehen. Auf dem Weg ist eine Frau zufuß unterwegs. Sie ist erkennbar gekleidet mit einem weißen Häubchen, einem schwarzen Umschlagtuch, das aus der Ferne wie eine Jacke wirkt und einem roten Rock. Sie trägt einen braunen Eimer. Am linken Bildrand und auf der rechten Seite, hinter den Birken, sind die dichtstehenden Waldbäume dargestellt. Die Farbgestaltung reicht von Grün bis Hellbraun. Die Landschaft des Bildes und die gewählten Farben lassen darauf schließen, dass es den Wald im Herbst darstellt. Obwohl der hellblaue Himmel einen großen Teil des Hintergrundes bestimmt, ist die dominierende Farbe dennoch Grün in Verbindung mit den rosa-violetten Blüten.

 

 

Der zweite Wandteller trägt die Sammlungsnummer V: 5410.

Material: Porzellan

Größter Durchmesser: 39 cm

Bodendurchmesser: 23 cm

Höhe: 4 cm

Gestaltung im Historismus-Stil (1851-1889)

Unterseite des Tellers: "38"

Serien- oder Modelnummer: 1627-39 ctn



Dieser Teller stammt ebenfalls aus demselben devastierten Gut in Kleinwanzleben wie der vorherige Wandteller, mit identischer Datierung 27. Januar 1962. Die Maße entsprechen denen des ersten Wandtellers. Es ist zu vermuten, dass beide Teller zusammengehören.

Stückweit wirkt das Bildmotiv im Vergleich zum ersten Motiv gespiegelt, blickt man auf den Weg. Allerdings ist dieser – wie bei der Darstellung auf dem ersten Teller – auf der linken Seite des Wasserlaufes. Wasserlauf und Weg scheinen in dieselbe Richtung zu führen. Das Haus, das sich bei der ersten betrachteten Darstellung auf der rechten Seite befindet, ist beim zweiten Wandteller links zu sehen. Das Bild wirkt aufgrund der Farbgebung der Bäume herbstlich. Es sind ebenfalls Birken abgebildet, die nicht den Weg säumen, sondern auf der rechten Seite des Wasserlaufes in kleinen Gruppen von zwei bis drei Bäumen zusammenstehen. Vor der Dreiergruppe der Birken befindet sich eine weidezaunähnliche Abtrennung zum Wasser. Auf dem nach rechts verlaufenden Weg geht gleichfalls eine Frau, die identisch gekleidet ist, sich jedoch auf dem zweiten Teller noch näher am Betrachter befindet. Deshalb kann man auch die Ränder der weißen Schürze bei der Rückansicht gut erkennen. Wiesenflächen mit rosa-violetten Blüteninseln säumen besonders auf der linken Seite den Weg.

War auf dem ersten Wandteller nur ein Haus gemalt, stehen auf diesem Teller ein größeres und ein kleineres Gebäude nach der Wegbiegung mit der Giebelfront zum Betrachtenden. Unmittelbar in der Kurve, auf der Hausseite, ist eine Art Geländer aus Holz zu abgebildet. Links neben dem größeren Haus stehen zwei Birken und zwischen beiden Gebäuden wächst ebenfalls eine Birke.

Es könnte sich um eine Landschaft in Norddeutschland handeln, die hier auf den Darstellungen tendenziell heideähnlichen Charakter zeigt. Blau dominiert am Himmel und auf der Darstellung generell und bestärkt in der Farbgebung die herbstliche Stimmung. Die Frau, die auf beiden Tellern vorkommt, ist zu Fuß unterwegs und trägt auf der linken Seite einen Henkelkorb. Ob dieser leer oder bis unterhalb des Korbrandes – der nicht einsehbar ist,  gefüllt wurde, lässt sich nicht erkennen. Auf der Unterseite des zweiten Wandtellers sind eine "38" und die Angabe/Modell- oder Seriennummer 1627-39 ctn eingebracht. Die Rückseite beider Teller trägt den Schriftzug "Handgemalt".

Wandteller waren zu unterschiedlichen  Zeiten als dekorativer Raumschmuck beliebt. Die Darstellungen dieser beiden Teller der Museumssammlung sind entweder im Historismus, zwischen 1851 und 1889, entstanden oder ihre Gestaltung wurde an den Gestaltungsstil des Historismus angelehnt. 

Die beiden Wandteller sind aus Porzellan gefertigt. Doch auch andere Materialien wurden verwendet. Ebenso gebräuchlich waren Fayence, Majolika, Eisenguss und Zinn. Doch dekorative Porzellanteller waren besonders beliebt.

Die ersten Porzellane wurden in China schon während der Sui Dynastie (581-618) gefertigt und gelangten von dort aus auch nach Europa. Das chinesische Porzellan besaß eine große Attraktivität und Anziehungskraft auf die europäische höfische Kultur. Dekoratives Porzellan in Form von Gefäßen und Tellern wurde für die Innenausstattung von Repräsentationsbauten ebenso verwendet wie als Sammelgut in speziell angelegten Porzellansammlungen des Adels. Die zusammengetragen Stücke erreichten mitunter beachtliche Durchmesser.

Ein Wendepunkt im Hinblick auf die Herstellung von Porzellan fand im Januar 1708 statt. Da notierte Johann Friedrich Böttger (1682-1719) Rezepturen für eine grandiose zukunftsweisende Entdeckung in sein Laborbuch. Dem Forscherkreis um Johann Friedrich Böttger, Ehrenfried Walther von Tschirrhaus und Gottfried Pabst von Chain war die Herstellung des „Weißen Goldes“ im Alchemistenlabor auf der Jungfernbastei in Dresden (Sachsen) gelungen. Die Erfindung des „Weißen Goldes“, bestehend aus den Rohstoffen Kaolin, Feldspat und Quarz, bedeutete den Durchbruch bei der europäischen Porzellanfertigung. Im Jahr 1710 erfolgte dann bereits in den Mauern der sächsischen Albrechtsburg Meißen die Patentverkündung für die Porzellanherstellung. Die heutige Manufaktur MEISSEN war begründet.

Porzellankunst aus China, Japan und von nun an Meißen zierte Schlösser und spezielle Kunstsammlungen. Die umfangreichste Sammlung an ostasiatischem und sächsischem Porzellan befindet sich in den südlichen Bogengalerien des Dresdner Zwingers (Sachsen). Sie wurde begründet von August dem Starken. In nur etwa 20 Jahren wurde die Sammlung mit ca. 20.000 Stücken zur größten seiner Art in Europa. Friedrich August I. von Sachsen (1670 – 1733), August der Starke betitelt, war ab 1694 Kurfürst und Herzog von Sachsen (ab 1697 gleichzeitig auch König von Polen-Litauen als August der II.). „Er gilt als eine der schillerndsten Figuren höfischer Prachtentfaltung des ausgehenden 17. und beginnenden 18. Jahrhunderts und begründete als Prototyp absolutistischer Selbstdarstellung durch seine rege Bautätigkeit und sehr ausgeprägt Sammelleidenschaft im Wesentlichen den Ruf Dresden als prunkvolle barocke Metropole, der bis heute nachwirkt. Unter ihm erlebte der Kurstaat eine enorme wirtschaftliche, infrastrukturelle und kulturelle Blüte.“

https://de.wikipedia.org/wiki/August_II._(Polen)


                                               Porzellansammlung im japanischen Palast in Dresden. ©Staatliche Kunstsammlung Dresden


Über die Zeiten erfreuten sich Wandteller mit  Landschaftsdarstellungen großer Beliebtheit, besonders mit fernöstlichen Motiven, jedoch auch mit heimischen Landschaftsdarstellungen, Naturszenerien und Tierdarstellungen bis hin zu Jubiläums- und Gedenktellern mit individueller Widmung. Doch nicht nur in Sachsen sondern auch in Thüringen erlebte die Porzellanherstellung ihre Blüte. Heutzutage führt die „Thüringer Porzellan-Straße“ zu Stationen der über 250 Jahre währenden Tradition der Porzellanfabrikation in Verbindung mit innovativer Gestaltung und Verwendung in der Gegenwart (Die Route beinhaltet folgende Orte: Kahla, Könitz, Lippelsdorf, Martinroda, Reichenbach, Rudolstdt, Sitzendorf, Tuchröda, Triptis, Cursdorf, Grafenthal, Hohenfelden, Pflanzvierbach, Pillingsdorf, Ranis, Weimar, Schmiedefeld, Seitenrode, Neuhaus-Schierschnitz.)

In Verbindung mit Porzellan ist meist von Johann Friedrich Böttger und dem sächsischen Porzellan die Rede. Weniger bewußt ist der Sachverhalt, dass es Georg Heinrich Macheleid (1723 – 1801) in Thüringen vermochte, ca. 50 Jahre nach der bahnbrechenden Erfindung Böttgers in Sachsen, selbst in Sitzendorf (Thüringen) aus heimischen Materialien das Thüringer Porzellan hervorzubringen. 1760 erhielt Macheleid das fürstliche Privileg für das Fürstentum Schwarzburg – Rudolstadt, als einziger sein Porzellan produzieren und vertreiben zu dürfen.

Ebenso beliebt bei Wandtellern, Gebrauchsgeschirr und Wandfliesen ist das sog. Delfter Blau, welches in den Niederlanden bereits Ende des 16. Jahrhunderts produziert wurde und durch die markante blaue Farbe des Dekors hervortritt. Hierbei handelt es sich allerdings um Fayencen (Keramik  mit offener Porosität des gesinterten Irdengutes; die saugfähigen Scherben wurden mit einer deckenden Glasur aus Blei oder Zinn überzogen). Somit unterschieden sich Optik und Qualität deutlich von Porzellan, was Fayencen kostengünstiger für den Erwerb machte. Das „Delfter Blau“ wurde zur preiswerteren Option zu chinesischem Porzellan, welches es sowohl in weißem wie auch blauem Dekor gab. Die Blütezeit mit einigen Hundert Werkstätten bestand von der Mitte des 17. bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts. Noch heute werden als Souvenirs Teller, Wandteller etc. mit Gebäude- und Landschaftsmotiven, besonders Windmühlen, für die Touristen angeboten. Auch Wandteller aus Italien, gefertigt als farbig bemalte zinnglasierte Keramik des 15. und 16. Jahrhunderts, die sog. Majolika, waren zu Dekorationszwecken begehrt. Doch all diese Keramik, ob Fayence oder Majolika, erreichte nicht die Qualität des chinesischen Porzellans in seiner Feinheit.

Im 20. Jahrhundert wurde industriell gefertigtes Gebrauchsporzellan größtenteils für größere Bevölkerungsgruppen erschwinglich. Wandteller erlebten wiederholt eine Renaissance, waren dann jedoch preiswerte Industrieware und im Andenkenhandel als Reisesouvenir zu bekommen. In etlichen Wohnungen der 1980er-Jahre war eine Wohnzimmer- oder Küchenwand mit Wandtellern dekoriert, nicht selten Teller mit blauem Aufdruck, in optischer Anlehnung an das „Delfter Blau“. Die Kombination von zwei ähnlichen Wandtellern, die als Set gehandhabt wurden – so wie es bei den beiden Objekten aus der Museumssammlung der Fall gewesen sein könnte, trat dabei eher nicht auf. Anderenfalls wird es sich um zwei Teller handeln, die von ein und demselben Maler gestaltet wurden und somit mit sehr ähnlichem Motiv vorliegen.

 

Literatur:

O. Walcha, Meissner Porzellan.Von den Anfängen bis zur Gegenwart (Dresden 1973)

R. Richter, Die „Königliche Porzellan- und Gefässe-Sammlung“ im Japanischen Palais unter der Leitung von Gustav Friedrich Klemm. In: R. Smolnik (Hrsg), Keramik in Mitteldeutschland. Stand der Forschung und Perspektiven: 41. Internationales Hafnerei-Symposium des Arbeitskreises für Keramikforschung in Dresden, Deutschland, vom 21. September bis 27 September 2008 (Dresden 2012).

S. Frotscher, dtv-Atlas, Keramik und Porzellan (München 2003).

W. Gustav, Alte Keramik Neu Entdeckt (Berlin 1979).

https://de.wikipedia.org/wiki/Porzellan.








SammlungsStück Oktober 2019

Ein Kugelbecher aus Alickendorf


Datierung:          4700- 4300 v. Chr (Mittelneolithischen Zeit)

Fundort:             Alickendorf  

Maße:               H 11,5- 12.00 cm/ Rdm: 9.0 cm

Material:            Ton

Inv.- Nr.:            IV: 1787

 

In der archäologischen Ausstellung des Börde Museums befinden sich einige Gefäße, die zur sogenannten Rössener Kultur gehören. Eines von ihnen ist das Gefäß, das unter der Nummer 11 in der Vitrine zur Jungsteinzeit mit etwa 11,5–12,00 Höhe und 9.0 cm Randdurchmesser ausgestellt ist.

Es handelt sich um einen typischen dunkelgrauen Kugelbecher, der henkellos ist, reich verziert und einen fast runden Boden hat. Dieser Kugelbecher wurde im Alickendorf entdeckt und befand sich ehemals in der Schulsammlung Hadmersleben. Der Kugelbecher ist gut erhalten und wurde restauriert.

Auf diesem Gefäß treten die typischen Verzierungen der Rössener Kultur auf und dehnen sich von der Mitte des Halses bis kurz unterhalb des Umbruchs aus. Der Rand ist gekerbt, zuoberst und unter dem Rand erscheint ein Band angebrachter Kerbschnitte. Darunter ist ein Horizontalband aus vier Linien, darauf folgen gereihte horizontale Dreiecke, die mit Kerbschnitten ausgefüllt sind.

 


                                                                                      Der Kugelbecher aus der archäologischen Ausstellung im Börde Museum. © H. Nowak BMBU – Landkreis Börde

Die Rössener Kultur ist verbreitet in Mitteldeutschland, Nordwestdeutschland, Westdeutschland, Südwestdeutschland und im Elsass. In ihrer Ausdehnung gehörte sie zu den weitläufigsten Kulturen der mittelneolithischen Zeit und datiert nach der Radiokohlenstoffdatierung C 14 von 4600 bis 4400 v. Chr. Der Archäologe Alfred Götze (1865 –1948) benannte diese Kultur „Rössener Kultur“ nach dem großen Gräberfeld bei Leuna Rössen im Kreis „Merseburg“. 21 Gräber von insgesamt 74 in diesem Gräberfeld stammen aus der Zeit der Rössener Kultur und wurden von August Nagel zwischen 1882 und 1890 ausgegraben. 

 



                                                                                       Verbreitungsgebiet der Rössener Kultur. Die nach rechts geneigte Schraffur zeigt die  Gebiete der Rössener Kultur.                                                                                                                                                                                                                    Die anderen schraffierten Flächen kennenzeichen andere Kulturen. © Manfred Bundschuh, S. 2.

Diese Kultur zeichnet Übereinstimmungen in den  Bereichen wie Siedlungsraum, Hausbau, Keramik und Bestattungssitten aus.

Die Siedlungen wurden auf Waldböden errichtet. Es handelt sich um lange Häuser, die bis zu 65 m Länge aufweisen können. Sie wurden mit konvex gewölbtem Längsstein aufgebaut oder nach trapezförmiger Gestaltung. Diese Häuser sind meist Nord-West oder Süd-Ost orientiert. Die meisten Gräber waren Süd-Ost orientiert und ca. 1,0 – 1,5 m tief und wurden mit Steinplatten bedeckt, in denen reiche Grabbeigaben gefunden wurden, beispielsweise: Gefäße, Steinringe, Steinbeile und Fleischbeigaben.

Die Rössener Kultur ist heute vor allem durch ihre Keramik bekannt. Bei den Gefäßformen handelt es sich um Kugelbecher, Kugeltöpfe, Schüsseln, Flaschen mit gestrecktem Hals, Kessel, Pokale mit Standring, Siebgefäße, Zipfelschalen und Schiffgefäße. Die Keramik ist handgemacht und die Oberfläche ist oft geglättet, poliert und gut gebrannt. Die Farben sind Braun, Rotbraun, Dunkelbraun oder Grauschwarz.

Die Keramik lässt sich in verziert und unverziert unterteilen. Auf der   Keramik treten sehr oft Tiefstichverzierungen auf. Bei den Motive sind am häufigsten Zickzack, Dreiecke, Bögen, Gittermuster, Metopen oder einfache Einstiche. Die Verzierungen treten meistens auf den Kugelbechern und Kugeltöpfen auf und wurden manchmal mit weißen Pasten ausgefüllt.

Die Keramik dieser Kultur entwickelte sich in drei Stufen. Die Keramik der frühen Stufe ist charakterisiert durch die teppichartigen Winkel-bänder aus 5-6 zeiligen Doppelfurchenstichen. Gefäße wiesen meistens Rundboden lockere Halswickel und gefühlte Bauchzwickel auf. In der mittleren Stufe treten die Kreuzerschraffur bei Halswickeln auf und wurden die Winkelbänder als Furcheneinzelstichlinien. In dieser Phase erschienen auch die Fischgrätmuster als Innenverzierung. In der späten Stufe erschienen die Winkelbänder mit spitzen Einstichen mit Furchenstich und die Zwickel waren geritzt. Ganz am Ende dieser Phase verschwanden die Verzierungen.

Die Form dieses Kugelbechers aus Alickendorf und die angebrachten Dekorationen weisen Ähnlichkeiten mit der Keramik der mittleren Stufe dieser Kultur auf.

In der Mitte des 5. Jahrtausend v. Chr. hört die Rössener Kultur mit ihrer Kulturtradition auf. Gründe dahinter waren möglicherweise die Ent-stehung neuer Kulturen mit anderen Merkmalen, die den Beginn einer neuen Phase auszeichnete.

Diese Art von Gefäßen wurde sehr oft als Grabbeigabe verwendet. Sehr ähnliche Beispiele für diesen Kugelbecher wurden in Verbreitungs-gebieten der Rössener Kultur gefunden, etwa in Gräberfeld, Hüde, Heidelberg und Hall.

Ein ähnlicher Kugelbecher kam aus dem Grab 42 in Gräberfeld. Er ist mit verzierten Rand und eine geringe Standfläche auf. Seine Farbe ist Dunkelbraun und Schwarz und im Ton gibt es roten Glimmer. Die Höhe ist 8,7–8,9 cm der Rdm ist 3,3 cm. In Heidelberg steht im Kurpfälzischen Museum eine keramische Rössener Kultur Sammlung, die aus einer großen Grube in Neuenheim stammt. Es handelt sich um Töpfe und Kugelbecher. Die Kugelbecher weisen Ähnlichkeiten mit der Sammlung im Börde Museum im Sinne von Gefäßformen und Verzierung auf. Die angebrachten Verzierungen sind Linien und gereihte horizontale Dreiecke, die mit Dreiecken ausgefüllt sind oder mit Kerbschnitten versehen sind. Bei den Dekorationen auf den Kugelbechern in Hüde und Hall handelt es sich auch um Linien, Dreiecke und Kerbschnitte.



                                                                                Die Keramiksammlung der Rössener Kultur im Kurpfälzischen Museum Heidelberg. © Kurpfälzisches Museum der Stadt Heidelberg.




Literatur :

B. Dammers/ W. R. Teegen (Hrsg), Hinkelstein- Großgartach- Rössen: zum Mittelneolithikum in Rheinhessen, Leipziger online-Beiträge zur Ur-und Frühgeschichtlichen Archäologie 5. (Leipzig 2003).

F. Niquet, Das Gräberfeld von Rössen Kreis Merseburg (Halle 1938).

H. Spatz/ S. Alföldy, Die Große Grube der Rössener Kultur in Heidelberg-Neunheim, Materialhefte Vor-und Frühgeschichte (Stuttgart 1988).

M. Bundschuh, Rössener Kultur (4700-400) Referat im Kompaktproseminar, Institute für Ur-und Frühgeschichte, Universität Köln (Köln 2007). 





SammlungsStück September 2019

Moritzpfennig von Ludolf von Kroppenstedt


Inv. Nr.:                              BMBU IV:1178

Material:                          Silber

Gewicht:                          0,91 g

Maße:                             Dm 23 mm / Stärke 1 mm

Datierung:                            1192–1205

Prägestätte:                       Magdeburg/Halle (?)

Fundort:                           Salzwedel (?)

Vorbesitzer:                       Dr. Albert Hansen

Sammlungszugang:             23. Febr. 1961


Bei diesem SammlungsStück handelt es sich um eine Münze. Münzen werden seit Jahrhunderten nicht nur ihres Geldwerts wegen von Museen und Privatpersonen gesammelt. Meist ist auf beiden Seiten der Geldstücke ein Bild geprägt worden, das die Sammelleidenschaft noch verstärkt. In unserem Fall handelt es sich um einen Brakteat, der üblicherweise dünnwandig ist und nur von einer Seite geschlagen wurde. Auch diesen schmückt ein Bild. Dargestellt ist der Heilige Mauritius (Moritz), weshalb der Brakteat auch Moritzpfennig genannt wird.

Mauritius (lat. Mauricius; dt. Moritz) lebte im 3. Jahrhundert. Der Legende nach war er Führer der thebäischen Legion. Aufgefordert an der Christenverfolgung mitzuwirken, weigerte er sich. Da seine Legion selber nur aus Christen bestand, setzten sie sich gemeinsam über den Auftrag hinweg und wurden auf Befehl des Kaisers angegriffen. Trotz ihres erbitterten Widerstands wurden er und seine Legion getötet. Als Märtyrer wurde er im 4. Jahrhundert heilig gesprochen. Der hl. Mauritius war der Lieblingsheilige des Kaisers Otto des Großen (23.11.912─7.5.973), wodurch seine Verehrung in Magdeburg einzog. Er ist unter anderem Schutzheiliger des Heeres, der Infanterie, der Messer- und Waffenschmiede und wurde angerufen vor Kämpfen, Gefechten und Schlachten. Wie bei der Skulptur aus der 1. Hälfte des 13. Jahrhunderts im Magdeburger Dom wird er meist als römischer Offizier im Kettenhemd und gleichzeitig als dunkelhäutiger Mauretanier dargestellt.



                                                                                      Kopf und Oberkörper des Heiligen Mauritius im Magdeburger Dom © Rabanus Flavus


Die Bezeichnung ›Moritzpfennig‹ umfasst jedoch noch mehr Informationen. So sind mit Moritzpfennigen insbesondere Silberpfennige vom 11. bis 15. Jh. gemeint, die aus Magdeburg stammen und den Heiligen Moritz, den Patron des Erzstiftes, zeigen. Die frühesten sind zweiseitige Denare aus der Zeit Kaiser Heinrichs III. (1039–1056), die späteren sind jene Brakteaten, die nur von einer Seite geschlagen wurden. Gemein haben diese die Darstellung einer Mauer mit Türmen oder einer Kirche und darunter die Abbildung vom Hl. Moritz. In den Details unterscheiden sich die Prägungen teilweise sehr.

Auf unserem Brakteat ist ein Brustbild des heiligen Moritz mit Nimbus, einem Kreuzstab rechts und einem Palmzweig links dargestellt. Er befindet sich unter einer Stadtmauer mit 4 Türmen. Im Streiflicht erkennt man Fenster in den großen Türmen, den Anfang der Kuppeldächer und eine Zierkugel (Turmknopf?) auf dem kleinen Turm oberhalb des Palmblattes. Der heilige Moritz hat volles, scheinbar lockiges Haar. Auf seinem Mantel sind im Bereich der Schultern und der Brust Zierknöpfe angedeutet. Diese Prägung entstand wohl unter dem Erzbischof Ludolf von Kroppenstedt.



                                                                                      Brakteat des Magdeburger Erzbischofs Ludolf von Kroppenstedt Inv. IV:1178 © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Ludolf – geboren um 1125 – soll von einer Bauernfamilie in Kroppenstedt (Landkreis Börde) abstammen. Auf Grund der topografischen Nähe ging er zunächst als Stiftsschüler nach Halberstadt. Sein Studium absolvierte er an der Universität in Paris, zeitweise gemeinsam mit Thomas Becket, dem späteren Erzbischof von Canterbury (1162–1170).

Es folgte ein Wechsel nach Magdeburg. Die schriftlichen Quellen erwähnen ihn am 27. September 1168 erstmals als Domherr. Im Jahr 1179 wurde Ludolf zugleich Propst von Sankt Wiperti in Nienburg (Saale). Am 26. Dezember 1184 erfolgte seine Bestellung zum Domprobst in Magdeburg. Trotzdem hatte er das Amt in Nienburg bis 1187 inne. 1192 wurde Ludolf dann zum Nachfolger Wichmanns als Erzbischof von Magdeburg gewählt.

Besonders bemerkenswert sind heute seine politische Aktivität für den späteren König Phillip und die Gründung des Kollegiatskapitels ›Peter und Paul‹ im Jahr 1203. In Magdeburg-Sudenburg nahe der St. Michaelskirche gründete er dieses zu Ehren Mariens, des Apostels Petrus und des Märtyrerbischofs Thomas von Canterbury. Letzterem zu Ehren soll er auch einen Altar im Magdeburger Domgeweiht haben.

Ludolf stirbt am 17. August 1205 und wird vor diesem Altar beigesetzt. An einem südlichen Pfeiler des Chorumganges befindet sich die dazugehörige Bronze-Grabplatte.

Zum Tode Ludolfs findet sich ein Eintrag in den Reichssachen – Regesta Imperii (1198–1272). Am 17. August 1205 steht vermerkt: »Ludolf, Erzbischof von Magdeburg, stirbt an demselben Tage, an dem Bischof Conrad von Halberstadt aus Constantinopel in seine Stadt zurückkehrte.«


                                                                                                       Fund-/ Inventarzettel zum Sammlungsstück © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde


Wie kam nun dieser Moritzpfennig in die numismatische Sammlung des Börde-Museums? Der Tierarzt Dr. Albert Hansen (1892–1963) Mitglied im ›Heimatverein im alten Holzkreis‹ und der Lehrer Paul Hollop (1894–1969) waren die treibenden Kräfte bei der Gründung eines Heimatmuseums in der Region. Albert Hansen stand dem Museum, aus dem das heutige Börde-Musuem hervor gegangen ist, von dessen Anbeginn im November 1924 bis zur Übernahme in kreisliche Trägerschaft nach dem Zweiten Weltkrieg ehrenamtlich vor. Ab 1954 übernahm Heinz Nowak hauptamtlich die Leitung des Hauses. Albert Hansen, der auch später noch dem Museum freundschaftlich verbunden war, hatte immer wieder Kontakt zu Herrn Nowak. So kam es am 23. Februar 1961 dazu, dass er dem Börde-Museum den Pfennig übereignete. Auf dem Fundzettel steht von H. Nowak vermerkt, dass auf dem Brakteat auch eine Umschrift vorhanden sein soll: »S. Mauritius D«. Eine solche Umschrift ist heute mit bloßem Auge nicht auszumachen. Trotzdem gelingt die Zuordnung durch Vergleiche mit anderen Münzen dieser Prägung. Manch ein vergleichbares Stück zeigt zudem einen deutlichen umlaufenden Perlrand, der hier fehlt. Trotzdem überwiegen die Übereinstimmungen. So konnte Albert Hansen auch nach seinem Ausscheiden als Museumsleiter zu Erweiterung der Museumssammlung beitragen.


Literatur:

H. Brandl, Die Skulpturen des 13. Jahrhunderts im Magdeburger Dom. Zu den Bildwerken der älteren und jüngeren Werkstatt. Landesamt für Denkmalpflege und Archäologie Sachsen-Anhalt, Landesmuseum für Vorgeschichte (Halle/Saale 2009).

A. J. Herzberg, Der heilige Mauritius. Ein Beitrag zur Geschichte der deutschen Mauritiusverehrung (Düsseldorf 1936) 10. 73.

M. Mehl, Münz- und Geldgeschichte des Erzbistums Magdeburg im Mittelalter (Hamburg 2011) 537. 567 Nr. 382 Taf. XVIII.

A. Suhle, Deutsche Münz- und Geldgeschichte von den Anfängen bis zum 15. Jahrhundert (Berlin 1955) 77.

http://www.regesta-imperii.de/id/1205-08-17_1_0_5_2_4_73_10678a (4.9.2019).

https://www.deutsche-biographie.de/sfz54643.html (5.9.2019).

http://www.mgh.de/dmgh/resolving/MGH_SS_14_S.417-419 (5.9.2019).

https://de.wikipedia.org/wiki/Ludolf_von_Kroppenstedt (9.9.2019).


Vergleiche:

https://www.ma-shops.com/olding/item.php?id=299517&lang=en (4.9.2019)

H. Heineken, Collection Hauswaldt. Sammlung Magdeburgischer Münzen und Medaillen (Berlin 1912) S. 19 Nr. 319. o. Abb.:

https://digi.ub.uni-heidelberg.de/diglit/kube1912_11_18/0029 (16.9.2019)

M. Mehl, Münz- und Geldgeschichte des Erzbistums Magdeburg im Mittelalter (Hamburg 2011) 567 Nr. 382 Taf. XVIII.

  




 





SammlungsStück August 2019

 

Museumsarbeit ist immer wieder überraschend. So stießen wir durch Zufall auf die Tafeln einer Fotoausstellung, die von November 1977 bis Mai 1978 im Börde-Museum präsentiert wurde. Eine spannende Recherche begann, die mich zum Sammlungsstück des Monats, einem Plakat für diese Ausstellung, führte.

Doch wie begann es: In Vorbereitung auf die anstehende Sanierung des Börde-Museums wurden mehrere Hartfaserplatten im sog. Torhaus gefunden. Auf den dort vergessenen Tafeln befanden sich rund 200 Fotografien. Eine weitere Tafel gab die „Bildautoren“ der Fotos an.

 

Tafel aus der Ausstellung mit Nennung der Fotografen © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde



Bildautoren:

Erdemtijn Altanbulag

Ludwig Daume

Margit Emmrich

Klaus-Peter Fritzsche

Hartmut Hilgenfeld

Wesselina Milkowa

Hans Martin Sewcz

Ngyen van Thanh

Kieu minh Viet

Jaroslaw Wojczyk


 

Das Ziel war also klar definiert, dieser Schatz sollte für das Archiv aufgearbeitet werden. Per Mail und Telefon gelang es mir, einige der Urheber zu kontaktieren und alle waren dankenswerterweise zur Mitarbeit bereit. Einer der Fotografen, Ludwig Daume (Leipzig), berichtete mir, dass er das Setzen der Bilder übernommen und auch ein Plakat im Stil eines Kleinbildfilms gestaltet hatte. Also machte sich die Archiv-Mitarbeiterin Frau Schmidt auf die Suche und wurde nach kurzer Zeit fündig.

 

Plakat zur Ausstellung „Neugier ist keine Schande…“ © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde





Da war es das schlicht in schwarz-weiß gehaltene Plakat im A1-Format: Im oberen Bereich steht der Name der Ausstellung „Neugier ist keine Schande…“ unter dem Kleinbildfilm setzt sich der Satz fort „…vielleicht suchen Sie den Nachbarn und finden sich selbst“.

Dieser Satz passt treffend zu den in der Sonderschau präsentierten Aufnahmen. Dabei handelt es sich um Bilder aus verschiedenen Themenbereichen: Bildungswesen, Soziale Verbesserungen, Die neue Ziegelei, Leute, Aus der Landwirtschaft, Architektur: Das Erbe – Die Gegenwart und Sandstein. Gerade bei der Gruppe der Porträts von „Leuten“ finden sich viele Aufnahmen in den privaten Räumlichkeiten. So fotografierte Hans Martin Sewcz z. B. den damaligen Museumleiter Heinz Nowak und seine Frau Käthe in ihrer Wohnstube.

Die Plakate wurden im Umkreis des Museums verteilt und ausgehangen. Im Archiv des BMBU befindet sich dazu noch eine Listung, wo sie aufgehangen wurden.








Die Plakate wurden im Umkreis des Museums verteilt und ausge-hangen. Im Archiv des BMBU befindet sich dazu noch eine Listung, wo sie aufgehangen wurden.

Die Ausstellung „Neugier ist keine Schande“ ist das fotografische Ergebnis einer Praktikumsexkursion. Vom 10. Mai bis 23/24. Mai 1977 verbrachten 10 Studenten von der Abteilung Fotografie der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig in der Magdeburger Börde ihre  Praktikumsreise im zweiten Studienjahr. Organisiert wurde diese von der Aspirantin Margit Emmrich von Seiten der Hochschule in Leipzig, Wolfgang Jacobeit von den Staatlichen Museen zu Berlin und Heinz Nowak, dem damaligen Museumsleiter in Ummendorf.


                                                        Käthe und Heinz Nowak in Ihrem Wohnzimmer fotografiert von Hans Martin Sewcz © Fotoarchiv BMBU ─ Landkreis Börde


Die Exkursionsteilnehmer besuchten die Orte Ummendorf, Wefensleben, Wormsdorf und Eilsleben. Zahlreiche Eindrücke der Ortschaften und Menschen wurden festgehalten. Porträts von Handwerkern und Menschen in ihrem zu Hause entstanden. So ist wohl auch der Titel der Ausstellung zu verstehen, der davon zeugt, dass es Einblicke in das private Leben ermöglicht. Außerdem wurden in der Ausstellung zahl-reiche Fotografien zum Themenbereich Sandstein präsentiert.

Es handelt sich um Aufnahmen der Bildhauer: Dieter Borchardt (Magdeburg), Eberhard Roßdeutscher (Magdeburg), Wolfgang Roßdeutscher (Magdeburg), Ursula Schneider-Schulz (Magdeburg), Jochen Sendler (Magdeburg) und Klaus Thiede (Magdeburg). Sie nahmen am Symposion der Magdeburger Bildhauer des VBK (Verband Bildender Künstler) der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) – Bezirk Magdeburg 1977 teil, die zwischen 1975 und 1985 regelmäßig stattfanden.

Diese Fotografien wurden jedoch nicht von Teilnehmern der Exkursion angefertigt, sondern von Horst Thorau (1930–1989), der ebenfalls an der Hochschule in Leipzig lehrte und 1977 das Sandsteinsymposion dokumentierte. Durch den Hinweis von Wolfgang Roßdeutscher auf diese Spur gebracht, fand sich in den Protokollen zu den Planungen auch ein Hinweis darauf. Im Protokoll vom 20. Sept. 1976 steht auf  Seite 4: „Von Kollegen H. Thorau wird eine Fotoserie angefertigt.“

Auch wenn das Plakat angibt, dass die Ausstellung vom 29. Nov. 1977 bis zum 28. Februar 1978 laufen sollte, wurde sie wohl verlängert, denn im Archiv hat Heinz Nowak festgehalten, dass 3495 Besucher bis zum 8. Mai 1978 die Sonderschau sahen. Am 25. Januar erschien in der Presse auch noch einmal ein Hinweis auf die Ausstellung, geschrieben von Hartmut Beyer.


Presseartikel von Hartmut Beyer © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde

 

 

Vom 13. bis 16. März 1978 wurde die Ausstellung außerhalb von Ummendorf in Hadmersleben auf der Landeskulturkonferenz gezeigt und Herr Nowak notierte auch hier noch einmal zusätzliche 950 Be-sucher.

Eröffnet wurde die Ausstellung am 29. November 1977, um 16.00 Uhr. Hierzu kam auch eine Delegation der Studenten aus Leipzig. Am 24. Nov. 1977 bestätigt dies M. Emmrich telegrafisch: „alles geklärt wir kommen mit barkas montag 11,30 Uhr – gruss emmrich“.

Die Reisekosten wurden, wie auch die Kosten für den Druck der Fotoarbeiten, vom Museum, bzw. dem Kreis getragen.

Die Forschungen zu dieser Bilddokumentation sind noch nicht abgeschlossendank der Unterstützung von Ludwig Daume, Margit Emmrich, Klaus-Peter Fritzsche, Hans Martin Sewcz, Wolfgang Roßdeutscher und Jaroslaw Krzysztof Wojczyk , aber auf einem guten Weg.

 






Literatur:

Archiv BMBU: Kunst und Kunstpflege / Symposien Ummendorf 1975-1985

                  Kunst und Kunstpflege / Protokolle 20. Sept. 1976 Seite 4

                  „Von Kollegen H. Thorau wird eine Fotoserie angefertigt.“

                  Ausstellungen 1977 – Studentensommer

 

N. Panteleon, Bildhauerarbeiten im Börde-Museum, SammlungsStücke Heft 1 (Ummendorf 2015) 10–12.

Verband Bildender Künstler der DDR, Bezirk Magdeburg / Rat des Bezirkes Magdeburg, Abteilung Kultur (Hrsg.), Kleinplastik. Bildhauer des VBK DDR Bezirk Magdeburg stellen aus (Magdeburg 1975).

S. Vogel, Bildhauerkunst aus Sandstein in der Gartenanlage des Börde-Museums Burg Ummendorf, Flyer (Ummendorf 2017).

S. Vogel, »Lesende«, SammlungsStücke Heft 4 (Ummendorf 2018) 3–10.

Potsdamer Neueste Nachrichten, 12.1.2004, Almut Andreae https://www.pnn.de/kultur/thorau-und-fernstudenten/22372540.html [24.07.2019]

 

Danksagung:

Ich danke: Ludwig Daume, Margit Emmrich, Klaus-Peter Fritzsche, Hans Martin Sewcz, Wolfgang Roßdeutscher und Jaroslaw Krzysztof Wojczyk für Ihre Unterstützung.





SammlungsStück Juli 2019

Fotograpfie SZ 24 Agronom mit Balancierpflug

 

SZ 24 Agronom mit Balancierpflug © Archiv BMBU - Landkreis Börde


Material:             Fotopapier

Art:                    schwarz-weiß Aufnahme

Fotograf:              Alfred Wilke, Wefensleben

Inv. Nr.:               BAW_2017_2111

Herkunft:             Schenkung Volksstimme Wanzleben

Datierung:            1961

Maße/Format:       170 x 86 mm




  

In der Geschichte der Landtechnik gab es Entwicklungen, die sich nicht bewährten und  aus verschiedenen Gründen wieder aufgegeben wurden. Die meisten von ihnen gerieten damit in Vergessenheit. Im Archiv des Börde-Museums befindet sich eine der wenigen und seltenen Aufnahmen eines solchen Gerätes, des Seilzugaggregates SZ 24 ›Agronom‹.

Von dieser Maschine ist nicht viel und darunter auch falsches überliefert. So wird zum Beispiel behauptet, dass nach dem Zweiten Weltkrieg ausrangierte Panzer umgebaut worden sind, um damit das Seilpflügen zu praktizieren. Um einige Sachverhalte zu klären, ist dieser Beitrag gedacht. Zudem besitzen die Maschinen einen regionalen Bezug, was zur Beschäftigung mit ihrer Geschichte motiviert.

Um 1955/56 erhielt der VEB Traktorenwerk Schönebeck den Auftrag, ein motorgetriebenes Seilzugaggregat zu entwickeln. Hintergrund war, dass das Pflügen mit Dampf aus unterschiedlichen Gründen von Traktoren im Direktzug abgelöst wurde, jedoch durch ihren hohen Bodendruck Schäden auf den Feldern verursachten. Mit einem Dieselaggregat wollte man nun das bewährte Seilpflügen aufrechterhalten. Gleichzeitig versprach die neue Zugmaschine einen unabhängigeren Einsatz seitens der Betriebsstoffe und einen geringeren Personalaufwand gegenüber den Dampflokomobilen sowie eine höhere Effektivität gegenüber den Traktoren.

Die ›Schönebecker‹ konnten bei den Konstruktionsarbeiten auf einen langjährigen Erfahrungsschatz zurückgreifen. Die meisten Mitarbeiter des Konstruktionsbüros stammten von FAMO. Neben Traktoren und Kettenschleppern war FAMO bekannt für schwere Halbkettenzugmaschinen für die Wehrmacht.

Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden in der DDR solche Fahrzeuge in Schönebeck für die kasernierte Volkspolizei entworfen, aber nicht in Serienproduktion gebracht.

Die dabei gemachten Erfahrungen bildeten die Basis für die Konstruktion des SZ 24 Agronom. Somit entwickelte man im Schönebecker Traktorenwerk unter der Leitung von Reinhard Blumenthal (1928–2012) einen Kettenschlepper, der hinter dem Fahrerhaus auf dem Chassis (Fahrgestell) eine Seiltrommel besaß. Angetrieben wurde das Aggregat anfangs von einem 150 PS, später in der Serie mit einem 180 PS starken Sechszylinder Dieselmotor. Er stammte nicht, wie meist angenommen vom Horch H6-LKW, sondern wurde im VEB Motorenwerk Johannisthal hergestellt und fand vorrangig Verwendung im Schiffsbau. Die ersten Testversuche erfolgten in der Wische (Altmark) und in der Magdeburger Börde. Dazu wurden 1959 einige Sätze beim VEG Altenweddingen zu Testzwecken eingesetzt. Auch auf den Feldern um Seehausen (Börde) waren SZ 24-Sätze im Testbetrieb. Die ersten Versuchsmuster waren grau lackiert.

Das Seilzugaggregat wog 14 t und war bedeutend leichter als die Lokomobilen, die rund 20 t wogen. Als Seillänge waren 500 bis 600 m vorgesehen. Die Maschine war 6.180 mm lang, 2.600 mm breit und 2.240 mm hoch. Die Verständigung zwischen den beiden Maschinisten erfolgte über eine am Fahrzeug montierte Ampelanlage mit rotem und grünem Licht, mit der anzeigt wurde, wer ziehen soll. Dabei sind drei verschiedeneVarianten zum Einsatz gekommen. Die Leuchten der ersten Ampelanlagen wurden untereinander direkt im hinteren Holm des Fahrerhauses eingebaut. Da sie wahrscheinlich schlecht sichtbar waren, wurden sie dann separat am Fahrerhaus auf einer Halterung erhöht montiert. Die Lichtanlage wurde in Folge quer angeordnet. Zusätzlich verbesserte man diese durch eine Blendverkleidung, die das direkte Auftreffen des Sonnenlichts auf die Lichtanlage verhindern sollte.

Da auch diese nur bedungt tauglich war bei unebenem Gelände entwickelte man eine dritte Variante, wobei die Lichtanlage wieder separat aber jetzt höhenverstellbar auf einem Teleskophalter montiert wurde.

In den späteren Agronom–Varianten wurden ab 1965 eine UKW-Funkanlage eingebaut, mit der sich die Maschinenführer untereinander verständigen konnten.

Generell gab es ein linkes und ein rechtes Aggregat. Dementsprechend wurde auch die Lichtsignalanlage auf die entsprechende Pflugseite montiert. Das linke Aggregat hatte also die Lichtanlage rechts und das rechte links. Um den Fahrer bei einem eventuellen Seilriss zu schützen, erhielt die Seitenscheibe auf der Pflugseite eine starke Vergitterung, die das Eindringen des Seils in die Fahrerkabine verhindern sollte.


SZ 24 beim Pflügen. Gut erkennbar ist die auf einer Teleskopstange montierte Lichtanlage. © Foto H. Gettmann/Sammlung U. Schmidt


Das SZ 24 hatte ein Viergang-Getriebe und erreichte eine maximale Geschwindigkeit von 8,15 km/h. Ein weiteres Getriebe regelte die Zugkraft und die Drehgeschwindigkeit der Seiltrommel. Auch hier gab es vier Gänge, die folgende Leistungen ergaben:

Gang                   Geschwindigkeit                   Zugkraft

1. Gang                4,05 km/h                          12000 kg

2. Gang                4,93 km/h                            9700 kg

3. Gang                5,96 km/h                            8100 kg

4. Gang                7,85 km/h                            6100 kg

(Werksangaben)

 

Obwohl diese Werte als recht praktikabel angesehen werden müssen und konstruktiv der Schwerpunkt des SZ 24 bedeutend tiefer als bei den Dampflokomobilen lag, zeigten sich im praktischen Testbetrieb deutliche Unterschiede zum Dampfpflug. Wenn das SZ 24 schwer ziehen musste, neigte es zum Kippen. Das Kettenlaufwerk besaß zwar eine gute Geländegängigkeit, hatte aber einen zu geringen spezifischen Bodendruck, was sich trotz des hohen Gewichts negativ auf die Standfestigkeit auswirkte. Um dem entgegen zu wirken, wurde im Vorgewende eine Furche gezogen, mit dessen Hilfe sich das Aggregat abstützen konnte. In Iden (Altmark) testete das Landwirtschaftsinstitut Potsdam/Bornim über mehrere Tage das SZ 24 im direkten Vergleich mit einem Dampfpflugsatz. Als Ergebnis musste festgestellt werden, dass das Seilzugaggregat nicht an die Effektivität und die Leistung des Dampfpflugsatzes heranreichte. Einziger Vorteil war, dass das Pflügen mit dem SZ 24 weniger Personal benötigte und keine ständige Versorgungseinheit brauchte.

Deshalb wurde das Projekt weiterverfolgt. Im VEB Bodenbearbeitungsgeräte Leipzig (vormals Rudolf Sack) wurde ein Fünfscharkipppflug gefertigt sowie ein Drehpflug konstruiert und in Serie gebracht.

Der VEB Mähdrescherwerk Weimar erhielt 1959 den Auftrag zum Serienbau des Seilzugaggregates SZ 24 Agronom.

Bei der Produktion gab es leichte Veränderungen am Fahrerhaus . Am auffälligsten war die Farbgebung. Während die Testfahrzeuge noch in einem Grauton gehalten waren, bekamen die Serienfahrzeuge ein oranges Fahrerhaus und ein graues Chassis. Ausschlaggebend dafür war wahrscheinlich ein Vorführaggregat. Um es attraktiver erscheinen zu lassen, wurde es nicht grau, sondern orange ausgeführt. Es diente dazu, LPG-Vertretern die neue Technik in der Praxis zu demonstrieren.


Eine seltene Farbaufnahme zeigt das Vorführaggregat in Orange. © Foto unbekannt/Sammlung N. Hohmann (ca. 1961)













Auf den Fahrerhaustüren der Serienausführung befand sich der Schriftzug ›Agronom‹. Die Beschriftung fehlte an dem Vorführaggregat noch. Es gab auch unterschiedliche Luftaustrittsschlitze in der seitlichen Motorenverkleidung.

Die Lichtanlage des im Bild gezeigten Vorführaggregates ist im Holm integriert und der ›Agronom‹-Schriftzug fehlt noch an der Tür. Das lässt die Vermutung zu, dass es sich noch nicht um ein Serienfahrzeug handelt.

1962 unterzog man das SZ 24 einem weiteren Leistungsvergleich mit anderen Traktoren. Unter ihnen nahm auch der Nordhäuser Tandem-Schlepper RTA 550 teil. Hierbei handelte es sich um zwei Famulus 46, die gekoppelt einen 92 PS-Allradtraktor ergaben. Dieser Schlepper arbeitete mit dem Vierfurchenanhängebeetpflug B 187. Die Leistungen, die der Traktor beim Pflügen erreichte, wurden als 100% Basisgrundlage angenommen. Das SZ 24 arbeitete im Vergleich zum RTA 550 mit einem fünfscharigen Heucke-Kipppflug.

Mit großer Wahrscheinlichkeit entstand dabei diese Aufnahme, die sich im Bestand des Börde-Museums befindet.

Als Ergebnis musste festgestellt werden, dass das SZ 24 die gleichen Leistungsparameter wie der RT 550 erreichte, allerdings mit einem viel höheren Aufwand an Arbeitskräften und Material. Dazu kamen technische Störungen im Seiltrommelantrieb. Im Lehrbuch Landmaschinenlehre von H. Heyde lässt sich auf der Seite 345 unter dem Kapitel ›15.2.4.8 Mehrachsantrieb‹ folgendes nachlesen:

»Das Zugvermögen zweier angetriebener Achsen ist im Vergleich zu zwei einzelnen Standartschleppern um 10 [–] 35 % größer. Der Zugkraftgewinn steigt mit ungünstig werdender Fahrbahn. Neben allradgetriebenen Spezialschleppern können unter schwierigen Einsatzbedingungen nach Abnahme der Vorderachse zwei Standartschlepper als Tandem miteinander gekoppelt werden. Solche Schlepper mit Allradantrieb sind in Folge ihrer höheren Zugfähigkeit und Motorleistung imstande, mit geringeren Arbeitsstunden- und Materialaufwand auf den genossenschaftlichen Großflächen diejenigen schweren Zugarbeiten zu übernehmen, für die bisher nur der Kettenschlepper oder das Seilzugaggregat zur Verfügung standen.«

Mit dieser Erkenntnis stand das SZ 24 vor dem Aus. Bis 1961 wurden insgesamt 61 Sätze, also 122 Aggregate produziert und in der DDR eingesetzt. Ein Teil, der in der Börde stationierten SZ 24, wurden um 1963 im KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) Barneberg verschrottet.

Die Aufgaben der Museen ist es, zu sammeln, zu bewahren und die Forschungsergebnisse als Bildungseinrichtung zu vermitteln. Im Falle des landtechnischen Gerätes SZ 24 gelang dies nicht einem Museum. Alle diese Fahrzeuge wurden verschrottet. Umso wichtiger sind heute historische Fotografien, die solche oder ähnliche technische Entwicklungen belegen.

Quellen:

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004).

H. Heyde (Hrsg.), Landmaschinenlehre. Leitfaden für Studierende der Landwirtschaft. Band I (Berlin1964) 345.

H. Hintersdorf, Der »Agronom« sollte es richten in. Der Schlepperfreund. Zeitschrift für historische Landtechnik Nr. 35, Februar 1999, (Möglingen 1999) 12–17.

N. Hohmann, Das Seilzugaggregat SZ 24. (o.J.)

U. Schmidt, Dampfpflügen in der Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft. Band 13 (Ummendorf 2018).





SammlungsStück Juni 2019

Sogenannter ›Handkorb der Raubmörderin Erbe‹

Ein Damen-Handkorb, angeblich aus dem Besitz der ›Raubmörderin Erbe‹. © Foto G. Neumann BMBU - Landkreis Börde.

  



Datierung:               um 1900

Maße:                    H ca. 20 cm / L 27 cm / Br 17 cm

Material:                 Weide, Rattan, Leder, Gras, Baumwolle, Messing

Inv.-Nr.:                   V:02/07/04/04                

 

 

 


 


Das SammlungsStück Juni gehört wohl ohne Zweifel zur Rubrik ›Bizarres aus der Museumssammlung‹ und erinnert an Objekte, die einst in sogenannten Kuriositätenkabinetten einem sensationslüsternen Publikum präsentiert wurden. Dabei ist unser Kuriosum aber durchaus keine Seltenheit. Vielmehr beherbergen Museen weltweit ähnlich skurrile Exponate. Dies ist u. a. der Tatsache geschuldet, dass nicht wenige der heutigen Museumssammlungen aus eben jenen Kuriositätenkabinetten hervorgegangen sind. Meist auf Betreiben des Adels oder des geschichtsinteressierten Bürgertums – wie etwa Pfarrern oder Lehrern – zusammengetragen, stand doch oftmals das Seltsame und Wunderliche klar im Vordergrund.

So findet sich in vielen alten Sammlungen das eine oder andere Exponat mit – aus heutiger Sicht – ›fragwürdigem‹ Hintergrund. Auch wenn solche Objekte heutzutage aufgrund ihres unwissenschaftlichen oder unmoralischen Kontextes nur noch selten dem Publikum präsentiert werden, befinden sie sich doch weiterhin in den Magazinen und Archiven. Mittlerweile bilden sie gar eine ganz eigene Sammlungsgattung, werfen sie doch ein Schlaglicht auf den Ursprung und die Geschichte unserer Museen bzw. auf Selbstverständnis und Anschauung der ersten Museumswissenschaftler.

Nun stellt sich natürlich die Frage, was denn an einem so schönen und ›unschuldig‹ anmutenden Handkorb Anrüchiges – oder gar Unmoralisches sein soll? Die Antwort findet sich weniger im Objekt selbst, als vielmehr im Beweggrund seiner Archivierung.

Zunächst jedoch kurz zum Sammlungsstück an sich: Es handelt sich um einen zweifarbig gearbeiteten Handkorb mit doppeltem Henkel und zwei Metallschließen auf der Vorderseite. Der aus einem Deckel und leicht konisch geformten Unterteil bestehende Korb wird durch zwei, mit Nieten an der Korboberfläche befestigten, Lederriemen verbunden. An besagten Riemen befinden sich zugleich die Taschenverschlüsse. Das Grundgerüst des Korbes besteht aus Weide. Die Freiräume des horizontal und vertikal verlaufenden Flechtwerks werden durch Rattan, Gras und Baumwollschnur geschlossen. Dabei sorgt gerade das sich farblich absetzende Flechtband aus Gras sowie der dunkel und hell auftretende Rattan für eine ansehnliche Musterung des Korbes. Die beiden Henkel werden mittels vier kleiner Messingringe an der Oberseite des Deckels befestigt, wobei es sich bei einem der Ringe offensichtlich um eine nachträgliche Ergänzung – vermutlich im Zuge einer Reparatur – handelt.  Diese, in der Literatur auch als ›Trachtenkorb‹ bezeichnete Form der Damenhandtasche, erfreute sich im 19. und frühen 20. Jahrhundert großer Beliebtheit und war – je nach Ausführung – für die Trägerin etwas günstiger zu erwerben als die Stücke aus Leder. Die Form der Körbe erinnert eher an kleine Köfferchen oder Truhen, was sie wiederum mit den ersten Damenhandtaschen aus Leder und Stoff gemein hatten. Bereits aus der Barockzeit (17.–18. Jahrhundert) bekannt, treten derartige Tragekörbe bis heute als Accessoires in der Trachtenmode auf und haben sich in Form und Größe kaum verändert. Im Bestand des Börde-Museums befinden sich noch zwei weitere Exemplare, die sich in Größe und Beschaffenheit nur marginal von dem hier vorgestellten Objekt unterscheiden.

Nun jedoch zum eigentlichen Grund, warum unser Handkorb in die Sammlung gelangt ist. Dieser ist vorrangig in den vermeintlichen Besitzverhältnissen des Objektes zu suchen und weniger in dem Bestreben, die Frauenmode des ausgehenden 19. Jahrhunderts zu dokumentieren und für die Nachwelt zu bewahren – auch wenn dies für unsere heutige Sammlung einen schönen Nebeneffekt darstellt. So wird der Korb mit der Inventarnummer V:02107/04/04 als ›Damenkorb der Hausiererin und Raubmörderin Erbe‹ gelistet. Weitere Informationen finden sich in der Ortschronik Reinhold Vogels, der in einer Auflistung der ersten Exponate, die in die Sammlung des 1924 neu gegründeten Museums gelangten, auch den hier vorgestellten Handkorb erwähnt. Hier wird unter der Nummer 1 der aus Ummendorf stammenden Schaustücke der „Handkorb der Raubmörderin Erbe“ gelistet. Weiter heißt es:

»Diesen hatte die Raubmörderin, die um 1900 ihr Unwesen in den Waldungen um Neuhaldensleben trieb, bei dem Hausieren in unserm Dorfe im Jahre 1898 in der Wohnung von Heinrich Falke (jetzt Hartmann Schäferstr. 10) stehen lassen. Ihr Kumpane war der berüchtigte Raubmörder Buntrock aus Holzminden«.

Auch der Eintrag in den Inventarlisten des Museums liest sich in ähnlicher Weise, wobei berücksichtigt werden muss, dass sich möglicherweise der eine Autor auf den anderen bezieht oder zumindest beide (Museumsleiter Albert Hansen und der Chronist Reinhold Vogel) die gleiche Quelle nutzten.

Das schöne Körbchen soll also aus dem Besitz einer Raubmörderin stammen und fand allein aufgrund dieser Tatsache bzw. Annahme seinen Weg ins Sammlungsgut des Museums. Doch was ist dran an dieser Angabe? Wer war die »Raubmörderin Erbe« und was hat sie mit Ummendorf zu tun? Eine Überprüfung der bei R. Vogel und in den Inventarbüchern des Museums gemachten Einträge ergibt erste Zweifel an der abenteuerlichen Geschichte. Zunächst gab es überhaupt keine ›Raubmörderin Erbe‹, sehr wohl jedoch eine Frau mit Namen Dorothee Buntrock, die gemeinsam mit ihrem ›Kumpanen‹ Fritz Erbe für mindestens zwei Morde verantwortlich gemacht wurde. Allen Anschein nach wurden die Nachnamen der beiden Verbrecher – Erbe und Buntrock – vertauscht, was die Provenienz des Stückes bereits wenig glaubwürdig erscheinen lässt. Eine weitere Angabe, die einer näheren Überprüfung nicht standhält, ist das Jahr 1898, in welchem »die Buntrock« (alias Erbe) den Korb in Ummendorf stehen gelassen haben soll. Dorothee Buntrock, die in manchen historischen Berichten und Zeitungsartikeln auch Dora Buntrock genannt wird, weilte in besagtem Jahr nämlich bereits nicht mehr unter den Lebenden und kann somit unmöglich ihren Handkorb im Ort vergessen haben.

Fakt ist, dass die als ›Erbe-Buntrock-Fall‹ berühmt gewordenen Geschehnisse regional und überregional für Schlagzeilen sorgten und mit großer Wahrscheinlichkeit auch von der Ummendorfer Bevölkerung wahrgenommen und diskutiert wurden. Die Geschehnisse, die sich zwischen den Jahren 1890 und 1893 abspielten, sollen im Folgenden in aller Kürze umrissen werden:

Im November 1891 findet ein Spaziergänger im Wald von Neuhaldensleben die bereits stark verwesten Überreste einer Frauenleiche. Presseberichte und das Monogramm ›E. K.‹, welches sich auf der noch erhaltenen Unterwäsche der Toten befand, grenzten den Kreis der Vermissten schnell ein. Am 8. Dezember 1891 schrieb das Amtliche Wanzlebener Kreisblatt, dass es sich bei der Toten um die 30-jährige Emma Kasten aus Minden handele. Zeugenbefragungen ergaben, dass sich Emma Kasten bereits im Mai 1890 nach Haldensleben begeben hatte, da sie sich – als sie bei Verwandten in Magdeburg weilte – auf die Zeitungsannonce einer Stellenvermittlerin meldete, die nach einer Reisebegleiterin für eine Grafenfamilie suchte. Die Spur führte schnell zu der Verfasserin der Stellenanzeige: Dorothee Buntrock. Diese wurde bereits am 8. Januar 1892 in Osnabrück verhaftet. Nachdem man bei ihr die Kleider der Toten fand, gestand Buntrock die Tat, gab jedoch an, den Mord gemeinsam mit ihrem damaligen Lebenspartner Fritz Erbe begangen zu haben. Noch am selben Tag konnte dieser in Bielefeld verhaftet werden. Ermittelnder Kriminalkommissar war ein gewisser Schmidt aus Magdeburg. Dorthin wurden auch die beiden Verdächtigen gebracht. Fritz Erbe stritt alle gegen ihn erhobenen Vorwürfe ab und beschuldigte stattdessen Karl Behrens »[…] einen weiteren Liebhaber der Buntrock […]« der Komplizenschaft am Mordgeschehen.


Dorothee Buntrock (links) und Fritz Erbe (rechts). Die Aufnahmen wurden auf Antrag der Staatsanwaltschaft am 14. Januar 1892 im Photographischen Atelier W. Röhl in Magdeburg angefertigt. © http://www.true-crime-story.de/fritz-erbe-und-dorothee-buntrock-ein-moerderisches-duo/.

  










 




Durch die öffentliche Berichterstattung auf den Fall aufmerksam gemacht, meldete sich der Hamelner Hotelier Klage bei der Polizei und gab zu Protokoll, dass seine 17-jährige Tochter Dora Klage im August 1890 ebenfalls verschwunden sei, nachdem sie sich auf eine ähnliche Stellenanzeige gemeldet habe. Die anschließende Vernehmung führte zum zweiten Geständnis Buntrocks. Diese gab zu, Dora Klage aus den vier Bewerberinnen aufgrund ihres schönen Kleides ausgesucht zu haben. Sie sei mit ihr nach Eschede (Niedersachsen) gefahren, wo ihr Komplize Fritz Erbe zu ihnen stieß. Unter dem Vorwand sich zum Schloss der Grafenfamilie zu begeben, liefen die beiden – geleitet vom freundlichen und ›zufällig‹ vorbeikommenden Spaziergänger Erbe – in den nahen Wald. Hier überwältigten die beiden das Mädchen. Dorothee Buntrock (die zu diesem Zeitpunkt im Übrigen im 9. Monat schwanger war) fixierte den Oberkörper des Opfers, während Fritz Erbe es erst vergewaltigte und danach mit einem Messer tötete. Anschließend entkleidete Dorothee Buntrock die Tote, nahm ihr den Schmuck ab und verscharrte gemeinsam mit Erbe den Leichnam unmittelbar am Tatort. Ein größtenteils identischer Tatablauf ist nach Angabe der beiden Täter auch für das zweite Opfer – Emma Kasten – anzunehmen.

Durch mehrere Zeugenaussagen und Briefe konnte auch Erbe, trotz fehlenden Geständnisses, überführt werden. Am 29. Juni 1892 wurden beide vor dem Schwurgericht Magdeburg für schuldig befunden und für den »zweifachen Mord aus Habsucht« zum Tode verurteilt. Beinahe ein Jahr später, am 24. Mai 1893 wurden Dorothee Buntrock und Fritz Erbe durch den extra aus Berlin angereisten Schafrichter Wilhelm Reindel enthauptet. Im Zuge des Prozesses kamen noch weitere Fälle ans Licht, in denen sich junge Frauen auf fingierte Annoncen des Verbrecherpaares gemeldet hatten. Aber verschiedene (glückliche) Zufälle führten scheinbar dazu, dass kein weiteres Verbrechen begangen worden war, zumindest konnte dem Paar kein weiterer Mord nachgewiesen werden.

Heutige Ermittler würden das im Magdeburger Schwurgericht angeführten Motiv der beiden Mörder nur bedingt gelten lassen. Beide Opfer trugen kaum Bargeld bei sich und auch keinen nennenswerten Schmuck. In beiden Fällen trugen die Frauen jedoch ein schönes Kleid – ein Tatmotiv, welches bereits im Prozess für Unverständnis bei Justiz und Publikum sorgte. Vielmehr scheint die – nach Aussage von Fritz Erbe bereits im Voraus miteingeplante Vergewaltigung – ein Hauptmotiv (von ihm) gewesen zu sein. Die Kleidung der Frauen – die für Dorothee Buntrock nach eigenen Aussagen ausschlaggebend bei der Auswahl der Opfer war – durfte sie behalten. Ob Dorothee Buntrock gefallen am Beobachten des sexuellen Missbrauchs und der Tötung empfand oder ob sie nur den Anweisungen ihres Partners gehorchte, bleibt unklar, denn psychologische Gutachten sucht man in der damaligen Rechtsprechung meist vergebens.

 

Grab der Dora Klages auf dem Escheder Friedhof. © 2006/2018 by Christian Oehlschläger, Burgwedel

 

Bis heute steht auf dem Escheder Friedhof der Grabstein der Dora Klage auf dessen zwei Seiten folgende Inschrift zu lesen ist:

Hier ruht in Gott
Dora Klages
geb. zu Hameln 22. März 1873
ermordet, beraubt
im Walde bei Eschede
am 13. August 1890
aufgefunden und begraben
am 21. März 1892

(und auf der Rückseite)

Unter kalten Mörderhänden
Mußte sie ihr Leben enden
Ein traurig Los war ihr beschieden
Nun ruht sie fest in Gottes Frieden

 



So schließt sich der Kreis vom mutmaßlichen Handkorb einer – aus heutiger Sicht – ›nur‹ der Beihilfe zum Mord schuldig gemachen Frau, zu einem noch heute erhaltenen Grabstein auf einem 116 km entfernt liegenden Friedhof. In Eschede befindet sich auch noch ein kleiner Gedenkstein, durch den auf den Tatort verwiesen wird. Im Wald bei Haldensleben gibt es, nach Recherche der Autorin, nichts Vergleichbares und auch über das Grab des zweiten Opfers Emma Kasten liegen keine weiteren Informationen vor.

Wie aber kommt nun die Schenkgeberin des Handkorbes auf die Idee, dass es sich dabei um das Eigentum von Dorothee Buntrock handelt und das sich diese in Ummendorf »auf der Flucht« befand? Wie bereits zu Anfang erwähnt kursierten – ausgelöst durch die beinahe tägliche und z. T. sehr reißerische Berichterstattung in den Zeitungen – in der ganzen Region eine große Anzahl an Gerüchten und Verschwörungstheorien. Immer wieder wurde über Fälle berichtet, in denen »die Buntrock« gesehen worden sein soll. Ihr wurden mehrere Vergehen zur Last gelegt, darunter der Mord an einem kleinen Jungen in Xanten (NRW) und einige missglückte Mordversuche an alleinstehenden Männern (unter anderem in Burg, Sachsen-Anhalt). Sämtliche Geschichten wurden später als Zeitungsenten oder lokaler ›Dorftratsch‹ entlarvt – aber die Gerüchte und Schauergeschichten rissen dennoch über lange Zeit nicht ab. In diesem Kontext muss wohl auch die Ansprache unseres SammlungsStückes gesehen werden, vielleicht tatsächlich verloren von einer ›flüchtenden‹ Hausiererin – jedoch nicht von Dorothee Buntrock.

 

  

Literatur:

G. Bäcker (Hrsg.), H. Friedländer, Forensische Dramen, Gerichtsreportagen 1871 – 1914, Band 1 (Köln 2013), S. 138-143.

R. Vogel, Ummendorf, Unsere Dorfgeschichte, Band II (Ummendorf 1960), S, 6.

Amtliches Wanzlebener Kreisblatt, Nr. 140, Nr. 142 und Nr. 145, 1891.

Amtliches Wanzlebener Kreisblatt, Ausgaben vom 03., 12, 14., 21., 23., 28. und 30.01.1892, vom 9. und 25.02.1892, vom 01., 12., 15. Und 24.03.1892, vom 14., 17., 26. Und 30.04.1892, vom 03.5.1892, 02., 07. und 27.05.1893.    

https://www.cellesche-zeitung.de/Celler-Land/Eschede/Friedhof-Eschede-Historisches-bewahren-Modernes-integrieren

http://www.true-crime-story.de/fritz-erbe-und-dorothee-buntrock-ein-moerderisches-duo/

http://www.eschede.de/nc/geschichte/geschichte-und-geschichten/dora-klages.html?sword_list%5B%5D=Raubmord







SammlungsStück Mai 2019                                                              

Aquarell von Daisy Roderich-Huch

 

Innenansicht der Ampfurther Kirche, Blick auf Kanzel und Kirchengestühl, Aquarell Daisy Roderich-Huch, BMBM_V:22/00/17/105





Inv.Nr.:                               BMBM_V:22/00/17/105  

Künstlerin:                           Daisy Roderich-Huch (1894–1983)

Titel:                                  ohne Titel (Christuskirche in Ampfurth)

Technik:                               Aquarellmalerei

Blatt-Maß:                            H 39,7 cm / B 29,7 cm   

Signatur:                             Huch

Datierung:                           2. Hälfte 1940er-Jahre









Im Börde-Museum Burg Ummendorf befinden sich u. a. einige Sammlungsbestände mit Arbeiten von Kunstschaffenden der Magdeburger Börde. Dazu gehört auch der künstlerische Nachlass von Daisy Roderich-Huch. 1961 übergab sie selbst 134 Werke, mit Motiven aus der Region, an den damaligen Museumsleiter Heinz Nowak. Diese waren vorwiegend zwischen 1944 und 1949 entstanden. Es handelte sich dabei um Bleistift-, Kohle-, Tusche- oder Federzeichnungen, Radierungen bzw. Aquarelle. Die gewählten Motive befanden sich in ihrem Wohnumfeld und erstreckten sich hauptsächlich auf Schermcke, Klein Wanzleben, Seehausen, Meyendorf und Ampfurth. Aus einer Aktennotiz von Heinz Nowak geht hervor, dass Daisy Roderich-Huch dem Museum im September 1980 „14 Blätter unterschiedlichen Formats (Aquarelle, Federzeichnungen, Holzschnitte) sowie eine in kalligraphischer Schrift ausgeführte Beschreibung der Epithaphien in der Kirche zu Ampfurth übergeben und weitere Schenkungen in Aussicht gestellt“ hat.


Kalligraphischer Text zum Grabdenkmal des Hartwig von dem Werder, Ampfurther Kirche, Daisy Roderich-Huch, 1940er-Jahre

 

 

 

 

Im Jahr 2004 erhielt die Museumssammlung einen weiteren umfangreichen Zugang von 234 gestaltete Bögen. 2008 und 2009 kamen persönliche Unterlagen und Fotos hinzu und ermöglichten nun auch ihre Vita etwas feinteiliger aufzubereiten. Dies erfolgte 2009 in einer Sonderausstellung des Börde-Museums zum 115. Geburtstag von Daisy Roderich-Huch und in zwei Beiträgen 2009 und 2013 (siehe Literaturliste im Anhang).

Mit künstlerischen Arbeiten zur Ampfurther Kirche von Daisy Roderich-Huch sei ihrem 125. Geburtsjubiläum am 15. Mai 2019 gedacht. Die Dorfkirche mit der besonderen Architektur beeindruckte wohl auch die im Nachbarort Schermcke wohnhafte Künstlerin so sehr, dass sie mehrere Einzeldarstellungen dazu in unterschiedlichen Techniken anfertigte: Aquarelle, Kohle- und etliche Federzeichnungen.


Kirche Ampfurth, Aquarell Daisy Roderich-Huch, BMBU_V:22/00/17/108




Die Pastellfarben der beiden abgebildeten Aquarelle, in Verbindung mit der geöffneten Außentür, lassen den Kirchenraum einladend, lichtdurchflutet erscheinen. Die Künstlerin vermag so, das sonst im Inneren eher düster und stückweit beengend wirkende Gotteshaus mit seinen dominanten Grabdenkmälern, in einer gewissen Leichtigkeit und Helligkeit zu veranschaulichen. Bei den Federzeichnungen sticht vielfach die Präzision der Ausführung hervor. Besonders die Detailtreue bei einzelnen Architekturelementen und mehr noch bei den Asseburgischen Grabmälern ist verblüffend. Sie sind den Fotos von Dr. Heinrich Bergner in seinem Buch ›Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Wanzleben‹ aus dem Jahr 1912 vielfach ebenbürtig.  

Auf dem Aquarell mit Blick durch die Kirchentür ins Freie, links oberhalb der Tür, ist das kleine Epitaph der Anna von Alvensleben (gest. 1591) angedeutet, auf dem die Verstorbene einsam vor einem von Engeln gehaltenen Vorhang kniet. Das auf beiden Aquarellen dargestellte Bildwerk ist der 1574 gestorbenen Gertrud von Veltheim gewidmet, ein Gemälde aus Holz mit geschnitztem, farbig gefasstem Rahmen. – Ein Werk des Braunschweiger Hofmalers Adam Offinger aus dem Jahr 1578.







Das weit überstehende Chordach, welches von freistehenden hölzernen Rundsäulen getragen wird und einen Laubengang bildet, stellt ein besonderes Architekturelement dar, das Daisy ebenfalls zu Papier brachte. Vorhangbogenfenster und die aufwendig gestalteten Epitaphien – an der Außenwand des Chores (Valtin Hortleder, gest. 1591 im Alter von 58 Jahren, Asseburgischer Hauptmann und Sabina Dobenecker, gest. 1588, Hortleders ›ehliche Havsfrawe‹ – Hausfrau) sowie im inneren der Kirche: Heinrich der Fromme von der Asseburg (gest. 1575), Hartwig v. d. Werder (gest. 1567), Anna von Alvensleben (gest. 1571), Gertrud von Veltheim (gest. 1574) und Asche von der Asseburg (gest. 1580), sind filigran umgesetzt. Der auf dem Aquarell erkennbare Ausschnitt mit Blick auf Kanzel und Kirchgestühl wird in der Federzeichnung indirekt fortgeführt und zeigt neben den Kirchenbänken die Orgel und frontal die separate Empore für die Burgherren von der Asseburg.

                                                                                                                     

Außenansichten der Christuskirche in Ampfurth, Federzeichnungen Daisy Roderich-Huch, BMBM_V:22/00/17/46, 43, 69


 

Innenansichten der Christuskirche in Ampfurth, Federzeichnungen Daisy Roderich-Huch, BMBM_V:22/00/17/36, 37 und 59

 

Wer war nun diese Künstlerin, die uns diese und viele weitere Orts-, Gebäude- und Landschaftsbilder hinterlassen hat und damit regionale Momentaufnahmen  aus den 1940er-Jahren?

Daisy Dorothea Marie Ludwig, so der Mädchenname, wurde in Swinemünde (heutiges Polen) geboren. Ihre maßgeblichen Lebensstationen führten sie u. a. von Berlin über Dresden-Löschwitz, bis in die Magdeburger Börde – mit den Ortschaften Klein Wanzleben, Schermcke und Magdeburg, von wo aus der Weg zurück nach Berlin ging. Ihre Mutter Florence Ludwig, geb. Bishop, war Engländerin. Der Vater in Swinemünde als Schiffsausstatter zu Hause. Daisy hatte drei Brüder. Mit 18 Jahren begann sie in Berlin eine Ausbildung in der Lettehaus Photographische Lehranstalt, von wo aus sie auf Empfehlung nach zwei Semestern auf die Kunstschule wechselte. Die Ereignisse des Ersten Weltkrieges bewogen sie nicht zuletzt, nach einer Ausbildung das Staatliche Krankenpflegerinnen-Examen abzulegen. Sie arbeitete in verschiedenen Kliniken und Sanatorien, so auch in Dresden-Löschwitz. Dort lernte sie Dr. Roderich Huch (1880–1944), den Neffen der Schriftstellerin Ricarda Huch, kennen. Am 7. Mai 1940 heirateten Daisy und Roderich Huch. Da er Syndikus der Zuckerfabrik Kleinwanzleben, vorm. Rabbethge und Giesecke, war, wurde das Bördedorf ihr neuer Wohnort. Die Ehe blieb kinderlos. Mit dem Tod ihres Ehemannes am 6. Januar 1944 gab es eine tiefe Zäsur in ihrem Leben. Die Villa in Kleinwanzleben stand ihr nicht mehr zur Verfügung, der Umzug in das Schermcker Schloss bot auch dort nur für einige Jahre Quartier, da es zum Volkseigenen Gut erklärt wurde. Bis um 1950/51 entstanden zahlreiche Kaltnadelradierungen und eben Aquarelle und Federzeichnungen – wie die zur Ampfurther Christuskirche.

1946 erhielt Daisy Huch die Anerkennung als Malerin durch die Kunstkammer zu Halle. Zum ehrenden Andenken an ihren verstorbenen Ehemann fügte sie ihrem Namen den Rufnamen Roderich hinzu, sodass sie fortan bei Kunstausstellungen als Daisy Roderich-Huch benannt ist. Ab 1951 wohnte sie in Magdeburg und arbeitete im Ricker-Krankenhaus. Mit der Gründung der Medizinischen Akademie wurde sie wissenschaftliche Zeichnerin (Erstellung von Zeichnungen als studentisches Lehrmaterial im Bereich des pathologischen Instituts).  In der Kunstgewerbeschule in Magdeburg realisierte Daisy die Drucklegung der Lebenserinnerungen ihres Ehemannes Roderich. Hatte Daisy Roderich-Huch zwischen 1946 und 1949 an Kunstausstellungen in den Magdeburger Museen und im Moritzburgmuseum/Städtischen Museum in der Moritzburg zu Halle teilgenommen, ist aus ihrer Magdeburger Zeit zwischen 1951 bis 1961 diesbezüglich nichts überliefert.

 

Daisy Roderich-Huch, Künstlerausweis mit Passbild, 1950er-Jahre (BMBU_2010-634)

 

 













Wieder zurück in Berlin (West), gehörten nun Plastiken aus Ton und Bronze, Bronzereliefs namhafter Zeitgenossen (Rudolf Huch, Ricarda Huch, Dr. Friedrich Koldeway) sowie Holz- und Linolschnitte zum Werkschaffen. 1968 war sie in der „Juryfreien Kunstausstellung“ in Berlin (West) am Funkturm mit dem Bronzeguss „Waldkäutzchen“ (Katalognummer 769) vertreten. Ein ausgestellter Holzschnitt in der Ruhr-Universität in Bochum (1977) ist durch ein Foto von M. Goldschmidt dokumentiert. Das Foto und der Druckstock befinden sich mittlerweile in der Museumssammlung.

Am 4. September 1983 starb Daisy Roderich Huch im Alter von 89 Jahren im Paulinen-Krankenhaus in Berlin-Steglitz. Beigesetzt wurde sie am 4.11.1983 auf dem Onkel-Tom-Friedhof in Berlin Zehlendorf.

 

Literatur:

H. Bergner, Beschreibende Darstellung der älteren Bau- und Kunstdenkmäler des Kreises Wanzleben (Halle 1912 12–22.

Katalog, Ausstellung der Bildenden Künstler des Bezirkes Magdeburg vom 20. Oktober bis 17. November 1946, Magdeburger Museen. (BMBU_2010-648).

Katalog, Erste Juryfreie Kunstausstellung Land Sachsen-Anhalt, Malerei, Plastik, Graphik, im Moritzburgmuseum Halle-S. vom 5. Oktober bis 2. November 1947. (BMBU_2012-508).

Katalog, Juryfreie Kunstausstellung Berlin 1968, 23. April bis 15. Mai 1968 in den Ausstellungshallen am Funkturm“ (BMBU_7838).

M. Trippenbach, Asseburger Familiengeschichte. Nachrichten über das Geschlecht Wolfenbüttel-Asseburg und seine Besitzungen (Hannover 1915) 398–405.

E. Vogel, Spätgotische Dorfkirche in Ampfurth. In: Börde, Bode und Lappwald. Heimatschrift 1995   (Oschersleben 1994) 36–37.

S. Vogel, Künstlerisches Schaffen in einem neuen Licht. Der Nachlass „Daisy Roderich-Huch“ im Börde-Museum Burg Ummendorf. Retrospektive zum dreißigsten  Todestag einer ambitionierten Malerin und Grafikerin. In: Jahresschrift der Museen des Landkreises Börde, Band 53 (20) (Haldensleben 2013) 131–156.

S. Vogel, Zur 115. Wiederkehr des Geburtstages von Daisy Roderich-Huch – Eine bemerkenswerte Kunstmalerin und Plastikerin, eine Großstädterin in der Magdeburger Börde. In: Börde, Bode, Heide. Heimatschrift 2009 (Haldensleben 2008) 100–108.





SammlungsStück April 2019

Dreilagenkamm


Fragmentarisch erhaltener Dreilagenkamm aus der archäologischen Sammlung des Börde-Museums Burg Ummendorf © Foto G. Neumann BMBU - Landkreis Börde.

  



Material:           Knochen und Bronze

Fundort:            Hadmersleben, Kreis Wanzleben

Maße:               L noch 12,8  cm / H bis 7 cm / S bis 1,2 cm

Datierung:          375/76–586 n. Chr.        

Inv.-Nr.:              IV:1240       


       



 


In der archäologischen Ausstellung des Börde-Museums befindet sich in der Vitrine zur ›Spätantike‹ dieser fragmentarisch erhaltene Dreilagenkamm. Über die genauen Fundumstände des fein gearbeiteten Objektes ist nur wenig bekannt. Über den Nachlass von Herrn Dr. Weinrich gelangte es als Schenkung in die archäologische Sammlung des Börde-Museums. Dabei handelt sich allem Anschein nach um einen sogenannten Lesefund, einen Fund also, welcher ohne gezielte archäologische Grabung an der Erdoberfläche oder bei Bodeneingriffen ›aufgelesen‹ wird. Als Fundort unseres Exponates wird ein »steiles Ufer« in Hadmersleben, Kreis Wanzleben genannt, vermutlich stammt der Kamm also aus einer Uferböschung der Bode.

Bei dem gefundenen Objekt handelt es sich um einen besonderen Kammtypus, dem sogenannten Mehr- oder auch Dreilagenkamm. Die Bezeichnung bezieht sich auf die Fertigung bzw. den Aufbau dieser Kämme, welche meist aus Horn oder Knochen hergestellt wurden. Sie bestehen aus einem Mittelteil, an welchem die Zähne des Kammes sitzen sowie zwei Außenstücken, die sogenannten Deckplatten, die das Mittelstück von beiden Seiten umschließen. Betrachtet man unseren Dreilagenkamm etwas genauer, so kann man feststellen, dass dieser sogar aus vier Teilstücken zusammengesetzt wurde. Da eine Ecke des Kammes aufgebrochen ist, bietet sich dem Betrachter ein Blick in das Innere des Objektes. Hier zeigt sich, dass zwei Mittelstücke von den Deckplatten umschlossen werden – ein unteres, an dem sich die Kammzinken befinden und ein oberes, welches die Lücke zwischen den umschließenden Platten ausfüllt.

Der Kamm weist starke Beschädigungen auf und bei näherer Betrachtung erkennt man, dass das Exponat an einigen Stellen geklebt und aus mehreren Bruchstücken zusammengesetzt wurde. Der Großteil der fein ausgesägten Zinken ist bereits abgebrochen und die noch erhaltenen 22  sind z. T. von unterschiedlicher Länge.

Besonders sticht dies bei den beiden Zinken im mittleren Bereich heraus. Dies lässt zunächst vermuten, dass der Kamm nicht fachgerecht zusammengesetzt wurde, da sich die verkürzten Zinken eigentlich an den Rändern des Kammes  befinden müssten. Die Setzung der Bronzenieten, welche die Knochenplatten zusammenhalten, zeigen jedoch, dass sich alle Zinkenfragmente an ihrem ursprünglichen Platz befinden. Wahrscheinlicher ist, dass die Zinken bereits während der Nutzung des Kammes abgebrochen und erneut zugespitzt wurden.

Mehrlagenkämme kommen in ganz unterschiedlichen Epochen und Regionen vor. Die ältesten Objekte datieren bereits in das Jungneolithikum (ca. 4.300–3.900 vor Chr.). Diese Frühform weicht in Form und Konstruktion allerdings deutlich von den späteren Dreilagenkämmen ab, welche erst wieder ab der römischen Kaiserzeit (27.–284 v. Chr.) fassbar werden – hier insbesondere als Grabbeigabe. Von da an hält sich die Form des klassischen Dreilagenkammes bis in das Hochmittelalter (12. Jh. n. Chr.) hinein. Der schöne, mit kleinen Bronzenieten und Kreisen verzierte Dreilagenkamm aus dem Börde-Museum wird nach Form und Machart zwischen 375/76–586 n. Chr. datiert und kann somit der Spätantike (ca. 284–500 n. Chr.) zugeordnet werden.

Anders als von Laien vielleicht angenommen, ist der Kamm kein typisch weibliches Attribut, sondern erscheint gleichermaßen oft auch in männlichem Zusammenhang. In einigen Epochen und Regionen liegt die Anzahl der in Männergräbern gefundenen Objekte sogar um ein Vielfaches höher und gehört schon beinahe zur ›Standardausrüstung‹ eines Mannes der Mittel- und Oberschicht. Dieses Phänomen hat seinen Ursprung bereits in der Bronzezeit (ca. 2.200–800 v. Chr., in Nordeuropa bis ca. 550. v. Chr.). Hier wurde dem Toten häufig ein Rasiermesser oder/und eine Pinzette mit ins Grab gelegt, Utensilien also, die der Verstorbene bereits zu Lebzeiten zur Körperpflege nutzte und der damaligen Vorstellung nach scheinbar auch nach dem Tod gut gebrauchen konnte. Diese Tradition, auch als Mann gut gepflegt die Reise ins Jenseits anzutreten, zieht sich über die Jahrtausende hinweg und ist an keine spezielle Kultur oder Region gebunden, wie die zahlreichen ›kosmetischen Geräte‹ oder auch ›Toilettbestecke‹ in den Gräbern belegen.


Archäologischer Befund einer privaten Männerausrüstung, die am Gürtel getragen wurde (links). Rekonstruktionsversuch (rechts). © J. Ilkjær, S. 52 und 55.

 

 

  


 











So ist es aus archäologischer Sicht nicht weiter verwunderlich, wenn auch der Kamm, etwas häufiger im männlichen als im weiblichen Kontext zu finden ist, auch wenn die Nutzung eines Kammes zu Lebzeiten sicherlich unabhängig von Faktoren wie Geschlecht oder Alter war, steckt hinter dem zur Schau gestellten Besitz eines solchen wohl mehr als nur die reine Ordnung der Haare. Dass die Sitte, Verstorbenen einen Kamm ins Grab zu legen in jeder Epoche und in jeder Kultur anders bewertet werden muss, zeigen die Untersuchungen auf einem Gräberfeld in Kranj (Slowenien). Hier fanden sich Kämme beinahe ausschließlich in Kinderbestattungen und stellten in diesen Gräbern dann auch die einzige Beigabe dar. Mit dem Einzug des Christentums verschwindet die Beigabensitte nach und nach. Von nun an begegnen uns Dreilagenkämme in erster Linie bei Siedlungsgrabungen und hier speziell als Produkt bzw. Nachweis von städtischem Handwerk.

Ein einfacher Dreilagenkamm wurde unlängst zu einer wissenschaftlichen Sensation. So geschehen in Frienstedt bei Erfurt (Thüringen). Hier fanden Archäologen bei Ausgrabungen, die im Zuge von Straßenbaumaßnahmen durchgeführt werden mussten, einen Kamm, der gemeinsam mit einer Lanzenspitze aus Eisen und mehreren Tierknochen in einer Grube niedergelegt wurde. Dieser Fundkomplex, welcher von den Wissenschaftlern als Opfergrube gedeutet wurde, konnte in das Jahr 300 n. Chr. datiert werden. Die eigentliche Sensation folgte jedoch erst 11 Jahre nach dem Fund. Im Jahre 2011 untersuchte man die Objekte aus der Opfergrube erneut und stellte dabei eine Ritzung auf der Außenseite des Kammes fest, welche sich nach eingehender Prüfung als die älteste Runeninschrift Mitteldeutschlands erweisen sollte. Gleichzeitig war hierdurch der weltweit erstmalige Nachweis der westgermanischen Sprachgruppe gelungen.

Die Inschrift, die auf dem Kamm zu lesen war, lautete ›kaba‹, das westgermanische Wort für ›Kamm‹. Diese Eröffnung lässt einen im ersten Moment etwas schmunzeln –  ein Kamm auf dem ›Kamm‹ steht. Berücksichtigt man jedoch den Fundzusammenhang – eine Grube mit Opfergaben, vermutlich den Göttern, Ahnen oder einem anderen höheren Wesen geweiht, lässt sich erahnen, dass es sich bei einem Kamm für die damaligen Menschen um sehr viel mehr handeln musste, als nur ein alltägliches kosmetisches Gerät.

Dies gründet vermutlich in seinem Verwendungszweck. Dass dem menschlichen Haupthaar bereits in vorgeschichtlicher Zeit eine hohe Bedeutung zugemessen wurde, zeigen uns etwa die kunstvollen Frisuren, die sich anhand von Abbildungen und aus Beschreibungen antiker Autoren rekonstruieren lassen. Ein weiteres Indiz bilden eisenzeitliche Opferfunde aus Mooren in Norddeutschland, Dänemark und den Niederlanden. Hier wurden in den feuchten Untergrund nicht etwa Gold oder Bernstein sondern geflochtene Zöpfe versenkt. Auch in Sagen und Legenden (mit ›Samson‹ selbst im Alten Testament) finden sich immer wieder Geschichten, in denen dem Haar eine besondere Kraft zugesprochen wird.

 

Zwei geflochtene Zöpfe aus der Eisenzeit. Gefunden in einem Moor bei Odoorn (Niederlande). © J. R. Beuker, Mumien aus dem Moor, S. 124.


Doch dem Haupthaar wurde nicht nur in vorgeschichtlicher Zeit eine tiefere Bedeutung zugesprochen. Auch noch im Mittelalter galt das Abschneiden/Abscheren der Haare als sogenannte Ehrenstrafe, die bei kleineren Vergehen angewandt wurde. Auch Delinquenten die zum Tode verurteilt wurden, rasierte man oftmals vor der Hinrichtung  – als Zeichen des Verlustes ihrer Ehre und ihrer Bürgerrechte die Haare.

Ob Ketzer, Kriegsgefangene, Kollaborateure, Häftlinge der Konzentrationslager oder Insassen des US-Gefangenenlagers ›Guantanamo‹  – neben den häufig angeführten hygienischen Beweggründen, Gefangenen das Haar abzuschneiden, wurde und wird diese Maßnahme auch immer als öffentliche Erniedrigung und Unterwerfung einer Person empfunden. Die tiefe Bedeutung, die das Haar und somit auch zeitweise der Kamm für unsere Vorfahren hatte, lässt sich somit bis in unsere Zeit nachvollziehen.

 

Literatur:

J. R. Beuker, Das größte Opfer – Ein Menschenleben. In: Mumien aus dem Moor, C. Bergen / M.J.I.Th. Niekus / V.T. van Vilsteren (Hrsg.) (Zwolle 2002) 124.

M. Fansa / F. Both (Hrsg.), Faszination Moorleichen (Oldenburg 2011).

J. Ilkjær (Hrsg.), Illerup Ådal, ein archäologischer Zauberspiegel (Schleswig 2002).

M. Martin, Mit Sax und Gürtel ausgestattete Männergräber des 6. Jahrhunderts in der Nekropole von Kranj (Slowenien). In: Rajko Bratož (Hrsg.), Slowenien und die Nachbarländer zwischen Antike und karolingischer Epoche. Anfänge der slowenischen Ethnogenese Bd. 1 (Situla 39), Ljubljana 2000, S. 141–196.

U. Weller/ H. Kaiser / R. Heynowsky, Kosmetisches und medizinisches Gerät, erkennen, bestimmen, beschreiben. Bestimmungsbuch Archäologie Band 4, Altenburg 2016.

http://www.zbsa.eu/aktuelles/nachrichten/News/die-aelteste-schrift-mitteldeutschlands (Stand: 15.01.2019).

https://bawue.museum-digital.de/index.php?t=objekt&oges=421 (Stand: 15.01.2019).

https://www.archaeologie-online.de/nachrichten/aeltester-schriftfund-mitteldeutschlands-2014/. (Stand:15.01.2019)


 



SammlungsStück März 2019

12 Zierbeschläge vom Sarg des Andreas II. von Meyendorff


Abbildung 1: Das Wappen der Adelsfamilie von Britzke, befestigt auf einer Eichenplatte. © Foto G. Neumann BMBU - Landkreis Börde.

  



Datierung:           um 1667

Maße:                H  37 cm / B  22 cm                                                           

Material:             Zinn (Zierbeschlag), Eichenholz, Eisen

Inv.-Nr.:              V:18/01/01/01–V:18/01/01/12                 

 

 

 

 







Im Zuge der Recherche zu einer Sonntagsführung zum Thema: ›Die Herren der Burg – der Lehnsadel auf der Burg Ummendorf‹ stieß die Autorin in der Ortschronik von Reinhold Vogel (Band II, Kapitel 10: »Unser Heimatmuseum«) auf eine Auflistung der ersten Schaustücke, die in den 1920er-Jahren die Sammlung des Börde-Museums begründeten. Unter diesen findet sich an achter Stelle der Eintrag:

»Beschlag von dem mit Leder überzogenem und zerfallenen Sarg des letzten Burgherren von Ummendorf, Andreas II von Meyendorf, gestorben im Jahre 1667 und in der Krypta von Ummendorf beigesetzt. Da diese wertvollen Wappen dem Verfal nahe waren (diese Wappen dienten dem Geschlecht Meyendorf als Adelsnachweis) hat Dr. Hansen dieselben mit Einwilligung einiger Kirchenräte im Museum in Verwahrung genommen«.

Aufgrund der irrtümlichen Annahme, auch die angesprochenen Wappen bestünden aus Leder, führten erste Recherchen in der über 21.000 Objekte umfassenden Sammlung des Börde-Museums zunächst ins Leere. Dank der Hinweise zweier langjähriger Museumsmitarbeiter wurde die Autorin jedoch auf einige Zinnwappen aufmerksam, die sich – aufgenagelt auf Holzplatten unter der alten Inventarnummer ›Ha 15:14a-l‹, verteilt auf zwei Kisten im Magazin des Museums befanden.

 

Abbildung 2: 10 der 12 Zinnbeschläge vom Sarg des Andreas I. von Meyendorff. Von links nach rechts: von Alvensleben, von Holtzedorf, von Rautenberg, von Rohr, von Bülow, von Schweighelt, von Veltheim, von der Schulenburg, 9 und 10 noch unbekannt. © Foto G. Neumann BMBU - Landkreis Börde.

 

Es handelt sich um 12 aus Zinn gefertigte Wappendarstellungen.  Neun der Wappen sind auf unten spitz zulaufenden Eichenholzplatten befestigt, wovon 5 wiederum von Dr. Albert Hansen mit den Namen adliger Familien versehen wurden. Darunter von Alvensleben, von der Schulenburg, von Bülow, von Veltheim und von Werden. Die Namen stehen auf allen Platten in der oberen rechten Ecke, das vor dem Name stehende ›von‹ jeweils als ›v.‹ abgekürzt. Die Eichenplatte, welche das Wappenschild des Adelsgeschlechtes ›von Alvensleben‹ trägt, weist zusätzlich folgenden Text auf:

»Die Wappen der Ahnen des letzten Herrn v. Meyendorff auf Ummendorf  †1667. Erbgruft Kirche Umdf.«

Soweit so gut. Die Wappen stammen dem Eintrag R. Vogels und der Beschriftung folgend, also aus der Gruft der Ummendorfer Kirche und wurden von Dr. Albert Hansen, seines Zeichens der erste Museumsleiter des Ummendorfer Museums in die Sammlung aufgenommen. Band V der Ortsgeschichte von R. Vogel (»Unsere Dorfkirche«) enthält weitere Details zum Fundhergang.

»Nach mündlicher Überlieferung […], sollte sich unter dem Altarraum unserer Kirche ein Grabgewölbe befinden. […] Mit Zustimmung des GKR. (Gemeindekirchenrat G.N.) erteilte Pastor Blume im Jahre 1900 […], den Auftrag zur Öffnung dieses Raumes. Am 11. Septb. 1900 wurde dann der verdeckte und verschüttete Eingang zu diesem Raum gefunden und freigelegt. Allerlei Schutt und Geröll […], wurden beseitigt und zwei Gewölbe festgestellt. Der erste Raum war der größere mit sechs Särgen […]. Ein Sarg war mit Leder überzogen, unversehrt und unbeschädigt. Die Inschrift auf dem Deckel gibt der Nachwelt kund, daß in diesem Sarg, der letzte seines Stammes, Andreas II. v. Meyendorf, ruht. […]. Der Sarg trug ferner 12 Adelswappen des Meyendorf`schen Geschlechtes, die teilweise schon stark verrostet, aber noch zu erkennen waren. Im Jahre 1929 waren diese Wappen von Rost zerfressen zu Boden gefallen, von Dr. Hansen wieder geordnet, auf Eichenplatten befestigt und mit Zustimmung des Gemeindekirchenrates dem hiesigen Museum zugeführt […].«

Im Nachlass des zweiten Museumsdirektors, Heinz Nowak, befindet sich in Mappe 129 ein weiterer Verweis auf die Sargbeschläge des letzten Ritters von Meyendorff (die Schreibweise des Namens ist sowohl mit einem wie auch mit zwei ›f‹ überliefert). Es handelt sich hierbei um einen Auszug aus einem Tätigkeitsbericht des Heimatvereins im alten Holzkreis von Dr. Albert Hansen vom 31. Dezember 1928. Hier heißt es:

»[…] Vom Gemeindekirchenrat in Ummendorf wurde einer Anregung des Herrn Direktors von Alvensleben, Magdeburg, nachgehend, der Beschlag des Grabes des letzten Herrn von Meyendorf aus Ummendorf zum Zwecke einer besseren Aufbewahrung zur Verfügung gestellt. […] Der Sarg […] der ebenso wie alle anderen Särge […] völlig zerstört wurde und nun in Moder zusammengefallen ist, war über und über mit Zinnbeschlag auf Ledergrundlage besetzt. […]Auch von den 12 Wappen der direkten 14 Ahnen des Verstorbenen waren die meisten schon abgefallen oder beschädigt. Sie wurden sorgfältig gesammelt und von Meister Müller auf eichenen Tafeln befestigt. Sie schmücken jetzt das Museum und harren der Bestimmung durch einen Wappenkundigen…«

Da nur auf fünf der 12 Eichenplatten ein zugehöriger Familienname vermerkt wurde, scheint es als »harren« die Wappen bis heute »[…] der Bestimmung durch einen Wappenkundigen«. Immerhin erfahren wir durch den Tätigkeitsbericht Hansens wem wir die Aufbringung der Wappen auf die Eichenbretter zu verdanken haben. Auch wenn Nowak in einer Randnotiz kritisch verlauten lässt: »[…] die Wappen aus Zinn waren einzeln auf je ein unglücklich geformtes Eichenbrett genagelt […]« und Restauratoren im Jahre 2019 bei einem solchen Umgang mit historischen Artefakten entsetzt die Hände über den Kopf zusammenschlagen würden, haben wir ›Meister Müller‹ wohl dennoch zu verdanken, dass die Wappen bis heute  - weitestgehend unbeschädigt erhalten geblieben sind.

Was uns wiederum zum eigentlichen Sinn der Zinnwappen führt. Wie bereits von Hansen angeführt, dienten die Wappen als zur Schaustellung der langen Ahnenreihe des Verstorbenen. Aufgezeigt wurden die »[…] 14 direkten Ahnen […]«, also die Eltern (2), Großeltern (4) und Urgroßeltern (8) des Bestatteten. Der Aufbau der Wappen ist bei allen 12 Exemplaren identisch und besteht aus einem Wappenschild, welches eingerahmt wird von einer Helmdecke. Auf dem oberen Schildrand sitzt stets ein sogenannter Spangenhelm mit aufgesetzter Krone und einem Orden im Halsbereich. Oberhalb der Krone, welche das Wappen als ein Adelswappen kennzeichnet, folgt die sogenannte Helmzier (oder Helmkleinod), ein Helmaufsatz, der ebenso wie die Darstellung auf dem Schild kennzeichnend für die jeweilige Familie ist. So können identische Wappenschilder verschiedener Geschlechter, allein anhand der Helmzier unterschieden werden - und auch der umgekehrte Fall ist bekannt.  

Wie bereits erwähnt, wurden fünf der Wappen, durch Albert Hansen bereits einem Adelsgeschlecht zugeordnet. Unter diesen befindet sich das Wappen der Familie von Bülow (Abbildung 2, Nr. 5), ein altes mecklenburgisches Adelsgeschlecht, welches bereits im 13. Jahrhundert nachweisbar ist. Das Geschlecht besteht bis heute – einer seiner bekanntesten Mitglieder war mit Sicherheit ›Bernhard-Viktor Christoph-Carl von Bülow‹, besser bekannt unter seinem Künstlernamen ›Loriot‹.  Und bei diesem Künstlernamen schließt sich auch wieder der Kreis zu unseren Zinnwappen, denn Loriot ist das französische Wort für ›Pirol‹ und dieser Vogel bildet das Zentrum der Helmzier des Familienwappens.

Die übrigen vier bereits zugeordneten Familienwappen seien hier in aller Kürze aufgeführt:

Das niederdeutschen Geschlecht derer von Alvensleben (Abbildung 2, Nr. 1): Zwei rote Balken auf goldenem Grund; auf dem oberen zwei silberne Rosen, auf dem unteren eine. Als Helmzier ein von einer Rose gespaltener Ast.

Das braunschweigische Ministerialgeschlecht derer von Veltheim (Abbildung 2, Nr. 7): Geviertes Wappenschild; zwei Felder mit schwarzem Balken auf goldenem Grund belegt mit zwei weißen Linien sowie zwei Felder mit Zweig an dem zwei Blätter wachsen. Das Wappen setzt sich aufgrund einer Familienzusammenführung aus dem Stammwappen des im 13. Jahrhundert ausgestorbenen Grafengeschlechtes Veltheim-Osterburg-Altenhausen (Balken) und dem Wappen der Familie von Samptleben (Ast) zusammen. Die Helmzier, welche erhaltungsbedingt fehlt, zeigte ursprünglich zwei Büffelhörner und dazwischen ein rotes viereckiges Kissen.

Das aus der Altmark und dem östlichen Niedersachsen stammende Geschlecht derer von der Schulenburg (Abbildung 2, Nr. 8): Geviertes Wappenschild; zwei Felder mit drei roten Adlerfängen, deren Krallen zum Angriff ausgefahrenen sind und zwei Felder mit einem bekrönten Ochsen, mit zwei nach hinten wehenden Wimpeln auf dem Kopf.

Das braunschweigische Uradelsgeschlecht derer  von Wenden (Abbildung 3, Nr. 1): Zwei schwarze Sparren auf goldenem Grund, dazwischen drei Reihen grüne Birken- oder Lindenblätter. Als Helmzier fünf schwarze Straußenfedern. Auch wenn das Wappen große Ähnlichkeit mit dem auf dem Sarg angebrachten Zinnwappen aufweist, muss die Zuordnung Hansens angezweifelt werden. Zum einen weicht die Darstellung der Helmzier stark von dem Familienwappen derer von Wenden ab (vergleiche Abbildung 3, Nr. 1 und 2), zum anderen erscheinen die vermeintlichen Blätter eher als Herzen. Selbst wenn die Darstellung dieser beiden Bilder (Herz und Blatt) schnell verwechselt werden kann, verwundert es doch, dass die Blätter auf dem Zinnwappen mit der Spitze nach unten – auf dem Familienwappen hingegen mit der Blattspitze nach oben dargestellt sind. Auch in Johann Siebmachers Wappenbuch aus dem Jahre 1605 ist das Familienwappen derer von Wenden mit eindeutig aus Straußenfedern bestehender Helmzier und deutlich andersartig geformten Blättern zwischen den Sparrenbalken dargestellt. An dieser Stelle sei zudem auf zwei Darstellungen in der Kirche in Ummendorf verwiesen.

Auf dem Epitaph der Emerentia von Alvensleben, der Ehefrau des bekannten Andreas I. von Meyendorff, findet sich in der rechten oberen Ecke die Darstellung eines Wappens, welches in Form und Aussehen unserem Zinnwappen entspricht (Abbildung 3, Nr. 3) und im Kirchenführer (allerdings mit Verweis auf die Ortschronik) auch als Wappen der Familie von Wenden angesprochen wird. Dies scheint auch einleuchtend, da Emerentia mütterlicherseits von Ludolf von Wenden abstammt. Nun erscheinen aber auf dem Epitaph ihres Gatten ebenfalls die Wappen seiner Vorfahren. Von den ursprünglich wohl vier Wappen sind aufgrund der starken Beschädigungen an der Sandsteinplatte nur noch zwei erhalten geblieben. In der linken oberen Ecke prangt das Wappen derer von Meyendorff, in der linken unteren Ecke hingegen ein Wappen, welches dem Wappen der Familie von Wenden gleicht, wie es bei Siebmacher dargestellt wird (Abbildung 3, Nr. 4). Da beide Epitaphien in etwa der gleichen Zeit entstammen  (Andreas I Meyendorff † 1583, Emerentia von Alvensleben † 1589) stellt sich bei diesen doch sehr unterschiedlichen Darstellungen der Familienwappen die berechtigte Frage, ob eventuell eine Fehlansprache vorliegt.

 

Abbildung 3: Die verschiedenen Darstellungen des Wappens derer von Wenden: Der Sargbeschlag (1), die Darstellung in Siebmachers Wappenbuch aus dem Jahre 1605 (2), die Darstellung auf den Epitaphien Emerentias von Alvensleben (3) und Andreas I. von Meyendorff (4). © Foto (1, 3-4) G. Neumann BMBU - Landkreis Börde, http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_181_Siebmacher.htm (2).


Die übrigen Wappen wurden bisher noch keinem Adelsgeschlecht zugeordnet. Eine Recherche der Autorin, welche allerdings keine ausgewiesene Heraldikerin ist, ergab folgende Zuordnung:

Familie von Rohr (Abbildung 2, Nr. 4) - Ursprünglich aus Bayern stammendes Adelsgeschlecht, welches später im märkischen Raum vertreten war: Im Spitzschnitt geteiltes Wappenschild (links rot, rechts silbern). Als Helmzier sieben silberne und rote Rosen, davor ein springender Fuchs.

Familie von Rautenberg (Abbildung 2, Nr. 3) - Niederdeutsches Adelsgeschlecht aus dem Raum Hildesheim: Wappenschild mit schwarzen Rauten auf goldenem Grund. Als Helmzier ein roter Spitzhut (am Zinnwappen nur noch in Fragmenten erhalten), besteckt mit Pfauenfedern.

Familie von Holtzedorf (Abbildung 2, Nr. 2) - Märkisches Adelsgeschlecht: Geviertes Wappenschild (silbern und schwarz) mit darüber liegendem roten Balken. Die Helmzier bilden zwei Büffelhörner, zwischen denen ein mit Hermelinpelz besetzter und mit drei Pfauenfedern versehener roter Hut sitzt (Hut und Federn sind beim Zinnwappen nicht mehr erhalten geblieben).  

Familie von Britzke (Abbildung 1) - Magdeburgisches Uradelsgeschlecht: Auf dem Wappenschild ein sechsstrahliger, facettierter, roter Stern auf silbernem Grund. Als Helmzier drei Straußenfedern in silber-rot-silber.

Familie von Schweighelt (Abbildung 2, Nr. 6) - Braunschweigisch-Lüneburgisches Adelsgeschlecht: Wappenschild mit drei roten Löwen-Büsten, nach links gerichtet und herausgestreckter Zunge. Die (hier fehlende) Helmzier besteht aus einem weiteren Löwenkopf - ebenfalls nach links gerichtet, mit auf dem Kopf befindlichen vier Hahnenfedern, welche jeweils mit einem Stern abschließen.

Trotz intensiver Recherche konnten zwei der Wappen bisher noch keinem Adelsgeschlecht zugeordnet werden. Bei diesen handelt es sich zum einen um ein mit vier Zick-Zack Bändern geschmücktes Wappenschild. Als Helmzier ein spitzer Hut, die Befiederung ist leider abgebrochen. Über dem mutmaßlichen Hut verläuft ein weiteres einzelnes Zick-Zack-Band (Abbildung 2, Nr. 10).

Auf dem zweiten Wappenschild ist ein zwölfspeichiges Rad abgebildet (Abbildung 2, Nr. 9). Dies ist ungewöhnlich, da alle in heraldischen Lexika beschriebenen Rad-Darstellungen aus sechs- bis acht-speichigen Rädern bestehen, in wenigen Ausnahmen auch darüber hinaus, jedoch nie mehr als elf. Da die Helmzier bei diesem Wappen ebenfalls nicht mehr vorhanden ist, erschwert dies die Ansprache und Zuordnung außerdem.

Die vorgestellten Sargbeschläge sind ein wichtiges Stück Ummendorfer Ortsgeschichte, bilden sie doch eine der wenigen materiellen, noch greifbaren, Hinterlassenschaften des Geschlechtes derer von Meyendorff. Einer Familie, die die Geschichte und Gestalt der Burg und des Dorfes über mehrere Generationen prägte und zugleich das Geschlecht, mit dem die annähernd 500 Jahre währende Geschichte der Lehnsherrschaft auf unserer Burg endet.

Ob die Zinnwappen während der Leitungszeit Hansens ausgestellt wurden, ist nicht bekannt, die Listung R. Vogels und die Befestigung auf Eichenbrettern mit rückwertiger Hängung legt diese Vermutung jedoch nahe. Die  ideologische Einstellung zum Thema Adel und Feudalherrschaft, die sich unter dem Regime der Deutschen Demokratischen Republik auch im Forschungs- und Ausstellungsspektrum der Museen bemerkbar machte, führte wohl auch in Ummendorf  zu einer Zensur bestimmter Themenbereiche, weshalb die Wappen während dieser Zeit nicht mehr ausgestellt wurden. Doch auch nach der Wiedervereinigung kam es bisher noch zu keiner öffentlichen Präsentation der Objekte. Aus diesem Grund werden 10 der 12 Wappen ab dem 17. März (Sonntagsführung zum Thema Lehnsherrschaft auf der Burg Ummendorf) in der Dauerausstellung des Börde-Museums zu sehen sein. Mögliche Hinweise zu den beiden bisher noch unbekannten Wappen nimmt unser Team sehr gerne entgegen.

     

Literatur:

J. F. Danneil., Das Geschlecht der von der Schulenburg, erster Band, (Salzwedel 1847).

Dr. A. Hansen, Tätigkeitsbericht von Dr. Hansen, 31. Dezember 1928, für das Sommerhalbjahr 1928. In: Heimatblatt für das Land um obere Aller und Ohre. Neuhaldensleben, 1928. Nr. 27/28.

O. T. von Hefner (Hrsg.),  J. Siebmacher, Grosses und Allgemeines Wappenbuch, Band 14 (2012).

O. T. von Hefner (Hrsg.), J. Siebmachers Grosses und Allgemeines Wappenbuch: Der Adel des Herzogthums Braunschweig, Band 2 (2012).

G. Oswald, Lexikon der Heraldik: Von Apfelkreuz bis Zwillingsbalken (Battenberg 2011).

R. Vogel, Ummendorf, Unsere Dorfgeschichte, Band II (Ummendorf 1960).

R. Vogel, Ummendorf, Unsere Dorfkirche, Band V (Ummendorf 1960).

T. Wünsch, Kirchenerkundung in der Ortskirche Ummendorf (Ummendorf 2000).

Wappenbuch http://www.wappenbuch.de/ (13.03.2019).

Veltheim und Bülow: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_167_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Schulenburg: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_168_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Alvensleben: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_169_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Holtzedorf: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_175_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Meyendorf: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_178_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Rohr: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_180_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Wenden: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_181_Siebmacher.htm (13.03.2019).

Sambeleben und Schweighelt: http://www.wappenbuch.de/pages/wappen_183_Siebmacher.htm (13.03.2019).

 






SammlungStück Februar 2019                                                            

Gesangbuch aus dem Faberschen Verlag in Magdeburg 

                                                                          

Gesangbucheinband, Vorderseite, mit gestickten Initialen und Jahreszahl 1837 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

   

 


Inv.Nr.:                               2013-272

Maße:                                187 x 130 x 40 mm

Herkunft:                           aus Bibliotheksbestand Museum

Verlag:                               Faberscher Verlag

Erhaltung:                          starke Abnutzungsspuren in Form von Abrieb und Bestoßungen,

                                       Vorlegeblätter mit Wasserrändern

Datierung:                         1817

 







In der Bibliothek des Börde-Museums befinden sich auch einige Gesangbücher, die eine regionale Provenienz in Bezug auf Herausgabe und Drucklegung besitzen bzw. zusätzlich die Herkunft der Nutzer aus der Region belegen und vielfach im Faberschen Verlag in Magdeburg erschienen sind. Da etliche Gesangbücher mit persönlichen Einträgen für den oder vom Eigentümer versehen sind bzw. eine individuelle Gestaltung zur Hochzeit oder eine persönliche Widmung – wie beispielsweise zur Konfirmation – vorweisen,  wurden diese im Juli 2013 aus der Bibliothek entnommen und dem Objektsammlungsbestand des Museums zugeführt (alte Bibliotheksnummer 1099).

Dieses Gesangbuch erschien im namhaften Faberschen Verlag in Magdeburg. Carl Friedrich Faber (1739–1823) begann nach einer Druckerlehre die Ausübung des Berufes in der Druckerei seines Vaters Gabriel Gotthilf Faber (1697–1771). Mit dem Einheiraten in die Familie des Druckereibesitzers Andreas Müller und die darauffolgende baldige Geschäftsübernahme bedeutete die Fortsetzung der seit 1607 begründeten Magdeburger Druckertradition durch Johannes Betzel.

1809 übertrug Faber – selbst unverheiratet und kinderlos –  seinem Neffen Friedrich Heinrich August Faber (1778–1847) das Geschäft. Dieser hatte nach absolviertem Gymnasium und dem Studium der Jurisprudenz an der Universität in Halle, die Ausbildung im Buchdruckerhandwerk angeschlossen und war bereits seit 1799 zur Unterstützung des Onkels in der Magdeburger Druckerei tätig. Die Magdeburgische Zeitung wurde mit dem Beginn der 1820er-Jahre unter seiner Leitung zu einer der bedeutendsten Zeitungen Deutschlands. Ab 1842 erfolgte auch die Information zu den Kursen der Eisenbahn- und Dampfschiffahrts-Aktien wie auch zu den Geldkursen. Vom 1. Januar 1829 an zählte die Magdeburgische Zeitung zu den ersten Zeitungen, die täglich erschienen. Neben der Herausgabe von Zeitungen und dem eigenen Buchverlag wurden auch Geschäftsdrucksachen und Druckaufträge für namhafte Verlagsbuchhandlungen der Stadt Magdeburg realisiert.

Als sich Friedrich Heinrich August Faber 1845 aus dem Geschäft zurückzog,  wurde sein Neffe Gustav Carl Friedrich Faber (1811–1896) sein Nachfolger. Um die Mitte des Jahres 1846 führte er dann Druckerei und Verlag der Magdeburgischen Zeitung. Geschäftsräume mit der Adresse Breite Weg wurden bewirtschaftet. (Die Nr. 108 weist mehrere Personen mit Namen Faber als Eigentümer auf.) Auch wenn die Buchdruckerei ein wichtiges Standbein blieb, widmete man sich zunehmend den aktuellen Informationsmitteln. Die Nutzung der Telegraphie gehörte ebenso zu den Neuerungen bei Faber wie die Einführung von Schnellpressen für den Druck der Tageszeitungen. Ferdinand Loempcke wurde von 1846 bis 1853 zum eigenständigen Redakteur des Verlages. Anfang 1849 gab der Fabersche Verlag die Blätter für Handel, Gewerbe und sociales Leben am bisher zeitungsfreien Montag heraus. Spätestens ab Mitte des Jahres 1855, als auch noch eine Abendausgabe erschien, wurde der traditionelle Buchdruck zurückgedrängt.

1872 übernahmen die Söhne Alexander und Robert Faber geschäftsführend die Geschicke des Verlages. Eine Buchdruckerlehre verschaffte das nötige Handwerkswissen und der Aufenthalt bei führenden englischen Zeitungsdruckereien ermöglichte Alexander Faber Einblicke in das Geschäftsgebahren. Noch knapp vier Jahre arbeitete er unter der Leitung seines Vaters bis er gemeinsam mit seinem Bruder die Firmengeschichte als Fabersche Buchdruckerei Alexander & Robert fortsetzte. Ein größeres Firmengebäude entstand 1874 in der Magdeburger Bahnhofstraße. 1875 kam die erste Zeitungsrotationsmaschine Deutschlands in der Firma Faber zum Einsatz. Der 1. Dezember 1880 steht für die ersten Zeitungswetterkarten. Der Wetternachrichtendienst in Deutschland wurde durch das Unternehmen Faber maßgeblich geprägt.

Nachdem zu den eigenen Werken im Jahr 1897 in der Faberschen Druckerei insgesamt 17 unterschiedliche Zeitungen und Zeitschriften produziert wurden, kam es zu einer Neubelebung des Buchdruckes. Um 1900 besaß das Unternehmen ca. 250 Arbeiter, die u. a. in Krankengeld-zuschusskassen und einer Hilfskasse zur Vorbeugung von Berufskrankheiten soziale Unterstützung erhielten.

Dr. Friedrich Gustav Robert Faber, der älteste Sohn des Druckereibesitzers und Zeitungsverlegers Alexander Faber, führte weitere technische und redaktionelle Veränderungen ein, wozu z. B. der Druck feingerasteter Bilder und Zweifarbendruckmaschinen gehörten. Die Magdeburgische Zeitung erhielt ein kleineres Format, nun mit eigenem Lokalinseratteil und zusätzlich ein Mittagsblatt. Die Söhne Henning und Fritz setzten nach dem Tod des Vaters das traditionsreiche Familienunternehmen Faber fort, das alledings nach dem Zweiten Weltkrieg endete.

Unter der Geschäftsführung von Friedrich Heinrich August Faber erschien auch das im Folgenden näher betrachtete Gesangbuch in der Ummendorfer Museumssammlung. Es trägt den Titel: »Vollständiges Gesang-Buch, In sich haltend 1000 geistreiche Lieder und auserlesene Lieder, sowol des sel. Herrn D. Martini Lutheri, welche bereits 1596 allhier zu Magdeburg herausgegeben wurden, als auch anderer gottseligen Männer. In gute Ordnung gebracht, und mit Genehmhaltung E. E. Raths der Stadt Magdeburg, und des dasigen Ministerii Censur. Nebst einem erbaulichen Gebet-Büchlein, zum Druck befördert. Mit Königl. Preuß. und Churfürstl. Brandenb. allergnäd. Privilegio. Magdeburg, im Faberschen Verlag. 1817.«


Titelseite des Gesangbuches, erschienen 1817 im Faberschen Verlag in Magdeburg © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde



Versehen ist das Gesangbuch mit einem schwarzen, samtenen Einband. Die Ränder der Buchseiten sind in Goldschnitt ausgeführt, so wie dies häufig bei besonderen Geschenken zur Konfirmation oder Hochzeit üblich war. Den Buchdeckel ziert eine gestickte, goldfarbene Krone aus Metallfäden und Pailletten. In drei Reihen untereinander folgen Initialen:  J.C.G. und M.E.P. sowie die Jahreszahl 1837. Die Initialen auf dem Gesangbuch deuten auf ein Geschenk an zwei Personen hin, das möglicherweise zur Hochzei an ein künftiges Ehepaar gemacht wurde. J.C. (ggf. für Johann Christoph) und M.E. (ggf. für Marie Elisabeth) stehen wohl als Initialen der Vornamen. Die Jahreszahl 1837 ist das Jahr der Zueignung. Der Buchrücken ist mit Ranken bestickt. Die Rückseite des Gesangbuches zeigt drei Ähren, die mit Metallfäden gearbeitet wurden. Die Innenseite besteht aus hellblauem Papier mit einer gelackten Oberfläche.






Das Druckwerk besitzt 680 nummerierte Seiten, zuzüglich »Register nach dem Alphabet« mit 6 unnummerierten Blättern, weiterhin »Sammlung einiger erwecklichen Gebete, Morgens und Abends auf jeden Tag in der Woche, desgleichen beym Gottesdienst in der Kirche, sodann bey der Beichte und Communion; Ferner zum Glück und Segen zur Berufs-Arbeit, um Trost in Kreuz und Trübsal, wie auch bey schwerem Donnerwetter, und letztlich in Todesnoethen, fruchtbar zui gebrauchen. Mit Königl. Preuß. und Churfürstl. Brandenb. allergnäd. Freyheit. Magdeburg, im Farberschen Verlag.« Der Teil des Gebetsbuches umfasst 169 nummerierte Seiten plus 3 Seiten Register ohne Seitenzahlangabe.

Das Besondere des Gesangbucheinbandes besteht in der Ähnlichkeit der Gestaltung und mehr noch in den identisch verwendeten Materialien, in diesem Falle Metallfäden und Pailletten, wie sie bei den Stickereien auf Schultertüchern, Schmuckbändern und Schnabelhauben der ländlichen regionalen Festtagstracht aus dem 19. Jahrhundert in Teilen der Magdeburger Börde und des angrenzenden Braunschweiger Landes zu finden sind. Da meist nur wenige der Trachtteile, mit Ausnahme von Hochzeitsbändern oder kleinen Täschchen mit eingestickter Datierung versehen sind, bietet das mit einer Jahreszahl versehene Gesangbuch eine Bekräftigung der zeitlichen Einordnung in die erste Hälfte des 19. Jahrhunderts. Da sich die Stickereien auf den Trachtteilen der Frauen in diesem Zeitabschnitt nicht beliebig zu anderen Zeiten in gleicher Weise finden, engt sich der Zeitraum ein.


Rückseite des Gesangbucheinbandes mit Getreideähren aus Metallfäden (links) und Blüte eines Schultertuches der Museumssammlung (rechts) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

               


 













Ähnlich ausgeführte Stickereien auf der Rückseite von Schnabelhauben der Frauentracht im 19. Jahrhundert, dem sog. Haubenspiegel oder-boden finden sich u. a. auf drei Exemplaren mit Herkunftsort Badeleben:  V:13/03/01/8031 (museum-digital 2010-220), V:13/03/01/8036 (museum-digital 2010-224), V:13/03/01/8037 (museum-digital 2010-225).

In dem Beitrag von Mechthild Wiswe zu Gold- und Silberstickereien an Braunschweiger Volkstrachten aus dem Jahr 1978 wird in Abb. 4 auch ein Brautband aus Beierstedt bei Helmstedt gezeigt, das neben Goldstickerei auf Samt auch die gestickte Jahreszahl 1833 zeigt. Da solche floralen Motive in der Ausführung mit Metallfäden, Pailletten und Fransenborten aus Metallfäden und ihrem Vorkommen an Schultertüchern, Hauben und Schmuckbändern in der Gesamtstilistik charakteristisch  sind, stützen Jahresangaben auf einzelnen Stücken die zeitliche Zuordnung.


Literatur:

G. Heinrich – G. Schandera (Hrsg.), Magdeburger Biographisches Lexikon 19. und 20. Jahrhundert (Magdeburg 2002) 164–167.

T. Ruppel  – S. Vogel, Ländliche Festtagskleidung aus dem 19. Jahrhundert in der Deuregio Ostfalen. Bgleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung im Börde-Museum 14.11.1998 bis 14.02.1999. Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 10 (Ummendorf 1998) Abb. 26, 29, 30, 72, 77, 81.

G. Skirlo (Bearb.): Der Breite Weg. Ein verlorenes Stadtbild (Magdeburg 2005) 244.

M. Wiswe, Gold- und Silberstickereien an Braunschweiger Volkstrachten. Veröffentlichungen des Braunschweigischen Landesmuseums 19 (Braunschweig 1978).

http://www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/1557.htm (07.01.2019).





SammlungsStück Januar 2019

Umwendegrubber

Umwendegrubber aus der Firma R. Wolf © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Inv. Nr.:               2009-115,1-3

Hersteller:           Maschinenfabrik R. Wolf Buckau

Bauzeit:               um 1920

Höhe:                 2100 mm

Breite:                 2750 mm

Länge:                 5800 mm

Gewicht:              ca. 2500 kg

Material:              Stahl




Im April 1990 übernahm das Museum der Stadt Oschersleben einen großen Teil der landtechnischen Sammlung des Kreisbetriebs für Landtechnik (KfL) Oschersleben. In dieser Sammlung befanden sich unter anderem ein Kultivator für Dampfpflüge sowie Zusatzteile zur Arbeitsverbreiterung für einen Grubber. Diese passten allerdings nicht an das vorhandene Gerät und sorgten so für etwas Rätselraten unter den Mitarbeitern. Obwohl diese Zusatzteile nicht gebraucht werden konnten, wurden sie aufbewahrt. Die Lösung des Rätsels erfolgte rund neun Jahre später.

Der KfL Oschersleben hatte in Gröningen einen weiteren Betriebsteil. Hier wurden hauptsächlich Lehrausbildung und Erwachsenenqualifizierungen wie Schweißerlehrgänge durchgeführt. Im Gröninger KfL befanden sich ebenfalls Teile der Betriebssammlung, die aber dort verbleiben sollten.


Sammlung U. Schmidt





Die historische Landtechniksammlung im KfL Gröningen, um 1980. Im Vordergrund steht der Kultivator, der ab 1990 zur Sammlung des Oscherslebener Museums gehörte. Der Pfeil kennzeichnet den dahinterstehenden Umwendegrubber des Herstellers R. Wolf Buckau   






Mit der Umstrukturierung und Privatisierung wurde der KfL Gröningen sowohl zu einem Autohaus, als auch zu einem neuen Ausbildungsbetrieb. Hier wurden nun für den neuen Arbeitsmarkt Umschulungen angeboten.

Im Sommer 1999 besuchte Wilhelm K. aus Hornhausen einen Umschulungslehrgang. Während seiner Ausbildung bekam er den Auftrag, auf dem Betriebsschrottplatz ein landtechnisches Großgerät thermisch zu zerlegen, um es der Verwertung zuführen zu können. Ausgerüstet mit Azetylen- und Sauerstoffflaschen und Schneidbrenner zog Wilhelm K. zum Schrottplatz. Zum Glück ist er ein Kenner historischer Technik und bemerkte sofort, dass er einen heute sehr selten zu findenden Umwendegrubber für einen Dampfpflugsatz zerlegen sollte. Schon vor ihm hatten sich einige der Auszubildenden mit mehr oder weniger Erfolg daran versucht. Dennoch war das Gerät noch soweit komplett, dass man Art und Funktion erkennen konnte. Mit viel Geschick ließ sich Wilhelm K. das Gerät übereignen und nahm daraufhin Kontakt mit dem damaligen Leiter des Börde-Museums, Dr. Thomas Ruppel, auf. Über diesen verschlungenen Weg kam der Grubber in den Bestand des Ummendorfer Museums. Den Transport des neuen Museumsstücks übernahm ein Oscherslebener Autoverwerter, der schon lange ein zuverlässiger Partner und Helfer des Museums ist.

Der Umwendegrubber kam sofort in die Ausstellungshalle des Museums. Bei näherer Begutachtung konnten nun die beiden Arbeitsverbreiterungen, die über die Jahre eingelagert waren, zugeordnet und zur Anschauung teilmontiert werden. Auch die Entdeckung des Typenschildes, das das Gerät als ein regionales Produkt auswies, machte es für dieses Museum besonders wertvoll.

Die Maschinenfabrik R. Wolf Buckau war durch ihre Dampfmaschinen weltbekannt. Bereits im ersten Jahr ihres Bestehens, 1862, erhielt Rudolf Ernst Wolf einen Auftrag vom Domänepächter Bennecke aus Athensleben, eine fahrbare Lokomobile zum Betreiben von Dreschmaschinen zu fertigen. Um komplette Dreschsätze anbieten zu können, führte Wolf Dreschmaschinen aus England ein. Nach der Erweiterung der Betriebsanlagen in Salbke im Jahr 1908, wurde ab 1909 mit der Produktion von Dreschmaschinen und Strohpressen begonnen. Wolf baute diesen Produktionszweig weiter aus, sodass ganze Dreschwerke angeboten werden konnten. Dies umfasste neben der Antriebseinheit, Dreschmaschine und Strohpresse, Waagen- und Fördertechniken wie Becherwerke, die von Monteuren der Maschinenfabrik Wolf in die Gebäude montiert wurden. Ebenfalls in Magdeburg ansässig war die deutsche Niederlassung John Fowler & Co. Hier wurden die in England gefertigten Teile zu Dampfmaschinen montiert. Mit dem Beginn des Ersten Weltkrieges und der damit verbundenen Feindschaft zwischen beiden Ländern, musste John Fowler & Co. seinen Standort in Deutschland aufgeben. Die Fowlersche Produktion von Dampfpflügen mit Zubehör wurde daraufhin 1915 von der Maschinenfabrik R. Wolf übernommen. Damit wurde das Unternehmen zu einem der wichtigsten Landtechnikhersteller dieser Zeit.

Grubber und Kultivatoren wurden als Universalgeräte angeboten. Durch Austausch der Werkzeuge konnten sie zu verschiedenen Arbeiten benutzt werden. Sie sind Geräte, die den Boden aufreißen und auflockern. Der Grubber lockert den Boden grob bis zu einer Tiefe von 35 cm auf, während der Kultivator in einer Tiefe von 25 cm arbeitet. Er wurde mehr für die Vorbereitung des Saatbettes und der mechanischen Unkrautbekämpfung eingesetzt. Beide Geräte fanden schnell Verwendung in Verbindung mit den Pfluglokomobilen für die Bodenauflockerung im Frühjahr oder das schnelle Aufreißen von Stoppeläckern. Ihre Arbeitsbreite lag in der Regel bei etwa fünf Metern. Anders als die Balancierpflüge wurden diese Maschinen am Seil gedreht. Die Zugkraft wirkte auf eine A-förmige Anhängevorrichtung, die an der Wendevorrichtung angeschlagen und mit dem Zugseil verbunden war. Bei Zugrichtungsänderung drehte sich das Vorderrad um 90 Grad in einem Kreisrahmen und der Grubber fuhr zur anderen Maschine zurück. Während des Wendevorgangs behielten die Bodenbearbeitungswerkzeuge den Bodenkontakt. Eine andere Anwendungsmöglichkeit war, den Kultivator oder Grubber als Rübenheber zu benutzen. Dazu mussten die Grubberzinken gegen Rodezinken ausgetauscht werden. Im hinteren Gerätebereich werden die Rodekörper montiert. Sie sind verstellbar und können so auf die Reihenabstände eingestellt werden. Der Rübenheber konnte sechs, acht oder zehn Rübenreihen heben. Damit erreichte er eine Arbeitsbreite von vier Meter.


Umwendegrubber im Einsatz, um 1920 Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf BMBU_BAW_2017_2138

 

 

 

Literatur:

T. Merten – E. Schmidt, Ein weites Feld – 125 Jahre Maschinenfabrik Buckau R. Wolf Aktiengesellschaft (Darmstadt 1963).

K. Vormfelde, Handbuch der Landwirtschaft/Landmaschinen (Berlin 1930).

Wikipedia, Maschinenfabrik Buckau R.Wolf, https://de.wikipedia.org./wiki/Maschinenfabrik_R._Wolf (Stand 18. 01. 2016).






SammlungsStück Dezember 2018

Herrenhut

Herrenhut aus Wollfilz © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

        

 

      

 







Nun ja – ein schwarzer Herrenhut, mag die erste Assoziation zu diesem Sammlungsstück sein, welches im Februar 2017 aus einer Haldenslebener Akademikerfamilie in das Ummendorfer Museum gelangte. Mit seiner ganz eigenen Geschichte und einem konkreten Personenbezug reicht diese bis in das erste Viertel des vorigen  Jahrhunderts zurück. In diesem Falle erzählt die elegante Kopfbedeckung mit der jetzigen Museums-Inventarnummer: BMBU_2017Hdl001_Wol etwas aus dem Leben eines Menschen, der in der Region geboren wurde, gelebt und gewirkt hat.

Der Hut aus fein verarbeitetem schwarzem Wollfilz hat ein 5,5 cm breites schwarzes Hutband aus Seide und eine 7,5 cm breite Krempe. Die qualitätsvoll aussehende Kopfbedeckung lässt im Hutinneren erkennen, woher er stammte. Gleichzeitig dienten die eingebrachten Initialen dem   Eigentümer-/Trägernachweis des Hutes. Ein 5 cm breiter Lederstreifen trägt die Prägung HAUSMARKE sowie O und H, als kleine Medaillons eingebracht, als Anfangsbuchstaben des Namens.

Ein cremefarbenes Seidenfutter kleidet den Hut aus. In der Mitte des Hutes benennt der Aufdruck die Herkunft: Astoria / deutsches Erzeugnis sowie Max Hupe / Magdeburg / alter Markt. Das Kopfoval hat die  Abmessungen: 20 x 17 x 12 cm.

Als Hutschachtel und Transportbehältnis dient ein dafür vorgesehenes Behältnis aus schwarzem Kunstleder  mit einer beigefarbenen Randeinfassung. Im Inneren befindet sich ein lindgrüner Seidenstoff als Auskleidung. Textile Bindebänder sorgen für das Fixieren des zu transportierenden Hutes. Ein Drehverschluss, der durch eine Öse geführt wird, stellt den Verschlusszustand her. Die darunter befindliche Trageschlaufe ist bereits abgerissen, liegt allerdings lose in der Hutschachtel, die einen Durchmesser von 35 cm und eine Höhe von 15 cm hat.

 

Lederteil des Hutes mit Prägung HAUSMARKE und Monogrammbuchstaben O und H © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

 

      

 

 

 

 


Seidenfutter des Hutes mit Aufdruck © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

     


Wer war nun dieser mit O H abgekürzte Hutträger?

Otto Held wurde am  25.11.1885 in Ohrsleben, in der Nähe von Oschersleben, geboren.
Er stammte aus einer bäuerlichen Familie, besuchte das Gymnasium in Haldensleben bis 1907 und studierte Klassische Philologie, Germanistik, Mittel-Latein und Geschichte in Leipzig, München und Göttingen. An letztgenannter Universität promovierte er 1912. Das Thema seiner geschichtlich ausgerichteten Arbeit lautete: Die Hanse und Frankreich von der Mitte des 15. Jahrhunderts bis zum Regierungsantritt Karls VIII. Nach einer Probezeit erhielt er im Jahr 1918 eine Festanstellung als Oberlehrer an der Guericke-Oberrealschule in Magdeburg. Da nicht nur die Forschung und die Verknüpfung von Geschichte und Sprache Teil seines Schaffens waren, verstand er sich auch stets als Wissensvermittler nicht nur im Schulunterricht, sondern auch darüber hinaus, so beispielsweise in der Unterstützung der Arbeitsgemeinschaft für Heimatschulen oder bei seinen Fachvorträgen. Auch die Herausgabe eines heimatkundlichen Kalenders gehörte u.a. zu seinen außerberuflichen Aktivitäten.

1930 wurde Otto Held zum Oberstudienrat ernannt und seine Lehrtätigkeit kam auch in seiner Funktion als Berater für die Fächer Deutsch und Geschichte als auch in seiner Betreuerrolle für Referendare zum Ausdruck.  Er selbst schreibt 1934: »Mein pädagogisches Prinzip war es stets, jeden sich frei entwickeln zu lassen. Ich wollte nur Helfer sein.«

Im Jahr 1933, Otto Held war 48 Jahre alt, wurde er wegen angeblicher politischer Äußerungen gegen den Nationalsozialismus und die Person Hitlers denunziert, dies wohl von einem Studienassessor, den Held zuvor betreut hatte. Dr. Otto Held wurde daraufhin vom Dienst beurlaubt. Fürsprecher konnten in Anhörungen die Kündigung abwenden, sodass er strafmildernd an eine Oberschule für Mädchen nach Schönebeck versetzt wurde. Für ihn, seine Frau und die beiden Töchter war dies ein Einschnitt, auch hinsichtlich des gesellschaftlichen Ansehens. Er selbst schreibt: »Heute, nach einem ¾ Jahr kann ich nur sagen: Es ist gut, daß es so gekommen ist. Ich bin froh, daß ich die Großstadt u. die viele, übermäßige Berufsarbeit habe aufgeben können. Sie hätte mich in kurzer Zeit krank gemacht! Ich kann hier bei geringer, aber interessanter paedagogischer Arbeit auf dem Gebiet der Mädchenerziehung in vollem Maße meiner Gesundheit u. meinen Studien leben. «

Saskia Luther und Heinz Nowak schreiben zu seiner weiteren Vita im Magdeburger Bibliographischen Lexikon: »1955 pensioniert, war er engagiert, anregend und schützend als Vertrauensmann für Denkmalpflege und Kreisnaturschutzbeauftragter im Kreis Schönebeck tätig. H. beschäftigte sich von Jugend an mit der niederdeutschen Sprache, war seit 1926 Mitglied des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. [ … ] Held veröffentlichte zahlreiche Aufsätze in Heimatbeilagen und Kalendern und äußerte sich kompetent über niederdeutsche Mundart, über Literaturgeschichte, Geschichte und Volkskunde und über Naturerscheinungen der Magdeburger Börde.« Die Mitwirkung am Atlas für deutsche Volkskunde, Zuarbeiten für das Mittelelbische Wörterbuch in Halle, das Ostfälische Wörterbuch in Braunschweig sowie das Holzland-ostfälische Wörterbuch von A. Hansen – Ohrsleben gehört zu den Belegorten  –  sind weitere seiner Forschungsfelder.

Zum 75. Geburtstag von Otto Held  im Jahre 1960 schrieb Dr. Albert Hansen, vormaliger Mitbegründer und Leiter des Ummendorfer Museums,  im Korrespondenzblatt für niederdeutsche Sprachforschung als Laudatio: »Als Mitarbeiter des Instituts für Volkskunde in der Deutschen Akademie der Wissenschaften und des Schönebecker Heimatmuseums war er der geeignete Mann, dem die Aufgabe der Denkmalpflege und des Naturschutzes in seinem Kreise übertragen werden konnte, in dem Kreise, der noch eines der bedeutendsten Naturdenkmale birgt, den Elbbiber in der hier noch naturwüchsigen Auenlandschaft. So manches alte Bauwerk, so manches vorgeschichtliches Monument, so mancher schöne Baum, so manche Seltenheit unserer Steppenpflanzenwelt oder der Elbauenwälder ist durch seine schützende Hand vor der Vernichtung bewahrt worden. Unermüdlich ist noch heute der Senior der Stillen im Lande mit dem Fahrrad unterwegs, sitzt er daheim am Schreibtisch, um noch eine plattdeutsche Wortsammlung seines Heimatdorfes im Hötenslebener Winkel, gleichsam in letzter Stunde der Muttersprache, zusammenzustellen.«

Eine ca. 20.000 Zettel umfassende Sammlung zum mundartlichen Sprachschatz seines Geburtsortes Ohrsleben übergab er, trotz der Arbeitserschwernis durch seine Augenerkrankung, dann 1965 dem Institut für Sprache und Literatur an der Akademie der Wissenschaften der DDR.

Im Rahmen der Deuregio Ostfalen würdigten Ursula Föllner und Hans-Jürgen Bader 1999 das Lebenswerk von Otto Held. Dabei wurde auch die Förderung der niederdeutschen Literatur hervorgehoben. »Neben [ … ] Wilhelm Rauch, [ … ] und Waldemar Uhde förderte er insbesondere die ostfälischen Autoren Heinrich Lindau aus Barneberg, Hedwig Gorges aus Klein Santersleben  und Willi Kluge aus Altenweddingen.« Etliches aus der Feder von Otto Held selbst ist bis zum heutigen Tage unveröffentlicht geblieben, so auch seine, als schreibmaschinenschriftliches Manuskript vorliegende, mundartliche Schilderung: Aus meinem Leben, die in anschaulicher Weise die landwirtschaftlich geprägte Lebenswelt widerspiegelt. Sein Engagement für das Niederdeutsche (Ostfälische/Plattdeutsche) begründete Held selbst mit der Aussage, dass die Mundart, »zur Kultur des Landes gehört. «

Gestorben ist Dr. Otto Held am 19.02.1967 in Schönebeck im Alter von 81 Jahren.                             

Neben Unterlagen im Archiv (u.a.  Briefwechsel zwischen ihm und den Ummendorfer Museumsleitern Albert Hansen und Heinz Nowak) sowie Literatur in der Bibliothek des Museums gehört nun auch ein von Otto Held getragener Hut zum Bestand des Börde-Museums, wofür dem Schenkgeber Dank gilt. So lässt sich über das Sammlungsstück ein regionalgeschichtlicher Kontext auftun.

 

Literatur:

S. Luther – H.-J. Bader, Dr. Otto Held – Gelehrter – Lehrer – Förderer. Vortrag, gehalten am 23. Januar 1999 auf der Jahrestagung/Preisverleihung des Ostfälischen Institutes der Deuregio Ostfalen. In: U. Föllner (Hrsg.), Miene Sprake – diene Sprake. Texte des Niederdeutschen Literaturwettbewerbes der DEUREGIO Ostfalen e. V. (Oschersleben 1999) 71–102.

S. Luther – H. Nowak, Dr. Otto Held, eine Bibliographie, Ms. o. J.

A. Hansen, Otto Held. 75 Jahre, in: Korrespondenzblatt für niederdeutsche Sprachforschung 67, 1960.

M. Wiehle, Bördepersönlichkeiten. Biografisches Lexikon der Magdeburger Börde (Oschersleben 2001) 69.

Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf, Personen allgemein, Dr. Otto Held.

http://www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/1557.htm (21.11.2018). 

Magdeburger Biographisches Lexikon 19. und 20. Jahrhundert (Magdeburg 2002) 284–285.


 

 


SammlungsStück November 2018

Papierkorb


Papierkorb © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Inv. Nr.:                         V17/01/03/98:17/04/01

Hersteller:                         unbekannt, regionales Handwerksprodukt

Bauzeit:                         nach April 1945 bis etwa 1948

Höhe mit Henkel:             445 mm

Durchmesser max.:          310 mm

Durchmesser min.:          250 mm

Gewicht:                       1500 g

Material:                      Duraluminium



 

Im April 1998 schenkte eine Familie aus Klein Oschersleben dem Börde-Museum diesen Papierkorb. So unscheinbar er auf den Betrachter wirkt, so erstaunlicher ist die Geschichte, die er erzählen könnte, würde er sprechen können. Schon das geringe Gewicht ist auffällig. Bei näherer Betrachtung erkennt man, dass alle Einzelteile per Hand angepasst und zusammengenietet wurden. Er ist also kein industriell hergestelltes Massenprodukt. Betrachtet man seinen Boden, findet man auf dem Material eine aufgedruckte Nummernkombination. Schwer erkennbar ist die Nummer 3116.5 zu entziffern. Dies war die sogenannte Fliegnummer, die die Eigenschaften des Materials für den Flugzeugbauer auswies. Danach handelt es sich um ausgehärtetes Duraluminium auch Duralplat in einer Stärke bis 3 mm zur Beplankung als Flugzeughaut. Die Ziffer hinter dem Punkt ist die Beizahl, die den Zustand des Werkstoffes angibt. Das Bodenblech des Papierkorbes wurde nach der Nummerausweisung gehärtet und vergütet. Duraluminium besteht hauptsächlich aus Aluminium, Kupfer und Magnesium. Zusätzlich fällt eine ungewöhnliche Korrosionsstelle mit weißer Pulverbildung auf. Hier wandelt sich das enthaltene Magnesium zu Magnesiumoxid um, wobei die Metalllegierung zersetzt wird. Der Papierkorb besteht aus einem ganz besonderes Material: Flugzeugblech – Duraluminium.


 Wenn man jetzt weiß, dass Klein Oschersleben in der Nähe von Hadmersleben liegt, rückt ein unterirdischer Flugzeugproduktionsstandort des Zweiten Weltkrieges in den Focus und damit beginnt eine spannende und dramatische Geschichte:

Am 18. August 1934 gründeten das Stahlwerk Mark Kom. Köln und die Gesellschaft für elektrische Unternehmungen Ludwig Loewe AG (Gesfürel AG) Berlin die Apparatebau G. m. b. H. Oschersleben (AGO). Man wählte diese Tarnbezeichnung, da zu diesem Zeitpunkt die Auflagen des Versailler Vertrages noch bestanden und der Aufbau einer neuen Luftwaffe geheim gehalten werden sollte. Oft wird in Bezug auf die AGO Flugzeugwerke Oschersleben sofort eine Verbindung zum gleichnamigen Flugzeughersteller in Berlin aus den Anfängen der Luftfahrtindustrie hergestellt. Obwohl es in vielen Publikationen so zu lesen ist, war die AGO Oschersleben kein Zweigwerk oder Nachfolgebetrieb der AGO Johannisthal.


Unterseite des Papierkorbes mit Nummernaufdruck. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



Am 19. Januar 1935 lief die Flugzeugproduktion in der AGO Oschersleben an. Hierzu muss erwähnt werden, dass im August 1934 die gesamten Werkanlagen verwahrlost waren. Es handelte sich hierbei ursprünglich um eine Zuckerraffinerie, anschließend um ein Zweigwerk der Sudenburger Maschinenfabrik, also Betriebsanlagen, die gar nicht auf Flugzeugbau eingestellt waren. Erschwerend kam hinzu, dass es im Raum Oschersleben nicht einen Flugzeugbauer gab. Um so beachtlicher ist die kurze Anlaufzeit, die die AGO benötigte. Zu den ersten Produkten gehörten Flugzeuge der Mischbauweise, also Flugzeuge mit Gitterrahmen und Stoffbespannungen wie die Arado 65 und 66. Eine Besonderheit war die Eigenkonstruktion des Reise- und Kurierflugzeuges Ao 192 „Der Kurier“. Mit diesem Flugzeug wurden neue Maßstäbe im internationalen Flugzeugbau gesetzt, die man heute teilweise noch an modernen Maschinen wiederfinden kann.


    

 

Die Ao 192 „Der Kurier“ V-2 während des Fluges, ca. 1937/38 Sammlung AGO U. Schmidt/T. Schweitzer

 

Schnell entwickelte sich der Betrieb zu einem modernen Flugzeughersteller der im Auftrag des Reichsluftfahrtministeriums benötigte Flugzeugmuster wie die Messerschmitt Bf 109 und die Focke-Wulf Fw 190 produzierte.

    

Serienfertigung der Focke-Wulf Fw 190 A-2 im Mai 1941 in der AGO Oschersleben. Sammlung AGO U. Schmidt/P. Couderchon

 

Vom letzteren Flugzeugtyp war die AGO Hauptproduzent, weshalb Oschersleben bald zu einem wichtigen Angriffsziel der 8. US Air Force wurde. Sogar der Strahljäger Messerschmitt Me 262 wurde noch bei Kriegsende von der AGO hergestellt und ausgeliefert.

  

Das Gelände der AGO Flugzeugwerke Oschersleben beim Luftangriff am 11. Januar 1944 Sammlung AGO U. Schmidt

 

Obwohl das Werk im Februar 1944 nahezu zerstört war, lief die Produktion weiter.

Durch die ständigen Luftangriffe auf deutsche Rüstungsbetriebe kam es zur Dezentralisierung der Produktion. Unter der Leitung des SS-Führungsstabes A4 in Hadmersleben lief auf dem Gelände der Siebenberg G. m. b. H. der Ausbau des Kalibergwerks Westeregeln. Der Hadmerslebener Salzschacht wurde dazu auf 10 000 qm Produktionsfläche ausgebaut, weitere 10 000 qm waren in Vorbereitung. Die Tiefe des Stollens lag bei 500 m. Ab Juni 1944 waren 1500 KZ-Häftlinge dafür eingesetzt.

Das Unternehmen erhielt den Tarnnamen ›Hans‹. Beschäftigt war das Kommando ›Hans‹ auf dem Gelände der Siebenberg G. m. b. H. beim Ingenieurbüro Schlempp.

Walter Schlempp gehörte zum Jägerstab und war direkt dem Chef des Stabes Karl-Otto Saur unterstellt. Schlempp war verantwortlich für sämtliche Bauangelegenheiten (Produktionsanlagen) innerhalb des Jägerprogramms. Sein Stellvertreter war Heinrich Lübke, der auch den Bau vieler Konzentrationslager in Deutschland zu verantworten hatte. Die Produktion in Hadmersleben lief auch tatsächlich an. Hier arbeiteten AGO-Arbeiter mit Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen unter strenger SS-Bewachung. Die Endmontage der Flugzeuge erfolgte nach Bahntransport der Baugruppen weiter in Oschersleben

Welche Schicksale sich dort unter den KZ-Häftlingen abgespielt haben und welche unmenschlichen Arbeitsbedingungen und Methoden angewendet wurden, ist nur schemenhaft bekannt.

Nach den letzten Meldungen über die Belegstärke des Außenkommandos Hadmersleben, das zum Konzentrationslager Buchenwald gehörte, waren hier 1421 Häftlinge eingesetzt, die von 122 SS-Leuten bewacht, gepeinigt, gequält und gemordet wurden. Hauptsächlich setzten sich die Arbeitskräfte aus Russen, Polen, ein zum geringen Teil Franzosen, Italiener, Ungarn, Belgier und Jugoslawen zusammen. Nur vier oder fünf deutsche politische Häftlinge waren dabei.

Die Häftlinge wurden in zwei Kommandos eingeteilt. Das schon genannte Kommando ›Hans‹, das alle Baumaßnahmen des Lagers und im Schacht ausführte, einschließlich des Straßen- und Wegebaus auf dem Gelände der Siebenberg G. m. b. H. Ungefähr 270 Häftlinge wurden in diesem Kommando beschäftigt. Die übrigen Kräfte arbeiteten im Kommando ›AGO‹ und waren mit Produktionsaufgaben für die Herstellung der benötigten Flugzeuge innerhalb des Jägerprogramms beschäftigt.


Der Schrägaufzug Schacht Hadmersleben im März 2013. Hier wurden die vormontierten Großteile wie Rümpfe und Flächen aus der Schachtanlage befördert. © Fotos U. Schmidt

          

Egal in welchem Kommando gearbeitet werden musste, die Bedingungen waren wie in allen Konzentrationslagern unmenschlich. Zum Ende des Krieges konnte von Verpflegung der Häftlinge nicht mehr die Rede sein. So erhielt ein Häftling in Hadmersleben folgende Tagesration:

              100 g      Kartoffeln (oftmals nur Trockenkartoffel)

                10 g      Hülsenfrüchte oder eine kleinere Menge Kohlrüben

                           oder Trockengemüse

                  5 g      Margarine oder

                20 g      Pferdewurst und höchstens

              300 g      Brot (ungefähr 5 bis 6 Scheiben)

 

Aus den Kartoffeln und Hülsenfrüchten wurde den Gefangenen ein Liter Suppe gekocht, ohne Anreicherung durch Fette oder Gewürze. Diese Suppe erhielten die Häftlinge erst nach ihrer zwölfstündigen Arbeitszeit und einem 2 km Rückmarsch vom Stollen in das Lager. Dadurch ging nichts von der wertvollen Arbeitszeit verloren.

Wie viele Häftlinge im Außenlager Hadmersleben ihr Leben lassen mussten, kann nicht mehr nachgewiesen werden, man muss von mehreren hundert ausgehen.

Der erste Kommandant des Außenlagers Hadmersleben war SS-Führer Grothe, der letzte und brutalste war SS-Obersturmführer Schöler, der auch an der Ermordung Rathenows beteiligt gewesen sein soll.

Als sich im Frühjahr 1945 die Niederlage Deutschlands immer stärker abzeichnete, erließ Himmler den Befehl, Himmlers diese Spuren faschistischer Verbrechen für immer zu beseitigen. Kein KZ-Häftling sollte den Krieg überleben. Dies betraf auch die Häftlinge des Außenlagers Hadmersleben. Der Plan war, vor Erreichen der Alliierten alle politischen Häftlinge in den Zuchthäusern zu liquidieren. Zum anderen sollten Häftlinge in feindfreies Gebiet evakuiert werden. Das bedeutete schwere Tages- und Nachtmärsche, kaum Verpflegung, wenig Schlaf und keine ärztliche Betreuung. Wer zusammenbrach wurde erschossen oder erschlagen und einfach liegengelassen. Diese Art der Evakuierung erfolgte seitens der SS ziemlich hektisch, denn sie hatten eigentlich nur einen Hauptgedanken, den eigenen Kopf zu retten.

Von Osten her rückte die Rote Armee auf Berlin zu. Vor Eisenach standen die Amerikaner. Die Lufthoheit musste die deutsche Luftwaffe, die zwar noch verbissen, zum Teil bis zum 10. Mai 1945 mit ihren letzten Kräften kämpfte, an die Alliierten abtreten.

Vom 7. April bis 10. April 1945 waren in unserer Gegend drei oder vier KZ-Häftlingskolonnen unterwegs. Die Räumung des Lagers Hadmersleben muss sich in mehreren Etappen im gleichen Zeitraum vollzogen haben, da am Morgen des 11. April amerikanische Truppen in Hadmersleben einmarschierten.

Am 7. oder 8. April zog eine Häftlingskolonne von Kroppenstedt kommend durch Hadmersleben. Es handelte sich dabei um eine Kolonne aus Nordhausen, die in den unterirdischen Anlagen die V1 produziert hatten. Dieser Kolonne des KZ Mittelbau mussten sich die ersten Hadmerslebener Häftlinge anschließen. Über Klein Oschersleben-Etgersleben wurden sie auf die jetzige B 81 weiter nach Langenweddingen getrieben. Der Elendszug übernachtete in Langenweddingen in einer Feldscheune und zog in den Mittagsstunden des 8. April weiter in Richtung Magdeburg/Ottersleben.

Kurze Zeit später traf ein weiterer Häftlingszug an der gleichen Feldscheune in Langenweddingen zur Übernachtung ein. Es waren rund 1000 Häftlinge des Außenlagers Hadmersleben.

Am Morgen des 9. April zog auch diese Kolonne in Richtung Magdeburg ab. Als am 10. April amerikanische Soldaten in Langenweddingen einmarschierten, kehrten einzelne Häftlinge aus den beiden Transporten zurück und berichteten, dass die SS-Bewacher auf Grund der unmittelbaren Nähe der amerikanischen Truppen die Flucht ergriffen hatten und so die Häftlinge ihre Freiheit wiedererlangten.

Die bis zuletzt in der Werkstatt beschäftigten Häftlinge auf dem ehemaligen Gelände der Zuckerfabrik Hadmersleben wurden am 9. April in Richtung Peseckendorf/Ampfurth abtransportiert. Der weitere Verbleib dieser Kolonne ist unklar.

Am 11. April 1945 versuchten SS-Truppen eine kleine Anzahl Häftlinge von Hadmersleben auf die Straße in Richtung Westeregeln zu treiben, gerieten dabei aber an Teile der vorrückenden amerikanischen Armee. Es kam zu einem Schusswechsel, bei dem ein SS-Mann getroffen wurde.

Damit endet die Geschichte des unterirdischen Flugzeugbaus im Salzschacht Hadmersleben und die unmenschliche Geschichte des dazugehörigen Konzentrationslagers.

Nach Kriegsende waren Handwerker und Betriebe bemüht, aus noch zur Verfügung stehenden Kriegsmaterialien Dinge des täglichen Bedarfs zu fertigen. So ist bekannt, dass aus Granathülsen zum Beispiel Milchkannen gefertigt wurden. Auch aus den Blechen, die von der AGO zum Flugzeugbau verwendet werden sollten, entstanden Kochtöpfe, Badewannen oder wie der, in der Museumssammlung erhaltene, Papierkorb. Diese heute sehr seltenen noch bekannten Zeitzeugnisse, sollten uns mahnen, die Unmenschlichkeit aller Kriege nicht zu vergessen.

 

Eine Gedenktafel am Eingang des Schrägaufzuges erinnert heute an den Einsatz hunderter KZ-Häftlinge im Salzschacht Hadmersleben für die deutsche Rüstungsindustrie.© Fotos U. Schmidt

      

Literatur:

Wegener, Fachkunde für Metallflugzeugbauer (Leipzig/Berlin o.J.) 47–50.

U. Schmidt, »Im Zeichen der drei Falken«, unveröffentlichtes Manuskript (Oschersleben 2016).

U. Schmidt, »Im Zeichen der drei Falken«, Ausstellungskonzept (Oschersleben 2003).







SammlungsStücke Oktober 2018

Traktor RT 325 ›FAMULUS 40‹

Der RT 325 ›FAMULUS 40‹ des Börde-Museums in der Landtechnikausstellung. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Inv. Nr. :          BMBU_2009-324

Hersteller:       VEB Schlepperwerk Nordhausen

Baujahr:         1964

Motor:           Zweizylinder-Viertakt-Reihe, Diesel, wasserumlaufgekühlt (EM 2-15-2)

Hubraum:       3280 cm³

Leistung:        40 PS bei 1800 U/min

Getriebe:       5 Vorwärtsgänge und 1 Rückwärtsgang in 2 Gruppen

  



Der RS 04/30 war zu seiner Zeit ein moderner Schlepper. Dennoch galt er bereits zu seiner Produktionseinführung als veraltet. Die Arbeiten zu den konstruktiven Verbesserungen des RS 04 begannen bereits 1954 und führten zu einem neuen Schlepper, dem RS 14, der anfangs den Zusatznamen ›Favorit‹ erhielt. Der tschechische Automobilhersteller Škoda drohte daraufhin mit einer Klage, da ein PKW seiner Produktion die gleiche Bezeichnung führte. So zog man den Namen zurück. Nach etwa 1000 gebauten ›Favorits‹ erschien der RS 14 mit dem lateinischen Zusatznamen ›Famulus‹, was frei übersetzt Diener, treuer Begleiter oder auch Sklave bedeutet.

Vom Prinzip war der ›Famulus‹ ähnlich aufgebaut wie der RS 04. Bedeutende Veränderungen waren ein moderneres Design, eine neue Vorderachse mit Einzelradfederung und Spurbreitenverstellung, ein neues Getriebe und die international genormte Dreipunktanhängevorrichtung, was besonders für den internationalen Markt Wichtigkeit besaß. In Zusammenarbeit mit dem Spezialisten für luftgekühlte Fahrzeugmotoren, ROBUR, konnte neben dem wassergekühlten Motor auch eine 33 PS leistende luftgekühlte Variante angeboten werden.

Der Motor des Famulus war allerdings nicht sehr robust und es gab oft Ausfälle. So schien es zumindest. In Wirklichkeit stellten die Nordhäuser Traktorenbauer einen durchaus guten, wendigen und universellen Traktor für die Landwirtschaft bereit. Im Einsatz wurde er jedoch oft weit über seine Leistungsgrenze strapaziert, was zu einem hohen Materialverschleiß führte. Wie der ›Pionier‹ machte auch der ›Famulus‹ seinem Namen alle Ehre.

Den Traktorenherstellern war Anfang der 1960er-Jahre völlig klar, dass der ›Pionier‹ ausgedient hatte. Die ›Brockenhexe‹ war zu schwach, der ›Aktivist‹ eine unglückliche Konstruktion, der RS 04/30 und auch der ›Famulus‹ kamen an die Zugleistungen des ›Pioniers‹ und seiner Verbesserung des ›Typ Harz‹ nicht heran. Der ›Famulus‹ hatte allerdings noch einiges an Potenzial zu bieten. So wurde versuchsweise der Motor aufgebohrt. Damit entstand aus der luftgekühlten 33 PS Variante der ›Famulus 36‹ und aus dem 30 PS wassergekühlten Modell wurde der 36 PS leistende RS 14/36W ›Famulus‹. Beide Schlepper bewährten sich in der Praxis recht gut. Dennoch reichten diese technischen Veränderungen nicht aus. Um die immer mehr werdende zapfwellengetriebene Landtechnik betreiben zu können, brauchte man stärkere Traktoren. Beim wassergekühlten ›Famulus‹ wurden daraufhin die Zylinder des Motors von 115 mm auf 120 mm aufgebohrt. Zusätzlich erhöhte man die Drehzahl des Motors auf 2000 U/min und erreichte 46 PS. Damit war ein neuer ›Famulus‹ geschaffen, der schneller bei Transportaufgaben agierte und gleichzeitig genügend Kraft besaß, Erntemaschinen zu ziehen und zu treiben. Der RT 325 ›Famulus 46‹, so die neue Bezeichnung, war effektiver einsetzbar als sein Vorgänger, der RS 14. Allerdings war der Motor dafür nicht ausgelegt. Es kam zu Überhitzungen und Motorschäden. Um dem entgegen zu wirken, wurde die Drehzahl auf 1800 U/min zurückgenommen. Der Motor erbrachte nun eine Leistung von 40 PS. So entstand also der RT 325 ›Famulus 40‹. Die neue Typenbezeichnung ›RT‹ ergab sich aus einer Untersuchung des Instituts für Landtechnik Potsdam-Bornim Anfang der 1960er-Jahre.

 

 

Eine Werbeanzeige des VEB Schlepperwerk Nordhausen für die verschiedenen RS 14-Typen. In: Agrartechnik, 10. Jg., Heft 6, Juni 1960, S. 247

 

 

Um eine Mindestanzahl an Traktorentypen zur Erfüllung der Mechanisierungsaufgaben in der Landwirtschaft zu bestimmen, wurden die Arbeiten mit Traktoren analysiert. Ziel war es, den Traktorenbau zu spezialisieren. An diesem Projekt arbeiteten maßgeblich Achim Bischof, Klaus Drechsler, Gottfried Zaunmüller und Dr. Rudolf Adams.

Bei der Auswertung der Betriebsstunden der Traktoren stellte sich klar heraus, dass der Hauptanteil aus Zugarbeiten bestand. Folglich wurde die Zugfähigkeit der Traktoren als Parameter gesetzt. Daraus ergaben sich fünf Zugkraftklassen: die 0,6; 0,9; 1,4; 2,0 und die 3,0 Megapont-Klasse, die für die Landwirtschaft in der DDR relevant waren. In die 0,6 Mp-Klasse gehörte der Geräteträger RS 09/GT 122 und GT 124. Für die 0,9 und die 1,4 Mp-Klasse sollten Neuentwicklungen in Auftrag gegeben werden. Die 2,0 und 3,0 Mp-Klasse gehörte den Importtraktoren. Die 0,6 Mp-Klasse war von vornherein zum Auslaufmodell bestimmt, da die Arbeiten von Traktoren der höheren 0,9 Mp-Klasse mit übernommen werden konnten.

Mit der Einführung dieser 5 Megapond-Klassen bekamen auch die Traktoren neue Bezeichnungen. Aus dem ursprünglichen RS (Radschlepper) wurde ein RT (Radtraktor). Die erste Ziffer stand für die Megapondklasse, die nachfolgenden waren eine Zahlenkombination für die Entwicklungs- oder Seriennummer. Der RS 14/36L wurde somit zum RT 315, der RS 14/36W zum RT 325. Doch nicht nur die Bezeichnungen waren neu. Der ›Famulus‹ wurde während des Produktionszeitraums ständig verbessert. Bei der RT-Generation kam einiges neu hinzu. So erhielt der Schlepper eine Luftdruckanlage für einen luftgebremsten Anhängerbetrieb, eine neue Lenkung, die es von der Leichtgängigkeit mit einer Servolenkung aufnehmen konnte sowie einen Sicherheitsfangrahmen. Damit waren die RT-Schlepper technisch und auch in puncto Sicherheit gut ausgerüstet. Dennoch ließen die geringe Leistung und besonders die veraltete Blockbauweise viele ausländische Kunden vom Kauf Abstand nehmen. Hierzulande waren sie aber wichtige Schlepper, die solange im Einsatz standen, bis der neue ZT 300 in vollem Umfang produzieret werden konnte.


Verschiedene Werbeprospekte vom 36 PS RS 14 bis zum Allrad-RT 330, von dem es nur wenige Funktionsmuster gab. Aus: Privatsammlung U. Schmidt


Nachdem sich der ZT 300 durchsetzen konnte begann Mitte der 1970er-Jahre das große Sterben von ›Pionier‹ und ›Famulus‹. Im Spätsommer 1977 wurde zum Beispiel der letzte ›Famulus‹ der KAP (Kooperative Abteilung Pflanzenproduktion) Oschersleben außer Dienst gestellt. Die meisten dieser Traktoren kamen zur Verschrottung. Einige konnten aber von Bauern, die noch eine kleine Privatwirtschaft besaßen übernommen werden. Der RT 325 des Börde-Museums gehört zu den seltenen Schleppern, die bis 1989 ihren Dienst in einer LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) taten. 1964 gebaut, gehört er zu den letzten Traktoren der Nordhäuser Produktion und kam in den Farben des VEB Traktorenwerkes Schönebeck Rot/Gelb zur Auslieferung. Die LPG in Eilsleben setzte diesen Traktor bis 1989 ein und gab ihn dann in eine Privatwirtschaft nach Ummendorf ab. Fast zehn Jahre blieb er dort zu leichten Feldarbeiten und in guter Pflege, bis er von dort dem Börde-Museum Burg Ummendorf 1998 übereignet wurde. Mit der feierlichen Einweihung der Landtechnikhalle am 15. Dezember 1998 bekam der RT 325 seinen Platz in der Ausstellung und vervollständigt hier die Geschichte des Schlepperbaus der DDR.    


Quellen:

A. Bischof, Traktoren der DDR (Greven 2004) 23–29.

F. Rönnicke, Verdiente Aktivisten – Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002) 110–114, 134–135.

G.Wappler – U. Schmidt, Der ZT 300 und seine Modelle, unveröffentlichtes Manuskript  (Zwickau/Oschersleben 2017).

Agrartechnik, 10. Jg., Heft 6, Juni 1960, 247–251.

 

 

 

 

 

 

SammlungsStück September 2018

Hausurne (ergänzt) aus Eilsleben


Die Hausurne aus der archäologischen Ausstellung im Börde-Museum. Bei den sehr glatt gearbeiteten Bereichen handelt es sich um Ergänzungen im Zuge der Restaurierung. © Foto G. Neumann BMBU - Landkreis Börde.

 



Datierung:       700-525/450 v. Chr. (Vorrömische Eisenzeit)

Fundort:          Eilsleben

Maße:             H ca. 28 cm / B 15 - 27 cm,

Öffnung :          8 x 9 cm                                                             

Material:          Ton

Inv.-Nr.:           BMBU IV:685             

    

 


 

 




In der archäologischen Ausstellung des Börde-Museums findet sich unter der Nummer 6 in der Vitrine zur Eisenzeit ein etwa 28 cm hohes Gefäß aus Ton, welches sich von den übrigen ausgestellten Gefäßen in einer Hinsicht deutlich unterscheidet. Der Unterschied besteht in der ca. 8 x 9 cm großen Öffnung, die sich etwa in der Mitte der leicht gewölbten Außenwand befindet. Die Öffnung scheint zunächst befremdlich, verhindert sie doch allen Anschein nach eine sinnvolle Nutzung des ›Keramiktopfes‹. Allerdings handelt es sich bei dem vorgestellten Exponat auch nicht um ein Tongefäß, welches zur Einlagerung oder der Zubereitung von Nahrung diente sondern um die Reste einer Urne.

Wie auch noch in heutiger Zeit gab es in beinahe allen Epochen der Menschheitsgeschichte sowohl die Brand- als auch die Körperbestattung. Meist dominierte eine der beiden Bestattungssitten, z. T. wurden aber auch beide Formen parallel zueinander angewandt. So kann die Bestattungsform Archäologen bereits den ersten Hinweis auf eine zeitliche und kulturelle Einordnung eines Grabes geben, bevor mögliche Grabbeigaben aufgenommen oder naturwissenschaftliche Untersuchungen durchgeführt werden.

So liegen etwa in einigen jungsteinzeitlichen Kulturen (ca. 5.300–2.200 v. Chr.)  die Toten in sogenannter Embryonalhaltung auf der rechten oder linken Körperseite. In der Älteren Nordischen Bronzezeit (ca. 1.800–1.100 v. Chr.) betteten die Menschen ihre Toten in ›Baumsärge‹, ausgehöhlte Baumstämme, die der Länge nach aufgesägt und anschließend unter einer Packung aus Steinen in einem Erdhügel niedergelegt wurden. In der jüngeren Bronzezeit (ca. 1.100–530 v. Chr.) verbrannte man plötzlich seine Toten. Dieser Wandel, der mit Sicherheit einherging mit der Veränderung der religiösen Ansichten (etwa Vorstellungen über das Leben nach dem Tod) vollzog sich aber nicht von einem Tag auf den anderen, sondern zog sich über mehrere Jahrhunderte hin. Auch in der darauffolgenden Eisenzeit (ca. 850–15 v. Chr.) behielt man die Sitte seine Toten zu verbrennen in unserer Region zunächst bei.

Die hier vorgestellte Urne in Form eines Hauses stellt keinen Einzelfall dar, sondern reiht sich ein in eine Vielzahl an ›Hausurnen‹, aus unterschiedlichen Regionen. Während es sich bei unserer Urne um ein eher schlicht gestaltetes Exemplar handelt (wobei große Teile rekonstruiert werden mussten, da nur noch wenige Reste der Urne gefunden wurden) gibt es einige sehr aufwendig gestaltete Objekte, mit Verzierungen und ausgearbeiteten Hauseingängen.  

  

Hausurnen aus Sachsen-Anhalt, Salzlandkreis. Von links nach rechts: Wilsleben, Tocheim, Königsaue. © J. Kneisel, S. Sabatini, S. 37.


Die Sitte, Urnen die Form von Häusern zu geben, ist im vorderen Orient bereits im ›Chalkolithikum‹ (Kupferzeit), der Wende zwischen Stein- und Bronzezeit zu beobachten. Die größte Verbreitung haben diese Urnen jedoch in der Übergangsphase von der späten Bronzezeit zur frühen Eisenzeit. Während dieses Zeitabschnittes ist die Form der ›Hausurne‹ hauptsächlich in zwei Gebieten zu beobachten. Zum einen in Mittelitalien und zum anderen im Nordosten Europas, von Südschweden über Dänemark, Norddeutschland und Nordpolen bis hinein nach Mitteldeutschland. Am häufigsten wurden ›Hausurnen‹ jedoch im nördlichen Harzvorland gefunden, wodurch die Kultur dieser Region auch als ›Hausurnenkultur‹ bezeichnet wird. Später wurde diese von der ›Jastorf-Kultur‹ verdrängt, die sich Richtung Norden bis an die Küsten Mecklenburg-Vorpommerns und über große Teile der Magdeburger Börde erstreckte.





Was aber ist der Hintergrund dieser auffälligen Form? Hierzu fallen einem mehrere Möglichkeiten ein. So könnte die Motivation der Urne diese Form zu verleihen darin bestanden haben, dass die bestattete Person in einem (ihrem?) Haus vom Diesseits ins Jenseits reisen sollte. Ein anderer Gedanke wäre, dass die Asche und die Beigaben von einer Heimstatt umschlossen und geschützt werden sollten, quasi eine Miniaturkopie des einstigen Lebens. Interessant ist auch, dass die Urnen nur durch die Öffnung in der Gefäßwand befüllt werden konnten und nicht wie bei anderen Urnen üblich durch ein abheben des Deckels in diesem Fall des Daches. Die Asche der verstorbenen Person musste demnach den Hauseingang ›benutzen‹. Und auch im Jenseits musste das, was nach dem Tod von einem Menschen übrig bleibt (heute würden wir unter anderem von Geist, Seele, Chi oder Atman sprechen), auch durch den Hauseingang wieder entweichen.

Es gestaltet sich äußerst schwierig, genauere Aussagen über die Intention der Gestaltung von Hausurnen zu treffen, da wir aus dieser Epoche keine schriftlichen Überlieferungen besitzen und demnach nur erahnen können, welche Glaubens- und Jenseitsvorstellungen die Menschen zu dieser Zeit und in dieser Region pflegten.

Dass die Hausurne eine Besonderheit darstellt, zeigt sich an der relativ geringen Zahl der entdeckten Exemplare. So liegt die Zahl der in Nordeuropa gefundenen Hausurnen bei etwa 140. Ein verschwindend geringer Anteil unter den ›normalen‹ Brandbestattungen, bei denen die Urne die Form eines einfachen Gefäßes ohne Dach und Türöffnung aufweisen und sich in Form und Größe kaum von der gebräuchlichen Alltagskeramik unterscheidet.

Leider lassen sich nur wenige Aussagen darüber treffen, wer in solchen ›Hausurnen‹ bestattet wurde. Die niedrige Zahl lässt darauf schließen, dass nicht jede Person das Anrecht auf eine solche besaß. Untersuchungen der Gräber und des Leichenbrandes (die Asche des oder der Toten) ergaben, dass es sich in den meisten Fällen um Einzelbestattungen handelte. Bei etwa einem Drittel handelt es sich um Kinderbestattungen. Untersuchungen zum Geschlechterverhältnis zeigten, dass der Anteil der Männerbestattungen etwas über dem der Frauenbestattungen lag. Allerding bleibt zu beachten, dass nur ein sehr kleiner Anteil der 140 aufgenommenen Urnen überhaupt wissenschaftlich untersucht werden konnte. Viele Exemplare gelangten bereits im 19. Jahrhundert in die Museen, wurden von Bauern auf ihren Feldern gefunden oder von interessierten Lehrern, Pastoren und Heimatforschern ausgegraben. Dadurch gingen viele wichtige Informationen verloren. Die Asche im Innern der Urne wurde von den Laien häufig nicht als solche erkannt und noch am Auffindungsort weggeworfen. Nicht selten befanden sich unter den verbrannten Knochenresten auch noch die Reste der verbrannten Grabbeigaben, die somit für die Wissenschaft ebenfalls verloren gingen. Die geringe Zahl und die zum Teil sehr aufwendige Gestaltung der Hausurnen lässt aber mit großer Wahrscheinlichkeit darauf schließen, dass es sich bei den Bestatteten um Personen gehandelt hat, die zu ihren Lebzeiten ein hohes Ansehen in Ihrer Gemeinschaft genossen und die, wie wir heute sagen würden, der gesellschaftlichen ›Oberschicht‹ angehörten.

Frühere Forschungen gingen davon aus, dass die Hausurnen zur Klärung der Bauweise bronze- und eisenzeitlicher Häuser dienen könnten, die Urnen also eine Miniaturausgabe der damaligen Wohnhäuser darstellten. Neuere Ausgrabungen von Siedlungen ergaben jedoch, dass die Häuser der Menschen in der Regel einen rechteckigen oder langovalen  Grundriss aufwiesen und keinen runden Hüttencharakter hatten, wie es die Urnen nahelegen würden.

 

Verbreitungskarte. Die roten Punkte stehen für Fundorte von ›Hausurnen‹. Die Karte zeigt deutlich, dass diese Urnenform in der jüngeren Bronzezeit und frühen Eisenzeit nur in Mittelitalien und Südskandinavien verbreitet ist. © Siegmar von Schnurbein (Hrsg.), S. 205.


 









Anders sieht es in Mittelitalien aus, hier weisen die ›Hüttenurnen‹ (italienische Bezeichnung) eine deutliche Ähnlichkeit zu den bei Ausgrabungen entdeckten Hausgrundrissen auf. Auch dieser Umstand unterstützt die Annahme, dass sich das Phänomen der Hausurnen von Süd- nach Nord ausbreitete. Die Menschen in Nordeuropa also die Form der italienischen Urnen übernahmen, obwohl die Bauweise der eigenen Häuser eine ganz andere war.

Die räumliche Verbreitung der ›Hausurnen‹ ist bei weitem nicht der einzige archäologische Nachweis für die engen Handelsbeziehungen innerhalb Europas und der Welt. Spätestens seit der Bronzezeit finden sich bei Ausgrabungen immer wieder Gefäße, Rohstoffe oder Schmuckformen aus weit entfernten Regionen. Zinn aus Großbritannien, Bronzegefäße aus Italien, Salz aus Österreich oder Bernstein aus Finnland. Man könnte diese Liste beliebig weiterführen. Die Darstellung von isolierten ›Völkern‹, die weit entfernt und getrennt voneinander lebten und keinerlei private oder geschäftliche Verbindungen zueinander  eingingen, ist nach heutigem Forschungsstand veraltet und weit verfehlt.

                                    
















Literatur:

J. Kneisel, S. Sabatini, Hausurnen – Die Tür zu den Toten. In: Verband der Landesarchäologe in der Bundesrepublik Deutschland (Hrsg.), Archäologie in Deutschland 05, (Ulm 2006) 36-37.

C. Metzner-Nebelsick, R. Müller, S. Sievers,  Die Eisenzeit, Kontakte zu Hochkulturen, 105-107. In: Siegmar von Schnurbein (Hrsg.), Atlas der Vorgeschichte, Europa von den ersten Menschen bis Christi Geburt (Stuttgart 2009).

 

 

 


SammlungsStück August 2018

Heucke- Dampfpfluglokomobilen (Teil 2)

 

18 PS Heucke- Dampfpfluglokomobile © Foto: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Hersteller:                         Andreas Heucke Dampfpflug-Lokomotiv-Fabrik Gatersleben

Bauzeit:                            1907–1950

Kesselvolumen:                  1200 l

Wasservorrat Tender:           800 l

Ø Hochdruckzylinder:           183 mm

Ø Niederdruckzylinder:         290 mm

Ø Schwungrad:                   1100 mm

Betriebsdruck:                     14 bar

Leistung:                           170–210 PS

Gesamtgewicht:                   ca. 20 t

Höchstgeschwindigkeit:          7 km/h

Inv. Nr.:                                  BMBU_2009-111

 


Mit der Abgabe einer Lokomobile nach Berlin, war es nun nicht mehr möglich, einen kompletten Satz auszustellen. Doch hatte das Museum Glück und im gleichen Jahr tauchte noch eine weitere Maschine auf. Sie stammte vom VEG Schwaneberg und konnte im Oktober 1975 für das Museum gesichert werden.

Anlässlich des 30. Jahrestages der Bodenreform wurde in Wanzleben vom 9. September bis 15. September 1975 eine Festwoche organisiert. In diesem Rahmen gab es auch eine Ausstellung historischer und moderner Landtechnik. Hier wurde die Schwaneberger Maschine ausgestellt, die dazu mit Restteilen wieder komplettiert wurde und zu diesem Zeitpunkt noch nicht im Besitz des Ummendorfer Museums war. Wahrscheinlich hatte man entschieden, sie erst nach der Festwoche dem Museum Ummendorf zu übereignen.

Nach Abschluss der Veranstaltung kam die Lokomobile zunächst in das Zwischenlager nach Eggenstedt, in dem schon der Kipppflug und die Maschine aus Hadmersleben standen. Gemeinsam mit der Hadmerslebener Lokomobile wurde auch sie im Frühjahr 1976 nach Ummendorf gebracht. Beim genauen Betrachten erzählt uns diese Lokomobile eine ganz besondere Geschichte:

Mit dem Ende der Dampfpflüge übernahmen die bis dahin zeitgleich eingesetzten Traktoren die Arbeit des Pflügens. Sie wurden leistungsstärker, waren kleiner und vielseitiger einsetzbar, standen aber in der DDR in den 1950er-Jahren nicht in dem Maße zur Verfügung, wie sie benötigt wurden. Schnell zeigte sich aber der große Nachteil der Pflugarbeiten mit dem Traktor. Die Reifen der Schlepper übten einen starken Druck auf den Boden aus, was sich auch in den tieferen Bodenschichten bemerkbar machte, die der Pflug nicht erreichte. Durch die Verdichtung in den Fahrspuren, trocknete der Boden schneller aus und die Saat lief unterschiedlich auf. Beim Seilpflügen fuhr nur der Pflug auf den zu bearbeitenden Acker. Der Bodendruck war bedeutend geringer und erzeugte auch keine Schäden in der tieferen Bodenstruktur. Darum forderten Befürworter des Seilpflügens neue Zugaggregate. So entstand in der DDR eine einzigartige Maschine mit Dieselantrieb, die die Funktion der Dampflokomobile übernehmen sollte, das SZ 24 ›Agronom‹. Es wurde im VEB Traktorenwerk Schönebeck konstruiert, unter anderem hier in der Börde, im Raum Seehausen, durch die Außenstelle der Zentralen Prüfstelle für Landtechnik Potsdam-Bornim getestet und im VEB Mähdrescherwerk Weimar in Serie produziert. Auf Grund der schlechten Standfestigkeit setzte es sich jedoch nicht gegen die Traktoren durch.

Zu der Zeit, als man das Seilzugaggregat SZ 24 in den Testbetrieb nahm, hatten unabhängig davon einige Landmaschinen- und Traktorenschlosser in der DDR einen ähnlichen Gedanken. Auch sie hatten das Ziel, das Seilpflügen weiter zu betreiben, nur ohne Dampf. Hierzu wurden Pfluglokomobilen umgebaut und LKW-Motore auf die Maschinen montiert. Dazu musste die gesamte Dampfmaschine vom Langkessel entfernt werden. Es folgte der Ausbau der Siederohre, des Überhitzers und der Esse. Im Langkessel fand nun ein großer Kessel als Tank seinen Platz. Auf den Langkessel wurde der Motor gesetzt. Um den Motor aufnehmen zu können, musste ein Hilfsrahmen montiert und der Kessel besonders an der Rauchkammer verstärkt werden. Die Rauchkammertür wurde auf Grund der eingebauten Verstärkung im oberen Bereich eingekürzt. Den Motor koppelte man mit einem Getriebe, über das die Drehbewegung um 90 Grad umlenkt werden musste. Die Kurbelwelle ersetzte man durch eine einfache Übertragungswelle. Damit war eine höhere Laufruhe gegeben. Zusätzlich musste über das Getriebe auch die Drehrichtung geändert werden können, da die Lokomobile keinen Rückwärtsgang besaß. Ob ein Bremssystem an den Übertragungswellen eingebaut wurde, ist nicht überliefert, allerdings höchst wahrscheinlich. Anders könnte man das Fahrzeug bei Einsatz eines Dieselmotors nicht zum Stillstand bringen, denn Pfluglokomobilen werden mittels Dampfmaschine gebremst. Laut verschiedenen Aussagen soll ein luftgekühlter Motor des tschechischen Fahrzeugherstellers TATRA eingesetzt worden sein. Wenn man die beiden Lokomobilen des Börde-Museum miteinander vergleicht, bestätigen sie diese Geschichte. Bei der Schwaneberger Maschinen wurde der obere Bereich der Rauchkammertür entfernt. Ein zusätzlich eingeschweißtes U-Eisen stabilisiert diesen Bereich.

Die Veränderungen im Bereich der Rauchkammertür ist ein Hinweis, dass auch diese einmal mit einem LKW-Motor ausgestattet war. Ein Blick in die Rauchkammer gibt dann die endgültige Gewissheit, Überhitzer und Siederohre sind ausgebaut. In dem Bereich, wo die Siederohre angeordnet waren, befindet sich noch der Dieseltank.


Die Veränderungen an der Rauchkammertür und der eingebaute Kraftstofftank im Langkessel der Schwaneberger Maschine. © Fotos: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 








 





Die auf dem Langkessel nachträglich während des Rückbaus montierte Dampfmaschine wurde von einer anderen Lokomobile thermisch abgetrennt und direkt auf den Langkessel aufgeschweißt. Wahrscheinlich stammte sie nicht von einer Heucke-Lokomobile, da ihr Kesseldurchmesser etwas größer war, als bei unserer Heucke-Maschine. Dieser Umstand erlaubte einen sauberen Anschluss.

Im Archiv des Börde-Museums befinden sich dazu auch zwei Fotos. Sie zeigen eine Kemna-Lokomobile des Pflugunternehmens Sauer mit aufgebautem LKW-Motor. In einer Aufnahme ist erkennbar, dass die Maschine während des Pflügens aufgenommen wurde. Die Techniker haben es tatsächlich geschafft, ihre Idee zur Einsatzreife zu bringen.

 

Umgebaute Kemna-Lokomobile mit LKW-Motor von TATRA. © Foto: Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf


 

















Auch die Veränderungen an der Rauchkammertür sind hier wieder zu finden. Zwischen Kupplungsglocke und Getriebe scheint ein Kupplungsstück eingebaut zu sein. Möglich ist auch, dass es sich hierbei um eine Bremseinrichtung handelt. Das Schwungrad ist von der Lokomobile entfernt worden, was die Vermutung zulässt, dass die Kurbelwelle durch eine einfache Übertragungswelle ersetzt worden ist. Im Hintergrund ist der Kipppflug zu sehen. Bei der Motorisierung handelt es sich um einen 12 Zylinder luftgekühlten V-Motor, dessen beiden Zylinderreihen mittels zweier Gebläse gekühlt wurden. Da nach Überlieferung TATRA-Motoren eingesetzt worden sind, wird es sich hier um den 185 PS starken Motor der Schwerlastzugmaschine TATRA 141 gehandelt haben. Damit war die Lokomobile gut ausgestattet. Die Motoren von TATRA galten als stark, wartungsarm und zuverlässig. Auch die Standfestigkeit müsste sicherlich besser gewesen sein als die des Seilzugaggregates SZ 24. Wahrscheinlich gab es mehrere Gründe, dass sich auch dieses Seilzugaggregat nicht durchsetzen konnte: Zum einen standen mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht genügend dieser Spezialmotoren zur Verfügung und ihr Erwerb war sicher teuer und kompliziert. Zum anderen standen zunehmend leistungsstarke Traktoren zur Verfügung. Besonders der Einsatz des ersten Allradschleppers in der DDR, des DUTRAs D4K zeigt, dass diesen Traktoren eine besondere Rolle in der Landwirtschaft zufallen sollte. Damit standen die Kosten und die Zeit, die man zum Umrüsten der Lokomobilen hätte investieren müssen, in keinem Verhältnis mehr. Hiermit endete die Ära des Seilzugpflügens.

Das Museum besitzt, wenn auch nicht mehr komplett und funktionstüchtig, einen authentischen Heucke-Lokomobilsatz, denn die aus Schwaneberg stammende Maschine ist ebenfalls eine Heucke-Lokomobile. Sie wurde weitestgehend optisch zurückgebaut. Auch wenn es auf den ersten Blick schade ist, dass der Hadmerslebener Satz auseinandergerissen wurde, kann man mit dem Verbleib der Schwaneberger Maschine die Geschichte der Motorisierung von Lokomobilen in der Börde noch heute belegen. Sie ist wahrscheinlich der einzige greifbare Beweis für diese Technikgeschichte in Deutschland.

 

Quellen:

Archiv des Börde-Museums Burg Ummendorf, Nachlass Heinz Nowak.

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004).

H. Hintersdorf, Der »Agronom« sollte es richten in: Der Schlepperfreund Nr. 35, Februar 1999, 12–17.

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2005).

N. Hohmann, Das Seilzugaggregat SZ 24. (Graitschen b. Bürgel o.J.).

 

 

 


SammlungsStück Juli 2018

Heucke- Dampfpfluglokomobilen (Teil 1)


18 PS Heucke Dampfpfluglokomobile © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 18 PS Heucke Dampfpfluglokomobile

Hersteller:                           Andreas Heucke Dampfpflug-Lokomotiv-Fabrik Gatersleben

Bauzeit:                              1907–1950

Kesselvolumen:                    1200 l

Wasservorrat Tender:             800 l

Ø Hochdruckzylinder:              183 mm

Ø Niederdruckzylinder:             290 mm

Ø Schwungrad:                      1100 mm

Betriebsdruck:                       14 bar

Leistung:                              170–210 PS

Gesamtgewicht:                     ca. 20 t

Höchstgeschwindigkeit:              7 km/h

Inv. Nr.:                                    BMBU_2009-113

 


Im September 1863 wurde erstmals ein Dampfpflug auf dem Vorwerk Blumenberg der Domäne Wanzleben vorgeführt. Dieser Einsatz läutete die Ära des Dampfpflügens in der Börde ein und hielt rund 100 Jahre an. Mit der Verwendung von Dampfmaschinen wurde die Feldarbeit mechanisiert.

Diese Technik konnten sich meist nur große Güter leisten. Allerdings entstanden nach englischem Vorbild auch Lohnpflugunternehmen, die als Dienstleister ihre Maschinen mit Fachpersonal den Landwirten anboten. 1870 gründete Andreas Heucke sein Lohnpflugunternehmen in Hausneindorf bei Quedlinburg. Er begann mit Fowler-Lokomobilen, die er bei der Firma Dehne in Halberstadt erwarb. Um seine Maschinen optimal Pflegen und Warten zu können, wurden eigene Werkstätten gebaut. Bald war man bei Heucke in der Lage eigene Lokomobilen zu fertigen. Mit Unterstützung Max Eyths begann Andreas Heucke 1884 unter der Firmenbezeichnung A. Heucke Dampfpflug-Lokomotiv-Fabrik selbst Pfluglokomobile zu bauen. 1901 verließ bereits die 100. Lokomobile den Betrieb. Bald war das Betriebsgelände zu klein und es erfolgte 1907 ein Umzug in das benachbarte Gatersleben. Neben der Produktion der Lokomobilen wurden sämtliches Zubehör wie Pflüge, Grubber, Mannschaftswagen in das Produktionsprogramm einbezogen. So war man in der Lage, komplette Dampfpflugsätze zu liefern. Die Lohnpflügerei lief bei Heucke weiter. Mit ihr wurde bei schlechteren Verkaufsergebnissen der Gewinneinbruch abgefedert. Das Unternehmen blieb in drei Generationen mit einer der erfolgreichsten Lokomobilhersteller.

Den Zweiten Weltkrieg überstand der Betrieb ohne große Beschädigungen und konnte trotz Enteignung schon bald die Produktion aufnehmen. In Gatersleben verließ 1950 der letzte Dampfpflugsatz das Werk. In der Zeit von 1884 bis 1950 wurden 440 komplette Dampfpflugsätze mit einer Leistung bis zu 250 PS gefertigt. In Spitzenzeiten lieferte Heucke jährlich 24 Sätze aus.

Heucke-Lokomobilen waren weltweit eingesetzt wie in Namibia, Indien, Sumatra und Java. Besonders bekannt geworden sind sie bei der Kultivierung der Pontinischen Sümpfe bei Rom (Italien).

Ab 1950 stellte das Unternehmen Baumaschinen her. Die Heucke-Pfluglokomobile des Museums ist eine Heißdampfmaschine. Ihr Überhitzer ist in der Mitte der Rauchkammer angeordnet. Die Rohrleitungen des Überhitzers durchlaufen in Querrichtung mehrfach die Kammer und sind optimal der erzeugten Abgashitze ausgesetzt. Der Dampf im Überhitzer wird entgegen der heißen Abgasluft geleitet und kommt so vom kühlsten zum heißesten Bereich. Er erreicht so eine Temperatur von 300 °C.

 

Der Überhitzer in der vorn sitzenden Rauchkammer. Gut sichtbar ist der lange Weg des Dampfes im Überhitzer in Richtung der Siederohre, durch die die heißen Abgase gingen. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Die Kesselanlage besteht aus zwei Kesseln, dem Langkessel mit der Rauchkammer und dem Stehkessel, in dem sich die sogenannte Feuerbuchse, auch Feuerbüchse oder Feuerkiste (Brennraum) befindet.

Die Feuerbuchse wird an fünf Seiten von Wasser umspült. So kann die Hitze gut an das Wasser abgegeben werden, gleichzeitig wird die Feuerbuchse gekühlt. Durch die kubische Form ist der Stehkessel nicht in der Lage, den geforderten Druck zu halten. Nur durch seine spezielle Herstellung ist das möglich. Mit Hilfe von 190 Stehbolzen und 30 Deckenanker, die zwischen der 14 mm starken Stehkesselwandung und der Feuerbuchse eingezogen sind, wird dies möglich.





Aus Sicherheitsgründen sind die Bolzen hohl. Beim Bruch eines der Bolzen entstünde so eine undichte Stelle, die den Schaden sofort sichtbar macht. Bei Bolzen aus Vollmaterial, würde beim Bruch die Belastung auf die verbleibenden übertragen, ohne es sichtbar werden zu lassen. Es entstehen Folgebrüche und der Stehkessel könnte dem Druck nicht mehr standhalten. Eine Kesselexplosion wäre die Folge.


Detailaufnahme der Stehkesselnietung. Mit 1 gekennzeichnet sind die Hohlnieten, mit 2 die Kesselnietung an der Verbindung zwischen Stehkessel zum Langkessel mit üblichen Nieten. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Eine weitere Sicherheitseinrichtung ist neben dem Überdruckventil ein Bleipfropfen, der in der Feuerbuchsendecke eingesetzt ist. Bei zu niedrigem Wasserstand schmilzt dieser aus und das Speisewasser füllt den Brennraum. Das Feuer erlischt. Somit wird ein Ausglühen der Feuerkiste verhindert.

Heucke bot drei Maschinentypen an: 16 PS, 18 und 20 PS. Diese Angabe basiert auf den englischen Leistungsangaben. Errechnet wurde sie mit der Quadratzahl des Zylinderdurchmessers geteilt durch 10, ergibt die PS am Schwungrad. Physikalisch ist 1 PS aber die Kraft, die benötigt wird, um 75 kg in einer Sekunde einen Meter zu heben. Die hier beschriebene Maschine ist eine 18 PS-Lokomobile und hat eine tatsächliche Leistung von 170 – 210 PS.






Dem damaligen Museumsleiters Heinz Nowak gelang es, zwei Lokomobilen für die Nachwelt zu sichern. Der Satz gehörte dem VEG (Volkseigenem Gut) Hadmersleben. Laut Unterlagen waren sie im Herbst 1964 zum letzten Mal eingesetzt. Als Reserve für den Notfall wurden die Maschinen erst einmal abgestellt. Sie blieben über ein Jahrzehnt ungenutzt. In dieser Zeit verschwanden einige dekorative Teile bis hin zu technischen Einrichtungen, die zu einer Nachnutzung oder zur Erfüllung des Schrottplans verwendet wurden. Letztendlich wurden beide Maschinen dem Schrott zugeführt. Dabei entstand eine besondere Situation. Die Maschinen befanden sich zwar noch auf dem Gelände des VEG, waren aber durch die Verschrottung Eigentum des VEB (Volkseigener Betrieb) Kombinat Metallaufbereitung Magdeburg. In Verhandlung mit dem Kombinat wurde entschieden, dass das Museum die Lokomobilen zum Schrottwert ankaufen kann. Es wurde festgelegt, dass dieser Satz auseinandergerissen wird, denn eine der Lokomobilen übernahm das Staatliche Volkskundemuseum Berlin. Den Abtransport musste das Börde-Museum selbst organisieren. Dies geschah im August 1975. Zu dieser Zeit stand dem Museum noch keine Ausstellungsfläche für Großexponate zur Verfügung. In einem Nebengebäude des Schlosses Eggenstedt wurde die Lokomobile eingelagert. Ihre Umsetzung nach Ummendorf erfolgte im Frühjahr 1976. Die Maschine verblieb vorerst mit weiteren größeren Landmaschinen zwischen dem Westgraben und dem Schulhof der heutigen Ummendorfer Grundschule.

Erst 1990 stand die heutige Ausstellungsfläche zur Verfügung. Nachdem die Lokomobile gemeinsam mit einer zweiten Maschine und einem Kipppflug aufgestellt werden konnte, erhielten sie auch ihren ersten Schutzanstrich. Mittlerweile stehen sie unter Dach, wurden sandgestrahlt und bekamen eine Rostschutzgrundierung und eine neue Farbgebung um sie weiter der Nachwelt zu erhalten.

 

Quellen:

Archiv des Börde-Museums Burg Ummendorf, Nachlass Heinz Nowak

 

Literatur:

R. Georg – G. Ripke, Der Maschinenbau Bd 1 (Nordhausen 1925).

A. Gieseler, A. Heucke, Dampfpflugfabrik: Dampfpflug-Lokomobile, http://www.albert-gieseler_de/maschinen1/dampfdet1698 (Stand: 22. 03. 2018)

K. Lutz, Die Technik der Hohenheimer Dampfpfluglokomotiven („Der goldene Pflug“ Nr. 12, Deutschen Landwirtschaftsmuseums Januar 2001) https://www.uni-hohenheim.de/agrartechnik/INST/Heucke.html (Stand: 12. 02. 2016).

H. Müller, Betriebsgeschichte des VEB Baumaschinen Gatersleben Sitz Aschersleben Teil 1 1870 – 1945 (Aschersleben 1988).

G. Ripke, Grosses Handbuch des Maschinenbaus Bd. 2 (Nordhausen o.J.).

R. Thiede – K. Krombholz, Über die Firma „A. Heucke Dampfpflug-Lokomotiv-Fabrik Gatersleben“ (»Der goldene Pflug« 31 Deutsches Landwirtschaftsmuseum Hohenheim), https://www.vdi_de › vdi_de › kfbt_d (Stand: 12. 02. 2016).

 



Sammlungsstück Juni 2018

Mikrofon RFT DM 2112


Mikrofon RFT DM 2112 © Foto N. Panteleon / BMBU – Landkreis Börde

Mikrofon mit Tischständer

Hersteller:                Kombinat VEB RFT Fernmeldewerk Leipzig

Gerätetyp:                DM 2112

Material:                   Kunststoff, Metall

Maße:                        6,5 cm (Länge) x 3,5 cm (Dm), 120 cm (Kabellänge zzgl. Stecker)

Beschriftung:             RFT DM 2112 M 401 DDR

o. Inv.-Nr.

Datierung:                nach 1980




Die diesjährige große Sonderausstellung des Börde-Museums widmet sich der Musikgeschichte der DDR. In der Ausstellung werden zahlreiche Exponate präsentiert. Darunter sind vor allem Leihgaben von Privatpersonen. Daneben hat das Museum einen kleinen eigenen Bestand, der diese Epoche der Musikgeschichte verdeutlicht: Schallplatten, Tonbänder und Mikrofone zählen dazu.

Das Sammlungsstück des Monats Juni ist das Mikrofon DM 2112. Es besteht aus Kunststoff und Metall. Zum Set gehört ein kleiner Aufsteller, auf den das Mikro geschoben und dann am heute leider verlorenen Deckel befestigt wurde. Die silbernen Streifen lassen das Stück noch ganz im Stil der 1970er- und 1980er-Jahre erscheinen.

In der ehemaligen DDR gab es einen großen Wirtschaftszweig, der sich dieser Technik widmete. So wurden Instrumenten und Technik in Markneunkirchen und Klingenthal im Vogtländer Musikwinkel hergestellt. Mikrofone, wie dieses Exponat, und Kopfhörer fertigte man zum Beispiel im RFT Fernmeldewerk Leipzig. Zu den Mikrofonen gehörte in der Regel auch eine Garantieurkunde, die sich seltener erhalten hat. Für das Vorgängermodell vom DM 2112, dem DM 2111 besitzt einer der Leihgeber ein Beispiel. Die Garantiekarte umfasst eine laufende Nummer, den Gerätetyp sowie ein Prüffeld mit Datumsangabe. Umseitig sind zudem die Garantiebedingungen festgehalten.

 

Garantie-Urkunde des DM 2111 © Foto N. Panteleon / BMBU – Landkreis Börde


Mikrofone spielen in verschiedenen Bereichen der Unterhaltungsindustrie eine Rolle. Im Zusammenhang mit Musik natürlich vor allem bei Tonaufnahmen. Sei es bei Aufnahmen in Studios, im Radio oder Fernsehen.

Grundsätzlich stecken Mikrofone heute in verschiedenen Geräten. Als Beispiele können das Diktiergerät, der Computer, die Videokamera, das Telefon und die Freisprecheinrichtungen genannt werden. Die Funktion der Mikrofone ist überall gleich. Sie sollen Geräusche, Musik oder Stimmen aufnehmen. Oftmals geben diese Geräte Töne dann auch an anderer Stelle wieder. Manche dieser Geräte, wie etwa das Tonbandgerät speichern diese auf externen Datenträgern.

Die technische Verwandtschaft zu Telefonen bedingt, dass die Entwicklung des Mikrofons eng mit der Erfindung des Telefons zusammenhängt. In der 2. Hälfte des 19. Jahrhunderts nimmt sie ihren Anfang. Über Jahrzehnte (1877/78 erfunden von Emil Berliner und David Edward Hughes) blieb zunächst das Kohlemikrofon, ein Wandlermikrofon, das maßgebliche Mikrofon. Hughes (1831–1900), der als dessen Erfinder gilt, stellt am 9. Mai 1878 seine Erfindung in der Königlichen Akademie in London vor. Dabei wurde er wohl auch vom Kontaktmikrofon des Reißschen Telefons inspiriert.

Abgelöst wurde es im 20. Jahrhundert vom Kondensatormikrofon. Dieses ist in der Lage Schall in elektrische Signale umzuwandeln.








Abkürzungen:

RFT (Rundfunk- und Fernmeldetechnik)

VEB (Volkeigener Betrieb)


Literatur:

O. Blumentritt, Neue deutsche Biographie s. V. Philip Reiss (Hrsg. O. Stolberg-Wernigerode) Bd. 21 (Berlin 2003) 381–382.

G. Boré – S. Peus, Mikrofone. Arbeitsweise und Ausführungsbeispiele (Berlin 1999).

J.-F. Leonhard u. a., Medienwissenschaft, 2. Teilband (Berlin 2001) 1255.

S. Thompson, Philipp Reis. Inventor of the telephone (London 1883).

Web-Literatur:

http://www.rft-geraete.de/Zubehoer (Stand: 4.6.2018).

https://www.ak.tu-berlin.de/fileadmin/a0135/Unterrichtsmaterial/Skripte/Bore_Peus_Mikrofone.pdf (Stand: 4.6.2018)

http://daten.digitale-sammlungen.de/0001/bsb00016339/images/index.html?seite=395 (Stand: 7.6.2018)

http://www.emil-berliner-studios.com/de/chronik1.html (Stand: 7.6.2018).

https://collections.royalsociety.org/Dserve.exe?dsqIni=Dserve.ini&dsqApp=Archive&dsqDb=Persons&dsqSearch=Code==%27NA7981%27&dsqCmd=Show.tcl (Stand:7.6)





SammlungsStück Mai 2018

Holzschnitt Mammut


Mammut von Hans-Jürgen Wegener 2001 © H.-J. Wegener


Inv.-Nr.:                BMBU_2017Wei 029_Pap

Künstler:                 Hans-Jürgen Wegener (1941–2016)

Blatt-Maß:            50 cm x 65 cm

Technik:               Holzschnitt

Signatur:              Wegener 2001

Datierung:              2009







Bereits im Februar 2018 präsentierte das Börde-Museum ein Sammlungsstück aus dem Bereich Grafik. Dabei handelte es sich um eine Radierung von Hans-Jürgen Wegener, die mehrere antike Skulpturen in sich vereint. Das Sammlungsstück dieses Mal ist ein kolorierter Holzschnitt vom selben Künstler. Wegener, 1941 in Magdeburg geboren, begann in den 1960er-Jahren sich intensiv mit Malerei und Grafik auseinanderzusetzen. Er war ab 1965 aktiv im Grafikzirkel Georgij Dimitroff (unter der Leitung von Eberhard Rossdeutscher) und ließ sich bis 1968 selber zum Zirkelleiter ausbilden (unter Wilhelm Paulke). Neben Grafiken wie Radierungen und Holzschnitten schuf er Ölgemälde, Gouachebilder und nach der Jahrtausendwende sogar am Computer generierte Drucke in sog. Pixie-Art.

Seit Juli 2017 befindet sich der Druck ›Mammut‹ im Bestand des Museums. Dargestellt ist das Skelett ein Steppenmammuts, gut erkennbar an den aufgebogenen Stoßzähnen und den dargestellten Rippenknochen. Auch dieser hat ein Vorbild, auf dass er zurückgeht. Für den Künstler Hans-Jürgen Wegener waren Museen ein Quell der Inspiration. So ist der ›Ammonit‹, das Wahrzeichen dieser Ausstellung, dem Eingangsbereich des Naturkundemuseums Magdeburg entlehnt. Der Holzschnitt ›Mammut‹ entstand nach Besuchen des Spengler-Museums in Sangerhausen.


Steppenmammut in der Ausstellung des Spenglermuseums © Spengler-Museum

 


 











Das dort ausgestellte Skelett eines Steppenmammuts (Mammuthus trogontherii) ist noch heute die Attraktion des Spengler-Museums. Es wurde zwischen 1930 und 1933 in der Kiesgrube Edersleben von Tischlermeister Gustav Adolf Spengler (1869–1961) ausgegraben. Auf der Homepage des Museums ist angegeben, dass es sich um ein weibliches Exemplar handelt, für das ein Alter von 45–50 Jahren angenommen wird. Es lebte vor der Elsterkaltzeit vor ca. 500.000 Jahren. Gerade in der Dreiviertel- und der Frontansicht des Mammuts fällt die Ähnlichkeit zu unserem Druck auf.

 

Druckstöcke Mammut © Foto BMBU – Landkreis Börde


 

Technisch betrachtet, schnitzte der Grafiker mit unterschiedlichen Holzschnittmessern stärkere und schwächere Rillen in eine Holzplatte. Diese Linien verbunden mit den unbehandelten oder aufgerauten Flächen formen ein Motiv, welches dann auf einen Untergrund wie Papier gedruckt werden kann. Besonders beliebtes Holz ist dabei jenes von Obstbäumen (Kirsche oder Birne) sowie Buchsbaumholz. Für Farbholzschnitte verwenden Künstler in der Regel mehrere sog. Druckstöcke, so auch in diesem Fall. Das Mammut als Hauptmotiv gibt ein Druckstock wieder. Die hier in Rotbraun erscheinenden Farbaufträge stammen von einer weiteren Druckplatte. Wie sehr Herr Wegener von dem Mammut bewegt wurde, zeigt sich auch daran, dass er mehrere Varianten von dem Motiv schuf. Drei verschiedene sind in der die Sonderausstellung »Hans-Jürgen Wegener – Leben und Werk« zusehen, die noch bis zum 27. Mai 2018 läuft.

 

Literatur:

https://st.museum-digital.de/index.php?t=institution&instnr=83 (24.4.2018).

http://spenglermuseum.de/index.php?id=69 (24.4.2018).

A. Fuga, Techniken und Materialien der Kunst. Bildlexikon der Kunst (Berlin 2005) 56–61.





SammlungsStück April 2018

Traktor RS 04/30

Der RS 04/30 des Börde-Museums beim 9. Treffen historischer Fahrzeuge und Landtechnik während der Frühstückspause bei der Ausfahrt nach Eggenstedt. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

  

Inv. Nr. :                   BMBU_2009-145

Hersteller:                VEB Schlepperwerk Nordhausen

Bauzeit:                   1953–1956

Motor:                    Zweizylinder-Viertakt-Reihe, Diesel, wasserumlaufgekühlt

Hubraum:                3012 cm³

Leistung:                 30 PS bei 1500 U/min

Getriebe:                 5 Vorwärtsgänge und 1 Rückwärtsgang in 2 Gruppen

 




Im Herbst 1949 erhielt das Schönebecker Werk den Auftrag einen Schlepper zu konstruieren. Er sollte über ein fein abgestimmtes Fahrgetriebe, einen hydraulischen Kraftheber und 30 PS verfügen. Der RS 04/30 war die erste Traktorenneuentwicklung in der DDR und der erste Schlepper, der in der Prüfstelle des Institutes für Landtechnik Potsdam-Bornim getestet worden ist. Die Prüfstelle unterhielt nahe Ummendorf, in Seehausen/Börde, eine Außenstelle. Hier wurden auch das SZ 24 und der RTA 550 getestet. 1951 erfolgte die erste Vorstellung, die erste Vorserie war im Dezember 1951 fertig. Da die Baukapazitäten beim Schönebecker Traktorenwerk zu gering waren, kam mit dem Produktionsende des RS 03/30 u. a. das Brandenburger Traktorenwerk als Produzent in Frage. Der Auftrag ging jedoch an Nordhausen, denn hier lief die Produktion des RS 02/20 aus. Wahrscheinlich spielte die Distanz zu Schönebeck eine Rolle, dass Nordhausen den Bauauftrag für den RS 04/30 bekam. Ab 1952 wurden die Fertigungsanlagen in Nordhausen auf die Produktion des RS 04/30 umgestellt. Produktionsbeginn war 1953. Im ersten Jahr liefen nur 260 Schlepper vom Band. Im folgenden Jahr wurden 3304 Traktoren gefertigt. Obwohl der RS 04/30 zu seiner Entstehungszeit als moderner Schlepper galt, war er zur Produktionseinführung veraltet. Da das Konstruktionsteam in Schönebeck dies erkannt hatte, liefen schon Verbesserungen des RS 04, was zu einem neuen Typ führte, dem RS 14 ›Famulus‹. Der RS 04/30 und die spätere ZT-Serie waren die einzigen Traktoren in der DDR, die keinen Zusatznamen erhielten. Der RS 04/30 zeichnete sich durch seine hohe Bodenfreiheit aus. Das wurde erreicht durch Herunterziehen der Achsfäuste und die Ausführung der Hinterachse als Portalachse. Dank Untersetzung ließen sich Geschwindigkeiten unter 1 km/h erreichen. Der Schlepper war besonders für Pflegearbeiten geeignet.

Für Transportaufgaben, leichte Bodenbearbeitung und Saatausbringung ließ er sich gut verwenden. Er besaß eine motorgebundene Frontzapfwelle und eine getriebegebundene Heckzapfwelle. Besonderer Vorteil war der Kraftheber. Hier ließen sich Anbaugeräte hervorragend steuern, besonders Arbeiten mit Aufsattelpflügen konnten mit diesem Traktor ausgeführt werden. Damit war er ein Vielzwecktraktor, wie er von seinen Konstrukteuren konzipiert wurde. Die ersten RS 04/30 hatten ein großes festes Fahrerhaus mit Beifahrersitz. Die späteren bekamen nur ein Wetterdach, ähnlich dem ›Typ Harz‹. Mit diesen Kriterien war der RS 04/30 eine beachtliche Neuentwicklung gegenüber seinen Vorgängern. Als Schwachpunkt erwies sich der EM2-Motor mit zu geringer Lebensdauer und hoher Störanfälligkeit. Zu dieser Zeit war kein besserer Motor mit dieser Leistung verfügbar. 1956 wurde mit Produktionsbeginn des RS 14 seine Produktion eingestellt. Insgesamt verließen 7574 RS 04/30 das Werk.

Beim Aufbau der Landtechniksammlung im Museums Oschersleben gingen die Mitarbeiter schon Anfang der 1990er-Jahre auf Suche nach einen RS 04/30. Schnell zeichnete sich ab, dass dies ein schwieriges Unternehmen werden würde. Obwohl in der Börde häufig eingesetzt, war der RS 04/30 schnell vom Famulus abgelöst worden. Bedingt durch seine kurze Bauzeit und damit geringen Stückzahl, war er schwer zu finden. Mit der Einführung des ZT 300 wurden wahrscheinlich die letzten RS 04/30 in der Börde verschrottet. Um die Anschaffung eines ZT 300 lukrativ zu gestalten, wurden Preisnachlässe bei Verschrottung zweier Traktoren gewährt. 1998, nach etwa sechsjähriger Suche, kam das Börde-Museum zu einem RS 04/30, der noch eine gute Originalsubstanz aufwies. Während Arbeiten in Dingelstedt am Huy, entdeckten die Mitarbeiter einen abgestellten RS 04/30. Aus der Entfernung war zu erkennen, dass er dort schon längere Zeit stand. Kein Rad hatte noch Luft, Motorhaube, Ventildeckel und Beleuchtungseinrichtung fehlten, der Sitzbezug war verwittert. Nachdem der Besitzer ausfindig gemacht werden konnte, war er auch schnell bereit, den zur Verschrottung vorgesehenen Schlepper dem Museum zu schenken. Zum nächsten Tag war bereits ein Bergefahrzeug für den Abtransport von schweren Dampfmaschinenteilen bestellt. Es ergab sich das Problem, dass das Fahrzeug nicht an den RS 04 herankam. Ein Zaun wurde dazu geöffnet, um per Winde den Traktor an den Abschlepper zum Verladen zu ziehen. Der RS 04/30 musste dabei einen sanften Graben durchfahren. Um dies zu erleichtern, wurden die Reifen mit Luft gefüllt. Notstromaggregat und Kompressor standen allerdings nicht zur Verfügung. So brachte man mit einer Handpumpe Luft auf die Räder. An drei Rädern gelang das, doch das rechte Hinterrad hielt keine Luft. Trotzdem reichte es, den Schlepper aus dem Garten zu ziehen und zu verladen.


In Ummendorf wurde der Traktor komplettiert. Die Fehlteile konnten aus dem Ersatzteillager gestellt werden. Das defekte Rad wurde ausgetauscht, damit er sich wieder bewegen ließ. Den Sitz ersetzte vorläufig eine RS 09-Sitzschale. Anbauscheinwerfer, Auspuff, Luftfilter und Motorhaube wurden montiert. Zeitgleich erfolgte die Reinigung. Zum Abschluss gab es aus der privaten Schatzkiste ein zeitlich passendes IFA-Schild. Damit war er komplett und ging 1999 in die Landtechnikausstellung des Museums. Im gleichen Jahr meldete sich der LVA (Landmaschinen Vertrieb Altenweddingen) John Deere. Auf dem Gelände gab eine Autowerkstatt ihr Geschäft auf. Der Landtechnikhändler übernahm den gesamten Komplex mit dem Ersatzteillager, in dem noch IFA-Neuteile waren. Diese sollten dem Schrott zugeführt werden. Die Geschäftsleitung der LVA bot an, die Bestände dem Museum zu schenken. Für ein Museum mit Technikbestand ist das ein Glücksfall. So kam ein kompletter Dichtungssatz für den Motor des RS 04/30 in den Ersatzteilbestand. Nach Überlegung reifte der Plan zu einer Instandsetzung und Aufarbeitung des RS 04/30. Zwei Ziele wurden bestimmt. Erstes Ziel war die Aufarbeitung unter Einsatz absoluter Originalteile. Das hieß Aufarbeitung aller vorhandenen Schrauben und Muttern zur Wiederverwendung oder Ersatz mit Schrauben der gleichen Bauart und Alters. Das konnte während der gesamten Ausführung bis auf wenige Ausnahmen umgesetzt werden. Das zweite, größere Ziel war, den Traktor in einen fahrbereiten Zustand zu bringen. Die Frostbeschädigungen waren erheblich und viele Oldtimerfreunde äußerten sich pessimistisch, als sie von unserem Vorhaben erfuhren.



Der RS 04/30 vor der Reparatur und bei seinem ersten Probelauf in Wormsdorf © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Im Herbst 1999 setzte der RS 04/30 aus der Ausstellung in unsere Werkstatt um, wo die Demontage im Rahmen unserer Möglichkeiten begann. Schnell kam das erste Problem, welches das Projekt zu Scheitern drohen ließ. In dem Kurbelgehäuse befand sich nicht nur Motorenöl, sondern auch 5 l Wasser. Da drehte sich nichts. Nachdem der Kopf vom Motor genommen war, sahen wir in rostige Laufbuchsen, was keinen Mut machte. Der Block ließ sich nicht ziehen. Die Kolben waren an den Laufbuchsen festgerostet. Allerdings standen sie so, dass man in die Laufbuchsen Lösungsmittel geben konnte. Über mehrere Wochen liefen Versuche die Kolben zu lösen. Verschiedene Arten Rostlöser kamen zum Einsatz, alles erfolglos. Das letzte Mittel war Coca-Cola. Dieses Getränk enthält Phophorsäure. Die Säure ist auch ein Bestandteil der Rostumwandler. Schon beim Einfüllen in die Buchsen erlebten wir unser »braunes Wunder«. Als wenn die Cola kochen würde, schäumte sie in den Laufbuchsen und große Rostteile tauchten auf. Nach drei Tagen war die Cola durchgelaufen und befand sich in der untergestellten Auffangwanne. Nun konnte ohne Mühe und Hilfsmittel der Block gezogen werden, Buchsen und Kolben waren ohne Beschädigungen gelöst. Erfreulich war, dass danach die Kurbelwelle drehte. Die Frostschäden wurden mit Flies und Haftstahl geklebt, Laufbuchsen und Kolben entrostet und gereinigt. Nach dem Motorzusammenbau liefen die Vorbereitungen zur Lackierung. Mit Schleifer und Stahlbürste wurden die alten Farbschichten entfernt. Dabei kam die Originalfarbe zu Tage, die es ermöglichte, einen Lack zu wählen, der dem Originalfarbton entspricht. Nach Lackierung und Montage wurde die gesamte E-Anlage neu angefertigt. Die Ausführung erfolgte so, wie es bei Reparaturen in den 1960er-Jahren vorgeschrieben war. Lediglich moderne Flachstecker und ein Scheuerschutz für die Starterkabel kamen zum Einsatz. Natürlich gab es noch viele Hürden, doch im März 2002 fuhr der RS 04/30 aus eigener Kraft aus der Werkstatt, ein ergreifender Moment für alle Beteiligten. Von März 2002 bis März 2003 erfolgte die Erprobungsphase, natürlich nicht täglich. In dieser Zeit fuhr unser Traktor auf Feldwegen in Hitze und Kälte. Alles wurde getestet. Es gab auch Rückschläge. Der Kühler musste getauscht werden, die Lichtmaschine fiel aus, eine Klebestelle am Motor wurde undicht.


Der RS 04/30 nach dem Verladen in Dingelstedt. © Foto: T. Ruppel BMBU – Landkreis Börde


 













Im Juni 2003 kam der neu aufgebaute RS 04/30 zurück in die Landtechnikausstellung des Museums. Das 8. Treffen historischer Fahrzeuge und Landtechnik des Börde-Museums Burg Ummendorf war sein erstes Treffen, an dem er aktiv teilnahm und viele interessierte Besucher und Oldtimerfreunde ihn bewundern konnten.

 

Literatur:

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004) 20–23.

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945–1990 (Stuttgart 2005) 28.

Ohne Angabe, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012) 61–62.

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten. Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002) 92–94.





SammlungsStück März 2018

›Schaperhaken‹

 

Schäferstab – Schaperhaken

Schäferstab aus Marienborn © Foto J. Hoeft – Landkreis Börde

Gesamthöhe:                                   129 cm

Haken:                                                15 cm

Dm:                                               max. 2,6 cm

Platz zwischen Stock und Haken:              2,5 cm

Herkunft:                                         Marienborn

Erhaltung:                                       vollständig, Rissbildung an einigen Stellen, alte Holzwurmlöcher, abgeflachte Spitze.

Datierung:                                       1870–1900

Inv.-Nr.:                                              V 13/01/01/01 / Ha 17:128

 

1955 veröffentlichte Albert Hansen im Bördeboten einen Beitrag zur figürlichen Schnitzerei in der Volkskunst am Beispiel der Ummendorfer Stocksammlung. Einem Sammlungsstück, das bereits in dieser Veröffentlichung erwähnt und abgebildet wurde, widmet sich dieser Beitrag.

Es handelt sich um einen gekrümmten Stab aus Pflaumenholz. Das Hartholz weist heute einige Risse auf, der Stab ist ansonsten aber scheinbar vollständig erhalten. Der untere Abschluss ist spitz zulaufend, der obere Abschluss mündet in einen Haken. Dieser Haken wurde als Schnitzerei gestaltet. Wenn auch nicht sehr detailreich, aber doch erkennbar, handelt es sich um einen männlichen Kopf mit aufgerolltem Bart. Dieser Haken ist ebenso wie die weitere Oberfläche des Stabes sorgfältig geglättet worden. Der Stab ist relativ einheitlich im Durchmesser und nur an der besagten Spitze zulaufend und am Haken etwas verdickt. Sein Profil ist jedoch nicht kreisrund, sondern eher oval.

   


Der wohl in den 1930er-Jahren in den Sammlungsbestand gelangte Stab stammt aus Marienborn. H. Junge, als Nachkommen des Schäfers vom ehemaligen Kloster Marienborn, hat ihn dem Museum geschenkt. Es handelt sich um eine volkstümliche Handarbeit, die der Schäfer vermutlich sogar selbst hergestellt hat, wie bereits A. Hansen vermutete.

„So hat sich auch der Schäfer des ehemaligen Klosters Marienborn, dessen Nachkomme H. Junge, dem Ummendorfer Museum seinen Schaperhaken hinterließ, mit Schnitzereien die Zeit vertrieben.“ A. Hansen, Bördebote 3/1955, 34.

Albert Hansen bezeichnete den Stab als „roh behandelten Krückstock“ und führt die These auf, dass die fertigen Stöcke aus der Hand des Schäfers bereits früher verschenkt wurden. Schnitzarbeiten waren in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durchaus verbreitet und auch Schäfer gingen dieser Beschäftigung nach. Teils sehr detaillierte Arbeiten mit den verschiedensten Tierdarstellungen entstanden. Dabei handelt es sich allerdings um unterschiedliche Schnitzarbeiten und nicht nur um Schäferstäbe.

Unser Schäferstab hatte grundsätzlich drei Funktionen: 

        1.     Er diente als Stütze für den Schäfer.

        2.     Mit ihm konnte der Schäfer seinem Hund Signale geben.

        3.     Der Haken war zum Fangen eines Beines der Tiere gedacht.

.     Der Haken war zum Fangen eines Beines der Tiere gedacht. 

Dass es sich bei diesem Stab um einen Schäferstab handelt, dafür spricht neben seiner Herkunft vor allem seine formale Gestaltung. Gehstöcke haben in der Regel eine Metallkappe an der Spitze, die hier fehlt. Außerdem weisen die Gehstöcke ein niedrigeres Stockmaß auf und ihnen fehlt der hier vorliegende Haken.

Wollte der Schäfer ein Tier einfangen, etwa wenn es einen kranken Eindruck erweckte, nahm er seinen ›Schaperhaken‹ zur Hand. Warum die Tiere nicht etwa in der Wolle festgehalten werden sollen, erklärt § 309 des ›Schäferkatechismus‹:

§309.

Wird ihm aufgetragen, Schafe zu greifen, und sie zur Ansicht zu bringen: So muß er dieselben niemals in der Wolle fassen. Wenn er dies thut: So wird der Fremde, der erfahren und Sachkenner ist, sogleich urtheilen, daß der Schäfer wenig tauge, weil er nicht einmal ein Schaf gut zu fangen und zu halten verstehe. Soll er es so stellen, daß man die Wolle besehen könne, dann muß er es am Kopfe halten und die ganze Seite des Schafes gegen das volle Licht, was durch die Thüre oder das Fenster fällt, wenden. Es ist ein unangenehmes Gefühl für den, welcher mit der Sache umzugehen weiß, wenn ein Schafmeister sich dabei linkisch und unbeholfen zeigt. Durch das Fassen in der Wolle reißt er den Schafen dieselbe los, und außer dem Schmerze, den er ihnen dadurch verursacht, entsteht an der Stelle, wo dies geschieht, noch eine Verletzung der Haut, auf welcher dann eine haarige Wolle wächst.

J. G. Elsner, Schäferkatechismus, als Anleitung für Schäfer, nach dem jetzigen Stande der Schafzucht in Deutschland (Prag 1830) 122f.

  

Detail vom Griffhaken © Foto J. Hoeft – Landkreis Börde


 


















Der Haken orientierte sich an den Beinen der Schafen. So musste es die Fesseln der Tiere umfassen, aber gleichzeitig so schmal sein, dass der Huf nicht hindurch rutschen konnte. Die Länge des Stabes musste für den Schäfer gut zu handhaben sein, aber nicht zu kurz, um das Tier auch von einer gewissen Distanz aus greifen zu können.

An der Spitze solcher Stäbe ist noch heute oftmals eine Schäferschippe angebracht. Diese meist aus Metall gearbeiteten Schippen werden zum Ausstechen von giftigen Pflanzen und zum Entfernen von Hundekot verwendet. Hin und wieder wirft der Schäfer mit der Schippe auch Erde, um die Tiere in die gewünschte Richtung zu lenken. Spuren im Holz sind auf unserem Exemplar auf den ersten Blick allerdings nicht zu erkennen, so dass eine Schippe hier nicht rekonstruiert werden kann.


Schäferpaar auf Delfter Wandfliese, Ende 17. Jahrhundert © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

  


 












Neben dem Schäferstab gehören eine Weste, ein Mantel und ein breitkrempiger Hut zu den charakteristischen Merkmalen des Schafhirten. Diese Zeichen verwendet man bereits seit Jahrhunderten, wenn Schäfer abgebildet werden. Regelmäßig tritt dieses Motiv auf. So etwa auch auf Wandfliesen, die seit dem 17. Jahrhundert in den Delfter Werkstätten produziert wurden. Bei den Darstellungen handelt es sich nicht vorrangig um die Würdigung des Berufsstandes, sondern vielmehr um die Romantisierung des Landlebens.

Heute sind insbesondere wandernde Schäfer und ihre Herden selten geworden, gerade im Bereich der Landschafts- und Deichpflege kommt ihnen aber nach wie vor eine wichtige Aufgabe zu.

 

Literatur:

G. Brieger, Daubentons vollständiger Unterricht für Schäfereiherren und Schäfer (Breslau 1797).

J. G. Elsner, Schäferkatechismus, als Anleitung für Schäfer, nach dem jetzigen Stande der Schafzucht in Deutschland (Prag 1830).

A. Hansen, Figürliche Schnitzerei in der Volkskunst. Zur Stocksammlung des Ostfälischen Volkskunde-Museums in der Burg Ummendorf, in: Bördebote 3/1955, 32–36.

H. Weber – G. Fleischhauer, Lehrbuch für Schäfer und Schafhalter. Haltung und Fütterung des Schafes und seine Krankheiten (Berlin 1948) 53 Abb. 24.

https://www.royaldelft.com/en_gb/our-blue/royal-delft/item6274 (8.3.2018).

https://www.royaldelft.com/en_gb/our-blue/timeline/item6386 (8.3.2018).

 






SammlungsStück Februar 2018

Antiker Torso

Radierung »Antiker Torso« © Hans-Jürgen Wegener

 



Künstler:      Hans-Jürgen Wegener

Technik:       Tiefdruck – Ätzradierung

Blatt-Maß:     48 cm x 36 cm

Signatur:      6/10 (links) Wegener 2011 (rechts)

Inv.-Nr.:       BMBU_2017Wei 042_Pap







Die Druckgrafik mit dem Titel »Antiker Torso« stammt von Hans-Jürgen Wegener. Es handelt sich um eine Ätzradierung, die er 2011 vollendet hat. Dargestellt sind an einer Küste auf Steinblöcken stehende Skulpturen. Durch den Standort und die Darstellungsweise der Skulpturen wird ein starker Bezug zur klassischen griechischen Antike deutlich. Die Kleidung und die Art der Aufstellung erinnern an Werke aus dem 5. Jahrhundert v. Chr.

Etwa in der Bildmitte steht die größte der dargestellten Skulpturen. Insgesamt handelt es sich um drei weibliche in einen ›Peplos‹ gekleidete Figuren. Ein Peplos ist ein bodenlanges Gewand, das wie bei diesen Beispielen meist gegürtet getragen wurde. Alle haben den rechten Arm nach unten gerichtet. Dieser fehlt bereits ab der Schulter. Den linken Arm haben sie erhoben, jedoch ist auch dieser nur ansatzweise erhalten, oftmals nur als Teil des horizontal ausgerichteten Oberarms. Keine dieser Figuren verfügt noch über einen Kopf.

Vor der zentral stehenden Figur befindet sich zudem eine Karyatide. Dabei wurde eine Säule als weibliche Figur gebildet. Der berühmteste Bau an dem Karyatiden eingesetzt wurden, ist das Erechtheion auf der Athener Akropolis. Das Erechtheion ist ein Tempel zu Ehren der Stadtgöttin Athena. Sein Name liegt im Standort begründet, da er dort errichtet wurde, wo der Palast mythischen Königs Erechtheus gestanden haben soll (Ody. VII 81). Errichtet wurde der Bau im späten 5. Jahrhundert v. Chr.


Entwurf für die Grafik (li.) © Hans-Jürgen Wegener / Korenhalle des Erechtheion (re.) © nach Gruben 1986, 205 Abb. 168
















Die von Wegener hier dargestellte Karyatide ähnelt in der Gewandung jenen Figuren am Erechtheion. Sie trägt einen ›Chiton‹, der an den Armen kunstvoll drapiert ist. Wie die anderen in der Grafik wiedergegebenen Skulpturen besitzt sie keinen Kopf. Stattdessen hat sich der Künstler dafür entschieden zwar die Säule als weiblichen Körper zu zeichnen, den Kopf jedoch als korinthisches Kapitel.

Auf dem Boden liegt ohne bestimmten Zusammenhang dann ein kurzhaariger, wohl männlicher Kopf einer Skulptur. Da alle auf dem Bild dargestellten Figuren durch ihr Gewand als weiblich gekennzeichnet sind, kann der Kopf keiner Figur zugewiesen werden.

Im Hintergrund zeichnet sich die Landschaft ab. Dabei kann es sich entweder um eine Insel handeln oder aber die Skulpturen sind an einer Bucht aufgestellt, die sich dort fortsetzt. Insgesamt wirkt gerade die große Zentralfigur durchscheinend. Fast ein wenig mystisch ist die Stimmung, da die Wolken durch ihr Gewand hindurch sichtbar sind. Diese Stimmung entspricht dem Umstand, dass es kein reales Vorbild gibt.

Durch archäologische Funde und historische Quellen (z. B. Pausanias und Herodot) ist bekannt, dass es in Heiligtümern der klassischen Antike üblich war, Skulpturen aufzustellen. In der Regel handelte es sich um Bildnisse von Gottheiten, die in diesen Heiligtümern verehrt wurden. Außerdem gibt es eine Reihe von Heiligtümern, die in Küstennähe liegen. Als Beispiel soll an dieser Stelle das Hera-Heiligtum bei Perachora und der Poseidon-Tempel am Kap Sunion genannt werden. Jedoch sind solche Plastiken in einem aufgestellten Zustand heute nicht mehr an den Orten ihrer ursprünglichen Aufstellung anzutreffen und demnach konnte Wegener einen solchen Ort nicht sehen. Seine Reisen führten Wegener an verschiedene Orte in Europa so bereiste er Mallorca, Italien (Toskana, Venedig), Schweiz, Österreich, Ungarn, Frankreich und Belgien, nach Griechenland und im Besonderen nach Athen gelangte er nicht. Prägend für ihn war nach Aussage seiner Tochter die Reise nach Paris 2009. Dort besuchte er den Louvre und sah unter anderem die Nike von Samothrake. Sieht man das Bild in diesem Kontext, so erinnert die Anordnung der Figuren den Betrachter an die versetzte Aufstellung von Skulpturen in einem Museum. Der Ursprung dieser Grafik reicht bis in die 1970er-Jahre zurück. Daher kommen als Inspiration und Vorbild die Skulpturensammlungen der ehemaligen DDR in Betracht. Hier sind am ehesten die Ausstellungen in Dresden und Berlin zu erwägen. 1979 hatte er erstmals eine Version dieses Motivs geschaffen. Im selben Jahr fand in Berlin eine große Sonderschau mit dem Titel »Berlin und die Antike« im Schloss Charlottenburg statt. In dieser Ausstellung wurden alte und neue Werke präsentiert, die sich mit der Antike auseinandersetzten. Dresden besuchte Wegener bereits in den späten 1960er-Jahren mit einer Exkursion des Grafikzirkels Georgi Dimitroff.


Entwurf für die Grafik (li.) © Hans-Jürgen Wegener / Athena des Myron (re.) © nach Boardman 1996, 109 Abb. 62b

















Bevor Hans-Jürgen Wegener den Druckstock erstellt, fertigte er eine Reihe von Skizzen an, die deutlich als Entwürfe zu diesem Werk gelesen werden können. Auf zwei Varianten ist im Gegensatz zum späteren Druck jeweils ein behelmter weiblicher Kopf dargestellt. Es handelt sich um einen korinthischen Helm, der in der antiken Ikonographie mit der Göttin Athena verknüpft ist. Athena war nicht nur Schutzpatronin der Stadt Athen, sondern vor allem als Göttin der Weisheit und des Kampfes bekannt. Sucht man für die Skizze ein antikes Vorbild, wird man beim Bildhauer Myron fündig. Seine Athena steht der Skizze durch die Ausrichtung des Kopfes, der Behelmung und durch den Erhaltungszustand der Arme am nächsten. Die Reduzierung auf den Torso ohne Kopf macht die Skulptur dann jedoch zu einer weiteren weiblichen Figur ohne Benennung.


Athena des Myron (re.) © nach Boardman 1996, 109 Abb. 62b


















Technisch betrachtet handelt es sich um eine Radierung, bei der mit Hilfe von Aquatinta und Kolophonium Vertiefungen in die Platte geätzt wurden. Damit wurde ein Motiv auf der Platte aufgebracht und eine Druckvorlage geschaffen. Herr Wegener dokumentierte diese seine Arbeit sehr detailliert und fertigte Notizen zu dem Werk an. Außerdem bewahrte er in der Regel Probedrucke und Farbbeispiele auf.


Zu der Radierung schrieb er folgendes:

Radierung 3/2011 Antiker Torso  März/April 2011

Vorliegende Platte von 1979

Material: Messing

Überarbeitung mit Aquatinta

Eisenchlorid-Lösung

Vorliegendes Granulat (1 kg Dose) werden mit Wasser 1:1 aufgelöst, man erhält 60 % Lösung.

Ätzvorgang lt. Gerstäcker

Nach 5 Sekunden Ätzdauer zeigt sich ein erstes zartes Hellgrau, das durch jeweils weitere 5 – 10 Sekunden intensiver wird. Es kann dann die Ätzdauer um 1-2 Minuten verlängert werden. Bei 7-9 Minuten lassen sich dunkle Töne erzielen. Etwa bei 15 Minuten wird feines Aquatinta-Korn zerstört.

Ätzung

Kolophonium aufgeschmolzen. Die freigelassenen Torsos mit Asphaltlack abgedeckt.

Ätzdauer 6 Minuten.

1. Probedruck

Papier: 300g/qm

Farbe: Ocker 3 T, Phtalogrün [sic!] 1 T., Rubinrot 1 T (dunkles Braun) unverändert[?] zum helleren

Ergebnis: Alle nicht mit Asphaltlack abgedeckten Flächen mehr oder weniger angeätzt. Ätzdauer hätte nicht länger dauern dürfen. Durch die abgestuften Flächen Ergebnis in Ordnung.

2. Probedruck

2.1 Tonplatte (Plaste)

Farbe: Ocker (Ölfarbe – Kadmiumgelb) + Terpentin + Dammar

2.2 Druckplatte; wie 1. Probedruck

Ergebnis in Ordnung

3. Farbvariante

Tonplatte: Coelinblau (Ölfarbe) + Terpentin + Dammar

Druckplatte: Weiß 10 + Phtaloblau [sic!] 0,5 + Preußischblau 0,5

Ergebnis in Ordnung

Bei dem Druck der im Börde-Museum ab dem 15. Februar 2018 in der Sonderausstellung »Hans-Jürgen Wegener – Leben und Werk« gezeigt wird, ist die Fläche in einem Ockerton eingefärbt und die Linien und Konturen sind schwarz. Bei der Grafik handelt es sich um eine Schenkung, die das Museum 2017 erhielt. 102 Grafiken wurden dem Museum von Claudia Wegener-Behlert, der Tochter des Urhebers vermacht. Ein großer Teil der Grafiken und einige Leihgaben, wozu auch Druckplatten gehören, sind in der kommenden Ausstellung zu sehen.


Literatur:

W. Arenhövel (Hrsg.), Berlin und die Antike. Katalog zur Ausstellung 22. April bis 22. Juli 1979 (Berlin 1979).

J. Boardman, Griechische Plastik. Die klassische Zeit. Kulturgeschichte der Antike Welt Bd. 35 (Mainz 1996) 77. 109.

W. Fauth, Athena. In: Der kleine Pauly. Bd. 1 (München 1979) Sp. 681–686.

F. Graf – A. Ley, Athena. In: Der Neue Pauly (DNP). Bd. 2 (Stuttgart 1997) Sp. 160–167.

W. H. Gross, Tracht. In: Der kleine Pauly. Bd. 5 (München 1979) Sp. 905 f.

G. Gruben, Die Tempel der Griechen (München 1986) 30. 33. 193–206. 212–216.

Homer, Odyssee VI 81.

M.-O. Hermann, Perachora. In: Handbuch der Tempel-, Kult- und Ruinenstätten der Welt (Wiesbaden 1997) 280.

W. Müller-Wiener, Griechisches Bauwesen in der Antike (München 1988) 138–149. 152–154.

Aufzeichnungen von Hans-Jürgen Wegener, Mappe 2011.

 







SammlungsStück Januar 2018

Totenkrone für einen Säugling

 

Kranzkasten mit Totenkrone für einen Säugling © BMBU – Landkreis Börde

 



Inv.-Nr.:           BMBU V:14/01/02/01

Material:          Holz, Glas, Textil, Metalldraht und -folie

Maße:             H gesamt: 82 cm, B (max.): 35 cm, Glaskasten: B 23 cm / T 22 cm / H 24 bis 29 cm

Herkunft:         Familie Otte aus Schwaneberg (Sülzetal)

Datierung:       1770

 


 





In der Dauerausstellung des Börde-Museums hängt in dem zur ›Bauernstube‹ ausgebauten Ausstellungsraum ein dunkelgrüner Holzkasten (Abbildung 1). Hinter seiner dreiseitigen Verglasung lässt sich etwas Stoff und Glitzer erahnen und auf dem unteren Teil Rückwand befindet sich folgende Aufschrift:

         »Michael Andreas Otte

         Geb: d. 4. Sept. 1770

         Gest: d. 14. Sept. 1770«.

Was auf den ersten Blick an einen barocken Reliquienschrein aus einer süddeutschen Kirche erinnert, ist in Wahrheit ein Kranzkasten mit Totenkrone und gibt Auskunft über einen längst in Vergessenheit geratenen Bestattungsbrauch. Totenkronen bestehen aus einem filigranen Geflechte aus Draht, Goldfäden mit Blüten oder Blattwerk sowie Seidenblumen oder getrockneten Pflanzen und teilweise sogar aus Haaren. Sie waren über viele Jahrhunderte in weiten Teilen Europas, insbesondere aber im deutschsprachigen Raum, ein wichtiger Bestandteil des Bestattungsritus. Ausnahmslos Kindern und Säuglingen sowie Jugendlichen vorbehalten, ist der Ursprung dieser aufwändigen Form des Totenschmucks bislang umstritten. Bereits in der Antike war es üblich jungfräulich Verstorbenen spezielle Gefäße, sogenannte Loutrophoren, als Grabbeigabe mitzugeben. Ursprünglich als Teil der Hochzeitszeremonie in Verwendung, lassen diese Beigaben gerade bei Kinderbestattungen Rückschlüsse auf gewisse Glaubensvorstellungen zu. Demnach waren sie wohl als Ersatz für die im Leben verwehrte Hochzeit gedacht. Ähnlich verhielt es sich vermutlich mit den neuzeitlichen Exemplaren der Totenkronen und -kränze, welche wiederum auf die Brautkronen und somit die Mode während der Hochzeitszeremonie anspielten.


Sargporträt des Caspar von Untenhagen, Bad Freienwalde © 15.11.2017, http://www.rdklabor.de/wiki/Totenkranz,_Totenkrone.

 


Die ältesten Nachweise von Totenkronen gehen auf das 16. Jahrhundert zurück. So zeigt etwa das Sargporträt des Caspar von Untenhagen (Abbildung 2), den mit nur neun Jahren verstorbenen Jungen mit einem Totenkranz auf dem Haupt im Sarg liegend. Im Gegensatz zu den antiken Vorbildern kam es in der christlichen Tradition zu einem Wandel in der Bedeutung. Konfessionsübergreifend sollten ledig Verstorbene durch diesen Schmuck als ›Braut Christi‹ gekennzeichnet und Ihnen somit eine ›Verehelichung‹ im Jenseits ermöglicht werden.

Neben Bildquellen und Hinweisen in der schriftlichen Überlieferung lässt sich dieses Brauchtum in erster Linie anhand archäologischer Untersuchungen nachweisen. Gerade bei der Erforschung neuzeitlicher Friedhöfe werden immer wieder Reste von Kopfschmuck freigelegt (Abbildung 3), welcher als Totenkrone angesprochen werden kann. Hierbei handelt es sich in erster Linie um Exemplare aus der Frühphase des Brauchtums. Jüngere Beispiele hingegen (verstärkt aus dem 18./19. Jahrhundert) haben sich auf Grund einer Veränderung im Ritus vielerorts auch obertägig erhalten. Jüngste Beispiele reichen noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein.

 

Totenschädel mit Kronenfragment, Neukalen © 15.11.2017, http://www.rdklabor.de/wiki/Totenkranz,_Totenkrone.


 

Ab dem Ende des 17. Jahrhunderts wurde die Totenkrone oder der Totenkranz nämlich immer seltener mit dem oder der Toten bestattet. Er diente nun als reiner Aufbahrungsschmuck. Familien, die es sich leisten konnten, ließen zur dauerhaften Aufbewahrung einen sogenannten Kranzkasten anfertigen, ähnlich unseren heutigen Vitrinen. Zum Gedenken an den Verstorbenen wurden diese Kästen in der heimischen Kirche oder aber im Haus der Hinterbliebenen aufgehängt. Aus letzterem Zusammenhang stammt auch das hier vorgestellte Objekt (Abbildung 1).

Mit den Exemplaren aus den Kirchen verhält es sich oftmals anders: Die Anfertigung einer Totenkrone stellte je nach Material und Aufbau eine kostspielige Angelegenheit dar und vielen Hinterbliebenen war es schlicht nicht möglich, einen so aufwändigen Totenschmuck in Auftrag zu geben. Für diesen Fall stellte die Kirchengemeinde Leihkronen zur Verfügung, die gegen Gebühr und für die Dauer der Aufbahrung quasi ›vermietet‹ wurden. Dass sich die Kirche an der immer opulenter und aufwändiger werdenden Bestattungszeremonie (welche die teilweise recht kostbaren Totenkronen mit einschloss) störte, zeigen Erlasse, welche für einige Regionen überliefert sind. In diesen ›Luxusverboten‹ wurde etwa das Material zur Herstellung reglementiert oder aber sogar der Gebrauch von Leihkronen unter Zwang verordnet. Ausgrabungen und Kranzkästen wie das Ummendorfer Beispiel belegen die weite Verbreitung dieses Totenbrauchtums.

 

Literatur:

C. Gliwitzky / J. Beutmann, … bis zur Bahre. Dresden 8000 – Eine Archäologische Zeitreise (Dresden 2006) 154–159.

J. Lippok, Corona Funebris. Neuzeitliche Totenkronen als Gegenstand der archäologischen Forschung. Beiträge zur Ur- und Frühgeschichte Mitteleuropas (Langenweißbach 2009).

A. Marmorstein, Geburt, Hochzeit und Tod im Volksbrauch und Volksglauben der Kreise Lebus und Breeskow-Storkow. Zeitschrift für Volkskunde. Band II (Berlin/Leipzig 1931) 276–282.

http://www.rdklabor.de/wiki/Totenkranz,_Totenkrone (15.11.2017).