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               Börde-Museum Burg Ummendorf
     Willkommen im Börde-Museum Burg Ummendorf

 

SammlungsStücke

Viele Stücke aus dem Museumsbestand werden in Dauer- oder Sonderausstellungen gezeigt. Doch darüber hinaus gibt es in Museen naturgemäß viele weitere Objekte, die besonders erhaltenswert sind, aber in der öffentlichen Ausstellung manchmal keinen Raum finden. Hierzu zählen oft auch Bestände des Archivs und der Bibliothek. Die Rubrik SammlungsStücke gibt diesen hier ein Forum. 


SammlungsStücke Juli 2017

Kalkstein-Kleinplastik »Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016)

»Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016) aus Kalkstein © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Künstler/Bildhauer:                  Klaus Thiede (1939-2016)

Werktitel:                               Lesende

Material:                                Kalkstein

Maße:                                   33 cm /52,5 cm /23 cm (H/L/B)

Entstehungsjahr/-ort:                1975/Ummendorf

Sammlung:                             Börde-Museum Burg Ummendorf

Erwerbung:                             aus Mitteln des Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik, Rat des Bezirkes Magdeburg

                                           Reg.-Nr. 212 (Ü.-P. 29.08.1977)

Inventar-Nr.:                           BMBU V:22/00/01/212

 

 

An den Symposien der Magdeburger Bildhauer des VBK (Verband Bildender Künstler) der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) – Bezirk Magdeburg, die von 1975 bis 1985 in Ummendorf ihren Veranstaltungsort hatten, war auch der in Havelberg geborene und zu jener Zeit in Magdeburg tätige Künstler Klaus Thiede beteiligt. In den Jahren 1975 bis 1977 schuf er während der Bildhauersymposien Kleinplastiken aus Kalkstein, so auch die »Liegende“, die 1975 entstand. 1976 ist ein sitzendes, umschlungenes Paar (ohne Titel) verzeichnet und eine Große Stehende, ebenfalls eine kleinplastische weibliche Ausführung. Für das Jahr 1977 sind als Werke von Klaus Thiede als Kleinplastiken aus Kalkstein in der Listung zum Symposium drei Arbeiten benannt: »Schlangenturm«, »Liegende« und »Sitzende mit Blume«, die allerdings, wie die meisten der Symposiumsskulpturen, nicht für das Museum erworben wurden. Wohingegen die  zum Teil wesentlich größeren Bildhauerwerke aus Sandstein, geschaffen von den Künstlern Eberhard und Wolfgang Roßdeutscher, Harri Schneider, Dieter Borchard, Jochen Sendler, Stefan Thomas, Roman Richtermoc, Wieslaw Jelonek und Jaroslav Černý – aus Mitteln des Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik vom Rat des Bezirkes Magdeburg finanziert – in der parkartigen Gartenanlage des Börde-Museums Burg Ummendorf seit jenen Jahren einen festen Platz haben, präsentierte die „Lesende“ von Klaus Thiede auf Grund guter Umsetzmöglichkeiten in einigen Ausstellungen beispielhaft diese namhafte Veranstaltungsreihe, so auch 2014 in der Sonderschau zum 90jährigen Bestehen des Ummendorfer Museums. Künftig wird die Kalksteinskulptur  von Klaus Thiede Teil eines der neu zu gestaltenden Dauerausstellungsbereiche sein.

Kleinplastik »Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016), Kalkstein, Blick in das Gesicht von vorn © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde



Dem Betrachter dieses Bildhauerwerkes bietet sich der Anblick einer weiblichen Figur mit körperbetonten Rundungen in auf der Seite liegender entspannter Haltung. Dabei ist das rechte Bein gebeugt auf der Unterlage liegend. Das linke Bein wurde angewinkelt dargestellt und lässt die Körperfülle mit kräftigem Oberschenkel und linkem sichtbaren Oberarm durchaus anziehend erscheinen. Die Brüste sind von den Armen eingerahmt. Der Kopf zeigt sich erhaben, der Blick ist geradeaus gerichtet. Dabei hält sie in der linken Hand ein Buch, das mitunter erst bei genauerem Hinsehen als solches erkannt wird, auch durch den Titel der Skulptur gestützt. Die Frisur wurde so ausgeführt, dass man sowohl im Profil als auch frontal das Gesicht deutlich erkennen kann. Dieses ist mit wenigen Linienführungen gestaltet. Die Mächtigkeit des linken Beines zeigt sich hier besonders deutlich und deutet dies ebenso für das rechte an.  Schulter- und Kopfpartie wirken dadurch eher schmächtig.

    

»Bildhauer«, Ölbild von Helga Borisch (geb. 1939), 1976, Sammlung Börde-Museum Burg Ummendorf (Inv.-Nr. V: 22/00/07/205) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Auf dem Ölbild »Bildhauer von Helga Borisch (geb. 1939 in Thale) aus dem Jahr 1976, die als Malerin ebenfalls Teilnehmerin an den Symposien in Ummendorf war, ist eine Momentaufnahme des Schaffens von Klaus Thiede festgehalten. Die Künstlerin schreibt zu ihrem Bild: » … Links in der oberen Ecke ist Klaus Thiede mit einer sehr kleinen Figur beschäftigt. …« Dies galt offensichtlich nicht nur für die »Lesende«. Kleinplastik war sein Metier.

 

 

                                                                                                         


Das Werk des 2016 verstorbenen Künstlers war facettenreich, sowohl in den Darstellungen als auch in den verwendeten Materialien. Kalkstein begegnet immer wieder in seinen Skulpturen, die einen unverkennbaren Stil haben und dennoch unterschiedliche Ausdruckskraft verkörpern. Auch Marmor, roter Sandstein und Serpentin waren für ihn Ausgangsmaterial und akzentuieren die Figürlichkeiten.


Arbeiten von Klaus Thiede (1939-2016): »Stehende« (Venus), Marmor; »Sitzende«, roter Sandstein; »Liegende«, Serpentin; Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


 

 

 

Kalkstein-Relief »Steintransport« und Büste »Bildhauer« von Klaus Thiede (1939-2016), Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Reliefgestaltungen bildeten eine weitere Facette des umfangreichen Schaffens wie auch die Gestaltung von Brunnen (z. B. Bördebrunnen in Wanzleben, 1981, mit Wasserspeiern in Tierkopfgestalt und drei Bäuerinnen; Dorfbrunnen in Bottmersdorf mit Bauer und Pferd, 1981, oder Skulpturen für den öffentlichen Raum wie beispielsweise der Ziegenbock für den Heimatverein des Ortes Dodendorf, 2011. In der Stadt Magdeburg waren dies »Vogelbaum« (Grundschule Am Kannenstieg), »Kuh« (Milchweg), »Liegender« (Stadtpark Rothehorn),
»Schlangenknäul“ (Neustädter See).
 Ebenso wurde Klaus Thiede im Rahmen von Holzsymposien tätig, so 1980, 1982 und 1984 in Colbitz. Zichtau und Gardelegen waren weitere Aktionsorte der Holzbildhauerei.

Was in der beruflichen Orientierung bei Klaus Thiede mit der Lehre zum Uhrmacher (1953-1954) begann, sollte sehr schnell eine andere Ausrichtung erfahren, nämlich die künstlerische Arbeit am Stein.

Das Rüstzeug seines Könnens erwarb Thiede in der Steinmetzlehre in Havelberg (1954-1957), in der Dombauhütte Magdeburg (1958-1960), durch das Studium der Bildhauerei an der Fachschule für angewandte Kunst Leipzig, Abt. Plastik bei H. Chemnitz (1960-1963) und durch die Arbeit als Bildhauer an der Dombauhütte Magdeburg/VEB Denkmalpflege (1963-1975). Über viele Jahre währte seine denkmalpflegerische Tätigkeit (Magdeburger Dom, Kloster Unser Lieben Frauen, Restaurierungsarbeiten an Schlössern in Leitzkau, Mosigkau, Zerbst und Merseburg und Halberstädter Dom, Rekonstruktion des Altars in der Kirche von Jecha bei Sondershausen).

    

 

 

Informationstafel zum Künstler Klaus Thiede (1939-2016) und seinen ausgestellten Werken im Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg, Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 



Um selbst einige Arbeiten aus Stein des seit 1975 freischaffenden Künstlers Klaus Thiede zu erkunden und auf sich wirken zu lassen, bei denen der Mensch deutlich im Mittelpunkt der Ausführungen stand, bietet seit Juni 2017 eine als Dauerleihgabe der Familie aus dem Nachlass des seit 1998 in Dodendorf beheimateten Thiede eine Exposition mit 11 Werken im Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen (Verborgene Schätze an der Straße der Romanik) Gelegenheit dazu.

 

 

 

    


Feierliche Eröffnung der Ausstellung zum Künstler Klaus Thiede (1939-2016), evangelische Kirche St. Georg, Langenweddingen, im Juni 2017 im Beisein der Familie © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Mit dem Wohnort- und Atelierwechsel nach Dodendorf sind bis zu Klaus Thiedes Tod noch über 100 Kleinplastiken aus Stein entstanden, etliche Keramiken und zahlreiche Aktzeichnungen. Letztere wird es künftig nicht nur u.a. in der Bibliothek des Ortes, untergebracht im Pfarrhaus, zu entdecken geben. Durch seine  Tochter Annegret Thiede, Architektin in Berlin, war zu erfahren, dass ein gefördertes Projekt noch voraussichtlich 2017 die Veröffentlichung eines Kataloges mit Aktdarstellungen des Künstlers Klaus Thiede möglich macht. Gekonnt ausgeführt und minimalistisch angelegt sind diese. »Es waren Studien, zeichnerische Momentaufnahmen, Skizzen für Arbeiten in Stein. Thiede reduzierte dabei, konzentrierte sich ganz auf die Linie. … Gesichter sind angedeutet, nur selten und äußerst sparsam arbeitete der Künstler mit Schattierungen. Wie Thiede reduzierte, wie er den menschlichen Körper sah, wie er erste grobe Skizzen auch in Ton umsetzte,«  (volksstimme.de 14.07.2016) zeigte bereits eine Sonderschau im Juli/August 2016 in der Galerie Süd, Feuerwache Magdeburg, in der Zeichnungen und Skulpturen des im April 2016 in Magdeburg verstorbenen Künstlers Klaus Thiede – auch in neuer Betrachtungsweise –  zu sehen waren.




Literatur:

Verband Bildender Künstler der DDR, Bezirk Magdeburg / Rat des Bezirkes Magdeburg, Abteilung Kultur (Hrsg.), Kleinplastik. Bildhauer des VBK DDR Bezirk Magdeburg stellen aus (1975).

Ort der Ruhe und der Kunst. Rund um die Langenweddinger Kirche werden Werke von Klaus Thiede dauerhaft ausgestellt. In: Volksstimme, Mittwoch, 14. Juni 2017, Börde (Magdeburg 2017) 18.

S. Vogel, Bildhauerkunst aus Sandstein – in der Gartenanlage des Börde-Museums Burg Ummendorf, Flyer (Ummendorf  2017).

BMBU Archiv – Kunst und Kunstpflege/Symposium der Magdeburger Bildhauer in Ummendorf 1975 – 1985.

http://www.feuerwachemd.de/termin/2805-klaus-thiede (24.07.2017)

http://www.volksstimme.de/kultur/bildende-kunst-immer-wieder-der-mensch, 14.07.2016 (24.07.2017)

https://de.wikipedia.org/wiki/Plastik_(Kunst) (24.07.2017)





SammlungsStück Juni 2017

Lehrbrief des Schmiedegesellen Albert Hanse


© Foto N. Panteleon, BMBU ─ Landkreis Börde




Inv.-Nr.: 2010-876

Material: Papier, Leinen, Pappe

Maße: L 14,4 cm / B 10,0 cm (Buchdeckel) L 47,5 cm / B. 33,5 cm (Urkunde)

Druckfarbe: rot, schwarz

Entstehung: 1900

Litograph: W. J. Rother, Nachfolger Berlin C, Alte Schönhauserstr. 32

Verlag: Verlag Dr. Adolph Schulz, Berlin, Blücherstr. 32

Erhaltungszustand: gut, Einband leicht eingerissen, Urkunde stockfleckig

 





Wichtige Dokumente, wie etwa Zeugnisse, bewahrt man noch heute in der Regel sehr sorgfältig auf. So ist es weniger überraschend, dass sich im Archiv ein größere Zahl von Lehrbriefen und ähnlichen Urkunden befindet. Darunter ist auch der Lehrbrief von Albert Hanse aus Eilsleben.

Urkunden dieser Art sind kunstvoll anzusehende Stücke, obwohl es sich bereits um eine Drucksache handelt, genaugenommen einer Lithographie. Der Begriff Lithographie stammt von den griechischen Worten: λίθος »Stein« und γράφειν »schreiben« ab und benennt das Material, welches zur Herstellung der Abdruckes eingesetzt wurde. Diese Technik entwickelte Alois Senefelder 1798. Auf eine Steinplatte, damals vor allem Kalkschieferstein, wurde das zu druckende Bild oder der Text zunächst aufgebracht. Hierfür verwendete man spezielle Tusche, bzw. Kreide oder gravierte den Stein. Mit einer Säure, dem ›Scheidewasser‹, bereitete man die Oberfläche anschließend für den Druck vor. Dabei wurde der Stein zunächst befeuchtet und anschließend mit fetthaltiger Farbe eingewalzt. Da sich Fett und Wasser nicht verbinden, konnte das Motiv anschließend auf Papier oder Karton übertragen werden. Für diesen Druckvorgang ist eine Steindruckpresse erforderlich.

Mehrere Einzelmotive zieren die Urkunde, die durch Blüten und andere Ranken miteinander in Verbindung stehen. Im linken oberen Eck befindet sich zunächst ein Adler. In seinen Fängen hält er zwei nach oben gebogene Zweige. Außerdem trägt er auf der Brust ein Wappen, auf dem gleichfalls ein Adler zu sehen ist, sowie eine Kette. Die Kette besteht bei näherer Betrachtung aus einzelnen Kreuzen und Raubvögeln. Zudem befindet sich zentral ein Anhänger in Kreuzform, der an einen Orden erinnert.

Unter dem Adler folgt ein unbärtiger, junger Mann mit Hut, Wanderstock und geschultertem Sack. Diese Elemente kennzeichnen, zurzeit als der Lehrbrief gedruckt wurde, einen Gesellen auf Wanderschaft. Seine Beine umspielt eine Banderole, die mit einem Kreuz sowie dem Schriftzug »Mit Glück und Gunst« versehen ist. Das dritte Motiv auf der Seite ist ein Wappen. Dieses ist gefüllt mit einem Hammer und einer Zange. Zentral über dem Wappen befindet sich ein Hufeisen. An den unteren Seiten erkennt man einen Anker mit Kette und eine Axt sowie einen Hammer.

Der Wandersbursche und insbesondere das Wappen mit seinen Werkzeugen verweisen auf das Gesellentum und den Schmiedeberuf. Selbiges bestätigen die Textfelder und Banderolen auf der rechten Seite der Urkunde. Dort wird die Urkunde zuoberst als Lehrbrief benannt, darunter folgt der Text der Urkunde:

Der Lehrling Albert Hanse geboren am 9. Dezember 1882 zu Eilsleben hat während 3 ½ Jahre hintereinander, und zwar vom 21. April 1897 bis 30. September 1900 die Schmiede-Profession bei dem Schmiedemeister Herrn Fr. (Friedrich) Bode zu Ostingersleben gehörig erlernt und vor der unterzeichneten Prüfungskommission nach den bestehenden-Prüfungsvorschriften seine Gesellen-Prüfung mit dem Prädikat gut bestanden und wird ihm zum Ausweise hierüber das gegenwärtige Zeugnis ertheilt.

Ostingersleben, den 29. September 18 1900.

Die Innungs-Prüfungs-Kommission:

G. Müller

Fr. Hüllinghorst

 

Auf Grund des vorstehenden Prüfungs-Zeugnisses ertheilen wir hiermit dem Albert Hanse diesen Lehrbrief unter dem Gewerkssiegel und ersuchen einen Jeden, dem vorgelegt wird, besonders die Genossen des Gewerks, demselben völligen Glauben beizumessen und dem gedachten Gesellen überall zu seinem Fortkommen behülflich zu sein, welches wir in gleichen Fällen zu erwidern bereit und willig sind.

So geschehen Magdeburg den 14. Oktober 18 1900.

Der Vorstand der Schmiede-Innung

H. Cornelius

Obermeister [?]

No. 12471

Unterschrift des Inhabers

 

Unter dem Textfeld auf der rechten Seite der Urkunde befinden sich weitere Blüten und Schriftbanderolen mit folgendem Inhalt:

»Wer ist Geselle? Der was kann. Wer ist Lehrling? Jedermann. Halte die stets so, dass du gern gesehen bist und überall wiederkommen kannst.«

In einem Kreis und einer weiteren Banderole wird außerdem der Innungs-Verband Bund deutscher Schmiede-Innungen genannt. Ein Stempel verweist abschließend auf die Schmiede-Innung Magdeburg.

Die Lithographie wurde – wie am unteren Rand gedruckt steht – von W. J. Rother hergestellt und vom Verlag Dr. Adolph Schulz vertrieben. Sie ist auf Papier gedruckt worden, dessen Rücken mit Leinen verstärkt ist. Da die Handwerker diese Lehrbriefe auch mit sich führten, war dieser gefaltet und in Buchdeckel eingebunden. Auch wenn als Druckfarben zu dieser Zeit bereits mehrere Farben verwendet werden konnten, so ist in diesem Fall nur schwarz und rot eingesetzt worden. An mehreren Stellen überdeckt die rote Farbe die schwarze, so dass deutlich wird, dass die rote später aufgetragen wurde. Insgesamt spricht vieles dafür, dass auch die in schwarz geprägten Schriften später als das Bild aufgedruckt wurde. Oberhalb des Titels der Urkunde liest man die Worte »Fleiss« und »Lohn«, die wie schon die rote Schrift auf der Banderole das Bildmotiv überschneidet.

Heute wird die lithographische Technik nur noch im künstlerischen Bereich eingesetzt und wurde in der Massenproduktion von modernen Druckverfahren abgelöst. Ähnlich sieht dies mit dem Beruf des Schmieds aus. Mit der Industrialisierung wurden Werkzeuge, Materialien und Geräte nun zunehmend maschinell hergestellt. Geschmiedete Geräte, wie z. B. die sog. Köpfschippen, die zum Entfernen des Rübenblattes zum Einsatz kamen, wurden zudem von effizienteren, moderneren Geräten abgelöst. Der Beruf des Hufschmiedes hingegen wird bis heute ausgeübt.

 

Literatur:

J. Zeidler, Lithographie und Steindruck in Gewerbe und Kunst, Technik und Geschichte (Ravensburg 1994) bes. 8–10. 66–70.

A. Senefelder: Lehrbuch der Lithographie und des Steindruckenes [Nachdruck] (München 1818) bes. 8–9. 136–145.

K. Senefelder Lehrbuch der Lithographie, oder leichtfaßlicher und gründlicher Unterricht (Regensburg 1833) 1–6. 11–12. 14–16. 25–26.



 

SammlungsStück Mai 2017

RS 03/30 ›AKTIVIST‹

 

Bild 1 Signet des Brandenburger Traktorenwerkes © Foto U. Schmidt, privat

 

 


Bild 1/1 RS 03/30 ›AKTIVIST‹ der Sammlung des Börde-Museums © Foto U. Schmidt, privat

Hersteller:          VEB Brandenburger Traktorenwerke

Baujahr:            1950

Motor:              Zweizylinder-Viertakt-V, Diesel, wasserumlaufgekühlt

Hubraum:          3325 cm³

Leistung:           30 PS bei 1500 U/min

Getriebe:          4 Vorwärts- und 1 Rückwärtsgang                            



 

   

Wie es sein Name schon sagt, Radschlepper dritte Konstruktion, ist der ›AKTIVIST‹ der Dritte im Bunde der neu gebauten Traktoren in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der jungen DDR. So unglücklich seine Entstehungsgeschichte ist, ist auch die Konstruktion.

Schon 1869 gründeten die Brüder Reichstein in Brandenburg an der Havel ein Unternehmen zur Produktion von Kinderwagen. Zehn Jahre später kam die Fahrradproduktion hinzu. Im selben Jahr erhielt das Werk seinen Namen, der unter Oldtimerfreunden heute noch ein Begriff ist – ›Brennabor‹. Mit ihren Produkten wurde ›Brennabor‹ bald marktführend und erweiterte die Produktionspalette auch auf die Fertigung von Motorrädern, PKW und Nutzfahrzeugen.

 

Fahrradproduktion bei ›Brennabor‹, um 1920 Riepke, Handbuch des Maschinenbaues Bd. 2, Leipzig o.J.


Anfang der 1930er-Jahre geriet das Unternehmen in eine Krise, die auf Grund von Rüstungsaufträgen abgefangen werden konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch das Rüstungsprogramm die ›Brennaborwerke‹ seitens der sowjetischen Besatzung zum Kriegsproduzenten eingestuft, was zu einer Enteignung mit anschließender Demontage führte. Der Teil der Werkanlagen, der den Krieg unbeschadet überstanden hatte, blieb allerdings von einer Sprengung verschont.

Im Sommer 1948 erhielt das Amt für Volkseigene Betriebe den Auftrag im ›Brennaborwerk‹ ein Traktorenwerk einzurichten. Im August des gleichen Jahres begannen die Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten der Werksanlagen.

Mit der Forderung nach neuen Traktoren unter Berücksichtigung der herrschenden Brennstoffknappheit sollte in Brandenburg der Generatorgasschlepper ›S 25 Solidarität‹ in Produktion gehen. Die Konstruktion des Motors war die Arbeit von Dr. Ing. Herbert Isendahl, der schon einige erfolgreiche Generatoren entwickelt hatte. Der Name Isendahl ist in der Fahrzeuggeschichte nicht unbekannt. So war der Vater, Walther Isendahl, langjähriger Redakteur in verschiedenen Fachzeitungen und Verfasser mehrerer Fachbücher. Für die Firma ›Wisco‹ entwickelte er Vergasersysteme und übernahm die technische Leitung des Betriebes, der als ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Berlin‹ einen neuen Namen führte. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er den vollständig zerstörten Betrieb als ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Beeskow‹ wieder auf.

Sein Sohn Herbert Isendahl dissertierte an der Technischen Hochschule Berlin zum Thema „Entwicklung eines Hochleistungs-Fahrzeuggaserzeugers. H. Isendahl wurde 1950 Technischer Leiter/Chefkonstrukteur im ›VEB Schlepperwerk Brandenburg‹, das ab dem 10. August 1951 umbenannt wurde in ›VEB Brandenburger Traktorenwerk (BTW)‹.

Somit begann bei ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Beeskow‹ die ersten Arbeiten zu dem Generatorgasschlepper ›S 25 Solidarität‹. Als Treibstoff dienten teerarme Festbrennstoffe wie Torf, Holz, Braun- und Steinkohle. Dieser Schlepper wies einige Besonderheiten auf, die zu den typischen Konstruktionsmerkmalen des ›RS 03/30 Aktivist‹ führten. Der Motor war ein Einzylinder Gegenkolbenmotor. Über der Vorderachse wurde der Generator platziert. Mit dieser Anordnung ergab sich ein sehr kurzer Radstand. Zusätzlich gab es ein besonderes Novum an diesem Schlepper. Zwischen Gaserzeugeranlage und Motor gab es keine Rohrleitungen. Sie bildeten eine Einheit. Die Gasführung verlief vom Generator über zwei parallel geschaltete Fliehkraft-Staubabscheider durch zwei mit Holzwolle gefüllte Reinigungskästen zum Gassammelbehälter und dann zum Motor.


Ein Funktionsmuster des Generatorgasschleppers während einer Ausstellung in Frankfurt/Oder 1948 mit Wisco-Schriftzug am Gasentwickler. © Foto Sammlung H. Hintersdorf / U. Schmidt, privat



Zur ›Leipziger Frühjahrsmesse‹ 1949 wurde der erste ›S 25 Solidarität-Schlepper‹ der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der ›S 25‹ war hinsichtlich der Kombination von Gaserzeuger und Motor eine beachtliche technische Leistung, die heute fast vergessen ist und nur selten in der Fachliteratur zu den DDR-Schlepperkonstruktionen Beachtung findet.

 

 




 

Der ›S 25 Solidarität‹ während der ›Leipziger Frühjahrsmesse‹ 1949. Das Buchstabenkürzel ›BTW‹ weist schon auf den neuen Traktorenproduzenten in Brandenburg hin. © Foto Sammlung H. Hintersdorf/ U. Schmidt, privat

Die Begutachtung der Prototypen fiel erfolgreich aus. Eine monatliche Produktion von 100 Stück wurde geplant, die Fertigung lief allerdings nicht an. Obwohl Treibstoff knapp war, wurden Otto- und Dieselmotoren bevorzugt, zumal die Leistung des Gasschleppers unter der Erwartung lag. Eine Fortführung zur Serienreife erfolgte daher nicht mehr.

Mit dieser Situation kam das neue Brandenburger Traktorenwerk in eine missliche Lage. Alles Werksanlagen waren fertig für eine Traktorenproduktion. Die Mitarbeiter hoch motiviert. Dennoch standen die Brandenburger vor großen Problemen. Es gab zu wenig Werkzeuge. Es ist überliefert, dass viele Kollegen privates Werkzeug mitbrachten oder organisierten. In einer beispiellosen Aktion erwarb der Betrieb Werkzeug. Die Leitung und die Mitarbeiter des Traktorenwerkes riefen die Bevölkerung zu einer Tauschaktion auf. So konnte privates Werkzeug, vorrangig Messwerkzeuge, gegen Lebensmittel und Textilien eingetauscht werden. Dazu richtete man eine Tauschzentrale ein. Mit der Aufgabe des ›S 25‹-Traktors ergab sich ein weiteres Problem – es stand kein zu fertigender Traktorentyp für die Brandenburger mehr zur Verfügung. Somit wurde der ›S 25‹ umkonstruiert. Von ›Orenstein & Koppel‹ existierten Unterlagen für einen vielversprechenden Zweizylinder V-Motor mit einer Leistung von 30 PS. Mit dieser Leistung würde der neue Schlepper eine Lücke zwischen Pionier und Brockenhexe füllen können.



 

›RS 03/30 AKTIVIST‹ in der ersten Ausführung mit kurzer Kühlerschnauze. Foto Lehrbücher für die Berufsausbildung-Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren, Burg 1957

Während man das Prometheus-Getriebe des ›S 25‹ beibehielt, wurde statt des Gegenkolbenmotors der V-Motor eingesetzt. Damit erklärt sich seine gedrungene Bauweise, die ihm schließlich auch das Prädikat einer ›unglücklichen‹ Konstruktion einbrachte, denn bei schwereren Zugarbeiten, wie dem Pflügen, neigte der Traktor zum Aufbäumen. Mit dem Verlust des Bodenkontaktes an der Vorderachse, ließ sich der Schlepper schlecht lenken. Die Vorderachslast, die der Generator beim Gasschlepper mitgebracht hätte, fehlte nun. Um dem entgegen zu wirken, wurde der Vorderachsträger überarbeitet. Um den Kühler weiter vorn zu platzieren, zogen die Konstrukteure den Vorderachsträger weiter vor, was eine Überarbeitung der Kühlerverkleidung mit sich zog. Ab 1951 wurde der ›AKTIVIST‹ mit der vorgezogenen Vorderachse ausgeliefert. Die damit verbundene Gewichtserhöhung im vorderen Bereich reichte allerdings nicht aus, dem Schlepper eine bessere Lastverteilung zu geben. Die Neigung des Aufbäumens blieb.



 

Zwei ›RS 03/30 AKTIVIST‹ während verschiedener Oldtimertreffen im Landkreis Börde. Links ist der überarbeitete Vorderachsträger gut erkennbar. Deutlich kann man bei beiden Schleppern die größere Kühlerverkleidung gegenüber dem Vorgängermodell (Bild 6) sehen. © Fotos U. Schmidt, privat


Der ›RS 03/30‹ in der Ausstellung des Börde-Museums stammte aus der Sammlung des ehemaligen Kreismuseums Oschersleben, dessen Grundstock die Sammlung des Kreisbetriebes für Landtechnik Oschersleben bildet. Der damalige Betriebsleiter Kurt Vlasak legte mit weiteren Kollegen in den 1980er-Jahren eine betriebseigene Sammlung historischer Landtechnik an. Als der Fundus am 1. April 1990 an das Museum Oschersleben übergeben wurde, befand sich dieser Schlepper als einziger Traktor darunter. Laut Überlieferung war er im Raum Sommerschenburg in einem kleinen Privatbetrieb eingesetzt. Technische Probleme führten zu seinem Dienstende. Die Verschrottung drohte. Durch Tausch gegen einen zugkräftigeren und einsatzbereiten Traktor gelangte der ›AKTIVIST‹ in die KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) - Sammlung, wo er optisch hergerichtet wurde.

Der neuere Achsträger mit der damit nach vorn verlegten Vorderachse. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Auf Grund seiner Konstruktion besitzt der ›RS 03/30‹ ein etwas kurios anmutendes Erscheinungsbild, der des Museums umso mehr, hier scheint gar nichts zu passen. Wenn man sich den Schlepper aber genau ansieht, erzählt er einiges aus seiner Einsatzgeschichte. Er gehört zu der ersten Generation des ›RS 03/30‹ mit der kurzen Kühlerverkleidung und der ersten Vorderachsausführung. Irgendwann musste sie ausgetauscht worden sein. Der Kühler blieb dennoch an seinem alten Platz und auch die originale kurze Kühlerverkleidung blieb erhalten. Damit wirkt unser ›RS 03/30‹ »zusammengestoppelt«. Allerdings dokumentiert das Exponat so auch die Entwicklungsgeschichte des ›RS 03 AKTIVIST‹.

 


 

 


© Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



An Hand dieser drei Aufnahmen ist deutlich erkennbar, um wieviel der Achsabstand verlängert wurde, da der Kühler an seinem alten Platz und die originale Kühlermaske erhalten blieben. Die beiden Sockel im Achsträger sind die eigentlichen Aufnahmepunkte des Kühlers bei der überarbeiteten Variante.




Der ›RS 03/30‹ ist in Blockbauweise ausgeführt. Der Motor muss von Hand angedreht werden. Der Startvorgang wird durch Lunten und eine Dekompressionsvorrichtung erleichtert. Mittels eines seitlichen Hebels können über ein Gestänge beide Auslassventile der Zylinder geöffnet werden, um das Durchdrehen zu erleichtern. Ist die nötige Drehzahl erreicht, schließt man die Ventile wieder. Der so entstehende Druck im Verbrennungsraum erzeugt gleichzeitig Wärme, die die Lunten entzünden und diese das Luft-Dieselgemisch im Zylinder.

Der Pfeil kennzeichnet den Hebel zur Bedienung der Dekompressionsvorrichtung. © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Gekennzeichnet sind die Gestänge zur Steuerung der beiden Auslassventile mittels der Dekompressionsvorrichtung. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde




Neben einer starren Ackerschiene besitzt der ›AKTIVIST‹ auch eine Riemenscheibe, die mit bis zu 1400 U/min arbeitet sowie eine fahrkupplungsabhängige Heckzapfwelle mit einer maximalen Drehzahl von 140 U/min. Das Getriebe besitzt vier Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Der Traktor erreicht so eine Höchstgeschwindigkeit von 17, 8 km/h. Die geringste Geschwindigkeit liegt bei 3,94 km/h.






Der ›AKTIVIST‹ besitzt die spartanischste Ausstattung aller Schleppern im DDR-Traktorenbau. Seine Vorderachse ist pendelnd gelagert und ungefedert. Zur elektrischen Ausrüstung gehören neben der Lichtmaschine als Energieversorger eine einfache Beleuchtung. Eine Signalanlage ist nicht vorhanden. Bei Richtungswechsel muss der Fahrer dies mit einer Kelle anzeigen, die in seiner Reichweite ihren Platz hat.                                                                                                                                     

Die Kelle zum Anzeigen des Richtungswechsels, wie sie auch bei Pferdefuhrwerken bis in die 1970er-Jahre üblich war. © Foto U. Schmidt, privat

In der Ausführung mit Fahrerkabine ist ein Scheibenwischer oberhalb der Frontscheibe montiert. Bei Bedarf muss er per Hand mittels Kurbel bedient werden. Ein elektrischer Antrieb war original dafür nicht vorgesehen. Während starken Regenfalls ist das sicher kein angenehmes Fahren.

Doch nicht nur die Konstruktion an sich bereitete im praktischen Einsatz Probleme. Es gab auch viele technische Unzulänglichkeiten. Die meisten Schwierigkeiten traten bei der Einspritzpumpe, dem Differential und der Lenkung auf. Während die ersten 830 Schlepper Lenkungsteile aus dem Westsektor aufwiesen, laut mündlichen Überlieferungen handelt es sich dabei um Lenkgetriebe aus dem US-Armee- Geländewagens ›Willys‹ von› Jeep‹, musste im weiteren Produktionszeitraum die Lenkgetriebe durch eigene Produktion ersetzt werden. Sie erwies sich als sehr störanfällig. Mit diesen negativen Eigenschaften wurde 1952 die Produktion des ›RS 03/30 AKTIVIST‹ eingestellt. Insgesamt verließen 3761 Schlepper des Typs die Brandenburger Traktorenwerke. Heute sind nur noch wenig dieses kuriosen aber interessanten Traktors erhalten geblieben.



Quellen:

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon 2004).

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).  

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

H. Lorenz; H. Lichtenfeld; W. Marutz; H. Rentsch, Lehrbuch für die Berufsausbildung Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren (Berlin 1958).                                                 

R. Blumenthal, Technisches Handbuch Traktoren (Berlin 1961).

G. Riepke, Grosses Handbuch des Maschinenbaues Bd.2 (Nordhausen o.J.).

Private Korrespondenz H. Hintersdorf – U. Schmidt zum Traktor ›RS 03/30‹ und ›S 25‹ (Erfurt-Oschersleben 2004).

 




SammlungsStücke April 2017

Stickmustertücher

Stickmustertuch mit Initialen AMF und Jahreszahl 1811, Inv.-Nr. 2010-549 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde














Dieses mit der Jahreszahl 1811 versehene bestickte Leinenstück, in den Abmessungen 465 mm x 300 mm, zählt zu den älteren Mustertüchern der Museumssammlung. (Katalog-Nr. V:13/05/01/8612; Erfassung museum-digital: Börde-Museum Burg Ummendorf 2010-549) Das Stickmustertuch ist als Kreuzstichstickerei gestaltet, welche mit Seidengarn in den Farben Gelb, Rot, Braun, Grün und Blau ausgeführt wurde. Eine kleine Anzahl an Großbuchstaben des Alphabets ist verschiedenfarbig gestickt. Auch innerhalb eines Buchstaben finden sich unterschiedlich farbige Garne verwendet. Bei diesem gestickten Alphabet, wie auch sonst häufig bei den Übungstüchern dieser Zeitstellung, entfällt das J in der alphabetischen Buchstabenreihung. Der Buchstabe zwischen T und W, meist wie ein V aussehend, wurde in gestickten Sprüchen sowohl als U und V gleichermaßen eingesetzt. In der optisch separierten rechten oberen Ecke wurden 17 unterschiedliche Zierstreifenmuster gestaltet. Der überwiegende Teil des Tuches ist mit Bildmotiven in Kreuzstickstickerei versehen, darunter zahlreiche stilisierte florale Motive, die oftmals in unterschiedlichen Ausgestaltungen die Abbildung des Lebensbaumes zum Inhalt haben. Hinzu kommen bei der Bildmotivsammlung biblische Szenen, oft Adam und Eva im Paradies mit Apfelbaum und Schlange, Jesus als Opferlamm abgebildet oder wie hier dargestellt "Jesus am Kreuz" mit darüber stehender Inschrift INRI. Diese Abkürzung führt zurück auf einen Text im Johannesevangelium (Johannes 19, Vers 19) in der lateinischen Vulgata (im Volk verbreitet), die sich in der römisch-katholischen Kirche verankerte. In den ältesten griechischen Handschriften des Johannesevangeliums ist die Übersetzung des Wortlautes Ἰησοῦς ὁ Ναζωραῖος ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων : „Jesus, der Nazoräer, der König der Juden“. Links und rechts des Kreuzes ist jeweils eine weibliche Person in schlichter Stickart dargestellt: Maria und Maria Magdalena.

Fast zentral auf dem Stickmustertuch zu sehen ist der sogenannte Doppeladler. Der Adler ist in vielen Kulturen symbolhaft. Die Zweiköpfigkeit veranschaulicht u.a. das Duale, beispielsweise in der Herrschaft bei der Verbindung Kaiser und König, wie beim deutsch-römischen Kaiser, der erst durch eine zweite, sakrale Krönung, vom König zum Kaiser aufstieg. Eine der ältesten bekannten Darstellungen des Doppeladlers stammt aus dem Babylonien des 23. Jahrhunderts vor Christus. Ebenso ist sie als Symbol des Schottischen Ritus der Freimaurerei zu finden. Im Gebiet von Kleinasien wurde der Doppeladler seit dem 4. Jahrhundert zum dynastischen Zeichen. Mit religiöser Symbolik versehen war dieser ebenso anzutreffen wie als Motiv orientalischer Stoffe, die im 11. Jahrhundert nach Europa gelangten und ab ca. 1100 Eingang in die Kunst fand. Als Doppeladlersiegel wird die Abbildung um 1180 von den Grafen von Saarwerden gewählt. Bei Kaisern aus der Familie der Palaiologen wurde im späten Byzantinischen Reich der Doppelkopfadler verwendet. In diesem Kontext stehen wohl die europäischen Reichsadler. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kam der Doppeladler in Schwarz auf Gold zur Darstellung und gilt seit der Regierungszeit von Kaiser Sigismund, im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts. In dieser Entlehnung ist wohl auch die Vorlage für dieses Sticksammelmotiv zu sehen.

Zu den des Öfteren, für eine gewissen Zeitspanne nahezu fast obligat ausgeführten Tieren gehört auch die Darstellung des Pfau, so auch auf dem Mustersammeltuch mit der Inventarnummer BMBU 2010-540. Er ist sowohl Rad schlagend als auch mit angelegtem Schwanzgefieder auf der rechten Seite des Leinenstoffstückes abgebildet, gilt als Symbol für die Auferstehung nach dem Tod, für das ewige Leben.

   
Stickmustertuch mit Initialen CEB, Jahreszahl 1830 und Pfauabbildungen, Inv.-Nr. 2010-540 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Bereits im Motivbuch von Johann Sibmacher aus dem Jahr 1601 findet sich der Pfau mit aufgestelltem Rad. Er wurde auch für  den Zeitraum von 22 Jahren zum Signet für das Deutsche Stickmuster-Museum im Prinzenpalais in Celle während seines dortigen Bestehens in den Jahren 1991 bis 2013, welches die umfängliche Sammlung des Journalistenehepaares Elfi und Hans-Joachim Connemann zeigte. Heute sind die Stickmustertücher Teil des Bomann-Museums und können als Digitalisate der ehemaligen Ausstellung im Internet betrachtet werden. In den abgebildeten Motiven der Stickereien des 18. Und 19. Jahrhunderts immer wiederkehrend, sind auch wie auf diesem Mustersammeltuch, Vögel, Brunnen (Gott als Lebens- und Kraftquell) und Herzen, die die Liebe Gottes bildhaft vermitteln sollen, jedoch ebenso für die weltliche Liebe zweier Menschen steht.

Im europäischen Raum lassen sich die ältesten bekannten Stickmustertücher in die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Dass es schon zuvor Sammeltücher für gestickte Bildmotive gab, wird belegt durch Stickerei-Vorlagen wie beispielsweise im Modelbuch von Peter Quentel, erschienen 1529, im Formbüchlein von Hans Hofer, 1545 oder im 1601 vorgelegten Modelbuch von Johann Ambrosius Sibmacher. Der Kupferstecher aus Nürnberg fertigte die Mustersammlung sehr filigran als Kupfersticharbeiten an.

Das älteste im Börde-Museum Burg Ummendorf vorliegende Stickmustertuch (Katalog Nr. V:13/05/01/96:335, Inv.-Nr. BMBU 2010560) stammt aus dem Jahr 1798.                     Auf naturfarbenem, ungebleichtem Leinenstoff wurde mit pastellfarbenem Seidengarn als zentrales Motiv der Paradiesgarten mit Adam und Eva, Apfelbaum und Schlange gestickt, als Synonym für den Sündenfall, der die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hatte und den Tod über die Menschen brachte. Dieses Motiv diente gleichwohl als Art Erinnerungsbild für die junge Stickerin, ein tugendhaftes, gottgefälliges Leben zu führen.  Lebensbaummotive sind die floralen Darstellungen links und rechts. Die in der oberen Zeile unterschiedlich gestalteten Kronen symbolisieren die Ewigkeit (Gottes). Sie befinden sich oft, wie auch auf diesem Mustertuch aus Altenweddingen, über den gestickten Initialen.

 

Stickmustertuch mit der Jahreszahl 1798 , Inv.-Nr. 2010-560 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Im Unterschied zu üblicherweise gestickten Anfangsbuchstaben von Vor- und Zunamen, den Initialen oder sog. Monogrammen, weisen die Großbuchstaben CMG, die sich ab und an auf Stickmustertüchern finden, nicht auf einen Personennamen hin, sondern sind die Anfangsbuchstaben für die lateinische Benennung: Christus Missus Genitoris (Christus, der Bote Gottes).                                         

Aus dem Nachbarort Wormsdorf wurde das nachfolgend abgebildete Stickmustertuch (Inv.-Nr. BMBU 2010-512; alte Katalog-Nr.: Ha 6:46, A 91-52, V:13/05/01/8573) bereits in den 1920er-/1930er-Jahren vom Malermeister Franz Bode in die Ummendorfer Sammlung des Museums gegeben. Als Nachlass aus dem Familienbesitz findet sich das B in den drei gestickten Initialen MLB wieder. M und L stehen für die Anfangsbuchstaben des Vornamens, den es noch im Kirchenbuch zu erkunden gilt.  Auf dem 650 mm x 395 mm großen Leinenstück sind die Buchstaben und Bildmotive gleichermaßen ausgeführt. Neben der Paradiesszene mit Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis sind auch Opferlamm und unterschiedlich gestaltete Boote und Schiffe gestickt, die u.a. die Unwegsamkeit des Lebensweges symbolisieren. Neben Kronen, Lebensbäumen, Schiffen sind auf dem Mustertuch mit der Inventarnummer BMBU 2010-551 auch einfach gehaltene Begleitvögel gestickt, die Teil eines Bildmotives sind, jedoch auch solitär abgebildet sein können. Das für diese Handarbeit gewählte dickere Stickgarn aus Baumwolle macht die Darstellungen optisch weniger filigran. Vergleicht man Mustertücher aus unterschiedlichen Regionen, stellt man fest, dass zeitgleich relativ ähnliche Gestaltungsweisen und Bildmotive vorliegen. Es handelt sich meist um normierte, überregional verbreitete Vorlagen, die verwendet wurden und auf den Tüchern in den Stickereien Umsetzung fanden.   

 

Mustertuch mit Buchstaben und bildlichen Darstellungen, 1842/43, Inv.-Nr. BMBU 2010-512 und aus dem Jahr 1847, Inv.-Nr. BMBU 551 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Waren Stickmustertücher anfänglich Handarbeiten, die im häuslichen Rahmen, meist bei jungen Mädchen aus dem Bürgertum im Alter von ca. fünf Jahren bis um das fünfzehnte Lebensjahr gefertigt wurden und die Sammlung von bildlichen Darstellungen, meist religiöser Art, zum Inhalt hatten, bekamen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Stickarbeiten einen festen Platz in der schulischen Ausbildung der Mädchen, um auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereitet zu werden. Mit der Vereinheitlichung des Handarbeitsunterrichtes an den Schulen in Preußen ab 1872 veränderte sich das Aussehen der Stickmustertücher deutlich. Das vorherige Leinentuch wurde häufig durch sog. Stramin- und Aidastoffe, grobe appretierte Gewebe aus Leinen oder Baumwolle mit Kästchenstruktur, ersetzt. Rotes Baumwollgarn dominierte zunehmend und verdrängte die Seidengarne in Pastelltönen. Da das Kennzeichnen der Weißwäsche aus Leinen (Bettbezüge, Tischdecken, Handtücher, Unterhemde und Unterhosen) mit dem sogenannten Monogramm, den Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens, üblich wurde, ggf. auch noch mit eingestickter Nummerierung, wandelten sich die Übungstücher und dienten mehr und mehr den Stickübungen von Buchstaben und Zahlen in unterschiedlicher Größe und Gestalt. Bereits im 19. Jahrhundert wurden immer häufiger bedruckte Mustertücher für Stickübungen benutzt

 

Stickmustertuch aus feinem Leinen mit Vordruck von Buchstaben, Zahlen, Randeinfassung, Monogramm und Kronen, 1. Hälfte 19. Jahrhundert, Inv.-Nr. 2010-562 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde



Das Bestreben bei der Ausführung der Stickereien war, ob nun im häufig vorkommenden Kreuzstich oder bei Stiel- und Langettensticharbeiten, auf Vorder- und Rückseite des Tuches gleichsam filigran und sorgfältig, gearbeitet zu haben. Knoten bei einer Stickerei galten noch im 19. Jahrhundert als Teufelswerk und waren peinlichst zu vermeiden, was auch bei Stickarbeiten aller Art in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts noch angestrebt wurde, jedoch qualitative Unterschiede in der Ausführung erkennen ließ.


Stickmustertuch aus feinem Leinen mit gestickten Groß- und Kleinbuchstaben. Vorder- und Rückseite, Jahreszahl 1855, Inv.-Nr. BMBU 2010-531 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Vermehrt wurden Stickereien mit Bildmotiven von Buchstaben- und Zahlenreihungen abgelöst. Gelegentlich kamen fortan Zierkanten mit Mäanderband- oder Wellenlinienmuster hinzu. Auffallend ist auch die Verwendung von rotem Baumwollstickgarn wie bei diesem Mustertuch aus Altenweddingen, mit Namen der Stickerin und Entstehungsjahr versehen.

 

Stickmustertuch mit gestickten Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Zierstreifen sowie Name der Stickerin und Jahreszahl 1855, Inv.-Nr. BMBU 2010-525 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Wie deutlich sich die Gestaltung von Handarbeitsübungstüchern nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert änderte, zeigt sich u.a. an den Arbeiten von Ottilie Heinemann (OH) aus Ummendorf von 1910 und von Edith Müller, Klasse 3, aus dem Jahr 1937. Verschiede Stiche für Nähte und Säume wurden ausgeführt, kaum noch sind Stickereien vorhanden. Gehäufter kommen stattdessen das Annähen von Knöpfen, das Umnähen (Schürzen) von Knopflöchern oder Reparaturarbeiten wie das Einsetzen eines Stoffstückes vor. Ottilie Heinemann (geb. 21.1.1899, gest. 20.2.1985) war zum Zeitpunkt der Anfertigung des Übungstuches 11 Jahre alt, ähnlich wohl auch Edith Müller, was vermuten lässt, dass trotz des Wandels vom Motivsammeltuch zum Übungstuch für Näharbeiten und Zierstiche das Lebensalter der Mädchen, in dem solche Arbeiten ausführten wurden, nahezu gleich blieb.


 

 

 

 

Handarbeitsmustertuch mit unterschiedlichen Näharbeiten, Inv.-Nr. BMBU 2010-559 und BMBU 2010-564 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

 

Literatur:

O. A. Erich, Wörterbuch der Deutschen Volkskunde, dritte Auflage, neu bearbeitet R. Beitl (Stuttgart 1974) 781.

A. Fahl, Mustertücher und Schulhandarbeiten. In: „Langes Fädchen – faules Mädchen“. Textile Handarbeiten in Erziehung, Beruf und Freizeit. Schriften des historischen Museums Hannover, Heft 3 (Hannover 1993) 18-23.

S. Lehmann, Niedersächsische Stickmustertücher, 2. erweiterte Auflage (Hannover 1936).

Im Celler Prinzenpalais richteten Elfi und Hans-Joachim Connemann ihr Stickmustermuseum ein. In: Braunschweiger Zeitung, Wochenend, 23. Dezember 1995.

https://de.wikipdia.org/wiki/Stickmustertuch (07.02.2017)

https:/de.wikipedia.org/wiki/INRI (21.03.2017)

https:/de.wikipedia.org/wiki/Doppeladler (21.03.2017)

http://www.cellesche-zeitung.de/S2559562/Das-Stickmustermuseum-lebt-weiter (24.03.2017)

http://www.samplers-berlin.com/de/ueber-mich/museen/das-deutsche-stickmuster-museum-celle.html (24.03.2017)



 

 

 

 



SammlungsStück März 2017

Holzbagger FWF

Signet PGH ›Friedrich Fröbel Werdau‹ © Foto U. Schmidt


Der Spielzeugbagger aus der Ummendorfer Museumssammlung © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Baujahr: ca. 1965–1970

Hersteller: PGH ›Friedrich Fröbel‹, Werdau, vormals ›Dressel Spielgaben‹, Zwickau

Länge min.: 520 mm; max.: 710 mm

Breite: 220 mm

Höhe min.: 190 mm; max.: 500 mm

Material: Holz, geleimte Schicht-hölzer, lackiert, Gummi, Plastik

Inventar-Nr. V:16/01/02/97:I




Im April 1997 wurde dieser Spielzeugbagger dem Museum als Geschenk übereignet. Er ist bespielt und beschädigt, allerdings weitestgehend komplett und kann ohne viel Aufwand wieder instand gesetzt werden. Hier fragt man sich möglicherweise, warum dies noch nicht erfolgt ist. Es kommt letztendlich immer darauf an, was mit dem Originalzustand des Objektes gezeigt werden soll. Im Fall des Baggers belegt trotz seiner Gebrauchsspuren die qualitätvolle Ausführung , die seine Vorbesitzer sicher zu schätzen wussten und die ein gutes Kinderspielzeug auszeichnet.

Die Baggerkonstruktion geht zurück in die Zeit Anfang der 1950er-Jahre. Am 18. Oktober 1954 besuchte der damalige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, überraschend das gerade eröffnete Kinderkaufhaus ›Haus des Kindes‹ am Strausberger Platz in Berlin. Mit dem damaligen Minister für Handel und Versorgung, Kurt Wach überzeugte sich der Präsident von der Güte der hier angebotenen Waren und von der Sortimentsvielfalt. Das neue Kaufhaus war auf Kinderwünsche konzipiert und besaß auch einen Spielbereich, in welchem Kinder die Spielwaren nach Herzenzlust ausprobieren konnten. Diesen Bereich besuchte auch Wilhelm Pieck. Ein Foto ist von dieser Begebenheit erhalten geblieben. Es zeigt den Präsidenten mit seinem Minister und den Kaufhausleiter, die den spielenden Kindern zusehen. Im Vordergrund hockt ein Mädchen, das mit einem großen Holzbagger spielt. Beim genauen Hinschauen kann man erkennen, dass es sich um einen Bagger handelt, der dem aus der hiesigen Museumssammlung sehr ähnlich ist. Mit Sicherheit lässt sich feststellen, dass beide Spielzeugbagger vom selben Hersteller produziert wurden, nämlich von Hans Dressel in Zwickau.


Wilhelm Pieck beim Besuch des ›Haus des Kindes‹ in Berlin. Im Vordergrund spielt ein Mädchen mit einem ›Dressel-Bagger‹ Bundesarchiv, Bild 183-27014-0013 / Heilig, Walter / CC-BY-SA 3.0

 

Dressel war Bauingenieur, der allerdings durch seine Kriegsinvalidität nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte. Mit seinen Kenntnissen und einem Gespür dafür, welches Spielzeug Kinderherzen erobern würden, machte er sich daran, Holzspielzeug selbst herzustellen. Auf dem Striezelmarkt in Dresden versuchte er erstmals 1948 sein Spielzeug an den »Weihnachtsmann« zu bringen. Seine Art des Verkaufs durch gekonntes Feilbieten seiner Produkte und besonders die Qualität der von ihm gefertigten Kinderspielwaren führten zu großem Zuspruch und schnellem Erfolg. Schon kurze Zeit später gründete er seinen Betrieb mit dem Namen ›Dressel Spielgaben‹ in Zwickau. Im Sortiment befanden sich Straßen,- Bau- und Schienenfahrzeuge nebst Zubehör. Dressel-Spielzeug zeichnete sich aus durch ansprechende Form, Robustheit und hohen Spielwert für das ›Einzel- und Kollektivspielen‹. Das Holzspielzeug wurde farblos lackiert und in mehrfarbiger Schichtholztechnik hergestellt. Es hat nie seinen besonderen Charme verloren und ist bei Kindern und Sammlern auch heute noch beliebt und wertgeschätzt. Das gilt besonders für die sehr schön gearbeiteten LKW vom Typ S 4000-1 in verschiedenen Formen mit vielen Spielfunktionen.

Mit diesen Eigenschaften fanden die Dressel-Erzeugnisse Eingang in den Vorbildkatalog ›Form und Dekor‹, der vom Institut für angewandte Kunst herausgegeben wurde. Noch in den 1950er- Jahren gehörten Spielsachen von Dressel zur Standardausstattung von Kindergärten und Schulhorten. Viele ehemalige DDR-Kinder sind bewusst oder unbewusst mit diesem Spielzeug groß geworden. Obwohl es solide gebaut und somit spielbeständig war, blieben Kindergärten der Haupteinsatzort, da allein schon auf Grund der Größe und der Vielfalt der Fahrzeuge nicht in jedem Kinderzimmer der ausreichende Platz zur Verfügung stand.


Unterseite eines ›Fröbel‹ Holzfahrzeuges mit Eigentumsnachweis des Rates der Stadt Oschersleben. Dieses Spielzeug war Eigentum eines städtischen Kindergartens und wurde nach 1990 ausgesondert. © Foto U. Schmidt

 

Ende der 1950er-Jahre verließ Hans Dressel aus persönlichen Gründen die DDR und ging in die BRD. Die Rechte seiner Produkte überließ er der in Werdau gegründeten Produktionsgenossenschaft, die sein Sortiment fortan weiterproduzierten. Wie im Großen, so auch im Kleinen wechselte damit etwa zeitgleich der S 4000-1-Produktion vom VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk Zwickau in das VEB IFA Kraftfahrzeugwerk Ernst Grube Werdau (1958/1959), auch die Holz-S 4000- 1- Produktion von Zwickau in das nahe gelegene Werdau. Die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) war sich der Qualität des Dressel-Spielzeuges bewusst. Um dies zu unterstreichen gab es einen Namenwechsel. Fortan wurde das Spielzeug in der PGH ›Friedrich Fröbel‹ Werdau produziert. Alle Fahrzeuge erhielten das Logo FWF auf der Frontpartie. Ausnahmen stellten der Bagger und die abgewandelte Form als Kran dar. Bei diesen Fahrzeugen wurde das Signet auf die Bodenplatte gedruckt.



Ein Traktor aus der Produktion der PGH ›Friedrich Fröbel‹ mit dem entsprechendem Signet auf dem Kühler. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



Friedrich Fröbel (21. 4. 1782 – 21. 6. 1852) war Pädagoge und Schüler Pestalozzis. Er gilt als Begründer der Kindergärten. Die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung erkannte Fröbel und förderte diese durch die Schaffung eines Systems von Liedern, Beschäftigungen und Spielen. 1840 stiftete er den ersten ›Allgemein Deutschen Kindergarten‹ in Bad Blankenburg. In das Zentrum seiner Arbeit stellte er das Spielen als typische kindliche Lebensform. Fröbel gründete auch die erste Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen. Bekannt sind die von ihm entwickelten pädagogischen Grundkörper Kugel, Zylinder und Würfel die auch heute noch die beliebten Formen für Kleinkinderspielzeug bilden.






Mit diesem verpflichtenden Namen produzierte die PGH ›Friedrich Fröbel‹ lange gutes Holzspielzeug, das sich auch in den 1970er-Jahren gut in der Bundesrepublik Deutschland verkaufen ließ. Die Spielzeugindustrie war einer der Hauptdevisenbeschaffer der DDR. Um die Produktion zu erhöhen, wurden die Spielzeughersteller neu organisiert und in einem Kombinat zusammengefasst. Die PGH ›Friedrich Fröbel‹ wurde zusammen mit anderen Holzspielzeugherstellern dem ›VEB VERO‹ Olbernhau unterstellt. Anfangs waren neben der VERO-Beschriftung noch ein Fröbel-Schriftzug oder Logo angebracht, das später entfiel. Um effektiver zu produzieren, vereinfachte man viele Bauteile, was sich besonders im Design negativ bemerkbar machte. So verschwanden zum Beispiel die gut gestalteten und mit Gummireifen versehenen Räder. Sie wurden durch einfache Plasteräder ersetzt. Ab hier ging es hauptsächlich um preiswerte Fertigung und hohe Stückzahlen.

Der Bagger gehörte zu den Fahrzeugen, die am längsten im Fertigungssortiment waren. Prinzipiell blieb die Funktionsweise unverändert erhalten. Dennoch kann man Unterschiede in den Bauteilen erkennen. So hatte der Bagger in den 1950er-Jahren noch eine kleinere Frontscheibe und Holzräder. Auf Gummireifen musste man noch verzichten, da die Industrie zu dieser Zeit noch nicht ausreichend mit Gummiprodukten versorgt werden konnte.

Die Unterseite des Baggers mit dem Friedrich Fröbel Werdau-Logo und den Holzachsen © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



Die Bauzeit des Museumsbaggers ist auf die späten 1960er-Jahre zu datieren.                                                  Er besitzt das ›Friedrich Fröbel Werdau‹ Logo auf der Bodenplatte.

 

 

 

 

 

Damit stammte er noch aus der Produktionszeit der PGH ›Friedrich Fröbel‹. Auch hat er die feinteiliger gestalteten Räder mit den Gummireifen. Das Chassis ist auf vier Achsen gesetzt. Die Achsen selbst sind ebenfalls aus Holz gefertigt. Die Räder haben einen gebogenen Schutz, der mit dunklem Schichtholz abgeschlossen ist.


Das Fahrgestell mit den gummibereiften Holzrädern © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


In hellerem Holz ist die Fahrerkabine drehbar aufgesetzt. Sie besitzt eine unverglaste Front und unverglaste Seitenfenster. An der rechten Seite der Kabine befinden sich zwei Kurbeln mit im Führerhaus quer gelagerten Holzwellen. Mit ihnen wurden beide Ausleger bedient.




Der Bagger der Museumssammlung in zwei Ansichten © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Der Ausleger ist durch entsprechende Ausfräsungen optimal gestaltet. Der untere Arm ist kompakt aus Holz gefertigt. Er ist beweglich am Hauptausleger angelenkt und hat verschiedene Anbaumöglichkeiten. Damit lassen sich verschiedene Arbeitstiefen voreinstellen. Der Steckbolzen ist hierbei in Plastik ausgeführt. Abgesehen von der Bereifung, handelt es sich hierbei um das einzige Bauteil aus Kunststoff.

Die beiden Ausleger des Baggers. Gut erkennbar sind die verschiedenen Anbaumöglichkeiten und der Kunststoffsteckbolzen. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


In Würfelform ist der Baggerlöffel gearbeitet. Er besitzt Zinken, die ausgefräst wurden. Der Löffel wird von unten vorbildgemäß durch eine Klappe verschlossen. Über eine Sperrklinge lässt er sich öffnen. Mit diesen gut durchdachten Konstruktionen war das Spiel mit dem Bagger recht realitätsnah möglich und so erklärt sich die Faszination dieses Spielzeuges bis heute.

Der Baggerlöffel mit geschlossener und geöffneter Klappe zum Entleeren. © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



Literatur:

B. Havenstein, DDR Spielzeug (Köln o. J.)

G. Wappler, Geschichte des Zwickauer und Werdauer Nutzfahrzeugbaues (Aue 2003).

G. Wappler, Große Autos – Kleine Brüder. Der Lastwagen S 4000-1 und seine Modelle (Aue voraussichtlich März 2017).

Wikipedia-Friedrich Fröbel https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Fröbel (14. 02. 2017)

Bundesarchiv über www. App-in-die-geschichte.de (14. 02. 2017)







SammlungsStück Februar 2017

 Ein Pionier, der aus dem Osten kam

 Pionier-Schriftzug © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Technische Daten ›RS 01/40/I IFA Pionier‹

Motor:

Zylinder:               4 in Reihe stehend  (4F 145 DL)                                                                                        

Takt:                    4

Art:                     Diesel

Hubraum:            5020 cm³

Leistung:             40 PS bei 1250 U/min

Kühlung:             wasserumlaufgekühlt

Eigengewicht:       3200 kg

Baujahr:             um 1955


Der ›RS 01/40 IFA Pionier‹ in der landtechnischen Ausstellung des Börde-Museums Burg Ummendorf © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Er war der erste und lange Zeit der wichtigste Radschlepper aus der DDR-Produktion, der ›RS 01/40‹. Sein Zusatzname, unterstrich die Wichtigkeit dieses Schleppers: ›Pionier‹, der Voranschreitende, der Wegbereiter. Treffender konnte dieser Traktor nicht bezeichnet werden. Bei seinen Fahrern und heute noch bei seinen Oldtimerfreunden wird er nur kurz ›Pio‹ genannt.

Um die Geschichte des ›Pionier‹ zu betrachten, wird ebenfalls dies eine Reise in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Wie das ›Schlepperwerk Nordhausen‹, hat auch das ›Traktorenwerk Schönebeck‹, eine komplexe Geschichte, die mit dem RS 01 eng verbunden ist.

1935 erwarben die ›Junkers Flugzeug- und Motoren-Werke AG‹ die ›Waggonfabrik Linke-Hofmann-Busch‹ in Breslau, heute Wroclaw, viertgrößte Stadt Polens.

Zu dieser Zeit waren die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ der größte Flugzeugproduzent Deutschlands. Prof. Hugo Junkers war allerdings 1935 nicht mehr in seinem Werk tätig. Er wurde bereits 1933 seitens der deutschen Regierung gezwungen, sein Werk mit allen Rechten und Patenten an den Staat abzutreten. Er musste sogar Dessau verlassen! Damit wurde der Betrieb verstaatlicht. Hugo Junkers verstarb an seinem 76. Geburtstag am 3. Februar 1935 in Gauting bei München. Prof. Junkers gehört zu den bedeutendsten deutschen Konstrukteuren. Nicht nur im Flugzeugbau, sondern auch in Heiztechnik, im Bauwesen, dem Motoren- und Fahrzeugbau war er innovativ tätig und hatte viele Patente erhalten. Er war aktiver Förderer der Bauhauskunst in Dessau und mit vielen Künstlern befreundet.

Die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ hatte ihren Hauptsitz in Dessau, unterhielt aber etliche Zweigwerke, so in Bernburg, Halberstadt, Leopoldshall/Stassfurt, Aschersleben, Schönebeck (Flugzeugbau) sowie Magdeburg und Köthen (Motorenbau und Strahltriebwerke).

Mit dem Erwerb der ›Waggonfabrik Linke-Hofmann-Busch‹ in Breslau plante man unter dem Namen ›FAMO‹ (›Fahrzeug und Motoren-Werke G.m.b.H.‹) einen neuen Traktorenproduzenten. Besonders die östliche Lage, aber auch die Erfahrungen die ›Linke-Hofmann-Busch‹ schon im Schlepperbau besaßen, waren hier ausschlaggebend, denn es sollten leistungsstarke Traktoren für die neuen großen landwirtschaftlichen Flächen gefertigt werden, die die Wehrmacht in der Sowjetunion erobern sollte.

 

Bild 2 Werbeprospekt für den FAMO- Ackerschlepper aus dem Jahr 1939 Archiv BMBU – Landkreis Börde


Die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ hielt 99% des Gesellschaftskapitals. Auf Wirken des Reichsluftfahrtministeriums wurden Anfang 1942 die Anteile von der Bank der Deutschen Luftfahrt übernommen. Neben dem ›FAMO‹-Stammwerk betrieb man weitere acht Zweigwerke in Schlesien. Später ordnete man den bekannten Traktorenhersteller ›URSUS‹ der ›FAMO‹ zu.

Bei ›FAMO‹ wurden zwei Kettenschlepper, die 42 PS Raupe ›FAMO Boxer‹ und die 60 PS leistende ›FAMO Rübezahl‹ sowie der 42/45 PS Radschleppers ›FAMO XL‹, dessen Konstruktionsarbeiten schon bei ›Linke-Hofmann-Busch‹ begonnen hatten, produziert.

Von 1935 bis 1938 fertigte man 1636 Traktoren, davon 606 Radschlepper. ›FAMO‹ Schlepper wurden in der Land- und Forstwirtschaft und besonders im Bauwesen eingesetzt. Mit 50 % Marktanteil bei den Raupenschleppern, wurde ›FAMO‹ zu einem der bedeutendsten Traktorenhersteller Deutschlands in dieser Zeit.

Das Produktionsprogramm umfasste weiterhin den Bau von Dieselmotoren für Schlepper, Motoren für den Stationärbetrieb und für den Schiffsbau, Kompressoren für Schiffsmotore sowie komplette Prüfstände für die Kraftfahrzeug- und Flugmotorenindustrie.

Mit den Kriegsvorbereitungen kam es 1937 zur Einrichtung der Abteilung ›Sonderfahrzeugbau‹. Hier wurden schwere Zugmaschinen mit einem Eigengewicht bis 18 Tonnen für die Armee in Halbkettenausführung gebaut.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges konnte die Rote Armee den »deutschen Siegeszug« aufhalten und die deutschen Armeen zurückschlagen. Als absehbar wurde, dass die russischen Truppen an der sowjetisch-polnischen Grenze nicht haltmachten, erließ das Rüstungsministerium in Berlin am 7. Dezember 1944 die Weisung 50 % des Breslauer Betriebes zu demontieren. Dies betraf insbesondere die Produktion der Wehrmachtszugmaschinen und der Raupenschlepper. Um einer Enteignung des Betriebes nach dem Kriegsende durch die Siegermächte zu entgehen, hatte man bereits im September 1944 den Beschluss gefasst, die ›FAMO‹ von einer G.m.b.H. in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, um sie zu reprivatisieren. Das Vorhaben konnte allerdings bis Kriegsende nicht mehr umgesetzt werden.

Bis Ende Januar 1945 erfolgte eine Teilverlegung in das Junkerswerk Schönebeck. Dazu wurden zwei Hallen mit 13 000 m² Produktionsfläche an die ›FAMO‹ verpachtet. Unter der Tarnbezeichnung ›Betrieb 71, Sommer Co, Schönebeck a. d. Elbe‹ sollte die Produktion wieder aufgenommen werden. Die Verlegung verlief allerdings alles andere als planmäßig. Viele der beladenen Züge mit wichtigen Maschinen und Halbfertigprodukten wurden auf Grund der Kriegswirren fehlgeleitet oder standen monatelang auf Bahnhöfen fest. So kam es, dass nicht alles in Schönebeck eintraf. Viele Werkzeugmaschinen tauchten erst nach dem Krieg in Zwickau wieder auf. Allerdings kamen die FAMO- Mitarbeiter nach Schönebeck. Besonders wichtig war der Umstand, dass die gesamte Entwicklungsabteilung von ›FAMO‹ in Schönebeck eintraf. Sie bildete damit die künftige Basis des Schönebecker Traktorenbaus.

Unter diesen Umständen war die Einrichtung der Werkshallen zur Aufnahme der Schlepperproduktion in Schönebeck nur bedingt möglich. Den Beginn der Produktion erschwerten zusätzlich mangelnde Strom- und Gaszulieferungen. Dennoch begann die Produktion von Ersatzteilen für schwere Zugmaschinen und Raupenschlepper, einschließlich der Produktion von Getrieben.

Im Januar/Februar 1945 wurden seitens des Aufsichtsrates der ›FAMO‹ und dem Vorstand der Junkerswerke Vereinbarungen zur gemeinsamen Aufnahme einer Traktorenproduktion nach Kriegsende in Schönebeck getroffen. Beide Unternehmen erkannten, dass der Bedarf an Traktoren nach dem Krieg besonders groß sein würde.

Doch noch ein dritter Betrieb bildete den Ursprung des Traktorenwerkes Schönebeck.

Die Schlossermeister Carl Hoyer und Walter Glahn gründeten am 1. März 1885 ihre Firma ›Hoyer & Glahn‹. Sie produzierten Stark-, Schwach- und Blitzschutzanlagen. 1890 wurde die Produktion von Fahrrädern aufgenommen, wobei das Unternehmen sehr innovativ war. Hier erfand man das Walzen der Hohlrohrverbindungen für Fahrradrahmen welches das Hartlöten der Rahmenteile überflüssig werden ließ. Ab 1897 erfolgte eine weitere Umbenennung, der Betrieb hieß jetzt ›Fahrradwerke Weltrad – vormals Hoyer & Glahn – Aktiengesellschaft‹. 1900 wurde das Unternehmen abermals umbenannt in ›Metallindustrie Schönebeck Aktiengesellschaft‹. Zwischenzeitlich erfolgte eine Erweiterung des Produktionsprogramms. Neben der Fahrradproduktion wurden Musik- und Warenautomaten, Schaufensterdekorationsartikel, Haushaltsmaschinen, Maschinen für Bäcker- und Fleischerbetriebe gefertigt sowie eine Metallgießerei für Maschinenbau betrieben. Kurze Zeit später wurde eine Motorrad- sowie eine PKW-Produktion aufgenommen, die allerdings 1907 wieder eingestellt wurde.

In den 1920er-Jahren erfolgte die Aufnahme der Produktion von Kinder- und Puppenwagen, Kinderzwei- und Dreiräder sowie Kindertretroller. Die Marke ›Weltrad‹ war in dieser Zeit ein sehr bekannter Hersteller und führend in der Fahrradproduktion.

Nach der Machtergreifung Hitlers und der damit verbundenen Aufrüstung, besonders aber während des Zweiten Weltkrieges wurden viele metallverarbeitende Betriebe in die Rüstungsproduktion einbezogen, so auch die ›Metallindustrie Schönebeck Aktiengesellschaft‹. Es erfolgte eine Produktionserweiterung auf Geschützlafetten, Schlösser für Maschinengewehre und Verschlussköpfe für die 2 cm-Flugzeugbordgeschütze sowie Handfeuerwaffen, die man jetzt vorrangig fertigen musste.

Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 endete der Zweite Weltkrieg für die Schönebecker. Die Stadt hatte den Krieg relativ gut überstanden, selbst die kriegswichtigen Betriebe wie ›Weltrad‹ und ›Junkers‹ trugen keine schwereren Beschädigungen davon. Am 1. Juli 1945 übernahm die Rote Armee das Gebiet. Bereits am 4. Juli 1945 besichtigte der zuständige Kommandeure Saizew die hier ansässigen Betriebe. Schon bald danach durfte ›Weltrad‹ mit der Produktion von Fahrrädern, Krankenfahrstühlen und Kinderwagen beginnen. Auch bei ›Junkers/FAMO‹ wollte man schnell den Neuanfang und erbat sich eine Produktionserlaubnis für Traktoren und Ersatzteile. Nach der Prüfung der Betriebe wurden ›Junkers‹, ›FAMO‹ und ›Weltrad‹ als Produzenten von Kriegsgütern eingestuft, was eine Demontage zur Folge hatte. Dies ging sogar soweit, dass die verbliebenen Junkers-Hallen, die den Krieg schadlos überstanden hatten, komplett gesprengt wurden. ›Junkers/FAMO‹ erhielt die Erlaubnis auf dem Betriebsgelände von ›Weltrad‹ mit der Produktion von dringend benötigten Gebrauchsgütern wie Feuerhaken, Scharniere, Rodelschlitten und Handwagen zu beginnen.

Am 30. November 1945 vereinigten sich die ›FAMO‹ und die Junkerswerke Schönebeck zur ›Fahrzeug- und Gerätebau G.m.b.H. Schönebeck‹. Am 1. Juli 1948 schloss sich die ›Metallindustrie Schönebeck‹ (Weltrad) mit an. Die drei Unternehmen firmierten zum ›Schlepperwerk Schönebeck‹ aus dem später das ›Traktorenwerk Schönebeck‹ (TWS, 1. Februar 1955) hervorging. Am gleichen Tag gründete sich die ›IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke‹, zu der nun auch das ›Schlepperwerk Schönebeck‹ gehörte.

Da bereits im Sommer 1947 geplant war, zwei Schleppervarianten einmal mit 22 PS und einmal mit 40 PS zu produzieren, lag eine Neuauflage des ›FAMO‹-Radschleppers XL nahe. Allerdings ergaben sich für die Schönebecker auf Grund der Verlegung der ›FAMO‹ während des Krieges besondere Schwierigkeiten. Es waren nicht alle notwendigen Maschinen angekommen. Die Werkzeugmaschinen, die nach Zwickau fehl geleitet wurden, hat man im ›Horch-Werk‹ untergebracht. Dazu kam, dass die Produktionsfläche, die die ›Metallindustrie Schönebeck‹ zur Verfügung stellte bei weitem nicht ausreichte. Somit war das Traktorenwerk nicht in der Lage, seinen Schlepper komplett zu fertigen, sondern nur eine Teilefabrikation zu betreiben. Lediglich konnten in Schönebeck die Vorderachsen, die Kühler, die Blattfedern und die Andrehvorrichtungen gefertigt werden. Zusätzlich lief die Produktion von Fahrrädern, Kinderwagen, Krankenfahrstühlen, Schlepperersatzteilen, Ketten und Kettenbolzen. Auf Grund der fehlenden Maschinen und der unzureichenden Produktionsflächen ordnete die SMAD (Sowjetische Militär-Administration in Deutschland) an, die Produktion des 40 PS-Schleppers bei ›Horch‹ in Zwickau anlaufen zu lassen. Dies zeigte sich als durchaus sinnvoll, da die dafür notwendigen FAMO-Maschinen durch die Fehlleitung während der Produktionsverlagerung, bereits bei ›Horch‹ waren. Allerdings war man hier nicht gerade begeistert, Traktoren bauen zu sollen. Schließlich sind hier Automobilbauer am Werk. Nur mit viel Überzeugung konnten die Werktätigen umgestimmt werden. Dennoch gab es viele Komplikationen bis hin zu Sabotageakten, dass Ziegelsteine in die Hinterreifen bei der Montage eingelegt wurden, die zu schweren Beschädigungen im Einsatz und langen Ausfallzeiten führten, denn die Reifenindustrie war zu dieser Zeit noch nicht in der Lage diese Reifen in ausreichender Menge zu produzieren. Am 12. Mai 1949 verließ der erste Traktor die 82 Meter lange Taktstraße von ›Horch‹.

 
Einer aus der Zwickauer Produktion stammender ›RS 01/40‹ auf dem Werksgelände von ›Horch‹. Im Hintergrund stehen neue LKW vom Typ ›Horch H3‹ um 1950. Priv. Sammlung G. Wappler/U. Schmidt


Bei den Horch-Werken bekam der Schlepper auch seinen Zusatznamen. Hier war man sich einig, er sollte als Bahnbrecher für Produktion und Landwirtschaft für einen Neuanfang nach dem Krieg stehen – ›Pionier‹. Den dafür extra angefertigten Schriftzug montierten symbolisch zwei Pioniere aus zwei Zwickauer Schulen auf den Kühler eines der ersten bei ›Horch‹ gefertigten Traktoren. Mit diesem Namen wurde der ›RS 01/40‹ zur ostdeutschen Schlepperlegende.

Bis Ende 1950 baute man 2250 ›RS 01/40‹ (Radschlepper, erste Konstruktion, 40 PS) in Zwickau. Die Produktion wurde dann nach Nordhausen verlegt da für die Produktionsflächen bei ›Horch‹ und ›Audi‹, beide Betriebe wurden 1957 zum ›VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk‹ zusammengelegt, die LKW-, PKW- und Motorenproduktion geplant war.

Die Produktion des ›IFA Pioniers‹ wurde erst 1956 eingestellt. Etwa 2000 Stück produzierte das Nordhäuser Schlepperwerk jährlich.

 

Abgestellte ›RS 01‹ warten auf ihre Abholung und Auslieferung im Schlepperwerk Nordhausen um 1955. © Höckelmann/priv. Sammlung U. Schmidt


Der Traktor wurde während seiner Bauzeit ständig verbessert. Da anfangs Starterbatterien noch nicht in ausreichendem Maße für die Nutzfahrzeugproduktion zur Verfügung standen, musste der Motor mittels Kurbel angedreht werden. Da dies sehr kraftaufwendig war, führte schon ›Horch‹ eine Verbesserung ein. Während des Anlassens wurde Vergaserkraftstoff in den Verbrennungsraum eingespritzt und über einen Zündmagneten und Zündkerzen gestartet. Nachdem der Motor angesprungen war, konnte dann auf Dieselbetrieb umgestellt werden. Heute sind diese RS 01/40 sehr selten noch mit dieser originalen Startvorrichtung zu finden.


Ein ›RS 01‹ mit originaler Benzinstartanlage. Mit X gekennzeichnet ist der Zündmagnet, von dem die Zündleitungen zu den Zündkerzen führen. © Foto U. Schmidt


Eine weitere Variante war das Anlassen über eine Luftdruckanlage. Hierzu musste der Motor allerdings mit einem anderen Zylinderkopf ausgestattet werden. Über ein Anlassventil wurde dann auf zwei Zylindern die Druckluft eingelassen, die den Motor in die nötige Drehbewegung brachte.


Schematische Zeichnung der Druckluftanlassanlage des RS 01 Lehrbuch für Berufsausbildung-Fachkunde für Betriebsschlosser 1957 S. 243







Diese steuerungstechnisch aufwendige Vorrichtung veranlasste viele »Pio-Fahrer« dazu, ihren Schlepper den ganzen Tag laufen zu lassen. Um dies gewährleisten zu können, war ein größerer Tank von Vorteil. Aber auch der Umstand, den ›Pionier‹ in Doppelschicht ohne Tankstopp einsetzen zu können, veranlasste die Industrie einen größeren Tank zu produzieren, der zum Nachrüsten angeboten wurde. Sein Fassungsvermögen lag bei 160 Litern. Generell wurde der ›Pionier‹ allerdings nur mit dem einfachen Tank ausgeliefert.                                                                                                                      

 

Zwei ›Pioniere‹ während der Kartoffelernte in der Börde. Gut erkennbar ist der vergrößerte Tank am im Vordergrund stehenden Traktor. © F. Giesecke, Archiv BMBU 669_2009

                                             

Die Traktoristen schwörten besonders in der kalten Jahreszeit auf den »Kettenanlasser«. Er wurde immer mitgeführt und half nicht nur beim Anziehen.

 
Ein ›Pionier‹ mit »Kettenanlasser«. Hier wurde extra eine Halterung für die Schleppkette angebracht. © H. Hintersdorf/priv. Sammlung U. Schmidt


Da die Methode des Anschleppens nicht gerade materialschonend war, wurde bald eine elektrische Startanlage serienmäßig eingebaut. Hierzu bekam der Schlepper zwei Starterbatterien. Während alle Verbraucher und die Ladeanlage auf 12 V Bordspannung betrieben wurden, bekam der Anlasser über einen Umschalter eine Startspannung von 24 V. Der 24 Volt-Anlasser besaß eine Leistung von 4 PS. Diese Technik ist allerdings schon älter und stammte ursprünglich von ›BOSCH‹. Man kann sie auch bei den HANOMAG-Raupenschleppern der 1940er-Jahre finden. Sie kam nur aus Mangel an Batterien erst so spät in der IFA-Nutzfahrzeugtechnik zum Einsatz, hielt sich aber dafür bis 1990 in Fahrzeugen wie dem ZT 300 oder dem IFA W 50.

Der ›RS 01/40‹ war ein mittelschwerer Traktor in Blockbauweise. Motor und Getriebe wurden aneinander geflanscht und bildeten somit die Verbindung zwischen Vorder- und Hinterrädern.

Der ›IFA Pionier‹ besaß noch keine Hydraulikanlage. Seine Ackerschiene war fest montiert. Er besaß eine gefederte selbsttätige Sicherheitszugvorrichtung und eine Zapfwelle, die bis zu 540 U/min erreichte. Ein Riemenscheibenantrieb konnte an der Zapfwelle montiert werden. Eine Besonderheit war die Zyklonauspuffanlage, die einen funkenfreien Abgasausstoß sicherte, was zu dieser Zeit im Schlepperbau keine Selbstverständlichkeit war. Das Getriebe besaß fünf Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Der Schlepper erreichte damit eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 17 km/h. Seine Bodenfreiheit betrug 300 mm, was ihn gut durch das Gelände brachte.

 

Obwohl der Pionier zugstark war, gab es auch Situationen, in denen er Verstärkung benötigte wie hier bei der Kartoffelernte. Auch dabei kam der »Kettenanlasser« zum Einsatz. Als Abfahrer ist ein Primus im Einsatz. Priv. Sammlung U. Schmidt


Der ›IFA Pionier‹ war auf Grund seiner guten Zugleistungen besonders bei der Bodenbearbeitung und im Transport einer der wichtigsten Traktoren in der DDR. Viele landwirtschaftliche Betriebe setzten ihn noch bis Anfang der 1970er-Jahre ein. Erst die Einführung des leistungsstärkeren und moderneren ZT 300 und später des ZT 303 lösten den ›RS 01‹ ab. In privaten Landwirtschaftsbetrieben und Transportunternehmen versah er noch weiter viele Jahre treue Dienste, sodass es einige ›Pioniere‹ gab, die es auf stolze 50 Dienstjahre brachten, bis sie endgültig ausgedient hatten. Einige von ihnen fanden den Weg zu privaten Oldtimerfreunden oder in Museen.


»Pio-Brigade« beim ersten technischen Dienst (Bild links) und anschließend beim Pflügen um 1955 im Raum Neuwegersleben. © G. Siedentopf/priv. Sammlung U. Schmidt

 


Bild links: Der Arbeitsplatz und Bild rechts die Welt aus der Sicht eines »Pio-Fahrers« © Fotos U. Schmidt
 

Innerhalb dieser langen Bauphasen gab es nicht nur Unterschiede in der Startvorrichtung. Der Traktor wurde mit und ohne Fahrerhaus ausgeliefert. Heute sehr selten zu finden sind originale Kühlerbeschriftungen, die in die Wasserkastenverkleidungen geprägt waren.    


Ein authentisch erhaltener ›Pionier‹ mit der seltenen geprägten Kühlerbeschriftung © Foto U. Schmidt


Der in Ummendorf ausgestellte RS 01 stammte aus der Memlebener Sammlung, die seit Anfang 2000 teilweise im Börde-Museum ausgestellt ist.

 

Quellen:

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004).

R. Blumenthal, Technisches Handbuch Traktoren (Berlin 1961).

O. Groehler – H. Erfurth, Hugo Junkers. Ein politisches Essay (Berlin 1989).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945–1990 (Stuttgart 2005).

W. Lang, Wir Horch-Arbeiter bauen wieder Fahrzeuge. Geschichte des Horch-Werkes Zwickau 1945 bis 1958 (Aue 2007).

W. Lohoff, Betriebsgeschichte VEB Traktorenwerk Schönebeck Teil 1 (Schönebeck 1983).

W. Lohoff, Betriebsgeschichte VEB Traktorenwerk Schönebeck Teil 2 (Schönebeck 1983).

H. Lorenz – H. Lichtenfeld – W. Marutz – H. Rentsch, Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren (Leipzig 1957).

U. Miethe, Bildatlas des DDR Straßenverkehrs. PKW und Nutzfahrzeuge (München 2008).

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten. Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

K. Tiedgens, Fortschritt ZT 300. Typengeschichte und Technik (München 2014).

Verfasser unbekannt, Die Breslauer Firmen FAMO und Linke-Hofmann, http://www.zobten.de/Famo/Famo.htm (03. 04. 2005).

G. Wappler, Geschichte des Zwickauer und Werdauer Nutzfahrzeugbaues (Aue 2003).

 






SammlungsStück Januar 2017

Die Brockenhexe, erster Schlepper aus dem VEB Schlepperwerk Nordhausen


Der RS 02/22 ›Brockenhexe‹ in der landtechnischen Ausstellung des Börde-Museums © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Technische Daten RS 02 ›Brockenhexe‹

Motor:

Zylinder:              2 in Reihe stehend F2M414 Lizenz DEUTZ

Takt:                   4

Art:                     Diesel

Hubraum:            2200 cm³

Leistung:             22 PS bei 1500 U/min

Kühlung:             wasserumlaufgekühlt

Eigengewicht:        1340 kg

Baujahr:              1950

 



Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde auch Nordhausen Opfer von Bombenangriffen. Das Schlepperwerk ›MBA‹ (Maschinenbau und Bahnbedarf Aktiengesellschaft) war davon aber nicht betroffen.

© Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Zum Kriegsende wurde die Produktionsanlage der A4 Rakete von Peenemünde nach Nordhausen in den Kohnstein verlegt. Am 11. April 1945 marschierten die US Streitkräfte in Nordhausen ein. Sie fanden neben rund 100 A4 Raketen auch Konstruktionsunterlagen und Fachpersonal vor und hatten somit das gesamte Knowhow der deutschen Raketentechnik für sich sichern können. Als am 5. Juli 1945 die Rote Armee das Gebiet als neue Besatzungsmacht übernahm, war von der Raketenproduktion kaum etwas übrig geblieben. Dennoch ging man daran mit den wenigen Überbleibseln, ehemaligen Arbeitern und wenigen Raketentechnikern, die noch zur Verfügung standen, die A4 Rakete zu rekonstruieren. Noch 1945 richtete die sowjetische Verwaltung einen neuen Betrieb zur Raketenentwicklung und Produktion ein, das ›Institut Nordhausen‹. Auf dem Gelände der MBA wurde ein neuer Raketenproduktionsstandort errichtet. Im ›Montania Werk 2/Triebwerksbau‹ wurde von 1946 bis 1947 das Antriebsaggregat der A4 neu produziert, während in anderen Betriebsbereichen langsam die Produktion von Schlepperersatzteilen, Bedarfsgüter für die Bevölkerung und Waggonreparaturen anlief. Sogar zwei Prüfstände für die Raketentriebwerke wurden in Betrieb genommen. Rund 700 Arbeiter und Angestellte hatte das Werk in Nordhausen. Ab dem 15. Juni 1947 wurde das komplette Werk demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Anschließend sprengte die Rote Armee alle Gebäude der ›Montania‹, die mit der russischen Raketenproduktion in Zusammenhang standen, das entsprach dem größten Teil der Werksanlagen. Nach der Demontage sah der Betrieb aus, als wäre er kriegsbedingt zerstört wurden. Anschließend zäunte man das Gelände ein. Es sollte als ›Schwarzgängerlager‹ genutzt werden.

Aus Mangel an einsatzfähigen Traktoren in der Landwirtschaft beriet man im Sommer 1947 in der ›Deutschen Zentralverwaltung Industrie‹ (DZVI) die künftige Schlepperproduktion in der Sowjetischen Besatzungszone. Danach sollten zwei Traktorentypen produziert werden, ein schwerer 40 PS und ein kleiner 22 PS leistender Traktor. Als Produzent kam NORMAG in Frage, die auch Bereitschaft dazu zeigte, allerdings die geforderte Stückzahl nicht garantieren wollte und auch sicherlich unter den schwierigen Umständen nicht konnte, denn kurz vor der Verwaltungsübernahme durch die Sowjearmee, siedelte NORMAG in den amerikanischen Sektor nach Zorge um. Zurück blieben ein Teil der Belegschaft und die leeren Werkhallen. Den Neuanfang des Betriebes unternahm man unter der Bezeichnung ›Maschinenbau Nordhausen‹, der dann der ›WB ABUS Halle‹ zugeordnet wurde. Später ent- wickelte sich daraus NOBAS, der bekannte Baumaschinenhersteller der DDR, der heute noch produziert und als eigenständiger Betrieb zur ›GP Günter Papenburg AG‹ gehört.

Auf der Suche nach dem Produzenten des kleinen 22 PS Traktors kam der Gedanke auf, den Auftrag zur ›Montania‹ zu geben. Hier aber fehlte es an geeigneten Produktionshallen und Maschinen. Die ›Montania G.m.b.H. ‹ hatte starkes Interesse an der Aufnahme einer neuen Traktorenproduktion. Nachdem der Versuch die Stadt Nordhausen in die Aktien-gesellschaft zu beteiligen gescheitert war, wurde am 1. Mai 1948 der ›Landeseigene Betrieb (LEB) Motoren- und Fahrzeugbau Nordhausen‹ gegründet. Mit anfangs 11 Mitarbeitern, 49 gebrauchten Werkzeugmaschinen und einem Kredit von 300 000 Mark war die wirtschaftliche Grundlage gegeben. Doch lange blieb der Betrieb unter diesem Namen nicht bestehen. Am 1. Juli 1948 wurde die ›IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke‹ gebildet. Hier wurden alle enteigneten Fahrzeughersteller in der SBZ (Sowjetische Besatzungs- zone) zusammengefasst. Aus dem ›LEB Motoren- und Fahrzeugbau Nordhausen‹ wurde der ›VEB IFA Schlepperbau Nordhausen‹, später ›VEB IFA Schlepperwerk Nordhausen‹.   Somit entstand der erste Traktorenhersteller der sowjetischen Besatzungszone, dessen Wurzeln auch im Traktorenbau lagen. Sicherlich durch die Zentralisierung des Fahrzeugbaus über IFA kamen Konstruktionsunterlagen und angearbeitete Schlepperteile von NORMAG aus dem ABUS-Bestand in das neue Nordhäuser Traktorenwerk. Dieser Umstand erklärt, dass in vielen heutigen Publikationen die Meinung vertreten wird, dass beide Traktorhersteller MBA und NORMAG zusammengelegt worden sind.

Nichts lag also näher, einen Traktor zu konzipieren, der auf die Erfahrungen der Konstruktionen von MBA und NORMAG aus den 1940er-Jahren basierte. So entstand ein kleiner Traktor in der bewährten Blockbauweise mit einem Zweizylinder-Diesel-Motor. Prinzipiell handelte es sich um den Nachbau des NORMAG NG 10. Auch hier wurde der F 211 414 DEUTZ-Motor mit 22 PS und das Vierganggetriebe der Zahnradfabrik Friedrichshafen verwendet. Sicherlich standen bei den ersten Traktoren, die ab Juli 1949 produziert wurden, noch Originalbaugruppen aus Altbeständen zur Verfügung. Nachdem diese aufgebraucht waren, baute man den DEUTZ- Motor und auch das ZF-Getriebe selbst nach. Seine Motorhaube und die Kühlerverkleidung stammten aus der MBA-Produktion und gehörte zum 30 PS leistenden MB 751 SA. Sicher haben hier die Presswerkzeuge den Krieg überstanden.

Anfangs hatte der Traktor die Bezeichnung ›IFA Dieselschlepper 22PS‹. Mit der Einführung einer Nomenklatur bekam der Schlepper die Bezeichnung RS 02/22. Zusätzlich erhielt er den Namen ›Brockenhexe‹. RS steht für Radschlepper, die 02 für die zweite Schlepperkonstruktion und die 22 für die Leistung des Traktors in PS.

Für kleinere Wirtschaftsbereiche war der robuste Schlepper durchaus gut einsetzbar. Er eignete sich für leichte Feldarbeiten und wurde zu Transportaufgaben herangezogen.        Mit dem Einsatz der bewährten Baugruppen war er relativ zuverlässig und wurde ein beliebtes Arbeitsmittel. Seine Blockbauweise mit der ungefederten Pendelachse gab ihm eine gute Geländegängigkeit. Er besaß eine feststehende Ackerschiene und eine Zapfwelle, die motorgebunden mit einer Umdrehung bis zu 540 U/min lief. Zusätzlich konnte eine Riemenscheibe mittels Zapfwelle in Betrieb genommen werden.

Unter Einsatz von Lunten (Zündkapseln) wurde mittels Andrehkurbel der Motor in Gang gesetzt. Eine Dekompressionshilfe erleichterte den Startvorgang. Sie befand sich zwischen Scheinwerfer und Kühlerverkleidung. Über ein Gestänge wurden die Auslassventile geöffnet, um den Motor leicht durchdrehen zu können. Bei genügend erreichter Drehzahl wurden die Ventile geschlossen. Durch die Kompression entzündeten sich die Lunten und die wiederum den eingespritzten Kraftstoff. Nach Inbetriebnahme des Motors wurde die Andrehkurbel abgezogen. In die Bohrung konnte eine Zugvorrichtung eingesetzt werden.

   
Die beiden Luntenhalter an der linken Motorenseite © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


 

 

 

 

© Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Dem Fahrer stand eine Sitzschale zur Verfügung, die durch eine Blattfeder die Stöße im Fahrbetrieb abfing. Dies war die übliche einzige Federung der meisten Vorkriegsschlepper, die die Brockenhexe besaß. Sie wurde öfter von ehemaligen Fahrern bemängelt. Mitarbeiter der MTS Halberstadt haben eine bessere Federung des Sitzes entwickelt und diese auf Wunsch gegen die originale ausgetauscht.  

Die ›Brockenhexe‹ des Museums besitzt die verbesserte Federung der MTS Halberstadt. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Schon bald zeigte sich allerdings, dass die Leistung des kleinen Schleppers zu gering war. 1952 wurde die Produktion eingestellt. Weitere Gründe waren jedoch auch, die Schaffung von Produktionskapazitäten zum Bau des RS 01/40 ›Pionier‹ und wahrscheinlich auch der Umstand, dass keinerlei Lizenzverträge mit DEUTZ und ZF Friedrichshafen bestanden, was bei einem Weiterbau zu Komplikationen mit diesen Unternehmen geführt hätte. Insgesamt wurden 1935 RS 02 gefertigt.  

Die ›Brockenhexe‹ aus dem Bestand des Börde-Museums Burg Ummendorf stammte aus dem ehemaligen Kreis Halberstadt. Nachdem sie aus dem Maschinenpark einer dortigen MAS (Maschinenausleihstation) oder MTS (Maschinen-Traktorenstation), beide Betriebe waren die Vorläufer des KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) ausgesondert wurde, fand sie in einer kleinen Privatwirtschaft in Schlanstedt Verwendung. Auf Grund eines Motorschadens wurde der Traktor 1995 von einem leistungsstärkeren russischen Traktor ersetzt. Bis dahin war der betagte Schlepper im Einsatz. Durch eine Mitarbeiterin des Kreismuseums Oschersleben, in Schlanstedt wohnhaft, war die Geschichte um das fragliche Schicksal der ›Brockenhexe‹ bekannt. Nach Bemühungen seitens der Museumsmitarbeiter konnte der Traktor in den Sammlungsbestand aufgenommen werden. Mit dem Fortfall von Ausstellungsflächen in Oschersleben kam der Großteil der Sammlung 1996 in das Börde-Museum Burg Ummendorf und der heute seltene Traktor erhielt hier einen festen Platz in der ständigen Ausstellung.

 
Die ›Brockenhexe‹ in der letzten landtechnischen Ausstellung des Kreismuseums Oschersleben in der Breitscheidstraße 1996 © Foto U. Schmidt KMO – Landkreis Bördekreis

 

 

Quellen:

K. Andresen, DDR Nutzfahrzeuge – LKWs, Feuerwehrautos, Traktoren (Köln o.J.).

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon 2004).

Autor nicht angegeben, DDR Fahrzeuge – Von AWO bis Wartburg (Renningen 2014).                                                                                                                       

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

W. Steinmetz, A. Heber, W. Geiger, Die 100-jährige Geschichte des IFA-Industrieparks Nordhausen Lok- und Traktorenära

www.ifa-museum-nordhausen.de/allgemeines/index.php?ID=131 (28. 01. 2016).

GP Papenburg Maschinenbau GmbH-GP Papenburg AG

www.gp.ag/hbm-nobas/Unternehmen (11. 01. 2017).

 



SammlungsStück Dezember 2016

O&K-MBA Bauernschlepper SB 751

Der MBA SB 751 in der ständigen Ausstellung des Börde-Museums © Foto: U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Technische Daten MBA SB 751

Motor:                               Einzylinder, liegend, Viertakt, Diesel                

Hubraum:                          1786 cm³  

Leistung:                            15 PS

Kühlung:                            wassergekühlt

Eigengewicht:                      1340 kg

zul. Gesamtgewicht:              1830 kg

zul. Achsdruck:                     630–1260 kg

Baujahr:                            1940



Signets der Firma MBA © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


1905 gründeten August König und Albert Gerlach die Firma König & Gerlach in Nordhausen. 1907 wurde das Unternehmen in Montana Maschinenfabrik umbenannt. Die Firma produzierte Maschinen für den Bergbaubedarf und die Kaliindustrie wie Bohrmaschinen, Bohrhämmer und Kompressoren, Gruben- und Feldbahnen sowie stationäre Gas- und Rohölmotoren mit einer Leistung bis zu 100 PS und einem Gewicht bis zu 11 t. 1912 wurde die Montana Maschinenfabrik auf der Weltausstellung in Brüssel für ihre Benzollok mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Zur Verbesserung der Vertriebsstruktur verband sich die Montana mit Orenstein & Koppel, einem Unternehmen mit ähnlichem Profil. Nach einer weiteren Umfirmierung entstand 1916 die »Orenstein & Koppel AG Nordhausen«.



Benno Orenstein und Arthur Koppel gründeten 1876 ihren Betrieb in Berlin. Sie verfolgten den Gedanken den Transport in Bergbaubetrieben effektiver und preiswerter zu gestalten und durch den Einsatz von Feldbahnen die Förderleistung zu erhöhen. Bereits 1890 fertigte das Unternehmen O&K Dampfloks, Reisezugwagen, Güterwagen und lieferte Bahnanlagen an verschiedene Länder. 1908 kam der erste Löffelbagger und 1922 der erste dampfgetriebene Löffelbagger mit Kettenlaufwerk in das Produktionsprogramm.


Die Riemenscheibe zum Betreiben stationärer Technik an der rechten Fahrzeugseite © Foto: U. Schmidt


Der Bau von Dieselloks führte zu einer eigenen Motorenproduktion bei O&K. Diese Motoren hatten einen guten Ruf. Auch bei geringer Temperatur sprangen sie sehr gut an. Man setzte hier bei der Dieseleinspritzung auf das Wirbelkammerverfahren. Die Produkte von O&K wurden weltbekannt. Allein aus der Nordhäuser Produktion erfolgte vor dem Zweiten Weltkrieg ein Export von Dieselloks nach Java, Marokko, Argentinien und in die Sowjetunion.

Die Machtergreifung Hitlers hatte die Diskriminierung und Verfolgung der Juden zur Folge. Eine besondere Maßnahme war die Arisierung, die viele Juden traf, so auch Orenstein und Koppel. Beide Familien waren jüdischer Abstammung. So wurde auch ihr Betrieb zwangsenteignet und unter »deutsche Leitung« gestellt, wie es offiziell zu dieser Zeit hieß. Da das Unternehmen viele Auslandskunden besaß, die man nicht verunsichern wollte und um das Absinken der Exportzahlen zu verhindern, blieb der Firmenname erst einmal bestehen.


Auf Grund der guten Erfahrungen im Dieselmotorenbau, ging O&K daran einen kleinen Bauernschlepper zu entwerfen. Zwei Typen sind entstanden, der SA 751 und der SB 751. Während der SA 751 mit einem 30 PS leistenden Zweizylinder-Motor ausgestattet wurde, halbierte man den Zweizylindermotor beim SB 751 auf einen 15 PS Einzylinder-Motor. Die Leistung des kleinen Einzylinder-Motors konnte noch einmal auf 17 PS gesteigert werden.

Beide Traktoren vertrugen auch das billigste Rohöl als Kraftstoff. Dies ließ sie durch die kriegsbedingte Treibstoffknappheit interessant werden. Mit diesen Eigenschaften wurden sie bei mittleren Höfen in dieser Region zu beliebten Traktoren. Der SB 751 zeichnete sich durch eine hohe Bodenfreiheit bei einem tiefen Schwerpunkt aus, wodurch er auch in schwierigerem Gelände sicher zu steuern war. Zu seiner Ausstattung gehörten eine Zapfwelle, eine Riemenscheibe zum Betreiben stationärer Technik sowie eine Zugvorrichtung, um Transportaufgaben übernehmen zu können. Um die Leistungen des kleinen Traktors zu verdeutlichen, versprach O&K in einer Werbeanzeige, dass dieser Schlepper dem Bauern zwei bis drei schwere Pferde einsparte.

Der Arbeitsplatz des Traktoristen war nur auf das Notwendigste beschränkt. Lediglich eine Öldruckanzeige verriet dem Fahrer, ob die Schmierung funktionierte. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Ab Februar 1940 wurde O&K offiziell umbenannt in Maschinenbau und Bahnbedarf Aktiengesellschaft, vormals Orenstein & Koppel (MBA). Der Zusatz »vormals Orenstein & Koppel« wurde eine Zeit lang mitgeführt, um die ausländischen Kunden nicht zu verunsichern. Mit dem neuen Namen erhielten auch die Traktoren ein neues Design. Aus dem kantigen O&K-Schleppern wurde der neue MBA mit einer moderneren abgerundeten Form produziert. Die robuste und zuverlässige Technik unter der neuen »Haube« blieb unangetastet.

    

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges musste die Traktorenproduktion bei MBA in Nordhausen eingestellt werden. Mit der Proklamation des »totalen Krieges« durch Göbbels wurde die Wirtschaft auf die Kriegsproduktion umgestellt. Für MBA bedeutete dies die Einstellung der Traktoren- und Diesellokproduktion in Nordhausen. Stattdessen wurde ein Teil der Maybach-Motorenwerke von Ludwigshafen am Bodensee nach Nordhausen zu MBA verlegt. Fortan produzierte man hier Zwölf- Zylinder-Benzinmotoren mit einer Leistung von 220–300 PS für die Panzerfertigung. Da die Panzerproduktion unter anderem in der Friedrich Krupp AG Grusonwerk Magdeburg lief, verringerte sich so der Transportweg der Motoren erheblich.

Bis dahin wurden 1401 SA 751 und nur 405 SB 751-Traktoren ausgeliefert. Schon die Produktionszahl zeigt, dass ein MBA SB 751 heute nur schwer zu finden sein dürfte. Er gehört somit zu den besonderen Stücken dieser Sammlung.

Das Typenschild des MBA SB 751 © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



In den 1980er-Jahren stellten die Mitarbeiter des Volkseigenen Gutes (VEG) »Thomas Müntzer« eine landtechnische Sammlung zusammen, die in den Wirtschaftsgebäuden des Klostergutes zu einer interessanten Ausstellung zusammengebracht wurde. Zwischen vielen landwirtschaftlichen Geräten gelang es hier, eine sehr interessante Traktorensammlung anzulegen, in der sich auch dieser seltene MBA SB 751 befand. Mit der Abwicklung und Reprivatisierung des VEG sah die unter Denkmalschutz stehende Sammlung einer ungewissen Zukunft entgegen. Da die Gebäude, in der die Sammlung untergebracht war einer neuen Nutzung zugeführt werden sollten, musste die Sammlung ausgelagert werden. Die Landesregierung suchte nach einer neuen Unterbringungsmöglichkeit und fand sie im Börde-Museum Burg Ummendorf. So kam die komplette Memlebener Sammlung Anfang 2000 in die Börde. Eine ansprechende Ausstellung im Freigelände ermöglichte die Ende der 1990er-Jahre mittels Fördermittel und Spenden errichtete offene Ausstellungshalle.


Die in der Landtechnik-Ausstellung des Börde-Museums gezeigten Exponate stammen aus insgesamt drei Sammlungen: aus der Memlebener, der des 2003 geschlossenen Kreismuseums Oschersleben und aus dem Teilbestand des Börde-Museums Burg Ummendorf. Obwohl aus platztechnischen Gründen nur ein kleiner Teil der Sammlungen gezeigt werden kann, zeichnen die ausgestellten Stücke die Entwicklungsgeschichte der Landtechnik gut nach.


Bild links und Bild Mitte: Blick in den Motorraum von rechts und links. Der Kühler ist quer zur Fahrtrichtung eingebaut. Ein zweiflügeliges Lüfterrad sorgt für Kühlluft. Bild rechts: Ansicht auf den Zylinderkopf mit Ein- und Auslassventil und dem Düsenstock. Der Kopf des Motors befindet sich vorn mittig über dem Vorderachsträger. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Die Geschichte des hier gezeigten MBA bleibt ungeklärt, lediglich der Grund seines Endes ist erklärbar. Bei der näheren Untersuchung des Traktors musste festgestellt werden, dass der Wasserkasten nach unten beschädigt ist. Das lässt die Vermutung zu, dass der Traktor abgestellt wurde, ohne das Kühlwasser abzulassen oder Frostschutzmittel aufzufüllen. Frosteinwirkung führte zum Aufreißen des Kühlwasserbehälters. Damit stand er für den Einsatz in der Landwirtschaft nicht mehr zur Verfügung. Im Regelfall kam solch ein Fahrzeug dann zur Verschrottung. Glücklicherweise wurde dieser MBA in die Memlebener Sammlung überführt und ist somit als Schleppertechnik mit Seltenheitswert und einer interessanten Geschichte erhalten geblieben.

 


Literatur:

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon, 2004).

Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2005).

U. Paulitz, Bildatlas der DDR Traktoren und Landmaschinen (München 2010).

W. Steinmetz – A. Heber – W. Geiger, Die 100-jährige Geschichte des IFA-Industrieparks Nordhausen Lok- und Traktorenära.

http://www.ifa-museum-nordhausen.de/allgemeines/index.php?ID=131 (29.11.2016)

http://www.oundka.com/de/unternehmen/historie.html (20.10.2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Orenstein_%26_Koppel (20.10.2016)


 



SammlungsStück November 2016

NORMAG NG 10


Technische Daten NG 10:

Motor:                      Deutz F 2 M 414

Der Normag auf dem Ummendorfer Burghof im Jahr 2002 © U. Schmidt

Zylinder:                     2

Takt:                          4

Art:                           Diesel

Kühlung:                    wasserumlaufgekühlt

Hubraum:                   2198 cm³

Bohrung:                    100 mm

Hub:                          140 mm

Leergewicht:                1600 kg

zul. Gesamtgewicht:       1850 kg

L/B/H in mm:               2650/1500/1530

Höchstgeschwindigkeit:    15 km/h

Bauzeit:                         1940 – 1942

In der Sammlung des Börde-Museums Burg Ummendorf nehmen Traktoren mit regionalen Herstellern einen besonderen Platz ein. Die Produkte von vier Schlepperwerken kommen somit als näher gelegene Traktoren-hersteller in Betracht, so die Traktoren des Traktorenwerkes Schönebeck, des Schlepperwerkes Nordhausen, von MBA/O & K (Maschinenbau und Bahnbedarf AG, vormals Orenstein & Koppel) und von NORMAG. Wenn auch nicht ausgestellt, so ist von all diesen genannten Herstellern auch jeweils mindestens ein Exemplar im Bestand.

Der NORMAG NG 10 wurde um 1940 vom Familienunternehmen Zänker neu angeschafft. Das Unternehmen, das heute noch existiert, war zu jener Zeit Mühlen- und Landwirtschafts-betrieb. Der Traktor wurde für Feld- und Transportarbeiten eingesetzt.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) vorangetrieben wurde, ergaben sich damit Schwierigkeiten im Maschinen-bedarf. Für die Großfelderwirtschaft fehlten oft Traktoren. Auch wendige Kleinschlepper für Gärtnereien und Stallanlagen waren nicht in ausreichendem Maße vorhanden. So kam es, dass bei Privatunternehmen, die Technik besaßen, diese beschlagnahmt und auf die Genossenschaften verteilt wurden. Auch die Familie Zänker musste ihren NORMAG abgeben. Sein neuer Arbeitsort war eine Gärtnerei bei Möser. Da der Schlepper sich für die dort anstehenden Arbeiten nicht voll einsetzen ließ, gelang es der Familie Zänker, ihr Eigentum zurückzukaufen.

Bis etwa 1990 stand der Traktor im Dienst der Mühle Zänker. In den 1990er-Jahren verkauften Zänkers ihren Traktor für eine geringe Summe an einen Oldtimerfreund nach Magdeburg. Der wiederum wollte ihn gegen ein Motorrad tauschen. Das Tauschgeschäft kam jedoch nie zu Stande, sodass er einen Traktor besaß, den er eigentlich gar nicht mehr brauchte. Somit begab er sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause, das er im Ummendorfer Museum fand. Für die gleiche Kaufsumme, die der Oldtimerfreund beim Erwerb gezahlt hatte, verkaufte er den Traktor an das Museum. Obwohl der Betrag sehr gering war, musste das Museum erst auf Sponsorensuche gehen. Der Museumsförderverein reagierte schnell und konnte die Kaufsumme zur Verfügung stellen.

 

 

 

 

 

Bild 1: Der Traktor demontiert und grundiert, Bild 2: Der NORMAG nach der Lackierung während der Montage © U. Schmidt



Nach einem sichtlich bewegten und arbeitsreichen Traktoren-„Leben“ befindet sich der Schlepper momentan noch in der Museumswerkstatt zur Überholung. Während der Arbeiten am NORMAG zeigte sich, dass Motor und Getriebe während seiner langen Einsatzzeit einige Beschä-digungen davongetragen hatten. Inwieweit der Traktor wieder einsatzfähig wird, muss sich noch zeigen.

 

 

 


Detailaufnahmen des Motors von der linken und der rechten Seite © U. Schmidt










DIE NORMAG-GESCHICHTE

 
NORMAG-Schriftzug auf dem Kühler © U. Schmidt

1934 wurde die Nordhäuser Maschinenfabrik AG gegründet, die aus der Maschinenfabrik Schmidt, Kranz und Co hervorging. 1937 wurde der Markenname NORMAG als Traktorenhersteller eingetragen. Bereits 1931 hatte das Unter-nehmen einen Einachsschlepper produziert. Unter der Leitung von Erwin Peuckert entstand 1937 der NORMAG NG 22. Er wurde als Universal-Bauernschlepper konzipiert, der beachtliche Leistungen aufwies. Dieser Schlepper war mit einem 22 PS Motor von MWM ausgestattet. Der Zweizylinder-Vorkammerdieselmotor hatte eine Leistung von 22 PS und war wasserumlaufgekühlt. Sein Getriebe lieferte der bekannte Getriebehersteller ZF Friedrichshafen. Bei NORMAG wurde es dann noch mit eigenen Teilen ergänzt. Es besaß vier Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Der NG 22 eignete sich für Feld- und Transportaufgaben im Straßenverkehr. Der kleine Traktor war ausgelegt für eine Anhängelast von beachtlichen 15 Tonnen, denn seine Zugkraft lag bei 1100 kg. Mit dieser Kraft konnte der NG 22 bei 10 Arbeitsstunden 8 Morgen (2 Hektar) tiefpflügen, 12 Morgen (3 Hektar) saatpflügen, 25 Morgen (6,25 Hektar) schälen – flache Bodenbearbeitung – oder 50 Morgen (12,5 Hektar) eggen.


Ausgestattet war der Schlepper mit einer Zapfwelle, einer Riementriebscheibe und einer elektrischen Lichtanlage. Als weitere Besonderheiten besaß er eine gefederte Vorderachse, eine Sitzbank für zwei Personen und hintere Kotflügel. Zusätzlich konnten auf Wunsch eine elektrische Startanlage, ein Wetterdach oder ein geschlossenes Fahrerhaus für die Version als Straßenzugmaschine sowie ein Mähbalken bestellt werden.

Diese Leistungsparameter und der geringe Anschaffungspreis, er kostete nur 4 500 Reichsmark, sowie seine solide Bauart ließen ihn schnell zu einem der beliebtesten Traktoren seiner Zeit werden. Schon 1939 verließ der 1000. NORMAG NG 22 das Werk. Bis zum Baustopp 1942 wurden 4972 Schlepper produziert, davon nur 412 NORMAG NG 10.  Als einen reinen Ackerschlepper leitete man vom NG 22 den NG 10 ab. Obwohl er ähnliche Leistungsparameter wie der NG 22 aufwies, ist der NG 10 die zweite Schlepperkonstruktion bei NORMAG. Wahrscheinlich entstand er zur besseren Anpassung an den Schell-Plan (Typenbegrenzung in der Kraftfahrzeugindustrie). Angetrieben wurde der NG 10 mit dem Zweizylinder-Deutz-Diesel F 2 M 414 Motor. Äußerlich ist dies nur daran zu erkennen, dass die Aggregate wie Lichtmaschine, Auspuff, Luftfilter, Glühkerzen und Einspritzanlage seitenverkehrt zum MWM des NG 22 liegen. Der vierte Gang war beim NG 10 gesperrt. Aus Mangel an Reifen gab es ihn auch mit Ganzmetallrädern.

Seine Produktion begann 1940 und endete ebenfalls durch den verordneten Baustopp 1942. Ursache dafür war der Treibstoffmangel. Die Produktion musste auf Fahrzeuge mit Holzgasgeneratoren umgestellt werden, was bei NORMAG mit dem NG 25 vollzogen wurde.

 


Literatur:

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon, 2004).

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2005).

P. Kautz, Normag NG10 und NG22 https://fahrzeugseiten.de/Traktoren/Normag/NG22/ng22.html (18. 10. 2016).

U. Paulitz, Bildatlas der DDR Traktoren und Landmaschinen (München 2010).




SammlungsStück Oktober 2016

Tafelaufsatz „Vier Jahreszeiten“

Tafelaufsatz aus Meissener Porzellan, Szenerie Sommer und Herbst © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Ein Tafelaufsatz aus Meissener Porzellan befindet sich im Sammlungsbestand des Museums.                              Der zweiteilige, miteinander verbundene repräsentative Tischschmuck trägt die Inventarnummer V:02/04/02/5414 a-b. Mit einer Gesamthöhe von 44 cm und seiner augenfälligen Gestaltung sowie auf Grund seiner namhaften Produktionsstätte nimmt er im Bereich des hiesigen Porzellaninventars einen besonderen Platz ein.

Der obere Teil des Tafelaufsatzes besteht aus einer ovalen Schale in den Abmessungen 28,5 x 39,5 x 7,5 cm.          Das durchbrochene Dekor, die auf den Stirnseiten befindlichen rankenumwundenen Henkel, sog. Asthenkel,         und nicht zuletzt die aufgesetzten, farbig gefasste Einzelblüten aus Porzellan erhöhen die filigrane Optik.

Gold staffiert sind sowohl die Oberkante als auch die geschwungenen Zierelemente auf Schale, Schalenauflage und Sockel. Aufgemalte florale Motive, hier als Blumenbukett gestaltet, die medaillonartig den säulenförmigen Schafft schmücken und die ausgeformten erhabenen Blüten in den Farben Gelb, Orange, Rot und Violett geben dem Tafelaufsatz ein elegantes Aussehen. Dekorativ  sind die vier Jahreszeiten gestaltet. Die Jahreszeiten-Amoretten mit entsprechenden Attributen wie Blüten, Ranken, Getreideähren, Trauben und Wein, bis hin zum einhüllenden Tuch und dem wärmenden Feuer, den Winter symbolisierend, stellen den Jahreskreis dar. Sie sind auf dem mit Voluten verzierten Sockel rund um den säulenartigen Schaft angeordnet.

 

Detail des Tafelaufsatzes © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Ausschnitt der Unterseite des Tafelaufsatzes, Schwertermarke mit Knauf © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Auf der Unterseite des Tafelaufsatzes befindet sich die Firmen-Marke mit den zwei gekreuzten Schwertern für Meissen. Die gekreuzten Schwerter als Manufaktur-Marke wurden bei diesem Tafelaufsatz – wie bei allen in den Meissener Werkstätten erzeugten Produkten – seit Anbeginn bis zum heutigen Tag handgemalt (Blaumalerei als Unterglasurfarbe) auf die Erzeugnisse gebracht und sind die älteste registrierte Marke Deutschlands., die mit dem Inkrafttreten des „Reichsgesetzes über den Markenschutz“ im Jahr 1875 mit seinen verschiedenen Varianten beim damaligen Königlich-Sächsischen Amtsgericht Meißen eingetragen wurde. Der Markenschutz erfolgte anschließend in Österreich, England, Frankreich, den USA, Belgien und Holland. Auf Grund der feinteiligen Veränderungen bei der Ausführung der Schwerter wird eine mehr oder minder genaue  zeitliche Zuordnung möglich.

Entsprechend der „Schwertermarke mit Knauf“ ist eine Datierung dieses Tafelaufsatzes zwischen 1815 und 1923 möglich, wobei die Zeitspanne zwischen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem Jahr 1923 am wahrscheinlichsten gilt. Erkennbar ist auf der Unterseite ebenfalls die Ritznummer 605.



Laut Künstlerverzeichnis stammt dieser Tafelaufsatz von Ernst August Leuteritz (1818-1893). Er studierte an der Akademie in Dresden, war Bildhauer und übte von 1849 bis 1886 in der Meissener Porzellan-Manufaktur das Amt des Gestaltungsvorstehers aus, erlangte 1882 den Professorentitel. Er bearbeitete Gefäßformen und Figuren des 18. Jahrhunderts, entwarf selbst Vasen, Tafelaufsätze und Leuchter im Stile von Rokoko und Klassizismus. Sein Lebenskreis schloss sich an seinem Hauptwirkungsort, wo er 75 Jahre zuvor begonnen hatte – in der Porzellan-Stadt Meißen. Der Markenname der Manufaktur wird in der Anpassung an die internationale Schreibweise mit doppeltem „s“ geführt. 

In leicht abgewandelter Form- und Farbgebung sowie variierender Sockelgestaltung ist dieser Tafelaufsatz mit den Allegorien der Jahreszeiten heute noch aufzufinden (siehe  Auktionshäuser). In identischer Motivik ist sogar ein Zwiebelmusterdesign vertreten.

Tafelaufsätze kamen im 1700 Jahrhundert als französische Erfindung in Mode. Sie waren Teil des zu Repräsentationszwecken angeschafften Prunkgeschirrs, das vorrangig dekorative Funktion hatte und im herrschaftlichen Rahmen feiner Gesellschaften zum Einsatz kam. Als bevorzugte exotische Materialien galten zum Beispiel Elfenbein und Gehäuse von Kopffüßern. Der figürlichen Ausgestaltung waren dabei keine Grenzen gesetzt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Bronze und Porzellan zu den auf der Festtafel herausragenden Aufsätzen verarbeitet.


Bild 1: Allegorie des Winters mit Tuch und Flamme, Bild 2: Allegorien von Herbst und Sommer mit Weinglas bzw. Getreideähren © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Die Jahreszeiten-Amoretten von Leuteritz finden sich nicht zuletzt auf dekorativen Meissen-Girandolen aus der Zeit um 1860. Beispielsweise hat ein 59 cm hohes Leuchterpaar einen u.a. mit Blütenranken verzierten Schaft sowie jeweils zwei Amoretten zur Zier (Frühling und Sommer bzw. Herbst und Winter). Ferner gibt es einen abnehmbaren Kranz mit drei geschwungenen Leuchterarmen und bekrönender Tülle. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine prunkvolle Kaminuhr „Die vier Jahreszeiten“, aus Meissener Porzellan (Höhe: 47,5 cm), als deren Künstler sich erneut Ernst August Leuteritz ausweist. Es handelt sich um ein geschweiftes Uhrengehäuse auf drei Volutenbeinen, verziert mit plastischen Blumen und Blättern. Winter, Sommer und Frühling treten in den bekannten gestalteten Personifizierungen des Tafelaufsatzes im Ummendorfer Museum auf: Der Winter ist als Figur mit dem weinroten Tuch umhüllt, die Hände über der dargestellten Flamme wärmend.

Der Sommer erscheint mit einem um die Hüften geschlungenen Tuch gekleidet und einem Bund Getreideähren im Arm. Der Frühling zeigt sich mit Blüten geschmückt. Bekrönt wird die Uhr mit einer Amorette/Putte, die ein Weinglas in der Hand hält, das Haar bekränzt und so den Herbst darstellend. (Die Uhr ist ferner von einer Schlange umrahmt und mit einem relieffierten Zifferblatt aus Goldbronze versehen. Eingelegte Emailtäfelchen bilden die römischen Ziffern ab. Zahlreiche Einzelblüten aus dem Jahreskreis verstärken die Dreidimensionalität.) 

Rund 700 000 Gipsformen aus drei Jahrhunderten sind im Formenarchiv der Manufaktur Meissen verwahrt, die die Möglichkeit von Restauration bis Neuanfertigung historischer Stücke geben.

Kaolin als Ausgangsstoff bei der Herstellung des Hartporzellans wird im manufaktureigenen kleinsten Bergwerk Deutschlands abgebaut (Kaolin-Bergwerk Seilitz, 12 km entfernt) und ist ein vor 100 Millionen Jahren durch Zersetzung von Dobritzer Quarzporphyr entstandenes Verwitterungsprodukt. Das daraus gefertigte Meissener Porzellan ist das erste Hartporzellan, welches in Europa produziert wurde.

Die Geschichte der heutigen Manufaktur MEISSEN ® begann offiziell – dank der „Erfindung des Porzellans“ – am 23. Januar 1710 in den Mauern der sächsischen Albrechtsburg Meißen mit der Patentverkündung durch August den Starken. Exponiert und abgeschieden über der Stadt gelegen, war die Burg für 154 Jahre, bis 1864, Experimentier- und  Produktionsstätte für edles Porzellan. Denkwürdig, dass erst zwei Jahre zuvor dem Forscherkreis um Johann Friedrich Böttger, Ehrenfried Walther von Tschirrhaus und Gottfried Pabst von Chain die Herstellung des „Weißen Goldes“ im Alchemistenlabor auf der Jungfernbastei in Dresden gelungen war.

 

Literatur:

J. Helfricht, Kleines ABC des Meissener Porzellans, 3. aktualisierte Auflage (Husum 2015), 8 ff., 45 f., 49 ff., 76 ff., 134 ff.

N. Panteleon (Hrsg.), Georg Kolbe in der Börde – Skulpturen für Peseckendorf (Ummendorf 2015), 67 ff., 77 f.

https://lot-tissimo.com/de/i/10437675/paar-dokorativer-meissen-gir... (29.09.2016).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tafelaufsatz (/14.09.2016).

http://www.auktions-bergmann.de/ufltemInfo.aspx?a_id=106&i_id... (29.09.2016).

https://www.auktionshaus-stahl.de/kuenstlertest.php?alpha=L&kuenst... (30.09.2016).

http://www.zeller.de/fileadmin/zeller/katalog_90/1538.JPG (14.09.2016).




SammlungsStück September 2016

Hersteller-Stempel


Hersteller-Stempel Töpferei Rodenberg Sommersdorf. ; Inv.-Nr.:2010-691 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde



Der Hersteller-Stempel diente in seiner Funktion der Kennzeichnung der Töpferwaren in der Töpferei Rodenberg. Der Stempel weist in der Länge 65 mm, in der Breite 25 mm und in der Dicke 30 mm auf. Das Rundteil ist glasiert und trägt die Initialen ›W R S‹, was für Willy Rodenberg Sommersdorf steht. Das Griffstück ist hingegen nicht glasiert. Diese Signation der ansässigen Töpfer fand nur in Ausnahmefällen statt, da ihre Herstellung auf Serienproduktion ausgerichtet war. Erst in der Zwischenkriegszeit (1920iger-/1930iger-Jahre) fingen die Töpfereien an, ihre Erzeugnisse mittels Prägestempel vermehrt zu kennzeichnen. Daher ist eine Werkstattzuordnung der Stücke oftmals schwierig, gestalteten in Sommersdorf die Töpfer das Dekor in Bunzlauer Manier.



Mitte des 18. Jahrhunderts war die große Zeit der preußischen Binnenkolonisation. Das Vorhaben bestand darin, dass man Importe stoppen und den Export fördern könne. Demzufolge sollten sich Handwerk und Gewerbe an den Grenzorten-/regionen ansiedeln. In diesen Grenzregionen war die Wahrscheinlichkeit höher, dass die einheimische Bevölkerung Waren importierte. Dieser Import von ausländischen Gütern sollte somit verringert und gleichzeitig durch die neu geschaffenen Produktionsstätten der Export angekurbelt werden. Die Ansiedlung der Kolonisten (ein früherer Gebrauch für Ausländer) erfolgte bereits im Rahmen der ›Peuplierungspolitik‹ (Planmäßige Besiedlung eines Gebietes) Friedrich II. (1712-1786).

Die Töpferei Rodenberg ist ein Ergebnis dieser Maßnahme und wurde in Sommersdorf ansässig. Das Dorf liegt im heutigen Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt. Aufgrund der damals großen Verbreitung des Töpferhandwerkes in der Gemeinde ziert ein halber Krug die linke Seite des Ortswappens. Sommersdorf besaß im Jahr 1800 zwei Töpfereien. Den Höchststand erreichte das Dorf im Jahr 1850 mit vier Töpferwerkstätten. Danach ging die Anzahl zurück. 1900 konnte man noch drei Töpfereien vorweisen und 1935 nur noch eine. Bei den Töpfern war es die Konkurrenz der Tonwaren- und Porzellanfabriken sowie die Verwendung von anderen Materialien zur Herstellung der Produkte, welche zum Rückgang der Töpferwerkstätten führten. Mit der Stilllegung der Töpferei Rodenberg im Jahr 1969 stellte die letzte Töpferei Sommersdorfs den Betrieb ein.

 

Wohnhaus Töpferei Rodenberg mit Familie sowie Gesellen / Entnommen: Wiswe (1987), S.8.



Der von 1904 bis 1975 lebende Willy Rodenberg war der letzte Inhaber der Sommersdorfer Töpferei Rodenberg. Er studierte Ende der 1920er-Jahre vier Semester an der Keramischen Fachschule in Bunzlau (im heutigen Polen; Niederschlesien) und legte im Jahr 1939 die Meisterprüfung ab. Zu Beginn der 1930er-Jahre übernahm er zusammen mit seinem Bruder Erich den väterlichen Betrieb. Später führte er ihn alleine weiter. Bis in das Jahr 1969 wurde in der Töpferei Bunt- und Braungeschirr in Bunzlauer Gestaltungsweise gefertigt. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Grundstück an den Bouteillenfabrikanten Tobias Heinrich Gabriel Rodenberg.

 


Was ein Töpfer am notwendigsten braucht, das ist ein guter Ton. Dieses Grundmaterial des Töpfers ist ein Mineralgemenge, ein feinkörniges Sedimentgestein, welches durch mechanische und chemische Verwitterung feldspathaltiger Gesteine entstanden ist und an dem wasserhaltige Aluminiumsilikate den größten Anteil besitzen. In unterschiedlichen Mengen sind andere anorganische Stoffe, wie Quarz, Glimmer oder Kalk sowie Eisenoxyde, welche beim Brennen unter Sauerstoffzufuhr die bräunlichen Farbtöne bewirken, beigemengt. Neben diesen Bestandteilen lassen sich in den Rohtonen auch organische Bestandteile, insbesondere Pflanzenreste finden. Das Material zum Töpfern sollte die Eigenschaften einer guten Bildbarkeit im frischen Zustand sowie gute Formbeständigkeit durch Trocknen und Feuereinwirkung, ohne dabei Risse und Zusammenschrumpfen, vorweisen. Die daraus produzierten Waren sollten wasserundurchlässig sein, eine glatte Oberfläche besitzen, was eine leichtere Reinigung ermöglicht, und zugleich einen befriedigenden ästhetischen Anblick bieten. Die Lagerung des Rohstoffvorrates, welcher für mindestens ein halbes Jahr angelegt war, erfolgte im Freien neben der Werkstatt. Die Atmosphäre zersetzte hier den Ton und dieser wurde somit für die Verarbeitung geeigneter. Die Anlieferung erfolgte meist in der nicht landwirtschaftlichen Zeit und sorgte für ein Durchfrieren des Materials. Im Frühjahr und Sommer wurde der Ton in verschiedenen Arbeitsschritten verarbeitet. Er wurde u.a. gewässert und von Verunreinigungen befreit. 

Bevor der Ton zur endgültigen Produktion der verschiedenen Waren, wie Flaschen, Näpfe, Töpfe, Kaffeekannen, Essenträger, Gärkrüge, Kuchen-/Puddingformen, Pfannen, Schüsseln oder Satten, verwendet werden konnte, wurde er in den verwendeten kleinen Mengen noch einmal gewässert, durch Schlagen mit dem Holzhammer (Tonschlägel genannt) sowie durch Walken noch einmal vorbehandelt. Erst danach formte man auf der Drehscheibe das gewünschte Gefäß. In Sommersdorf verwendete man zum Töpfern eine Spindelscheibe, auch Fußscheibe genannt. Der Vorteil einer manuellen angetriebenen Scheibe gegenüber einer elektrisch betriebenen Scheibe war, dass man die Geschwindigkeit individuell, was in manchen Arbeitsschritten beim Formen notwendig war, beeinflussen konnte. Dies wurde erst mit der Erfindung und Einführung der Kupplung, welche eine Einstellung der Scheibe in verschiedene Geschwindigkeiten via Pedal ermöglichte, umsetzbar. Bei der Spindelscheibe erfolgt der Antrieb mit den Füßen über die unten liegende Scheibe. Für die Kraftübertragung auf die oben liegende Scheibe dient die Spindel, eine Metallachse. Zur Bearbeitung des Tons nutzte man überwiegend die Hände, jedoch kamen die verschiedensten Hilfsmittel wie Holzplatten oder Formschienen zum Einsatz. Nach Fertigstellung des gewünschten Produktes wird dieses mit einem Draht der an zwei kurzen hölzernen Handgriffen befestigt ist von der Scheibe abgetrennt. Nach einer mehrtägigen Trocknung werden bei Bedarf frei Hand Henkel oder Ausgussröhren ergänzt. Die angesprochene Trocknung macht die Gefäße ›wasserhart‹, ›windtrocken‹ oder ›lederhart‹. Erst bei diesem Härtegrad können die Produkte, eventuell vorher mit einem farbigen Dekor und Glasur versehen, gebrannt werden. Der Brennvorgang erfolgte bei über 1250 Grad. Je nach verwendetem Ton erhielt man eine gleichmäßige oder ungleichmäßige, auch teilweise fleckige, Färbung.

Zunächst verwendete man in den Töpfereien eine Salzglasur, welche nur bei hohen Temperaturen einsetzbar ist. Hierzu gibt man bei einem bestimmten Stadium des Brandes Kochsalz in den Brennofen dazu. Das Salz schmilzt bei diesen hohen Temperaturen sofort und legt sich als Anflug auf der Ware ab, was den glasartigen, durchsichtigen Überzug ergibt. Später verwendete man eine deckende Lehmglasur, wie sie für die Bunzlauer Töpfereierzeugnisse (Braungeschirr/Braunzeug) charakteristisch ist.

Aufgrund der steigenden Verwendung und Beliebtheit von Porzellan, Glas und Emaille mussten sich die Töpfer anpassen. Sie strebten eine Produktion von preiswertem, hellem, farbig dekoriertem Tongeschirr an, welches u.a. Porzellan besonders ähnlich sah. Vorreiter für dieses Buntgeschirr war wieder Bunzlau. Man erweiterte das Sortiment vom reinen Braungeschirr mit der Herstellung von Buntgeschirr nach Bunzlauer Art.

 

 

Schüsseln der Töpferei Rodenberg mit geschwämmeltem Dekor / Entnommen: Wiswe (1987), S. 15.


Eine weitere Nachahmung der Bunzlauer Art erfolgte in der Verzierung der Gefäße. Hier bezog man vom selben Hersteller die Stempel zum Schwämmeln. Beim Schwämmeln bringt man das Schwammdekor durch Aufdrücken der Farbe mit Hilfe eines entsprechend zugeschnittenen feinporigen Schwammes auf. Aufgrund der hohen Kosten für die Naturschwämme wich man auch auf ausrangierte Strickstrümpfe oder Hasenpfoten aus. Bei der Farbgestaltung bevorzugte man verschiedene Blautöne, aber auch ein erdiges Braun, seltener ein sanftes Grün und gelegentlich ein Weinrot. Eine Besonderheit der Töpferei Rodenberg ist die Verwendung eines eierschalenfarbenen Grundes. Das Gießen von Tongefäßen war in den Töpfereien von Sommersdorf nicht verbreitet.

 

Literatur:

A. Gastmann, Geschichte des Dorfes Sommersdorf bei Magdeburg (Halle/Saale 1937).

H. Heuschkel / K. Muche, ABC Keramik (Leipzig 1974).

B. Leach, Das Töpferbuch (Bonn 1971).

H. Müller / E. u. I. Lippert / R. Falkenberg, Bunzlauer Geschirr, Gebrauchsware zwischen Handwerk und Industrie (Berlin 1986)

M. Wiswe, Volkstümliche Keramik aus Sommersdorf und Sommerschenburg (Braunschweig 1981).

M. Wiswe, Volkstümliche Keramik aus Sommersdorf und Sommerschenburg, zwei Dörfern des Magdeburgischen Holzlandes (Braunschweig 1987).

http://www.sommersdorf.de





SammlungsStück August 2016

Indikator

Indikator (Inv.:BMBU A96:623a-k) © Th. Ruppel BMBU − Landkreis Börde

Das vorgestellte Sammlungsstück im August ist ein originaler Indikator (Signalwinker oder Flügel) – eine Dauerleihgabe der Familie Wahnschaffe. Er kam in der Station Nr. 16 der Preußischen Optischen Telegrafenlinie zwischen Berlin und Koblenz zum Einsatz. Sie bestand aus 62 Stationen über eine Strecke von ca. 588 km. Die Linie diente der Übermittlung von staatlichen Depeschen und militärischen Nachrichten mittels optischer Zeichensetzung. Auf dem Gebiet des heutigen Landkreis Börde waren ehemals vier Stationen eingerichtet wurden: Hohendodeleben (Nr. 15), Schloss Ampfurth (Nr. 16), Oschersleben (Nr. 17) und Neuwegersleben (Nr. 18). In den 1960er-Jahren wurde der Flügel in einem Wirtschaftsgebäude des Schlosses Ampfurth gefunden und im Museum Ummendorf verwahrt. Der achteckige Treppenturm des Renaissance-Gebäudes in Ampfurth diente dabei als Telegrafenstation. Unterhalb der Plattform des Burgturmes wurde das dazugehörige Stationszimmer eingerichtet.

Dieser Indikator war einer von sechs Flügeln, die paarweise auf beiden Seiten an einem sogenannten Mastbaum befestigt waren. Sie dienten in der optischen Telegrafie der Zeichenstellung. Das Wort ›Telegrafie‹ wurde von den beiden griechischen Wörtern tēle (fern) und gráphein (schreiben) abgeleitet.

Der Indikator weist eine Gesamtlänge von 205,5 cm auf. Die größte Breite beträgt 32 cm und im Bereich der Seilscheibe wird mit 8,5 cm der größte Wert in der Tiefe erreicht. Der Holzrahmen hat inklusive der Befestigung am Gussteil eine Länge von 162,5 cm. Die fehlenden Blechlamellen der Holzrahmung wurden restauratorisch ergänzt.

 

Indikatorrolle © Foto A. Schnitzer BMBU − Landkreis Börde


Der Flügel besteht aus einem gusseisernen Teil mit Seilführung und zentralem Bronze-Lager sowie einem angeschraubten Bandeisen mit einem eisernen Gegengewicht. An diesem Gussteil ist ein Holzrahmen aus Fichtenholz mit drei Vierkantkopfgewindeschrauben befestigt. Die gusseiserne Indikatorrolle saß auf einer durch den Mastbaum hindurchgehenden Achse, sodass auf jeder Seite ein Flügel befestigt werden konnte.

 



Gegengewicht © Foto A.Schnitzer BMBU − Landkreis Börde

Das am Ende angebrachte Gegengewicht diente einer leichteren Bewegung. An den oberen Signalwinkern befanden sich kleinere Gegengewichte an längeren Stangen und bei den tiefer angebrachten größere Gewichte an kürzeren Stangen. Diese Bauweise war nötig, damit die Gegengewichte nicht mit den Sturmstangen in Berührung kamen. Für einen minimalen Windwiderstand der Indikatoren wurden in den Holzrahmen Blechlamellen jalousieartig angeordnet eingenutet.

 

 

Erste Versuche einen optisch-mechanischen Telegrafen zu entwickeln fanden u.a. durch den französischen Geistlichen Claude Chappe de Vert 1791 statt. Nach einer Zeit der nicht zufriedenstellenden Versuche und Apparate, eröffnete die erste Telegrafenlinie in Frankreich von Paris nach Lille im Jahr 1794.

Die im Jahr 1830 gebildete ›Telegrafen-Kommission‹ prüfte mehrere Entwürfe zum Thema Telegrafenapparate. Sie gaben letztendlich dem Entwurf des Geheimen Postrat Pistor den Zuschlag. Dieser war zugleich Inhaber einer Werkstatt für optische, mechanische, astronomische und physikalische Instrumente/Geräte. Per Kabinettsorder vom 16.10.1831 wurde eine ›Immediats-Commission zur Errichtung von Telegraphenlinien‹ gebildet. Auch diese Kommission stimmte dem Vorschlag des Pistor zu. Dr. Carl Philipp Heinrich Pistor (1778 - 1847) wurde selbst mit der Ausführung und Aufstellung der Apparate sowie mit der Anfertigung der Fernrohre beauftragt. Der Telegrafenapparat von Pistor hatte den von Reserveleutnant der Marine Bernard L. Watson auf der Strecke von Wheatson nach Liverpool und Holyhead in England errichtete Apparat zum Vorbild, jedoch glich er diesem lediglich in der Anordnung der Flügelpaare. Die ganze Mechanik wurde von ihm verbessert, überarbeitet bzw. erneuert.

Mit einer allerhöchsten Kabinettsorder vom 21.07.1832 wurde der Bau der Telegrafenlinie zwischen Berlin und Koblenz angeordnet. Die oberste Bauleitung übertrug man dem Major im Großen Generalstab Franz August O'tzel (1784 - 1850). Dazu wurde er zum ›Königlichen Telegrafendirektor‹ berufen und war für Personalangelegenheiten, Beschaffungswesen und Organisation verantwortlich. Eine Festlegung der Standorte/-punkte erfolgte durch O'Etzel selbst. Am Ende wurden die Stationen in 56 Funktionsgebäuden, 1 Sternwarte, 3 Kirchen und 2 Schlössern untergebracht. Zwischen den jeweiligen Punkten lagen im Durchschnitt 1 1/2 Meilen also etwa 11,3 km. Der größte Abstand betrug 2 Meilen (ca. 15 km) und der geringste Abstand 1 Meile (7,53 km). Die Entfernung wurde aufgrund des Hintergrundes des Telegrafengerüstes getroffen. Ein fester Hintergrund bot keinen Kontrast und verminderte somit die Erkennbarkeit des gestellten Zeichens. Den geeignetesten Hintergrund lieferte ein freier Himmel.

Bereits im Juli 1833 nahm die Strecke Berlin - Magdeburg (Stationen 1 - 14) ihren Betrieb auf. Bis zum Oktober 1833 war auch die Strecke Magdeburg - Ehrenbreitstein (Stationen 14 - 60) fertig gestellt wurden. Im Jahr 1834 wurde die letzte Station der Strecke mit der Nummer 61 auf dem Schloss Koblenz eingerichtet. Aufgrund von häufigen Übertragungsfehlern wurde zwischen den Stationen 24 und 25 die 62. Station (24a) ergänzt. Der Betrieb der Gesamtlinie erfolgte bis 1849, als sie durch die neue elektromagnetische Telegrafie ersetzt wurde. Das letzte Teilstück von Köln nach Koblenz gab man im Jahr 1852 auf.

Der Mastbaum war der Hauptteil des Telegrafen. Ein runder aus Fichtenholz bestehender 20 Fuß (6,30 m) über der Telegrafenstation (dem Observationszimmer) hinausragender Mast. Dieser wurde an drei Stellen befestigt. Die erste Befestigung erfolgte im Boden der Station. Am Punkt, an dem der Mast aus dem Dach der Station herausragte, befand sich die zweite Befestigung. Die dritte Stelle war etwa auf zwei Drittel Höhe des äußeren Mastes zu finden. An diesem Punkt war ein Sturmstangenring mit vier Ösen angebracht, in den sich die Sturmstangen einhängen ließen, welche selbst am Dach befestigt wurden. Die in ihrer Länge verstellbaren Stoßstangen dienten der Stabilisierung zwischen den mittleren und oberen Indikatoren. Im Bereich der ersten und zweiten Befestigungsstelle konnte man durch Stellschrauben den Mast in eine senkrechte Lage versetzen. Die Steuerung wurde im Beobachtungszimmer integriert. Sie bestand analog zur Indikatorenanordnung aus sechs Stellvorrichtungen. Diese waren paarweise gegenüberliegend in drei Etagen übereinander direkt am Mastbaum angebracht, mit ihnen bewegte man die Indikatoren über die Steuerungsrollen. Die Synchronisation der Uhrzeit durchlief die Strecke bei optimalen Bedingungen innerhalb einer Minute. Diese Geschwindigkeit konnte dabei nur erreicht werden, weil es eine hohe Aufmerksamkeit, eine gut geplante Vorbereitung und hervorragende Sicht erforderte. Andere Signalzeichen durchliefen die Strecke in etwa 7 1/2 bis 14 Minuten.

Da sich der preußische Telegraf dem von Watson annäherte, lag es auch nahe, dass man dessen Signalsystem teilweise mit übernahm. Die Basis bildete dabei das ›dekadische Zahlensystem‹. Die Indikatoren/Flügel konnte man in vier Stellungen positionieren, wenn man die Ausgangstellung bei 0 Grad mit einbezieht, welche jedoch im preußischen System ausdrücklich keine Stellung einnahm. Weitere Winkel waren 45 Grad, 90 Grad und 135 Grad. Für die Zeichensetzung war die Ausgangsstellung nicht von Bedeutung, daher konnte man pro Flügelpaar sechs Stellungen vornehmen. Drei weitere Zeichen wurden durch die symetrische Anordnung der Indikatoren erreicht. Somit ergaben sich neun Zeichen und dementsprechend neun Zahlen.

Abbildung entnommen: Herbarth, Abb. 77, S. 59.

 

Zusammengefasst schaffte es das preußische System auf eine Anzahl von 4095 Zeichen.

  

1. Zeichen im dekadischen System

 

999

 

2. kombinierte Zeichen in je einer   Etage (6x3)

  

  18

 

3. kombinierte Zeichen in je zwei   Etagen (36x3)

  

  108

 

4. kombinierte Zechen in drei Etagen   (6x6x6)

  

  216

 

5. kombinierte Zeichen in zwei Etagen   und Zahlen (dekadisch) in der dritten (108x9)

  

  972

 

6. kombinierte Zeichen in einer Etage   und Zahlen (dekadisch) in den beiden anderen (6x3) x 99

  

1782

  

  Gesamtzeichen

  

  4095

  

Daten entnommen: Herbarth, S. 55.

 

Die Hauptfehlerquelle bei der preußischen Telegrafie war, dass die Depeschenübermittlung im Uhrzeigersinn nur auf der Strecke Berlin - Koblenz galt. Bei der umgekehrten Führung, also von Koblenz nach Berlin, stellte man die Zeichen/Zahlenfolge gegen den Uhrzeigersinn. Das Chiffrieren bzw. das Chiffrierrecht lag nur bei den Inspektoren und dem Direktor der Linie. Die Telegrafisten waren angewiesen ausschließlich Depeschen von ihrem Vorgesetzten, den Inspektoren, anzunehmen. Den einzigen Ausnahmefall bildete die Abwesenheit des Inspektors. In diesem Fall, dass eine Depesche von der Direktion an eine Person gerichtet eintraf, durfte der Telegrafist eine Antwort mittels des Telegrafistenwörterbuches stellvertretend zurückgeben. Bei Begegnung zweier Depeschen auf der Line hatte die aus Berlin kommende immer den Vorrang vor der nach Berlin abgesendeten. 

 

Literatur:

P. Fuchs, Über den Alltag und den Betriebsdienst auf der Optischen Telegrafenlinie Preußens in: Landratsamt des Landkreises Börde (Hrsg.), Börde, Bode und Lappwald. Heimatschrift 2002 (Oschersleben 2002) S. 15 – 23.

D. Herbarth, Die Entwicklung der optischen Telegrafie in Preussen (Köln 1978).

BMBU Archiv – Verkehr, Transport, Handel/Optische Telegraphie

www.optischertelegraph4.de [Stand: 12.07.2016]

www.museum-digital.de/nat/index.php?t=objekt&oges=126

 

 



SammlungsStück Juli 2016

Buttermodel / Butterform

Buttermodel (Inv.:BMBU 2012-648a-b) © N. Panteleon BMBU


Das im Sammlungsbestand befindliche Objekt mit der Inventarnummer BMBU 2012-648a-b ist ein Buttermodel. Dieser wird umgangssprachlich auch als Butterform bezeichnet, was auf seinen Verwendungszweck zurückzuführen ist. Der aus Holz gefertigte rechteckige Model weist eine Länge von 115 mm, eine Breite von 63 mm bei einer Tiefe von 44 mm auf. Datiert wird die zweiteilige Form in das 2. Viertel des 20. Jahrhunderts. Der Model befindet sich in einem guten äußerlichen Zustand, aber aufgrund des Alters, der wahrscheinlichen Benutzung und eventuell durch die verwendete Holzart sind an den Rück- beziehungsweise den Außenwänden leichte Abnutzungen des Holzes erkennbar. Das eingeschnitzte Motiv ist ein Schaf. Im Gegensatz zu anderen aufwendig gestalteten und detailreichen Figuren und Formen ist dieses Schaf schlicht und weniger detailliert ausgearbeitet.

 

Eine Verwendung fand dieser Model bei der Verzierung, Gestaltung und beim Abmessen von Buttermasse. Der Begriff ›Model‹ stammt von dem lateinischen Wort modulus ab, welches eine universale Maßeinheit beim Entwurf von Bauten bezeichnete. Im heutigen Sprachgebrauch wird es in mehrfachem Sinne benutzt. Man unterscheidet in Druckmodel und Hohlformen. In unserem Fall handelt es sich um eine Hohlform. Durch seine Zweiteiligkeit, eine sogenannte Klapp- oder Passform, ermöglicht dieses Werkzeug eine rundplastische Ausformung.

Vor dem Gebrauch ist der Model zu wässern. Dazu wird die zusammengesteckte Form für eine kurze Zeit in kaltes Wasser gegeben. Eine Fixierung der beiden Formhälften wird durch die dafür eingelassenen Holzstifte ermöglicht. Über die am Boden befindliche Öffnung kann der Model mit der zu formenden Masse befüllt und Überschüsse abgestreift werden.

Funde von Model lassen sich bis in das Altertum zurückverfolgen. Bei der Freilegung der Stadt Mari (im heutigen Syrien; früher Mesopotamien) wurden Gebäckmodel ausgegraben. Der mesopotamische Stadtstaat Mari wurde ca. 1759 v. Chr. durch den babylonischen König Hammurapi eingenommen und zerstört. Weitere Funde ergaben sich in Ägypten und Griechenland. Eine reiche Anzahl stammt aus dem Römerreich. In der ehemaligen römischen Hafenstadt Ostia (ca. 20 km südwestlich des heutigen Stadtzentrums Roms) konnten rund 400 Bruchstücke und vollständige Model geborgen werden. Eine Datierung wurde in die Jahre zwischen 200 und 250 n. Chr. vorgenommen. Die Motive der Fundstücke weisen Szenen aus Schauspielen, Gladiatorenkämpfen oder einzelne Tiere auf. Die überwiegende Zahl der dort gefundenen Model waren in einer Größenordnung von einem römischen Pfund, also 300 Gramm. Daher geht man davon aus, dass diese zur Gebäckherstellung benutzt wurden, um diese bei den Spielen an das Volk zu verkaufen. Eine Verbreitung nach Mitteleuropa, belegt durch Funde in Mainz, bei Budapest oder bei Straßburg, erfolgte durch die Römer.

In unserem heutigen geografischen Gebiet lassen sich Model bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Eine Vielzahl stammt aus dem 15. Jahrhundert. Je nach Verwendungszweck wurden die Formen aus unterschiedlichen Materialien gefertigt. Funde zeigen die Verwendung von Schiefer, Graphitstein, Ton, Wachs, Speckstein oder auch Holz. Die Model in der Nahrungsmittelherstellung, z. B. bei Lebkuchen, Marzipan oder verdickten Fruchtsäften, wurden traditionell aus Holz gefertigt. Bevorzugte Holzarten sollten dicht und feinfaserig sein, daher waren Birnen-, Apfel-, Kirsch- oder Ahornbäume beliebt. In der heutigen Zeit werden weitere Materialien wie Keramik, Silikon, Metall oder Plastik für die Modelherstellung benutzt.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung verflachte die Nachfrage an Model für den privaten häuslichen Gebrauch. Erst in den letzten Jahrzehnten stieg das Interesse am hilfreichen Werkzeug zur Produktion und zur dekorativen Formgebung wieder an.

Bereits im Alten Testament wird die Butter (lat. butyrum) erwähnt. So heißt in den Sprüchen Salomos: »Wenn man Milch stößt, so macht man Butter draus«. (30,33). Man kann davon ausgehen, dass die Erzeugung von Butter mit der Entwicklung und Ausprägung der Viehhaltung einherging.

Schon in der römischen und griechischen Antike fand sie ihren Anwendungsbereich. Neben Herodot (4,2) und Plinius (nat. 28, 133-34) wird die Butter an 50. Stelle des IV. Abschnittes für Tierprodukte in dem vom römischen Kaiser Diokletian erlassenen Höchstpreisedikt aus dem Jahr 301 n. Chr. erwähnt. Aufgrund der Unbeliebtheit der Kuhmilch und dem reichen Vorkommen des Olivenöls nutzte man sie nicht wie heute als Nahrungsmittel, sondern für medizinische Zwecke. Plinius stellte die ölartige Beschaffenheit fest und vermerkte, dass neben den Barbaren auch sie ihre Kinder damit einrieben. Die Butter wurde in medizinischer Hinsicht außerdem vielfach bei Schwellungen verwendet.

Die traditionelle Butterherstellung sieht vor, dass man die Milch - vorwiegend Kuhmilch, aber auch z. B. Schaf- oder Ziegenmilch - solange stehen lässt, bis sich der Rahm bildet und an der Oberfläche absetzt.Dies berichtete auch Herodot über das nomadische Reitervolk der Skythen: »Die ausgemolkene Milch schütten sie in hölzerne Gefäße, die Blinden stellen sie um die Gefäße her, und lassen die Milch umrühren. Was sich oben aussetzet, schöpfen sie ab, und halten es für das köstlichste: was sich aber unten setzet, das ist schlechter als das andere.«. (Herodot 4,2) Der gebildete Rahm wird nun abgeschöpft und bedarf noch einer Reifung beziehungsweise Säuerung. Dabei wird durch Milchsäurebakterien ein Teil der enthaltenen Laktose in Milchsäure umgewandelt. Als letzter Schritt wird ganz wie in Salomos Aussage der Rahm zu Butter gestoßen oder geschlagen. Während dieses Prozesses werden die in dem Milchfett enthaltenen Fettkügelchen zerstört. Butterfässer oder Buttermaschinen mit Rührschaufeln sind bei diesem Schritt nützliche Werkzeuge. Ein Stoßbutterfass wird im Museum ausgestellt und ist in der ›Schwarzen Küche‹ zu finden. Das sehr schön erhaltene kegelförmige Gefäß dient mit seinem Stößel, an dem eine durchlöcherte Holzscheibe befestigt ist, zum Buttern. Dazu wird der Stößel immer wieder senkrecht auf und ab bewegt, der Rahm so gestoßen und weiterverarbeitet. Das nun austretende Fett kann sich miteinander verkleben. Abschließend wird das Endprodukt zu einer homogenen geschmeidigen Masse geknetet.

Das Schaf, welches bei der Butterform als Motiv gewählt wurde, tritt bereits in den schriftlichen und bildlichen Quellen der Antike auf. Noch heute wird die aus dem Neuen Testament stammende Symbolik des Hirten für Pastor und das Schaf für die Gemeinde verwendet. Es ist davon auszugehen, dass die Motivwahl der Model eher zufällig und ohne konkreten Hintergrund erfolgte, wie es bei Gebrauchsgegenständen oft der Fall ist.

Als Nutztier der Weidewirtschaft, einer Form der Landwirtschaft, ist das Schaf unter anderem Lieferant für Nahrung, Wolle, Dung, Fell oder Milch. Über dies hinaus wird es ebenfalls zur Landschafts- und Deichpflege eingesetzt. Objekte wie dieser Model aber auch solche die eine weitergehende Interpretation des Motivs zulassen, sind in der aktuellen Sonderausstellung ›Klein aber Fein - Landwirtschaft mal anders‹ ausgestellt.

 

Literatur:

W. Altenkrich, Schafzucht (Berlin 1959).

H. Kürth, Kunst der Model (Leipzig 1981) 7–9.

L. A. Moritz, Der Kleine Pauly, Bd. 1, Sp. 976, s.v. Butter (München 1979).

J. Seymour, Vergessene Haushaltstechniken (Berlin 1999) 75–79

J. Seymour, Das neue Buch vom Leben auf dem Lande. Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer (Stuttgart 2003) 188 f. 

www.lebensmittellexikon.de/b0000270.php [Stand: 20.06.2016].

 


SammlungsStück Juni 2016

Motorrad ›Panther‹

Motorrad >Panther< Foto: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde

Hersteller:                              Panther-Fahrradwerke Act. Ges. vorm. Ernst Kuhlmann & Co

Ort:                                       Magdeburg-Sudenburg

Baujahr:                                 1904

Motor:                                   1 Zylinder-4 Takt-luftgekühlt

Leistung:                                 2,75 PS

Inventarnummer der                                                                                                             Museumssammlung:                  V:12/01/01/01

 


Als Herman Thielecke aus Ummendorf um 1960 entschied, sich von seinem Motorrad zu trennen, kam das in die Jahre gekommene Fahrzeug in die Ummendorfer Sammlung. Mit dieser Entscheidung sicherte er seinem Motorrad den Weiterbestand. Auch wenn sie nicht mehr fahrbereit ist, gehört die Panther heute zu den ältesten Motorrädern in Deutschland und ist wahrscheinlich die einzig erhaltene Maschine aus der Magdeburger Produktion der Panther-Werke. Zur Inbetriebnahme der Panther waren einige Besonderheiten zu beachten. Das Motorrad besitzt keine Federung, ist aber schon mit einer Vorderradbremse ausgestattet.

Besonders auffällig sind die Lenkergriffe, die aufwendig aus Holz geschnitzt sind. Sie wurden nicht direkt am Lenker angebracht, sondern mittels drei Federstahlstiften mit dem Lenker verbunden. Diese Stifte stellen die einzige Federung der Vorderachse dar und dämpfen dem Motorradfahrer die Unebenheiten der Straße.

Die gefederten Holzgriffe Foto: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde



 

 

 

 

Die direkt an der Kurbelwelle angeflanschte Keilriemenscheibe zur Kraftübertragung Fotos: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde





Die Panther besitzt entsprechend des damaligen Entwicklungsstandes weder eine Kupplung noch eine Gangschaltung.                   Die Drehbewegung des Motors wird direkt über einen Riemen auf das Hinterrad übertragen.

 

 

 

 

1-Zündverstellung; 2- Gashebel; 3- Luftklappe Foto: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde


 

Einen Gasdrehgriff, wie heute üblich, hat dieses Motorrad nicht. Die Steuerung des Motors erfolgt über ein Hebel- und- Gestänge System, womit einmal der Zündzeitpunkt verstellt und zum anderen die Kraftstoffmenge und damit die Motordrehzahl geregelt wurde. Um diese zu bedienen, musste der Fahrer den Lenker los lassen.

Der Ansaugstutzen mit dem Luftfilter direkt hinter dem Zylinder Foto: © U. Schmidt


Die Maschine weist weder Beulen, noch andere sichtbaren Beschädigungen auf und besitzt trotz eines Alters von über 110 Jahren ihre Originallackierung. Der Einzylinder-Viertaktmotor leistet 2,75 PS und weist einige Besonderheiten auf. Während das Auslassventil gesteuert wird, arbeitet das Einlassventil als Schnüffelventil. Der Luftansaugstutzen wurde direkt dicht hinter der Zylinderwand platziert, um die Ansaugluft vorzuwärmen und eine optimale Verbrennung zu erreichen.




Die Handpumpe für die Motorenschmierung Foto: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde



Die Schmierung der Kurbelwelle musste vor Inbetriebnahme vom Fahrer durchgeführt werden. Dazu wurde der Tank zweigeteilt gebaut. Während sich in einem der Kraftstoff befand, diente der andere, meist kleinere, als Motoröltank. Vor dem Start wurde der Ölabsperrhahn geschlossen. Ähnlich einer Injektionsspritze wurde mittels Pumpe per Hand das Motorenöl in den Glasvorratsbehälter gesogen. Anschließend konnte der Absperrhahn wieder geöffnet werden. Damit wurde die Kurbelwellenschmierung gewährleistet. Der Motor besitzt keine Ölwanne wie herkömmliche Viertakt-Motoren. Eine ständige Kontrolle während des Betriebes war notwendig.

 

 

 

Obwohl die Karbidlampe und der Keilriemen nicht mehr vorhanden und wahrscheinlich auch die Räder nicht mehr original sind, besitzt die Panther noch viel Originalsubstanz. Bemerkenswert sind neben der Lackierung und dem Sattel die Handgriffe und Pedale aus Holz. Die Panther verfügt über ein Tretlager und ließ sich mit den Pedalen auch als Fahrrad fahren.

Die Panther-Prägung auf dem Motorradsattel Foto: © U. Schmidt BMBU - Landkreis Börde

Um 1890 galten Fahrräder noch als Luxusartikel. Sie wurden zu dieser Zeit sehr aufwendig gestaltet und produziert. Dennoch war eine stetige Nachfrage zu verzeichnen, worauf hin sich viele Unternehmen als Fahrradhersteller etablierten. So gründete 1896 Ernst Kuhlmann die Panther-Fahrrad-Werke Ernst Kuhlmann & Co mit Sitz in Magdeburg-Buckau. 1900 gab es die erste Umfirmierung zur Panther-Fahrradwerke, Act. Ges. vorm. Ernst Kuhlmann & Co.. In dieser Zeit begann auch die Produktion der ersten motorgetriebenen Fahrzeuge der Marke ›Panther‹, einem Motordreirad. Daran anknüpfend folgten die ersten Panther-Motorräder.

Die 1896 gegründeten Braunschweiger Fahrradwerke AG übernahmen die Magdeburger Panther-Fahrradwerke ca. 1907 und auch ihren Namen. Künftig wurden die Erzeugnisse in den Pantherwerken AG Braunschweig gefertigt. Die Produktion in Magdeburg wurde allmählich gedrosselt und der Standort gänzlich aufgegeben. Damit endete die Produktion der Panther-Motorräder in Magdeburg.

 

 

Literatur:

Der Deutsche Straßenverkehr Nr. 7

Internet:         https://de.wikipedia.org/wiki/Pantherwerke_AG

                    https://de.wikipedia.org/wiki/Panther_Fahrradwerke





SammlungsStück Mai 2016

Öllampe aus Zinn

 

Eine Vielzahl unterschiedlicher Lampen und Lampentypen entstand über die Jahrhunderte. Funktionale Merkmale wie eine Aufhängung oder einen Standfuss gibt es regelmäßig. Ebenso zeichnet eine große Masse an Stücken eine Lampenschnauze aus, in der ein Docht hing. Brennstelle und Ölfüllstelle lagen also getrennt voneinander, eine Eigenart, die beim Nachfüllen Verbrennungen verhinderte. Der Docht bestand meist aus Baumwolle oder Binsen und sog sich voll von Öl.

Eine der Standlampen im Sammlungsbestand des Museums besitzt nicht nur eine kurze Schnauze, sondern eine weiter ausgestellte Tülle. Die Schale, in der das Öl aufgenommen wurde, ist halbkugelförmig und spricht für eine zeitliche Einordnung in das 18. Jahrhundert oder frühe 19. Jahrhundert. Die älteren Typen haben oftmals eher die Form eines Fasses. Der verhältnismäßig kleine Lampenkörper sitzt auf einem hohen Fuß, der am unteren Abschluss in einer großen Standfläche mündet. Sie hat einen Durchmesser von 14 cm. Insgesamt ist die Lampe schlicht und funktional gestaltet. Zusätzlicher Schmuck in Form von Ziselierungen oder Reliefs fehlen. Derartiger Schmuck konnte bei Lampen, die in Salons aufgestellt waren, natürlich nicht fehlen, so dass diese Standlampe wohl eher alltäglich war und in einen einfacheren Haushalt gehörte.


Öllampe aus Zinn © Foto N. Panteleon BMBU Landkreis Börde

Inv. Nr. 02/03/01 A95:138 (Ha 10:2/F26-52)

Material: Zinn

Typ: Rabiner L. nach Müller

Herstellungsort: Deutschland

Datierung: um 1800

Schenkung: Georg Lüders (Eilsleben)


Das gut erhaltene Stück aus Zinn weist nur eine größere Beschädigung an der Standfläche auf. Fast direkt unterhalb der Lampenschnauze ist eine Fehlstelle, die den Eindruck erweckt, als wenn das Material an dieser Stelle geschmolzen wäre. Tatsächlich gibt es Lampenbeispiele, bei denen unter der Schnauze ein kleiner Auffangbehälter hing, der abtropfendes Öl auffing. Ein solcher ist für diese Lampe nicht überliefert. Dass das Öl aber tatsächlich eine solche Hitze erreichte, um das Zinn zum Schmelzen zu bringen, ist fraglich. Sein Schmelzpunkt liegt bei 231,9 C. Wahrscheinlicher ist die Lampe an dieser Stelle auf eine heiße Ofenplatte oder ähnliches gestellt worden.



Kamin in Eilsleben © Foto Archiv BMBU Landkreis Börde


Eine vergleichbare Lampe zeigt eine Fotografie des ehem. Museumsleiters Albert Hansen. Die Aufnahme entstand 1934 und lichtete hauptsächlich den neu gebauten Kamin ab, den er aus einem Honorar für einen Bericht im Radio bauen ließ. Eine Information, die er umseitig auf dem Fotoabzug festhielt. Auch diese Lampe hat eine lange Schnauze, einen Klappdeckel zum Einfüllen des Öls, einen hohen Ständer und einen Griff, um die Lampe tragen zu können.


Beschriftung der Fotorückseite:

Erbaut aus dem

Honorar für den

Hörbericht im Leipziger Sender

28/9 [19]34  [um] 15.15 h.


In einer Zeit als es noch keinen elektrischen Strom und damit elektrisches Licht gab, behalfen sich die Menschen mit unterschiedlichen Lichtquellen. Fackeln, Kerzen, Öl- und Tranlampe gehören zu den ältesten Möglichkeiten. Hinzu kam im 19. und vor allem frühen 20. Jahrhundert dann die Petroleumlampe. Doch bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. stellten die Menschen Öllampen her. Sie waren aus Stein oder aus gebranntem Ton und sehr unterschiedlich in der Gestaltung. Manche besaßen nur einen Docht, andere drei oder mehr. Die ältesten Beispiele kennt man aus Ägypten (Sakkara). Auf Kreta konnten Lampenfunde auf 1500 v. Chr. datiert werden. Dort am Mittelmeer verwendete man seit der Antike insbesondere Ölivenöl als Brennstoff für Lampen. Seltener nutzte man Leinöl, Mohnöl oder Rizinusöl. Erste Lampen aus Metall gab es bereits ab 600 v. Chr. in Italien (Etrurien), Phönizien und Griechenland, doch es dauerte noch rund 400 Jahre bis in die römische Zeit, um ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen den Stücken aus Ton und Stein herzustellen. In römischer Zeit betrug die maximal bekannte Anzahl an Dochten 18. Solche Lampen trug man natürlich nicht mit sich herum. Sie hangen oder standen an einem festen Platz. Lampen aus Metall wurden in der Regel gegossen, das bekannteste Verfahren ist das Wachsausschmelzverfahren, bei dem das geschmolzene Metall  die zuvor aus Wachs modellierte Form schmilzt und beim Erkalten nimmt das Metall ihre Form ein. Der Mantel aus Lehm oder Sand, der das Wachsmodel umgab, wird nach dem Guss zerschlagen. In einem weiteren Schritt arbeitete man die Stücke dann weiter auf und entfernte etwa Gusszapfen, die beim Einfüllen des Metalls entstanden.

In Mitteleuropa konnte man nur auf dem Handelsweg auf Olivenöl zurückgreifen. Es war daher nie die bevorzugte Ölquelle für Lampen. Zunächst kamen natürlich tierliche Fette wie Tran zum Einsatz, doch spätestens 1100 n. Chr. hatte man mit dem Rüböl (aus der Rapspflanze: Rübsen) ein Öl gefunden, welches sich gut für das Betreiben von Lampen eignete.

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Weiterentwicklungen des Geleuchts. Dazu gehört auch, dass an manchen Ölbehälter aus Glas mit einem nummerierten Metallstreifen angebracht wurden (IX (Neun) bis VI (Sechs) betrug die Nummerierung). Die Lampen brannten die ganze Nacht und am Füllstand konnte auch im Dunkeln und ohne Uhr abgelesen werden, wie spät es etwa war. Der höchste Füllstand kennzeichnete die neun und war im Regelfall die Uhrzeit zu der man zu Bett ging. Den niedrigsten Stand hatte die sechs, womit es wohl an der Zeit war aufzustehen.

 

 

Literatur:

Inventarkartei/-Buch BMBU: Öllampen, - funzel,- krüsel

W. Bomann, Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen (Weimar 1927) 117–119 Abb. 97.

J. Bracker, Das Schleswig-Holsteinische Freilichtmuseum als Lernort. Band 2. Kienspan – Krüsel – Talglicht.                                                                                              Lichtherstellung und Beleuchtung in alten Bauernhäusern (Husum 1982) 10–12.

J. Matz – H. Mehl (Hrsg.), Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) 29–42.

H. Müller, Öllampen (Bern 1988) 5. 92. 94. Nr. 321.

R. Müller, Licht und Feuer im ländlichen Haushalt. Lichtquellen und Haushaltsgeräte (Hamburg 1994) 15.

G. Wietek, Altes Gerät für Feuer und Licht (Oldenburg/Hamburg 1964) 84–85.

G. Wietek, Altes Gerät für Feuer und Licht (Oldenburg/Hamburg 1964) 84–85.


 



SammlungsStück April 2016

Gespannpflug-Abzeichen der Landwirtschaftsschule Helmstedt

Abzeichen der Landwirtschaftsschule Marienberg, Helmstedt, um 1900 Inv.-Nr. V:18/01/04/2008:1 © Foto Sabine Vogel BMBU Landkreis Börde

Es mag auf den ersten Blick vielleicht verwunderlich erscheinen, dass ein Objekt mit dem Kontext zur Landwirtschaftsschule in Helmstedt (heute Niedersachsen) aus der Zeit um 1900 im Sammlungsbestand des Börde-Museums (Sachsen-Anhalt) zu finden ist. Dieser Eindruck relativiert sich jedoch, wenn man sich bewusst macht, dass seit den 1870er/80er-Jahren bis 1939 (Schließung der Schule) Kinder wohlhabener Bauern aus Ummendorf, Eilsleben und benachbarter Dörfer die rund 20 km entfernte Landwirtschaftsschule in Helmstedt besuchten, um dort eine fachbezogene bzw. hauswirtschaftlich orientierte Ausbildung zu erhalten. Die Anstecknadel in Gestalt eines Gespannpfluges als Abzeichen für die jungen Männer der Helmstedter Fachschule für Landwirtschaft (St. Marienberg) ist als Zugang des Ummendorfer Museums mit dem 19.2.1962 datiert. Laut Vermerk auf dem Objektfundzettel durch den damaligen Museumsleiter Heinz Nowak hatte sein Amtsvorgänger Dr. Albert Hansen das Abzeichen ca. 1961 aus Eilslebener Privatbesitz für das Museum erhalten.

 

Die Anstecknadel mit den Maßen 35 x 12 x 5 mm wurde aus 835er Silber gegossen, was ein Stempel auf der Rückseite belegt. Auf dieser Seite befindet sich auch die quer befestigte Anstecknadel. Ein kugelförmiges Verschlussteil mit drehbarer Sperre soll das Abzeichen am textilen Untergrund sicher fixieren.

Entsprechend des Lehrinhaltes der Fachschule wurden für die Abzeichen landwirtschaftliche Motive gewählt. Für die Schülerinnen war es eine silberne Getreideähre, für die Schüler ein Gespannpflug, der mit seinen charakteristischen Bauteilen dargestellt ist. Von links nach rechts betrachtet sind dies: 2 Pflugsterze zum Führen/Lenken des Pfluges, darunter der Pflugkörper (bestehend aus Streichblech und Pflugschar), Vorschäler (zum Aufbrechen des Ackerbodens und als Führungsrinne), Grindel (quer über den Pflug verlaufend), daran montiert Landrad und Furchenrand (hier beide mit identischem Durchmesser dargestellt; Originalgespannpflüge mit unterschiedlich großen Rädern ausgestattet).

Gefertigt wurde das Abzeichen vom Großvater des Goldschmiedemeisters Andreas Gralow aus Helmstedt. Die silbernen Gespannpflug-Nadeln wurden in Handarbeit ausgeführt. Noch heute befindet sich die Gussform, aus zwei Schieferblöcken bestehend, im Privatbesitz der Familie.

Den Miniaturgespannpflug befestigten die Schüler gut sichtbar vorn an ihren Schirmmützen, was ein schwarz-weiß Foto aus der Zeit um1900 in der Ummendorfer Museumssammlung erkennen lässt.

 

Schüler der Landwirtschaftsschule Marienberg, Helmstedt, um 1900 © Foto Inv.-Nr. V:23/03/02/09

 

 

Zur Entstehungszeit der obigen Aufnahme bestand die Bildungseinrichtung, die 1869 gegründet wurde, bereits über 25 Jahre und die steigenden Schülerzahlen (9 im Jahr 1869 und 314 im Jahr 1892) machten inzwischen einen Schulneubau erforderlich, denn der Platz im Verwalterhaus des Klostergutes St. Marienberg reichte längst nicht mehr aus. So wurde am 20. Oktober 1892 das neue Gebäude – im Stile italienischer Renaissance – auf demTanzbleek übergeben, einem Areal, welches zuvor für Tanzveranstaltungen genutzt wurde.

Die Schwerpunktsetzungen der nun geräumigen Einrichtung war die Bildung und Ausbildung junger Landwirte, um mit diesem Bildungsweg nicht zuletzt die Offizierslaufbahn zu beschreiten. Nach dem Ersten Weltkrieg war es möglich, mit zwei Semestern Ausbildung die Qualifizierung zum „Staatlichgeprüften Landwirt“ zu absolvieren und nach einem dreimonatigen Lehrgang den Qualifizierungsnachweis als „Staatlich geprüfter Landmaschineninspektor“ zu erlangen. Mit dem schwindenden regionalen Sonderstatus als Bildungseinrichtung, trotz weiterer Umstrukturierungen, sanken die Schülerzahlen (1925: 806, 1930: 380), was u.a. mit zur Schulschließung im Jahr 1939 beitrug.

 

 

Literatur:

 

J. Giermann, Als Helmstedt grün war. Landwirtschaftliche Schule Marienberg. In: Geschichte und Geschichten. Kreisbuch 2010,                                                    herausgegeben vom Landkreis Helmstedt (Oschersleben 2010) 97-108.

Zeitschrift des Verbandes ehemaliger Schüler der Landwirtschafts Schule Marienberg zu Helmstedt,                                                                                                                  E.V. Herausgegeben von dem geschäftsführenden Ausschusse des Verbandes. Nr. 3 u. 4. 1922.  

A. Hansen – H. Schönfeld, s. V. Bleek. In: Holzland-Ostfälisches Wörterbuch. Besonders der Mundarten von Eilsleben und Klein Wanzleben.                                                 Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 4 (2. ergänzte Aufl. Ummendorf 1994) 65.

http://oldthing.de/Lithographie-Helmstedt-Landwirtschaft-Schule-Marienberg(15.03.2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaftsschule(15.03.2016)

 

 

 

 

 

 

SammlungsStück März 2016

Tobelkiepe aus dem Allertal 

Tobelkiepe © N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 Kiepen gibt es in den unterschiedlichsten Arten. Allgemein ist Kiepe eine Bezeichnung für eine Tasche, einen Korb oder Sack. Unter anderem gibt es auch Futterkiepen, die man als Tragekörbe für Tierfutter verwendet(e). Sie bestehen aus zwei Schulterriemen und stets einem geraden Rückenteil um die Kiepe auf den Schultern tragen zu können. Unter der Bezeichnung Dobel oder Tobel wird im Wörterbuch der deutschen Sprache der Gebrüder Grimm nicht nur eine enge Schlucht verstanden, sondern auch ein Platz neben einem Acker kann gemeint sein.

Tobelkiepen/Towelkipen kommt in der ostfälischen Mundart als Wort vor und bezeichnet, wie A. Hansen in seinem Wörterbuch ausführt, eine Frühstückstasche. Sie besteht aus Holzspan und wurde mit Kalbfell überzogen oder ist ausschließlich aus Holzspänen geflochten.

Eine solche Tobelkiepe befindet sich im hiesigen Sammlungsbestand. Die Kiepe mit der Inv.-Nr. V:02/07/04/01 ist bereits seit dem 2. Viertel des 20. Jahrhunderts im Museum. Die Herkunft ist nicht näher bekannt, außer der Bezeichnung Allertal. Zeitlich einzuordnen ist sie wohl in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts oder in das frühe 20. Jahrhundert.

Die Tasche selbst besteht aus einem Unterteil und einem eng ansitzenden Deckel. Horizontal angeordnet gibt es bei beiden Hälften breitere Holzspäne, die mit schmaleren vertikal ausgerichteten Spännen verflochten sind. Außerdem sind beide durch den Trageriemen miteinander verbunden. Ob das geknüpfte Band, das den Trageriemen bildet schon zur ursprünglichen Tobelkiepe gehörte, ist unklar. Es kann auch später erneuert worden sein. Der Riemen geht an zwei Stellen durch den Deckel, kreuzt sich innen und erscheint dann kurz unterhalb der Ansatzstelle des Deckels. Dort ist er auf einer Seite verknotet und auf der zweiten um ein Holzstück gebunden.

Die mit 24,5x 30,5 cm relativ kleinformatigen Tobelkiepen nutzten hier in der Region insbesondere Feldarbeiter, um ihre Verpflegung mit auf den Acker zu nehmen. Die Taschenform brachte mehrere Vorzüge mit sich. Durch den Trageriemen konnte man die sie nicht nur bequem tragen, sondern auch während der Arbeit am Pausenplatz aufhängen. Dies verhinderte, dass sich Tiere über die Verpflegung der Arbeiter hermachten. Der Arbeitstag eines Feldarbeiters sah in seinem 12-14 Stunden langen Arbeitstag drei Pausen vor. Eine halbe Stunde gab es zum Frühstück und zum Vesperbrot sowie eine Zeitstunde für die Mittagspause.

© N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

R. Hecht beschreibt in seinem 1907 veröffentlichten Beitrag, dass die Bauern in der Magdeburger Börde fünf Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nahmen.


Morgenessen: Milch- oder Mehlsuppe, Malz- oder Zichorienkaffee vermehrt ab ca. 1865

Frühstück: Brot, Schinken, Wurst, Käse und Butter (auf dem Felde um 8.00 Uhr, sonst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr).

Mittagbrot: Werktags waren es Breigerichte aus Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Erbsen oder Bohnen oder aus Gemüse- oder Obstsorten wie Möhre und Apfel. Sonntags kamen Grudegerichte auf den Tisch. In der Mehrzahl waren es Klumpgerichte: z. B. Weißkohl mit Klump, Kohlrüben mit Klump, Sauerkraut mit Klump, Grünkohl mit Klump etc. (12.00 Uhr).

Vesperbrot/Feremaal: Bestand aus kalten Speisen (Speck, Wurt, Schmalzbrote und einer Milchsuppe als Getränk (16.00 Uhr).

Abendbrot: Pellkartoffeln mit Strippe, Kartoffelbrei oder Bratkartoffeln, saure Milch oder Buttermilch sowie Reste der Mittagsmahlzeit (sog. Neige).

 


Außer Feldarbeitern nutzen auch andere Berufsstände, die nicht regelmäßig zu den Mahlzeiten heimkehren konnten, „Tobelkiepen“. Für den Harz ist etwa bekannt, das Fuhrmänner sie auf ihren Reisen bei sich hatten. An der See gibt es Beispiele mit einem ähnlichen Aufbau, die jedoch nicht für die Wegzehrung verwendet wurden. Ein Exemplar wurde 1912 durch das Prignitz-Museum als Schenkung erworben. Die Kiepe besteht aus Weidengeflecht und kam als Fischertasche im 19. Jahrhundert zum Einsatz. Man nimmt jedoch an, dass darin kleinteilige Arbeitsutensilien verwahrt wurden. Die Tasche mit aufschiebbarem Deckel ist wie beim Stück in Ummendorf gleichzeitig durch eine durchgezogene Umhängeschnur gesichert.

 

Literatur:

 

G.Griepentrog, Zur Struktur und Funktion der Familie im Leben der werktätigen Dorfbevölkerung zwischen 1900 und 1960. In: H.-J. Rach – B. Weissel – H. Plaul (Hrsg.),                    Das Leben der Werktätigen in der Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte (Berlin 1987) 91–94.

A. Hansen –H. Schönfeld, s. V. Towelkipe. In: Holzland Ostfälisches Wörterbuch. Besonders der Mundarten von Eilsleben und Klein Wanzleben.                                                   Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 4 (2. ergänzte Aufl. Ummendorf 1994) 85. 196.

R. Hecht, Die Kost auf den Magdeburgischen Dörfern vor 100 Jahren. Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg 42, 1907.

 

R. Krosch, Arbeitsmigration in der Preußischen Provinz Sachsen 1870 – 1914, dargestellt am Beispiel der Magdeburger Börde und Umgebung                                                 [unveröffent. BA-Arbeit Schachdorf Ströbeck 2015]

http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GK04432#XGK04432 (1.3.2016) Wörterbuch der Gebrüder Grimm s. V. Kiepe

http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GD02780#XGD02780 (1.3.2016) Wörterbuchder Gebrüder Grimm s. V. Tobel

http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=2677 (2.3.2016).

http://www.astfeld.de/heimatstuben_text.htm (2.3.2016).

 

 

 

 

SammlungsStück Februar 2016

Historische Fotografie vom Eistransport

Nicht nur in Aquarellen, Zeichnungen und Stichen wurden Ansichten und Impressionen der Magdeburger Börde festgehalten, auch zahlreiche Fotografien im Sammlungsbestand vermitteln einen Eindruck dieser Region. Dazu gehören die Aufnahmen von Fritz Giesecke (1905–1984), die er ab den späten 1920er-Jahren (bis etwa 1960) anfertigte.

 

Porträtfotovon Fritz Giesecke (1905–1984) - entstanden in einem Fotoatelier Ende der 1950er-Jahre© BMBU 2009-1153

 

Fritz Giesecke wurde am 1. Februar 1905 in Eilsleben geboren und wuchs ab 1910 in Klein Wanzleben auf. 1926 wurde er in Domersleben ansässig und ging zunächst einem kaufmännischen Beruf nach. Wenige Jahre später wechselte er sein Tätigkeitsfeld. Ab 1930 arbeitete Fritz Giesecke als Journalist und Redakteur beim Magdeburger General-Anzeiger. Sein Talent als Autor offenbarte sich insbesondere in seinen plattdeutschen humorigen Geschichten. So hat er u.a. die als Börde-Originale bekannten Figuren des Andrees Laudan und des Oskar Banse erfunden. Neben den im 14-tägigen Rhythmus erscheinenden Laudan-Geschichten verfasste er ebenfalls Artikel für das Wanzlebener Kreisblatt, den Seehäuser Anzeiger sowie Zeitungen in Leipzig, Halle, Berlin, Frankfurt a. M. und Hamburg. 1936 wechselte er zur Zeitung "Der Mitteldeutsche". Die weiterhin im Generalanzeiger veröffentlichten Laudan-Geschichten stammen seitdem aus der Feder von Gustav Behrens aus Unseburg. Fritz Giesecke verbrachte seine gesamte Lebenszeit in der Magdeburger Börde und verstarb am 28. Juli 1984 im Alter von 79 Jahren in Domersleben. Als Redakteur und Autor war ihm die Fotografie beruflich sehr nah, doch bei dem fotografischen Nachlass handelt es sich um Privataufnahmen, die Giesecke in seiner Freizeit machte.

 

 

 

1993 gelangte der fotografische Nachlass des hauptberuflichen Journalisten und Redakteurs in das Börde-Museum. Nach dem Tod Fritz Gieseckes 1984 übergab die Witwe einem Freund ihres Mannes – dem Schriftsteller Martin Selber (1924–2006) – die Sammlung. Er bewahrte sie auf und ihm ist es zu verdanken, dass heute Abzüge zu unterschiedlichen Themen im Börde-Museum gezeigt werden können. Insgesamt handelt es sich um 829 Glasplatten- und Fotonegative, die Impressionen vom damaligen Leben in der Magdeburger Börde wiedergeben. Eine finanzielle Förderung des Landes Sachsen-Anhalt ermöglichte die vollständige Digitalisierung der Fotoplatten und -negative im Jahr 2011. Die Aufnahmen spiegeln vielfach das Alltägliche wider und können als kulturgeschichtliches Zeitdokument ersten Ranges angesehen werden. Dazu gehört etwa die Aufnahmen von der Eisernte und dem Eistransport.

 

Eistransport in Wanzleben (Wanzlebener Straße), Ackerwagen beladen mit Natureisblöcken, 1930er-Jahre, Scan einer Glasplatte im Format 4,5 x 6 cm © Fotografie F. Giesecke BMBU2009-1, 061

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Aufnahmen entstanden wohl in den 1930er-Jahren. Die Eisblöcke auf den Ackerwagen stammen von zugefrorenen Seen. Dort wurde das Eis im Winter gebrochen und abtransportiert. Dafür wurde die Fläche zunächst aufgehakt. Zum Herstellen der Blöcke setzten sie dann Sägen ein. Zu dieser Zeit verfügten die Haushalte noch nicht über die heute unverzichtbaren Kühl-und Gefrierschränke, um Lebensmittel frisch und haltbar aufzubewahren. Tatsächlich wuchs der Bedarf an Kühlmöglichkeiten zunehmend mit der Industrialisierung im 19. Jahrhundert. Als diese Aufnahme entstand gab es neben der Lagerung in Kellern durch die Eisschränke bereits eine zweite Möglichkeit zur Lagerung. Sie stellen die Vorläufer der heutigen Kühlschränke dar. Um eine Kühlung zu ermöglichen wurden die Eisschränke mit Natureis gefüllt.

Henriette Davidis gibt in ihrem 1845 erstmals erschienen Kochbuch, folgenden Hinweis zur Aufbewahrung von Lebensmitteln:  

"Der beste Aufbewahrungsort für die meisten Vorräte ist ein kühler, luftiger Keller, und wo es daran mangelt, der Eisschrank. Dieser muß ebenfalls gute Ventilation haben. Der Eisraum muß täglich mit frischem Eis gefüllt werden, und für den Abfluß des Eiswassers muß regelmäßig gesorgt werden. Die Lebensmittel dürfen niemals unmittelbar mit dem Eis in Berührung kommen und sollen auch nicht ohne Unterlage auf die Kühlrosten gelegt werden. - Sauberkeit im Eisschrank ist ebenfalls unbedingtes Erfordernis für das Frischbleiben der Ware."

Aufgebaut waren die Eisschränke wie folgt: Im oberen Bereich gab es einen Kasten für das Eis, darunter war Platz für die Lebensmittel, die gekühlt werden sollten und im unteren Bereich folgte ein Schmelzwasserbehälter mit Ablaufhahn, um das Wasser aufzusammeln. Regelmäßig musste das Eis in den Schränken nachgefüllt werden. Das Eis dafür lagerte in Eiskellern. Dort konnte es über Monate verbleiben, da die natürliche Isolierung das Abschmelzen verlangsamte.  Eiskeller besaßen hier in der Region jedoch vor allem landwirtschaftliche Güter und Gewerbebetriebe (z. B. Brauereien). Privathaushalte mussten sich regelmäßig mit Eis beliefern lassen.

 

 

Literatur:

Archiv BMBU – Fotos/Fritz Giesecke

H. Davidies, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche (Berlin 1845).

http://lueersen.homedns.org/!gutenb/davidis/kochbuch/nr35.htm (29.01.2016).

E. Nöthling, Die Eiskeller, Eishäuser und Eisschränke ihre Konstruktion und Benutzung.                                                                                                                   Für Bautechniker, Brauereibesitzer, Landwirte, Schlächter, Konditoren, Gastwirte u.s.w. 5. Auflage (Weimar 1896).

A. Südekam – S. Vogel – Th. Ruppel, Mit großem Blick für kleine Dinge. Historische Fotografien von Fritz Giesecke (1905–1984) aus Domersleben.                                                Die Magdeburger Börde - Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 11 (Ummendorf 2011) 6. 8 f. 173–175.

 

    

SammlungsStück Januar 2016

Kupferbeile

Die ältesten Metallartefakte im Börde-Museum sind zwei Flachbeile aus Kupfer (Inv.-Nr. IV:316 / IV:809). Gefunden wurden sie in Belsdorf (Ldkr. Börde, Sachsen-Anhalt). Jenes mit der Inv.-Nr. IV:316 fand man „... im November 1937 ... beim Rübenroden“. Das zweite Beil mit der Inv.-Nr. IV:809 wurde bereits um 1900 gefunden, gelangte aber auch erst in den 1930er-Jahren ins Börde-Museum.

Bevor die Menschen in Mitteleuropa ab ca. 2300 v. Chr. in der Lage waren, die Legierung Bronze herzustellen, wurden bereits Geräte aus Kupfer gefertigt. In Mitteleuropa sind die ältesten solcher Objekte aus Fundzusammenhängen bekannt, die in das 4. Jahrtausend v. Chr. datiert werden. Diese Zeit wird in manchen Regionen daher nicht mehr als Jungsteinzeit (Neolithikum), sondern als Kupfersteinzeit (Chalkolithikum) bezeichnet. Doch nicht in allen Regionen verarbeitet man noch vor der Bronzezeit Metall. Daher stellen diese Objekte seltene und besondere Funde dar. Viele Metallvorkommen, wie jene am Harz, waren zu dieser Zeit noch nicht erschlossen und es gibt verschiedene Vermutungen, wie die Kupferobjekte diese Region erreichten. So vermuten manche, dass sich gerade wegen der Metall-und Salzvorkommen neue Siedler in der Region niederließen und Gegenstände aus Kupfer mit sich brachten. Genauso wahrscheinlich ist jedoch möglich, dass ausschließlich das Objekt auf dem Handelsweg nach Mitteldeutschland gelangte und als Prunk-Gegenstand zu werten ist.

Kurz nachdem die Beile in den Museumsbestand kamen, gab man Materialproben an den Metallurgen Dr. Wilhelm Witter (Halle), der eine Analyse der Zusammensetzung durchführen sollte. Diese Analyse ergab, dass sie zu 99,5%, bzw. zu 98,2% aus Kupfer bestehen. Im Gegensatz zur Legierung Bronze, die als zweiten wichtigen Bestandteil 10% Zinn enthält, handelt es sich nach Herrn Witter in beiden Fällen um gediegenes Kupfer, also nicht um eine Legierung, sondern ein natürliches Erz-Vorkommen, das in reiner Form abgebaut wurde. Gemeinsam mit H. Otto bemühte sich W. Witter nicht nur um diese sogenannten Spektralanalysen, sondern auch darum, Lagerstätten an Hand der Analyseergebnisse zu identifizieren. Heute denkt man vielfach, dass solche Analyseverfahren typisch für die moderne archäologische Forschung sind, tatsächlich gehören diese Untersuchungen schon viel länger zum Forschungsstandard.

 

Karteikarte von Inv.Nr. IV:809 im BMBU

Für das Beil IV:316 vermutete Herr Witter, dass es vom oberen Maintal stammte; für IV:809 gibt er an, dass es wohl im Raum Zwickau/Schedewitz gefertigt wurde. Diese Ortsangabe sollte heute allerdings kritisch betrachtet werden. Sicher handelt es sich bei beiden Beilen wohl um Importe, aber wohl eher aus dem ostalpinen Raum.

Kupferimporte zu dieser Zeit sind generell nicht ungewöhnlich. So wurden etwa in Rössen in einem Grab der Gaterslebener Kultur (4300–3900 v. Chr.) oder in Preußlitz und Büden (Lkr. Burg) in Gräbern der Baalberger Kultur Gegenstände aus Kupfer aufgefunden. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist für das 4. Jahrtausend v. Chr. belegbar, dass Kupfer in Ai Bunar (Bulgarien), Rudna Glava (Serbien), Špania Dolina-Piesky (Slowakei), Keutschacher See und Mariahilfbergl (Ostalpin) verarbeitet wurden.

 

 

Da die Belsdorfer Beile aus gediegenem Kupfer sind, werden diese eher nicht, wie von Albert Hansen und Heinz Nowak zunächst vermutet, aus der frühen Bronzezeit stammen, sondern bereits rund 1000 Jahre zuvor in die Magdeburger Börde gelangt sein. Hinzukommt auch ihre Form, die deutliche Ähnlichkeiten zu den Beiltypen aus dem 4. Jahrtausend v. Chr. hat. Eine engere zeitliche Eingrenzung des Fundplatzes und damit der Beile ist leider nicht möglich, da die anderen Funde vor Ort aus unterschiedlichen Zeiten stammen.

 

Karteikarte von Inv.-Nr. IV:316 im BMBU

Zu den bekanntesten Funden dieser Epoche gehört der sog. Ötzi aus den Ötztaler Alpen in Südtirol. Auch er trug ein Kupferbeil mit sich. Dieses gehört jedoch einem anderen Typ als die Belsdorfer Beile an. Besonders auffallend an dem Stück Inv.-Nr. IV:809 (Typ Split?) sind die begradigtenSeiten mit den leicht ausgestellten Kanten. Beide Exemplare im Ummendorfer Museum weisen insgesamt einen rechteckigen Querschnitt auf, wobei die Seiten von IV: 316 leicht konvex, also nach außen gewölbt, sind. Formal ähneln beide noch sehr stark den Steinbeilen des Neolithikums, wobei IV:316 (Typ Altheim?) durch die leicht an den Seiten ausgestellten Spitzen an der Schneide schon etwas fortschrittlicher geformt ist.

Die Beile aus Belsdorf stehen allerdings nicht allein in der Region. So wurden weitere Beile in Dahlum, Letzingen, Böddensell und Schermcke (Landesmuseum Halle) gefunden.

 

 

Metallartefakte wurden meist zunächst im Gussverfahren hergestellt, d. h. sie wurden in der Regel in eine Form gegossen und nach dem Erkalten weiterbearbeitet. In der frühen Metallverarbeitung kam es jedoch auch vor, dass das Metall ausschließlich erhitzt und dann geschmiedet wurde. Für den Gebrauch wurden Beile dann geschäftet. Dafür gab es mehrere Möglichkeiten: etwa durch Einstecken des Beils in einen Holm oder durch die Befestigung an einem Zwischenstück aus Holz oder Geweih, welches man dann ebenfalls mit einem Holzstiel versah. Eine dritte Möglichkeit hat sich auf Grund der guten Erhaltungsbedingungen im Eis bei der Axt der südtiroler Gletschermumie erhalten. Dort wurde das Beil durch Lederschnüre und einen Klebstoff (Pech,Harz, Teer oder Leim) an einen Holzstiel fixiert. Welche Möglichkeit hier Anwendung fand, ist schlussendlich aber nicht zu klären.

 

Kupferbeile


1  

 

.

 

  Inv.-Nr.  IV:316  

  Inv.  Nr. IV:809  

  Länge  11,56 cm  

  Länge  12,2 cm  

  Schneidebreite:  5,36 cm  

  Schneidebreite:  4,75 cm  

  Nackenbreite:  3,35 cm  

  Nackenbreite:  1,3 cm  

  Dicke:  2 cm  

  Dicke:  0,98 cm  

     

     

  Materialzusammensetzung:  

  Materialzusammensetzung:  

  Kupfer:  99,5%  

  Kupfer:  98,62%  

  Arsen:  0,3%  

  Arsen:  1,10%  

  Silber:  0,06%  

  Schwefel:  0,27%  

  Gold:  0,005%  

  Silber:  0,01%  

  Zinn:  Spuren  

  Blei:  Spuren  

  Blei:  Spuren  

  Antimon:  Spuren  

  Antimon:  Spuren  

  Wismut:  Spuren  

  Wismut:  Spuren  

  Nickel:  Spuren  

  Nickel:  Spuren  

  Gold:  0%  

  Zink:  0%  

  Zinn:  0%  

  Kobalt:  0%  

  Zink:  0%  

  Eisen:  0%  

  Kobalt:  0%  

  Schwefel:  nicht bestimmt  

  Eisen:  0%  

 

Literatur:

G. Böttcher, Ein Grab der Baalberger Gruppe mit Kupferschmuck von Büden, Kr. Burg. Ausgrabungen und Funde 27, 1982, 165–170.

T. L. Kienlin, Von Schmieden und Stämmen: Anmerkungen zur kupferzeitlichen Metallurgie Südosteuropas. Germania 86, 2008, 503–540.

L. Klassen, Jade und Kupfer. Untersuchungen zum Neolithisierungsprozess im westlichen Ostseeraum unter besonderer Berücksichtigung der Kulturentwicklung Europas 5500-3500 BC. Jutland Archaeological Society 47 (Århus 2004).

D. W. Müller, Frühes Kupfer und Baalberge – Betrachtungen zu einem Grabfund von Unseburg, Kr. Staßfurt.                                                                                     Ausgrabungen und Funde 35, 1990, 166–171.

R. Turck, Die Metalle zur Zeit des Jungneolithikums in Mitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung ihrer Adaption und Verwendung.                                                     Eine sozialarchäologische Untersuchung. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 185 (Bonn 2010).

R. Turck, Über die Grenzen hinweg? Zur symbolischen Bedeutung von Äxten, Beilen und Kupfer im mitteleuropäischen Jungneolithikum.                                                                 In: T. Doppler/B. Ramminger/D. Schimmelpfennig (Hrsg.), Grenzen und Grenzräume? Beispiele aus Neolithikum und Bronzezeit.                                                             Fokus Jungsteinzeit 2 (Kerpen-Logh 2011)141–154.


 

 

 

SammlungsStück Dezember 2015

 Der Wanzlebener Pflug

Wanzlebener Pflug mit Vorwagen aus der Zeit um 1880 (Inventarnummer: BMBU 2012-0418, 0419) © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

 Wanzlebener Pflüge gehören selbstredend zur Sammlung des Börde-Museums Burg Ummendorf. Sie sind wesentlicher Bestandteil und historisches Zeugnis einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das fruchtbarste Schwarzerdegebiet Mitteleuropas zu einem der im 19. Jahrhundert bedeutendsten Regionen in Verbindung mit dem Zuckerrübenanbau machte. Wie dies vonstatten ging und welche Bedeutung dabei dem Wanzlebener Pflug zukam, wird im Folgenden vorgestellt.

Zur Erreichung guter Erträge beim Rübenanbau musste der Boden entsprechend vorbereitet werden. Hierzu war es nötig, den Acker bis zu einer Tiefe von 35 cm aufzulockern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es allerdings keinen Pflug, der auch annähernd diese Arbeitstiefe aufweisen konnte. Um dennoch den Boden für den Rübenanbau vorzubereiten, kam der Magdeburger Spaten zum Einsatz. Dieser Spaten ist vom Aufbau mit einem herkömmlichen Gartenspaten vergleichbar, lediglich das Blatt war etwa doppelt so lang. Durch Einsatz vieler Landarbeiter wurden die Ackerflächen per Hand umgegraben. Bis dahin glaubte man, dass nur die Magdeburger Spatenkultur die einzige Methode sei, um den Boden tiefgründig für den Anbau von Zuckerrüben zu bearbeiten.

Etwa 1850 gab es zahlreiche Versuche einen Pflug zu fertigen, der diese hohen Anforderungen erfüllte. So entstand zum Beispiel der Knoche Preispflug, auch als Magdeburger Pflug bekannt. Als Tiefkulturpflug erdacht, erfüllte er die geforderten Leistungsparameter für den Rübenanbau nicht, allerdings erreichte der Pflug für den Getreideanbau hervorragende Werte, wofür er 1850 in Magdeburg prämiert wurde.

Tiefkulturpflüge arbeiteten nach dem Ruchadlo-Prinzip, der Brüder Wewerka aus Böhmen, als steilwendende Pflüge. Hierbei ist das Streichblech sehr hoch. Der abgetrennte Erdstreifen gleitet bei der Vorwärtsbewegung des Pfluges an dem schraubenförmig gewundenen Streichblechsteil nach oben und wird dabei umgewendet.

1852 führte der Wanzlebener Schmied Christian Behrendt auf einer Veranstaltung des Landwirtschaftlichen Vereins Halberstadt einen Tiefkulturpflug vor, der bald als “Wanzlebener Pflug” in den Rübenanbaugebieten Mittel- und Osteuropas bekannt und berühmt wurde.

Urkunde von der Weltausstellung 1873 in Wien für den Pflugfabrikanten Friedrich Behrendt (Inventarnummer: V:23/01/05/05) © Foto Dr. Th. Ruppel BMBU – Landkreis Börde

 

 

 

Auf der Weltausstellung 1873 in Wien erhielten die Brüder Friedrich und Christian Behrendt dafür die Verdienstmedaille. Die dazugehörige Urkunde von Friedrich Behrendt ist im Bestand der Sammlung des Börde-Museums.

 

 

 

 

Diese Pflüge verkörperten die maximal mögliche Entwicklung eines Gespannpfluges zur Erzielung der tiefen Bodenkultur. Seine Arbeitstiefe lag bei 35 cm. Der Gespannpflug wurde mittels Vorwagen, auch als sog. Pflug- oder Vorderkarre bezeichnet, geführt. Der Grindel des Pfluges wurde dazu am Vorwagen eingehängt. Durch unterschiedliche Anhängepositionen konnte die Arbeitstiefe bestimmt werden. Beim Pflügen fuhr der Vorwagen mit dem kleinere Rad (Landrad) auf dem noch ungepflügten Ackerstück, während das größere Rad (Furchenrad) durch den schon bearbeiteten Boden fuhr.

Die speziellen Scharform und die Winkelstellung bewirkten eine gute Zerkrümelung bei schweren Böden, wie sie in der Börde anstehen. An den Grindel des Pfluges konnte ein Vorschäler anmontiert werden. Er sorgte für die Auflockerung des oberen Teils des Bodens und somit für einer feineren Zerkrümelung.

Der Wanzlebener Pflug als Gespannpflug musste von vier Pferden oder zwei Ochsen gezogen werden. Die Arbeitsleistung lag bei 0,3 bis 0,5 Hektar pro Arbeitstag mit 12 bis 13 Arbeitsstunden! (1 Hektar entspricht 10 000 Quadratmetern).

 

Schon bald produzierten weitete Schmiede und Stellmacher Pflüge dieser Art:

 

  Christian Behrendt  

  1852 - 1880  

  Wanzleben  

  Wilhelm Refert/
  Friedrich Refert  

  1880 – um 1925              

  Wanzleben  

  Friedrich Behrendt 

  1852 - 1887      

  Wanzleben  

  Carl Schabon   

  1887 – 1893/94  

  Wanzleben  

  Jacob Schaeper  

  1893/94 – um 1915  

  Wanzleben  

  Thiele    

  1868 - ?  

  Wanzleben  

  Otto Graf  

  um 1880  

  Wanzleben  

  Karl Kagelmann  

  um 1892  

  Klein Wanzleben  

  Andreas Hansen*  

  nach 1865 - ?  

  Klein Wanzleben  

  Laass  

  um 1861  

  Domersleben  

  H. Handge  

  um 1880  

  Sülldorf  

  Georg Pieper    

  um 1870 - ?  

  Altenweddingen  

  C. Finke             

  1880  

  Altenweddingen  

  Regner                          

  1868  

  Langenweddingen  

  Reinhard Br.Kayser &Co.      

  ? - 1884  

  Magdeburg  

  Carl Knoche  

  um 1868 – um 1880  

  Magdeburg  

  Paul Behrens    

  um 1880  

  Magdeburg  

  Lemier              

  1861 – um 1880  

  Magdeburg  

  Theodor Hinze  

  1880  

  Magdeburg  

  Förster              

  1868  

  Magdeburg  

  Carl Christianus  

  1880  

  Wolmirsstedt  

  Gödecke           

  1880  

  Borne  

  August Fricke   

  1880  

  Bottmersdorf  

  Paul Scholz  

  um 1875  

  Oschersleben  

  Friedrich Dehne  

  um 1880 – um 1900  

  Halberstadt  

  Hoffmeister  

  1880  

  Eilenstedt  

  Liebau und Köhler       

  1868  

  Quedlunburg  

  W. Siedersleben  & Co.  

  1871 – um 1880  

  Bernburg  

* Andreas Hansen war der Großvater des späteren Ummendorfer Museumsgründers Dr. Albert Hansen      

Die „Pflugfabrik Friedrich Refert“, vormals Christian Behrendt, in Wanzleben um 1900, Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/Wanzleber Pflug/eigenes Bildmaterial/originale Dokumente

 

 

Friedrich Behrendt konnte seine Pflüge erfolgreich verkaufen. Sein Betrieb wurde 1887 von Carl Schabon übernommen und 1893/94 von Jacob Schaeper bis zum Ersten Weltkrieg weitergeführt. Christian Behrendt verpachtete bereits 1880 seine Werkstatt an Friedrich Refert, der ebenfalls erfolgreich diesen Pflugtyp produzierte und vertrieb.

 

 

 

 

Katalog-Titelseite des Pflugherstellers Pieper (Altenweddingen) um 1900, Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/Wanzleber Pflug/eigenes Bildmaterial/originale Dokumente

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Produktion der Wanzlebener Pflüge ist aus heutiger Sicht allerdings mehr als handwerkliche Kleinserienproduktion zu verstehen. Jeder Pflug wurde in Handarbeit gefertigt. Wanzlebener Pflüge waren in den Rübenanbau-gebieten bis Ende des 19. Jahrhunderts bevorzugte Bodenbearbeitungsgeräte, die erst durch die größere Verbreitung der Dampfpflüge an Bedeutung verloren und lediglich für kleine Ackerflächen bis weit in das 20. Jahrhundert relevant blieben. Dennoch beeinflusste diese Pflugkonstruktion auch die weitere Entwicklung der späteren Traktorenpflüge. Mit den Erfahrungen, die bei der Verwendung der Wanzlebener Pflüge in Bezug auf den Schwarzerdeboden in der Magdeburger Börde gesammelt werden konnten, wurden in Wanzleben bei der Firma Refert auch Traktorenpflüge gefertigt. Ihre Besonderheit war der große Durchlass zwischen den Pflugscharen, die ein vollständiges Wenden des Bodens garantierte.

 

 

Katalogseite zu den Traktorenpflügen des Pflugfabrikanten Refert von 1939, Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/ Information-Refert /Material Refert I, >>Wanzlebener Schlepperpflüge „Schlückspecht“<<, Seite 6



Literaturnachweis

M. Häusler, J. Hoeft, Museums Landschaft. Die Museen des Landkreises Börde (Haldensleben 2010).

Th. Ruppel, Als die Börde boomte! Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung, 24.09.2007-25.05.2008.               Kleine Schriften aus dem Börde-Museum, Band 23 (Ummendorf 2008).

H. Nowak, Der sogenannte „Wanzleber Pflug“ als kennzeichnende Erscheinung in der agrarischen Gesamtentwicklung der Magdeburger Börde. Jahresarbeit im Fernstudium Volkskunde der Humboldt-Universität Berlin (Berlin 1969).

G. Ripke, Grosses Handbuch des Maschinenbaues Band II (Heinrich Killinger Verlagsgesellschaft mbH Nordhausen ohne Jahresangabe).                            

G. Fischer, Landmaschinenkunde. Nachdruck der Ausgabe von 1928 (Verlagsgruppe Weltbild GmbH Augsburg 2005).

Fr. Refert, Katalog Wanzlebener Schlepperpflüge „Schluckspecht“ (Wanzleben 1939).

 




 

 

 

SammlungsStück November 2015

 

 Ein Gürtel der vorrömischen Eisenzeit aus Hadmersleben

1950 stieß man bei Arbeiten am sog. Steilen Ufer bei Hadmersleben (Lkr. Börde, Sachsen-Anhalt) auf eine Urne mit Beigaben aus Bronze. Die Urne nebst Leichenbrand ging in der Folge verloren, die Bronzefunde hingegen verblieben zunächst in Hadmersleben. Erst 1959 erfuhr der Kreisbodendenkmalpfleger und Leiter des Börde-Museums Heinz Nowak von diesem Fund, als durch Sprengungen in der dortigen Kiesgrube drei weitere vorrömische Brandbestattung zutage traten.

 

Blick in die Kiesgrube und Bodeaue von SSW © H. Nowak BMBU – Landkreis Börde

 

Eine von diesen übertraf den ersten Fund durch seine Fülle von Bronzeobjekten. Außerdem konnte in diesem Fall zwar nicht mehr der Leichenbrand sichergestellt werden, aber immerhin eines der Keramikgefäße, welches diesen vermutlich beinhaltete. Zu der Grabausstattung gehörte: ein Armring mit breiten Rippen, Fragmente von wenigstens sechs Segelohrringen, zwei tordierte Bronzedrahtstücke, Teile eines Gürtels sowie zwei Drahtfibeln (Mittellaténeschema), die zur Fixierung von Gewandstücken dienten.

   

Armreif aus Bronze und Keramik


1  

 Den Gürtel, das Prunkstück aus diesem Fundkomplex, und die anderen Funde, stellten Heinz Nowak und Thomas Voigt (Landesmuseum Halle) 1967 in einem Artikel vor. Bis zu diesem Zeitpunkt waren nur wenige solcher Gürtel bekannt und insbesondere ihre weite Verbreitung (von der dänischen Insel Bornholm im Norden bis nach Manching – bei Ingolstadt – im Süden) machten ihn zu einer besonderen wissenschaftlichen Entdeckung.

Vom Gürtel sind mehr als 20 einzelne Stücke aus Bronze erhalten. Das Zentrum bildet ein steigbügelförmiges Glied. Seitlich schlossen, wie die Rekonstruktionszeichnungen solcher Gürtel zeigen, die kreuzösenförmigen Applikationen an, an diesem Stück waren es wohl jeweils 6 pro Seite. Alle waren ursprünglich mit einem organischen Material wie Leder oder Stoff verbunden. Dabei befestigte man sie entweder auf einer breiteren Unterlage, oder das organische Material wurde durch die Ösen der Metallteile gezogen. Unterhalb des Mittelstücks befanden sich vermutlich die zopfartigen Glieder.  

Beim Hadmerslebener Fund sind Teile von 10 dieser Anhänger vollständig oder teilweise erhalten. Damit waren es wohl wenigstens drei Lagen, in denen sie nach unten hingen. Außerdem befindet sich unter den Objekten eine Öse mit zwei Anhängern. Da bei anderen Gürteln dieser Art Zierstücke am unteren Abschluss des Gehänges angebracht waren, könnte die Öse hier als Überrest dieser Zier ausgelegt werden.

 

Rekonstruktionsanordnung des Hadmerslebener Gürtels © N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

 Auf Grund der Ähnlichkeit in Machart und Format bleibt zu hinterfragen, in welchem Verhältnis der ebenfalls dort gefundene Ring mit Öse zu diesem Gürtel steht. Vorstellbar wäre, dass dieser auf der gegenüberliegenden Seite des Mittelgliedes angebracht war und als Verschluss diente. Auch die Position der zwei astralgalförmigen Applikationen wurde bis dato nicht thematisiert. Sie könnten Zierelemente am Verschluss sein oder aber seitlich des Mittelgliedes rekonstruiert werden.

Bereits 1936 wurden Teile eines solchen Kleidungsstückes in Manching entdeckt. Bei dem Fundkontext handelte es sich allerdings nicht um ein Grab, sondern um eine befestigte Siedlung – ein sog. keltisches Oppidum. Die große Ähnlichkeit der beiden Stücke führte dazu, dass Andreas Schäfer diese Gürtelart 2007 als Variante Manching/Hadmersleben bezeichnete und die schon vorher mehrfach formulierte Hypothese, dass diese Gürtel in Mittel-/Norddeutschland hergestellt wurden, weiter bekräftigte. Auch der Fund aus Manching datiert in die vorrömisch Eisenzeit, genauer in die sog. Laténezeit C 2 (220 – 150/120 v. Chr.).

 

Rekonstruktion des Fundes in Manching (nach Krämer 1961).

 

Im Rahmen von Forschungen und Fundpublikationen von Objekten aus der Region Hannover befasste sich auch Erhard Cosack mit diesen Gürteln. Unter den von ihm vorgestellten zahlreichen Neufunden befanden sich nicht nur vergleichbare Gürtelteile, sondern auch Gussformen, die u. a. unterhalb der Barenburg zu Tage traten. Solche Gussformen benötigte man zur Herstellung von Bronzeobjekten. Cosack nahm daher an, dass in der Region Hannover diese Gürtel hergestellt wurden und bezeichnete sie fortan nach einem der Fundorte als Typ Amelungsburg.

Im Hinblick auf die Verbreitung dieses Gürteltypus sollten auch die Fundorte in anderen Regionen an dieser Stelle Erwähnung finden: Dazu zählen neben Hadmersleben (Ldkr. Börde, Sachsen-Anhalt), Manching (Ldkr. Pfaffenhofen, Bayern), Amelungsburg (Region Hannover, Niedersachsen), Nylasker (Bornholm, Dänemark) und Barenburg (Region Hannover, Niedersachsen) auch Sorsum (Ldkr. Hildesheim, Niedersachsen), Deister (Region Hannover, Niedersachsen), Auleben (Kr. Nordhausen, Thüringen), Winkelstedt (Altmarkkreis Salzwedel, Sachsen-Anhalt), Schollene (Ldkr. Stendal, Sachsen-Anhalt) und Körner (Unstrut-Hainrich-Kreis, Thüringen).

Bei etwa der Hälfte der Fundorte traf man die Gürtel, wie beim Fund aus Hadmersleben, bei Brandbestattungen an. Auf Grund der Vergesellschaftung der Gürtel in Frauengräbern des Mittelgebirgsraumes werden sie als Kleidungsbestandteil von Frauen gedeutet. Dafür spricht auch die Beigabenzusammensetzung im Grab aus Hadmersleben, bei dem es sich ausschließlich um Schmuck und Gewandbestandteile handelt. Waffen, die oftmals in Männergräbern angetroffen werden, gibt es hingegen nicht.

Bildliche Darstellungen oder schriftliche Quellen, die uns mehr über den Kontext, in dem solche Schmuckstücke getragen wurden, verraten könnten, fehlen in Mitteleuropa in dieser Zeit. Schon auf Grund der Menge an Metall, die für das Stück aufgewendet wurde, kann allerdings geschlossen werden, dass es kein alltäglicher Gegenstand war.

 

Literatur:

BMBU Archiv –Bodendenkmal/Hadmersleben.

BMBU Archiv – Fundkartei.

E. Cosack, Latézeitliche Fundhorizonte auf den Höhen der »niedersächischen Mittelgebirge« und deren Interpretation vor dem historischen Hintergrund ihrer Zeit.                      Jahrbuch des RGZM. Bd. 54 (Mainz 2007) 297–394.

W. Krämer, Ein außergewöhnlicher Laténefund aus dem Oppidum von Manching. In: G. Behrens – J. Werner (Hrsg.)                                                                                       Festschrift zum 75. Geburtstag von Paul Reinecke am 25. September 1947 (Mainz 1950) 84–95.

W. Krämer, Fremder Frauenschmuck in Manching. Germania 39, 1961, 305–322.

H. Nowak – Th. Voigt, Ein spätlaténezeitlicher Gehängeschmuck aus Hadmersleben, in: Ausgrabungen und Funde, Bd. 12, Heft 1/1967, 32–37.

Th. Ruppel, Die archäologischen Sammlungen im Börde-Museum Burg Ummendorf. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt"N.F. 7 (Halle a. d. Saale 2014) 373–381.

A. Schäfer, Nördliche Einflüsse auf die Laténekultur. In: S. Möllers – W. Schlüter – S. Sievers (Hrsg.), Keltische Einflüsse im nördlichen Mitteleuropa während der mittleren und jüngeren vorrömischen Eisenzeit. Akten des Internationalen Kolloquiums in Osnabrück vom 29. März bis 1. April 2006. Kolloqu. Vor- u. Frühgesch. 9 (Bonn 2007) 347–360.

http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=18940 (Stand: 9.11.2015).


 

 

 

SammlungsStück Oktober 2015

 Schnabelhaube zur Tracht in der Magdeburger Börde

Seitenansicht mit namensgebender Schnabelform © Foto S. Vogel - BMBU Landkreis Börde

 

 

 

Inv.-Nr.: V:13/03/01/8240

Inv.-Nr. museum-digital: BMBU 2010-228

Länge: 230 mm, Breite: 150 mm, Höhe: 145 mm

Erste Hälfte 19. Jahrhundert, aus Schwaneberg

 

 

 

Im Sammlungsbestand des Börde-Museums Burg Ummendorf befindet sich mit rund 250 einzelnen Trachtteilen ein durchaus umfänglicher und repräsentativer Bestand an Kleidungsstücken zur ländlichen Festtagskleidung der Magdeburger Börde aus dem 19. Jahrhundert. Darunter gibt es auch 51 Kopfbedeckungen der Frau, die sogenannten Schnabelhauben. Benannt sind diese Hauben nach ihrer auffallenden Form, die an einen Vogelschnabel erinnert. Drei Spitzen – in den Grundkörper aus Pappe eingearbeitet – ragen sowohl auf die Stirn als auch jeweils rechtsund links auf die Schläfen. Weiteres kennzeichnendes Merkmal sind die nach hinten lang herabhängenden Bänder, die je nach Machart aus Seiden- oder Samtstoff bestehen. Markant ist auch die dekorative Haubenrückseite, mit Stickereien und Applikationen aus unterschiedlichen Materialien versehen. Eher selten überliefert sind Schnabelhauben, die heute noch in ihrer originalen Ausführung vorliegen und keine nachträgliche, sekundäre, Veränderung zu einem späteren Zeitpunkt erfahren haben. Solch eine unveränderte Kopfbedeckung ist im Museumsbestand u.a. aus Schwaneberg vorhanden, die 1984 als Schenkung in die Sammlung gegeben wurde.  

Innenansicht mit Leinenfutter, Längsnaht und Weitenregulierung © Foto S. Vogel - BMBU Landkreis Börde

Die Trachthaube besteht aus einem der vormaligenTrägerin angepassten Papp-Haubenkörper mit den bereits oben beschriebenen geschwungenen Spitzen. Innen ist die Kopfbedeckung mit einem gröberen Leinenstoff ausgekleidet. Die vorhandene Mittelnaht, die von der vorderen Spitze bis an den hinteren Rand ausgeführt ist, findet sich ebenfalls als Charakteristikum bei der Haubenfertigung. Ein an der Unterkante durchgezogenes dunkelbraunes schnürsenkelartiges Band ermöglicht die Weitenregulierung. Außen, entlang der Spitzenkonturen der Haube verläuft generell ein Besatzband, in diesem Falle ein 120 mm breites, schwarzes, randgemustertes Seidenband. Der jeweils 35 mm breite Randzierstreifen zeigt eingewebte stilisierte blattwerkbestückte Ranken.  Die Rückseite der Schnabelhaube ist mit einem sogenannten Haubenspiegel versehen, der häufig, wie auch hier, mit einem schwarz-braunen bestickten Samtstück gestaltet ist. Auch hier wurde – wie bei der Mehrzahl vorliegender Originalhauben – ein florales Motiv ausgewählt, das an einer senkrechten Achse gespiegelt erscheint. Stickereien aus silbergrauen und goldfarbenen Metallfäden, aufgebrachte silbergraue Pailletten und Metallblechstanzmotive in rosaroter Farbe, in zwei Größen ausgeführt, zudem einige wenige kleine türkise Blechteile zieren diese Haube. Anhand der sichtbaren Fäden, die keine Applikationen mehr fixieren, wird erkennbar, dass bereits einige Zierteile fehlen. Dies wird besonders an der ausgestanzten größeren Blüte in rosa deutlich. Die langen Haubenbänder, die meist bis zur Höhe der Oberschenkel auf den Trachtenrock reichen, sind bei der hiesigen Schnabelhaube ebenfalls 120 mm breit und wie der Konturenbesatz aus schwarzer randgemusterter Seide selben Randmotivs.  

Rückseite mit besticktem Haubenspiegel © Foto S. Vogel - BMBU Landkreis Börde


 

Nach etwa 300 mm von der Unterkante der Kopfbedeckung werden die anfangs einlagig geführten Haubenbänder mit je einem weiteren zur Schlaufe gelegten und auf ganzer Breite angenähtem identischem Seidenband ausgestattet. An dieser Stelle sorgt ein Haken-Öse-Verschluss für die Verbindung beider Stränge. Beim Tragen der kompletten Tracht ist dadurch für den geordneten Fall über dem Schultertuch gesorgt. Die ganz herabhängenden Bänder sind lediglich gesäumt, haben also keine gesonderte Schmuckkante mit Fransen-Borte, wie von den Bänderhauben im Gebiet Halberstadt und Braunschweig an den Originalen überliefert wurde.

 

 

 


Gesamtansicht mit langen Haubenbändern© Foto S. Vogel - BMBU Landkreis Börde

 

 

 

 

Die Ebenmäßigkeit der Hauben und die verwendeten Besatzbänder, die als sog. Meterware in Form von Fertigware des Handels bezogen werden konnte, lassen es naheliegend erscheinen, dass die Schnabelhauben von einem professionellen Gewerk wie der Putz- oder Mützenmacherin angefertigt wurden. Im „Historisch-geographisch-topographischen Handbuch vom Regierungsbezirke Magdeburg. Erster, oder allgemeiner Theil.“ aus dem Jahr 1843 wird von den Autoren Hermes und Weigelt in einer tabellarischen Aufstellung im Kapitel „D. Der Gewerbebetrieb im Allgemeinen“ aufgeführt, dass für das Jahr 1819 für die Region 50 Putzmacherinnen und für das Jahr 1840 bereits 122 in diesem Handwerk tätige Personen zu verzeichnen sind. Dies zu einer Zeit, in der u.a. die Bördetracht ihre stärkste Ausprägung und ihren Zenit erlebte, bis dann ab der Zeit um 1870 die ländliche Festtagstracht nach und nach, nicht zuletzt durch den wirtschaftlichen Aufschwung der Magdeburger Börde in Verbindung mit Zuckerrübenanbau und -verarbeitung, abgelegt wurde. Auch der deutliche Anstieg der Arbeitskräfte im Schneiderhandwerk (2838 Meisterim Jahr 1819 und 3495 im Jahr 1840 sowie eine nahezu Verdreifachung der Gehilfen und Lehrlinge in diesem Gewerbe legt die Vermutung nah, dass auch weitere Trachtteile wie Tausendfaltenrock und jackenartiges Mieder der Frau und nicht zuletzt Männerjacke, -hose und der als Rock bezeichnete Mantel Auftragsarbeiten beim ortsansässigen Schneider waren.

Die Originalität der Bördetracht-Haube veranschaulicht nicht nur den allgemeingültigen Schnitt und die Machart der festtäglichen Kopfbedeckung in der Börde von etwa 1815 bis um 1870, sondern ist ebenso eine angemessene Vorlage für möglichst authentische Nachfertigungen im Rahmen von Trachten-, Brauchtums- und Heimatvereinen der Neuzeit. Da es nur ganz wenige historische bildliche Darstellungen gibt, die das Aussehen der regionalen Tracht nachvollziehen lassen, sind die im Museum verwahrten Originalstücke von besonderer Relevanz und Wertigkeit. Auch Daguerreotypien (erste fotografische Aufnahmen auf spiegelglatt polierter Metalloberfläche aus Kupfer) liegen so gut wie gar nicht vor, da zum Beginn der Fotografie schon die Endphase der Trachtepoche des 19. Jahrhunderts in der Börde in vollem Gange war. Bei späteren Aufnahmen, aus der Zeit des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts, die noch vielfach vorliegen, handelt es sich hingegen um Aufnahmen, die die Wiederbelebung des Tracht tragens, initiiert durch Heimatvereine und Trachtengruppen, aus der mündlichen Überlieferung reflektieren und nur noch bedingt das Wissen um die ursprüngliche Kombination der Trachtteile zeigen. Dies wird u.a. deutlich durch die Verquickung von ländlicher Tracht Mitte des 19. Jahrhunderts und Kleidungsstücken der sog. städtischen Gründerzeitmode (ab1880), die zusammen in einem Ensemble, angezogen sind.

 

 

 

 

 

 

Quellen und Literatur:

Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf, Kleidung und Tracht Statistische und inhaltliche Auswertung der Bestandssichtung von rund 500 Trachtteilen in 10 Museen der Region 1997/98.

E. Duller, Das deutsche Volk in seinen Mundarten, Sitten, Gebräuchen, Festen und Trachten (Leipzig 1847).

R.Hecht, Über die Volkstracht auf den Magdeburgischen Dörfern. Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg 42, 1907, 240-254.

J. A. F. Hermes – M. J. Weigelt, Historisch-geographisch-statistisch-topographisches Handbuch vom Regierungsbezirk Magdeburg. Erster, oder allgemeiner Teil (Magdeburg 1843).

H. Mehl, Trachten. Die vier größten Missverständnisse. In: Trachten Spezial. Schleswig-Holstein, Kultur-Geschichte-Natur, H. 7-8, 10-14 (Husum 1995).

 

H. A. Pröhle, Chronik von Hornhausen (Oschersleben 1850).

 

E. Stegmann, Atzendorfer Chronik von Samuel Benedikt Carsted. Geschichtsquellen der Provinz Sachsen und des Freistaates Anhalt, Bd. 6 (Magdeburg 1928).

 

Th.Ruppel – S. Vogel, Ländliche Festtagskleidung aus dem 19. Jahrhundert in der Deuregio Ostfalen. Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung (Ummendorf 1998).

https.//wikipedia.org/wiki/Daguerreotypie

http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=25304

 

 

 

 

SammlungsStück September 2015

Gartentisch aus Sandstein (1791)

Gartentisch Inv.-Nr. BMBU 2009-1478 © Foto Th. Ruppel-BMBU

 

 

Inv.-Nr.: BMBU 2009-1478

Tischplatte: 157x 94 cm, Stärke 12 cm;

Tischhöhe 76 cm;

Außenmaß des Tischsockels: 119 x 58cm;

Maße der Bodenplatte: 114 x 51cm

 

 

 

Im Burghof des Börde-Museums findet man als Besucher zahlreiche Objekte aus Sandstein. Dazu gehört auch ein Gartentisch, der seit 1972 im Museum ausgestellt ist. Dieses Exponat verweist schon durch sein Material auf die Geschichte der lokalen Sandsteinbrüche. Bereits im 18. Jahrhundert wurde in der Region der Rhätsandstein an der oberen Aller gebrochen und erlangte eine überregionale Bekanntheit, was darin begründet lag, dass Friedrich der Große (1712-1786) am 6. Juni 1754 ein Gesetz erließ, welches besagt, dass nur preußische Rohstoffe und Materialien genutzt werden dürfen. In dieser Zeit konnte man also nicht auf den qualitativ hochwertigen Elbsandstein zurückgreifen und musste Alternativen innerhalb Preußens suchen. Dazu zählte der Sandstein der oberen Aller, der heute an zahlreichen repräsentativen Bauten in Deutschland vorzufinden ist: z. B. am Magdeburger Dom (aus den sog. Domkuhlen bei Seehausen) wie auch an der Kolonnade des „Neuen Palais“ im Schlosspark Sanssouci. Der Ummendorfer Steinbruch war zu dieser Zeit noch nicht erschlossen. Er wurde 1783 von Georg Christoph Leithold(t) (1738-1803) geöffnet.

Leithold(t) wirkte jedoch schon zuvor in der Region. Aus der Acta des Jungfräulichen Klosters Meyendorff wird deutlich, dass 1778 das Gut Goehringsdorff (Gehringsdorf) an den Herrn Inspektor Georg Christoph Leithold verpachtet wird. Doch schon bald scheint er sich nach einem anderen Standort für einen Steinbruch umgesehen zu haben und öffnete 1783 jenen etwas außerhalb von Ummendorf. Dieser blieb nach Modernisierungen bis Anfang der 1960er-Jahre in Betrieb.  

Eine erneute Materialgewinnung folgte in den 1990er-Jahren durch eine süddeutsche Firma. Als unbewirtschafteter Steinbruch ist er noch heute vorhanden.

 

Gartentisch Inv.-Nr. BMBU 2009-1478 © Foto S. Vogel - BMBU Landkreis Börde

 

Die Initialen G. C. L. finden sich auch auf einer der Längsseiten des Gartentisches wieder. Dies ist jedoch nicht der einzige Bezug zum ehemaligen „königlichen Inspektor der Quadersteinbrüche im Magdeburgischen“. Hinzu kommt der ehemalige Standort des Tisches in Ummendorf. 1787 ließ sich Leithold(t) in Ummendorf nieder und erwarb ein Haus nebst Grundstück gegenüber der Burg. Von jenem Grundstück stammt auch dieser Tisch. Leithold(t) blieb bis zu seinem Tod 1803 in Ummendorf.

Neben den Initialen schmückt den Tisch an dieser Stelle zudem eine Mittelrosette und dort ist mit 1791 auch eine datierende Jahreszahl angegeben. Der Tisch hat ein Ausmaß von 1,57 x 0,94 m und eine Höhe von 0,76 m, die in den Boden eingelassene Steinplatte ist von dieser Höhenangabe natürlich ausgelassen. Sie bildet das Fundament, auf dem der Steintisch aufgestellt wurde. Die Tischplatte liegt dabei auf einem bogenförmig ausgehöhlten Steinblock auf. Die Tischbeine befinden sich an den vier Ecken des Blocks. Sie sind geschwungen und zeigen die typischen Elemente des Barock.

 

Literatur:

C. Juranek, Gärtnerische Wäldchen, Museen und Gartenkunst des 18. Jahrhunderts in Sachsen-Anhalt. Edition Schloß Wernigerode, Band 11, 2006, 218.

M. Häusler –J. Hoeft, Museums-Landschaft. Die Museen des Landkreises Börde (Haldensleben 2010) 48-50. 

 

http://www.museum-digital.de/nat/index.php?t=objekt&oges=127 (16.09.2015).

http://recherche.lha.sachsen-anhalt.de/Query/detail.aspx?ID=1064875. (16.09.2015).

http://boerde-museum-burg-ummendorf.de/Magdeburger-Boerde (16.09.2015).

 

 

 

SammlungsStück August 2015

Eine Münze der augusteischen Zeit im Börde-Museum

 

Am Ende des 19. Jahrhunderts fanden Arbeiter des Klosterguts Meyendorf (ca. 20 km westlich von Magdeburg) auf einer zum Gut gehörenden Obstplantage sechs römische Münzen gemeinsam mit dem Fragment einer bronzenen Schnalle. Der Fund blieb zunächst in Privatbesitz und wechselte wohl wenigstens einmal den Besitzer, bis er 1960 in das Börde-Museum (Inv.-Nr. BMBU IV:1185) gelangte. Zu diesem Zeitpunkt waren es nur noch fünf Münzen nebst Schnalle. Der Verbleib der sechsten Münze ist unbekannt.

 

Abb. 1 – Foto des Münzfundes mit der heute verschollenen Münze (BMBU Archiv – Hansen)


Das Zeitfenster, aus dem die Münzen stammen, erstreckt sich von 20/10 v. Chr. bis ca. 235 n.Chr. Die Münze, die spätestens 235 geprägt wurde, ist hier die sog. Schlussmünze. Es handelt sich um einen Sesterz* der Julia Mamaea Augusta, die die Mutter des Kaisers Severus Alexander (208 – 235 n. Chr.) war.

Dr. Albert Hansen (ehem. Museumsleiter in Ummendorf) stellte diese Münzen 1931 erstmals in einem kurzen Artikel vor. Er vermutete, dass es sich hier um Beigaben einer Bestattung handelte, konnte die näheren Fundumstände nachträglich aber nicht mehr ermitteln. Bei der Mehrzahl von Fundkontexten, in denen mehrere Münzen angetroffen werden, handelt es sich jedoch meist um „Deponierungen“, die dadurch zu Stande kamen, dass Menschen ihre Wertsachen zum Schutz verstecken mussten (vergruben), später aber nicht mehr bergen konnten.

In der römischen Kaiserzeit war die Münze als Zahlungsmittel fest etabliert. Auf Handelswegen gelangten sie in das sogenannte „Germania magna“ (Freies Germanien), zu dem auch der heutige Landkreis Börde gehörte. Es gab unterschiedliche Wertigkeiten der Münzen, die von Material und Gewicht abhingen. Aus Gold bestand der Aureus; den Denar fertigte man aus Silber; Messing verwendete man für Sesterz und Dupondius; Kupfer und Bronze für den As. Der sog. As hat dabei den niedrigsten, der Aureus den höchsten Wert.

Römische Münzwerte

  1 Aureus   

  25 Denare  

  100 Sesterze  

  200 Dupondien  

  400 Asse  

     

  1 Denar   

  4 Sesterze  

  8 Dupondien  

  16 Asse  

     

     

  1 Sesterz*  

  2 Dupondien  

  4 Asse  

     

     

     

  1 Dupondius  

  2 Asse  

 

Im Folgenden soll die älteste Münze aus diesem Fundkontext vorgestellt werden. Sie ist aus Bronze, hat ein Gewicht von 13 g und einen Durchmesser von 2,6 cm.  

Weitere Informationen über Zeitstellung und Herkunft geben die Verzierungen und die Beischriften auf der Münze an.

Abb. 2 – Vorderseite der Münze mit Agrippa und Augustus © Foto: Nadine Panteleon – BMBU Landkreis Börde

 

 

Auf der Vorderseite sind zwei männliche Köpfe im Profil dargestellt. Beide sind voneinander abgewandt. Es handelt sich hierbei um Porträts von Agrippa (64/63 – 12 v. Chr.) und Augustus (63 v. Chr. – 14 n. Chr.). Augustus (li.) trägt keinen weiteren Schmuck. Agrippa (re.) zeichnet jedoch ein Lorbeerkranz aus, der auf der Stirnseite in einen Schiffsbug ausläuft. Als Beischrift ist das Kürzel IMP (Abk. Imperator) vorhanden. Diese Münzprägung ist mehrfach überliefert, jedoch findet sich unterhalb der beiden Köpfe in der Regel eine weitere Beischrift (DIVI F[ilius]), die hier fehlt.

 

Abb. 3 – Rückseite der Münze mit Krokodil und Palme © Foto: Nadine Panteleon – BMBU Landkreis Börde


 

 

 

Auf der Rückseite ist das geprägte Bild nur teilweise erkennbar. Dargestellt ist ein Krokodil mit geöffnetem Maul, das nach rechts orientiert ist. Es ist an eine Palme angekettet, die im Hintergrund zusehen ist und an der ein Kranz hängt. Links und rechts der Palme befindet sich die Beischrift COL[onia] NE[mausus]. Geprägt wurde die Münze, wie das Motiv und die Beischrift angibt, in diesem Fall nicht in Rom, sondern in der römischen Kolonie Nemausus (heute: Nîmes, Frankreich). Dieses Motiv ziert noch heute das Wappen der Stadt.

 

 

Für eine Interpretation dieser Darstellung existieren mehrere Hypothesen. Am häufigsten wird das Krokodil als eine Allegorie auf Ägypten gelesen, das nach der Schlacht bei Actium (31. v. Chr.) unter römische Herrschaft fiel und zur Provinz Aegyptus wurde. Das angekettete Krokodil setzt man damit gleich mit dem „in Fesseln gelegten Ägypten“.           

 

 

Literatur:

BMBU Archiv – Nachlass Hansen/Münzen

A. Hansen, Ein Grabfund römischer Münzen bei Meyendorf und andere Münzfunde in Ostfalen.                                                                                                         In: Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg Band 66/67, 1931/1932, 164–166.

A. Hansen, Ein Grabfund römischer Münzen bei Meyendorf und andere römische Funde in Ostfalen. In: Frankfurter Münzzeitung N. F. 4, 1933, 2–3 Nr. 37.

A. Hansen, Zusammenstellung der römischen Münzfunde in Ostfalen, Abhandlung und Berichte, Magdeburg 5, 1928, 305–338. 

K. Schirwitz, Germanische, keltische und römische Münzen aus Mitteldeutschland, Germania 30, 1952 Heft 1, 46–55.

G. Neumann - H.-J. Kellner, Die keltischen Münzfunde in Mitteldeutschland, in: Ausgrabungen und Funde 11, 1966, 253–260.

 

 

Vergleiche:

J.-B. Giard, Nîmes sous Auguste, Schweizer Münzblätter 82, 1971, 68-73 (Gruppe 1, 28/27-9 v.Chr.).

A. Hansen, Zusammenstellung der römischen Münzfunde in Ostfalen, Abhandlung und Berichte, Magdeburg 5, 1928, 310 Lfd. Nr. 10 (As-Fund in Tangermünde).

RIC I² Nr. 157 (ca. 20-10 v. Chr., As?).

RPC I Nr. 523(ca. 16/15?-10 v. Chr., Dupondius).

http://ww2.smb.museum/ikmk/object.php?id=18215367 (08.07.2015).

 

 

 

SammlungsStück Juli 2015   

Kumpffragmente der Linienbandkeramik

 

1935 und 1936 wurden bei Aushubarbeiten für einen Silo und eine Jauchegrube auf einem Bauernhof in Wormsdorf Fragmente der Linienbandkeramik (Abk. LBK) gefunden. Die Keramik befand sich in einer Tiefe von ca. 1,60-1,75 Metern. Der Bauer übergab sie dem damaligen Leiter des Börde-Museums Dr. Albert Hansen.  

Durch diese Funde angeregt, führte er im Oktober 1938 eine kleine Ausgrabung in unmittelbarer Nähe durch (Abb. 1). Dabei fand er neben weiteren Fragmenten von Linienbandkeramik auch Objekte aus anderen Zeitabschnitten (Inv. Nr. IV:1351-1397).

 

Abb. 1 – Skizze des Geländes von Dr. A. Hansen (nach A.Hansen, Ein sechstausend Jahre alter Ort, in: Heimatblatt für das Magdeburgische Holzland, für die Börde und Heide. Beilage zum Wochenblatt, hrsg. vom Aller- und Holzkreisverein, Nr. 3, Haldensleben 3. März 1939.)

 

 

Die Linienbandkeramik (Abb. 2-4) datiert in das Frühneolithikum. Der Beginn des Neolithikums wird durch den Wechsel der Lebensweise von Jägern und Sammlern zu sesshaften Bauern mit Viehzucht und Pflanzenanbau definiert.  

In Mitteldeutschland setzt dieser kulturelle Einschnitt zwischen 5500 und 5000 v. Chr. ein. Der Übergang in die nachfolgende Bronzezeit datiert an das Ende des 3. Jahrtausends v. Chr. Es wird durch die einsetzende Verarbeitung von metallenen Rohstoffen, allen voran Kupfer, zur Legierung „Bronze“ bestimmt.

 

 

Abb. 2 – 3 – Linienbandkeramik aus Wormsdorf (Inv. Nr.IV:1358/B277, IV:1352) © Foto: N. Panteleon BMBU Landkreis Börde

 

Die Linienbandkeramik datiert zwischen ca. 5500 und 4800 v.Chr. Namensgebend für diese Keramikgruppe ist ihre Dekoration mit aus Linien gebildeten, eingeritzten Ornamenten (Abb. 2-4). Sie formen kurvige und winklige Bandmuster, die oftmals spiralartig angeordnet sind. Die Ornamente können zusätzlich mit Punkten oder Strichen gefüllt sein.

Die Standardform der Linienbandkeramik ist der bowlenförmige Kumpf (Abb. 2), der jedoch in unterschiedlichen Ausmaßen auftritt. Die Kümpfe aus Wormsdorf kennzeichnet ein runder Boden, eine oben leicht enger werdende Gefäßöffnung und eine geglättete Oberfläche. Dies spricht für eine Einordnung in die „entwickelte LBK“ (Stufe 3).  Auch die Art der Ritzungen wirken fortschrittlicher im Vergleich zur älteren LBK.  Dabei liegen zwei verschiedene Arten von Füllstichen im Material aus Wormsdorf vor:  In den Ornamentbändern von Inv. Nr.IV:1358/B277 und 1352 befinden sich runde, teils unregelmäßige Einstichen (Abb. 2-3). Inv. Nr. IV:1358b und IV:1366/B278 (Abb. 4) haben hingegen tropfenförmige, diagonal orientierte Füllstiche.

 

Abb. 4 – Anpassende Fragmente von einem großformatigen Kumpf(Inv. Nr. IV:1366/B278) © Foto: N. Panteleon BMBU Landkreis Börde

 

 Besonders hervorzuheben an den Beispielen aus Wormsdorf sind zwei Merkmale, die schon andernorts aufgetreten sind. So weisen die Fragmente von Inv. Nr. IV:1358/B277 (Abb. 3) zusätzlich zu den Ritzungen auch Farbauflagen auf. Diese Bemalung hat einen roten Farbton. Es existieren aber auch Beispiele, die mit schwarzer oder weißer Farbe bemalt sind. Am ergänzten Kumpf Inv. Nr. IV:13532 (Abb. 2) ist außerdem ein Loch, ca. 2 cm unterhalb der Gefäßmündungskante erkennbar. Dabei kann es sich um ein sog. „Flickloch“ handeln, welches in ein gebrochenes Gefäß gebohrt wurde, um es zu reparieren.

 

Literatur:

BMBU – Archiv: Bodendenkmäler / Wormsdorf.

 

R. Einicke, Linienbandkeramik. In: H.-J. Beier – R. Einicke (Hrsg.), Das Neolithikum im Mittelelbe-Saale-Gebiet und in der Altmark. Beitr. Ur- und Frühges.                          Mitteleuropas 4 (Wilkau-Hasslau 1994) 27–47.  (mit weiterführender Literatur)

 

A. Hansen, Ein Sechstausend Jahre alter Ort, in: Heimatblatt für das Magdeburgische Holzland für die Börde und Heide. Beilage zum Wochenblatt, hrsg.                                           Vom Aller- und Holzkreisverein, Nr. 3, Haldensleben 3. März 1939.

H. Meller (Hrsg.), Lebenswandel: Früh- und Mittelneolithikum. Begleithefte zur Dauerausstellung im Landesmuseum für Vorgeschichte Halle Bd.3. (Halle/Saale 2008) 15–22.

 

 

 

 

SammlungsStück Juni 2015 (2. Teil)  

IFA W 50

IFA W 50 des Börde-Museums Burg Ummendorf © Foto und Bearbeitung: U. Schmidt

 

Am 17. Juli 1965 rollte der erste W 50 in Ludwigsfelde vom Band, Grund für das Börde-Museum in diesem Jubiläumsjahr unseren W 50 näher zu betrachten. Die Geschichte des W 50 beginnt im sächsischen Werdau und ist die Weiterentwicklung des S 4000-1.

Schon bei der LOWA- Busproduktion tritt die Bezeichnung W 500 auf. Das W steht für Werdau und war auch als Signet am Kühlergrill zu finden. Mit der Übergabe der Produktion des  S 4000-1 von Zwickau nach Werdau kamen auch die Zwickauer Pläne zu einem modernen 4,5 Tonnen LKW dort hin.

So wurde aus dem Zwickauer Projekt S 4500 aus dem Jahr 1956 (H 4)  der W 45 (Werdau 4,5 Tonnen Nutzlast). Ihn gab es in zwei Ausführungen, als Hauber- und in der modernen Frontlenkervariante. Bei beiden Varianten wurde darauf geachtet, so viel wie möglich an Fahrerhausteilen identisch zu fertigen, um sie bei beiden Varianten verwenden zu können. Die Frontlenkervariante wies starke Ähnlichkeit mit vorhandenen Konstruktionen von Leyland, Bedford oder Dodge auf, die durchaus zeitgemäß und ästhetisch waren.

 

Verschiedene Umstände ließen diese Entwicklungsarbeiten, die bereits im Oktober 1958 in Werdau aufgenommen wurden, immer wieder blockieren. Somit blieb der W 45 lange im Verborgenen.

 

Ein früher Entwurf für den S 4500/W 45. © Archiv Günther Wappler, Zwickau

Durch die Bildung Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) sollte eine effektivere Ausnutzung der Ackerflächen erreicht werden. Dieser fortschrittliche Gedanke stellte allerdings die Landwirtschaft vor neue Aufgaben, die anfangs schwer zu lösen waren. Ein großes Problem war das Transportproblem. Auf dem 7. Bauern-kongress vom 9. bis 11. März 1962 forderte Walter Ulbricht die Fahrzeugbauer auf, einen 3,5 Tonnen LKW mit Allrad für Straße und Gelände zu konstruieren, denn die Landwirtschaft gilt zu 50% als ein Transportunternehmen!

Als man in Werdau diese Forderung vernahm, war das die langersehnte Chance für den Werdauer W 45. Es wurde ein offener Brief an den Staatsratsvorsitzenden Ulbricht geschrieben, in dem erklärt wurde, dass man in Werdau in der Lage sei, den geforderten LKW sofort zu produzieren. Daraufhin soll Ulbricht gesagt haben: „Na, dann baut ihn!“.

 

Nun hatten die Werdauer offiziell grünes Licht, und bereits vier Wochen nach dem Bauernkongress rollte der erste W 45 in Hauberversion  zur Prüfstelle Bornim. Er konnte sofort überzeugen. Da die Straßenvariante eine Nutzlast von 5 Tonnen zuließ, erhielt der neue LKW jetzt die Typenbezeichnung W 50.

 

IFA W 50L Signet © Foto und Bearbeitung U. Schmidt/BMBU/ Landkreis Börde

 

 

IFA W 50L Signet © Foto und Bearbeitung U. Schmidt/BMBU/ Landkreis Börde

 

Bis Ende 1962 waren weitere fünf Funktionsmuster fertiggestellt, drei wurden im praktischen Einsatz bei einer LPG im Kreis Meißen getestet. Mit viel Engagement brachten die Werdauer den W 50 schnell zur Serienreife, nur produzieren sollten sie ihn nicht mehr.

Da der Bedarf so groß war, musste ein neues Werk gebaut werden. In Werdau hatte man nicht den nötigen Platz, um neue  Montagehallen zu bauen. Am 21.Dezember 1962 beschloss der Ministerrat der DDR den Bau eines neuen Nutzfahrzeugwerkes in Ludwigsfelde. Es wurde das größte Fahrzeugwerk der DDR und für die Werdauer wahrscheinlich die größte Enttäuschung in ihrer Betriebsgeschichte.  

Mit der Einstellung des LKW-Baus wurden in Werdau Anhänger, Spezialaufbauten und Auflieger hergestellt. Auch das Gelände, das für das neue Werk zur Verfügung stand, hat eine lange Geschichte. In den 1930er Jahren war Ludwigsfelde ein kleiner unbedeutender Ort in der Genshagener Heide. 1936 errichtete die Daimler Benz AG auf 375 Hektar hier das größte und modernste Flugzeugmotorenwerk in Deutschland. Nach der Gründung der DDR wurde der Betrieb wieder neu aufgebaut.                                                                          Im Dezember 1952 begann die Produktion von Schiffsdieselmotoren im neuen IWL (Industriewerk Ludwigsfelde).

Am 5.Juni 1964 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung für die neue Montagehalle.  Mit 72 000 qm war sie die größte Industriehalle, die in der DDR gebaut wurde. IWL erhielt nun einen neuen Namen, VEB Automobilwerk Ludwigsfelde. Bereits im April 1965 verließen die beiden ersten W 50 der Vornullserie die Bänder. Am 1.Juli 1965 begann die Serienproduktion. Mit der Produktion des W 50 stiegen die Mitarbeiterzahlen bis 1988 auf 9760! Der W 50, für die Landwirtschaft gefordert, erwies sich in allen Bereichen als zuverlässiges und robustes Nutzfahrzeug. 

Obwohl es die Landwirtschaft war, die den Bau des W 50 ermöglichte, musste der Wirtschaftsbereich vier Jahre länger auf diesen neuen LKW warten. Doch das Warten hatte sich gelohnt, denn mit dem W 50 LAZ stand der Landwirtschaft ein per Allrad getriebenes Fahrzeug zur Verfügung mit einer zulässigen Anhängelast von immerhin 16 Tonnen! Damit konnte dieser LKW zwei Anhänger mitführen. Beim Kippvorgang der Zweiseitenpritsche öffneten und schlossen die Kippklappen automatisch. Mit relativ wenigen Handgriffen ließ sich die Kipperpritsche abnehmen und es konnten Düngerstreuer oder Pflanzenschutzspritzen montiert werden.

Auch im Winterdienst wurde der W 50 mit Schneepflug und umgebauten Düngerstreuer auf unseren Straßen eingesetzt. Den Allrad-W50 gab es in der Ausführung LAK (Lastwagen Allrad Kipper) und LAZ (Lastwagen Allrad Zugmaschine). Weiterhin unterschieden sich die Fahrzeuge in der Bereifung. So gab es den LAK/LAZ mit Hochdruckbereifung und Zwillingsrädern auf der Hinterachse oder mit Niederdruckbereifung, sogenannten Ballonreifen. In Fahrerkreisen wurden diese W 50 respektvoll „Bulle“ oder „Bullenfuffi“ genannt. Für die Geländefahrt hatte der Allrad-W 50 einiges zu bieten. Über einen seitlichen Hebel war Allrad zuschaltbar. Sollte es schwieriger werden, konnten mit dem gleichen Hebel das Getriebe gesperrt werden. Beide Gelenkwellen zu den Achsen drehten dann gleichmäßig. Sollte das nicht reichen konnte pneumatisch über zwei Lufthähne auf der Mittelkonsole des Armaturenbrettes beide Achsen unabhängig voneinander gesperrt werden. Mit der Sperrung des Differentials drehten alle Räder jeder Achse gleichmäßig. Generell besaß der W 50 LA eine hydraulische Lenkhilfe.

 

© Foto. U. Schmidt /BMBU/ Landkreis Börde

 

 

Ein W 50 LAZ 2SK5-ND (W 50 Lastwagen, Zugmaschine, Zweiseitenkipper, 5 Tonnen Nutzlast, Niederdruck bereift), wie er oft in der Landwirtschaft eingesetzt war, bei einem Oldtimertreffen in Magdeburg 2014. Ein echter Bullenfuffi!

Der W 50 in unserer Sammlung ist ein LK3SK, also ein Lastwagen, Kipper, Dreiseiten und stammte  aus dem Jahr 1976. Auch diese Fahrzeuge waren stellenweise in der Landwirtschaft zu finden. Unser LKW war beim Kohlen- und Brennstoffhandel Oschersleben eingesetzt und gelangte gemeinsam mit einem S 4000-1 Dreiseitenkipper als Schenkung in den Museumsbestand. Da die Entstehung des W 50 auf Forderung der Landwirtschaft erfolgte, ist es für ein Museum, das die Entwicklung der Landtechnik in dieser Region dokumentiert, wichtig, diesen LKW in seiner Sammlung für die Nachwelt zu erhalten. Die Entscheidung, diese Schenkung anzunehmen, erwies sich als richtig, denn bis dato wurde dem Museum nie wieder so ein Fahrzeug angeboten. Die Produktion des W 50 wurde 1990 eingestellt. Weltweit wurde der W 50 in 52 Länder exportiert. Insgesamt verließen 398 726 die DDR.

Man kann heute sagen, dass er außer in Australien, auf allen Erdteilen zum Einsatz kam. Bis zum Produktionsende, 1990, verließen 571 789 Fahrzeuge in 60 verschiedenen Varianten das Werk. Davon waren 193 734 LKWs in der Allradausführung. Bis 2002 wurden alle W 50 verkauft, die letzten 500 gingen nach Vietnam. Allein diese Zahlen belegen, wie wichtig dieses Fahrzeug in der DDR war.

Am 27.Juni 1990 wurde der Betrieb umgewandelt in die IFA-Automobilwerk GmbH. Gleichzeitig siedelten sich auf dem Gelände mehrere Firmen an, wie Thyssen Umform-technik und Mercedes Benz. Im Februar 1991 lief der erste Mercedes NKW LN 2 vom Band. Von den einstigen 8500 Arbeitskräften waren in dem neu entstandenen Industriepark noch 4500 beschäftigt. Mit der Produktion von Mercedes lebt der Nutzfahrzeugbau in Ludwigsfelde fort.

 

 

Quellen:

Christian Suhr, Typenkompass DDR-Lastwagen (Motorbuch Verlag Stuttgart 2005).

Frank Rönicke - Wolfgang Melenk, Helden der Arbeit (Motorbuch Verlag Stuttgart 2002).

Günther Wappler, Geschichte des Zwickauer und Werdauer Nutzfahrzeugbaues (Bergstraße Verlagsgesellschaft mbH Aue 2003).

Günther Wappler, Der gebremste Lastkraftwagen-Die LKW W 50 und L 60 Produktion aus Ludwigsfelde                                                                                                          (Entwicklung-Produktion-Rrototypen (Bergstraße Verlagsgesellschaft mbH Aue 2003).

 

 

 

SammlungsStück Mai 2015 

Der Sachsenring S 4000-1

Der S 4000-1 in der Ausstellung des 2003 geschlossenen Kreismuseums Oschersleben © Fotoatelier Meike Kautschur

 

Schon sehr früh zeichnete sich in der Landwirtschaft der DDR ein großes Problem ab: zu geringe Transportkapazitäten. Durch eine intensiv betriebene Ausrüstung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) mit Lastkraftwagen versuchte man, das Problem zu lösen. Somit nehmen LKWs in landtechnischen Sammlungen neben Traktoren einen festen Platz ein.

 Am 1. April 1991 übernahm das damalige Museum Oschersleben eine landtechnische Sammlung. Unter den Exponaten befand sich auch ein H3A. Da dieser LKW ein langes Einsatzleben hatte und danach über mehrere Monate im Freien stand, war sein technischer Zustand sehr bedenklich. Im August 1991 schenkte das Oscherslebener Bauunternehmen Lothar Letz dem Museum Oschersleben drei LKWs, darunter ein sehr gut erhaltener S 4000-1.

Dieser LKW stammte ursprünglich von der Brauerei in Hadmersleben, wurde 1990/1991 ausgemustert und an die Straßenbaufirma Letz verkauft. Mit Einzug neuer Technik überließ Herr Letz den S 4000-1 dem Museum. Über mehrere Monate begannen die Mitarbeiter des Museums diesen LKW für die Ausstellung neu herzurichten. Dabei diente der H3A als Ersatzteilspender.  

  

Der Nutzfahrzeugbau in Werdau  

Der Fahrzeugbau der DDR hat lange Traditionen und ist verknüpft mit großen Namen wie, VOMAG, Horch / Audi, DKW, Wanderer und DIXI / BMW, um nur einige zu nennen.

Signet von Werdau © Fotos Uwe Schmidt BMBU

 

 

1866 gründeteder Schmied und Wagenbauer Hermann Schumann sein Unternehmen: „Wagenfabrik Hermann Schumann“, das neben Schmiedearbeiten auch Wagen aller Art herstellte.Firmensitz war im sächsischen Werdau, nahe bei Zwickau. Im Laufe der Zeit entwickelte sich das Unternehmen zur Hermann Schumann Aktiengesellschaft.                         Neu im Produktionsprogramm war der Bau von Eisenbahnwaggons, die auch in verschiedene Länder exportiert wurden.                                                                         Aus diesem Unternehmen ging die LOWA (Lokomotiv- und Waggonbau) hervor. Die Produktionspalette umfasste Waggons, Straßenbahnen und Busse, die auch international verkauft worden sind. So fuhren im österreichischen Salzburg in den 1940er Jahren LOWA Oberleitungsbusse von Schumann. Nach dem zweiten Weltkrieg fertigte LOWA noch Busse und Busanhänger sowie eine Dampfzugmaschine in LKW-Form.                                                                                                                                                                                                                                     Hierbei wurde hauptsächlich aus Restbeständen nach Bedarf produziert. So entstanden in Werdau rund 250 Fahrzeuge.                                                                        1952 wurde aus LOWA das VEB Kraftfahrzeugwerk Ernst Grube. Die Produktion von Schienenfahrzeugen wurde eingestellt. Durch die Zugehörigkeit zum IFA (Industrieverband Fahrzeugbau der DDR) konnte die Umstellung von Einzelfertigung auf Serienfertigung unter planwirtschaftlichen Gesichtspunkten erfolgen. Werdau erhielt den Auftrag zum Serienbau des Horch-LKWs H 6.


 

Signet von Horch © Fotos Uwe Schmidt BMBU

 

 

Der Fahrzeugbau im Horchwerk Zwickau

 

Im VEB Kraftfahrzeugwerk Horch in Zwickau lief die Produktion des LKWs H 3 (Horch, 3 Tonnen Nutzlast), der aus dem AU 1500-Projekt (Auto Union 1500 kg Nutzlast) von1942 abgeleitet wurde. Eingesetzt wurden hier Benzinmotoren von Maybach, die noch aus der Rüstungsindustrie zur Verfügung standen.1948 begann die Weiterentwicklung zum H 3 A, einem Hauber-LKW mit dem Einheitsmotor EM-4, eine Entwicklung von VOMAG. Durch das Baukastenprinzip ließen sich hier verschiedene Motoren problemlos ableiten, wie Zwei- Vier- oder Sechzylindermaschinen.

Signet von Sachsenring © Fotos Uwe Schmidt BMBU

 

Am 1. Februar1957 wurde aus dem VEB Kraftfahrzeugwerk Horch das VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk. Damit endete der Fahrzeugbau des traditionsreichen Herstellers „Horch“. Dies geschah auch auf Drängen der neuen Autounion in Ingolstadt, die alle Rechte der Warenmarke Horch besaß. Das neue Logo war jetzt das S für Sachsenring. Fast unbemerkt wurde der H 3 A modernisiert. Der Radstand wurde um 300 mm verlängert. Ebenfalls erfolgte eine Verlängerung der Pritsche und Veränderungen am Rahmen.      Das ermöglichte die Erhöhung der Nutzlast auf 4 Tonnen. Das Fahrerhaus wurde elastisch auf Gummiblöcken gelagert, was den Fahrkomfort verbesserte. Der neue LKW hieß nun S 4000 (Sachsenring 4000 kg Nutzlast), unterschied sich optisch aber kaum vom H 3 A. Der S 4000 war eine Übergangslösung und wurde nur 1958/59 gefertigt.                              Die nächste technisch verbesserte Variante war der S 4000-1. Hier wurde die Leistung des Motors um 10 PS erhöht. Weiterhin wurde die Kupplung verändert und das Getriebeteil synchronisiert. Zusätzlich wurden Rahmen, Federn und Vorderachse verstärkt und der LKW erhielt zusätzlich eine Luftdruckbremse für Anhängerbetrieb.                                   Bis zum 16. Oktober 1959 wurde der S4000-1 bei Sachsenring in Zwickau produziert. Zu dieser Zeit war das Zwickauer Werk überlastet. Neben der Produktion des S 4000-1 wurden Geländefahrzeuge vom Typ P2 für die bewaffneten Organe (Armee, Polizei) produziert. Für die Landwirtschaft fertigte man auch den RS 01 IFA Pionier in Zwickau. Im PKW-Bereich lief die Produktion der Staatskarosse Horch/Sachsenring P 240.  An der Fertigung des ersten Fahrzeuges der Welt mit Kunststoffkarosserie, dem AWZ P70, waren ebenfalls Teile der Belegschaft und der Fertigungsanlagen eingebunden. Zusätzlich fiel in diesen Zeitraum die Umstellung der PKW-Produktion vom P 70 auf den Trabant P 50. Um die Produktion der PKWs in Zwickau zusteigern, wurde die LKW-Fertigung nach Werdau abgegeben. Die Forderung des RGW, die DDR durfte keine LKWs über 5 Tonnen Nutzlast produzieren und die Schaffung neuer Produktionsflächen in Werdau führte zur Einstellung der H 6 Produktion.Gleiches traf für den Busbereich zu. Auf Drängen der Armeeführung blieb die Fertigung des G 5 (geländegängiger LKW 5 Tonnen Nutzlast) bestehen.                                                                                                                                                         Ab Februar 1960 lief die Produktion des S 4000-1 in Werdau. Optisch wurde das am Werdau-Logo auf dem Kühlergrill sichtbar gemacht, das Sachsenring-Signet verschwand. Bis zur Einstellung der Produktion im Jahr 1967 verließen 21.000 Fahrzeuge in unterschiedlichen Variationen das Werk. Den S 4000-1 gab es in verschiedenen Feuerwehrausführungen, Pritsche-Kofferaufbau, Müllfahrzeug, Kehrmaschine, Zugmaschine, Dreiseitenkipper, Rettungswagen, Fäkalienwagen und sogar als Sattelzugmaschine, um einige Beispiele zu nennen. Exportiert wurde der S 4000-1 in viele Länder, unter anderem auch nach Vietnam und Kuba.

Der S 4000-1 zeichnete sich durch Robustheit und Zuverlässigkeit aus und war neben dem Nachfolgemodell W50 ein wichtiger LKW in der Geschichte der Nutzfahrzeuge der DDR.

   

Technische Daten:

Motortyp:                                            EM4-22 (S4000: EM 4-20)

Motorenhersteller:                              SachsenringAutomobilwerke Zwickau, bzw. ab 1959 Motorenwerk Nordhausen

Bauart:                                                 4 Zylinder, 4-Takt-Diesel, wassergekühlt

Leistung:                                              58,8kW (90 PS)

Drehmoment:                                       310 Nmbei 1.500/min

Bohrung:                                              115mm

Hub:                                                     145mm

Hubraum:                                             6.024cm³

Anlasser:                                              24V, 2,94 kW (4PS)

Lichtmaschine:                                     12 V, 500W Gleichstrom

Kraftstoffverbrauch:                              17,5l/100 km

Höchstgeschwindigkeit:                        75 km/h

 

Quellen:

Christian Suhr, Typenkompass DDR-Lastwagen (Stuttgart 2005).

Frank Rönicke - Wolfgang Melenk, Helden der Arbeit (Stuttgart 2002).

Günther Wappler, Geschichte des Zwickauer und WerdauerNutzfahrzeugbaues (Aue 2003).

Günther Wappler, Modellautos 1:87 und ihre Vorbilder  Fahrzeuge aus dem Straßenbild der DDR (Witzschdorf2015).

 

 

 

 

 

 SammlungsStück April 2015

 Zeichnerischer Entwurf für das Einfahrtstor Gut Bahrendorf  

 

Zeichnung von Einfahrtstor und Einfriedung Gut Bahrendorf (1912/13) © BMBU - Landkreis Börde

Schloß Bahrendorf

Einfahrtstor & Einfriedung

Maßstab 1:20

Blatt No. 16

Entwurf: Saalecker Werkstätten,

Prof. Schultze-Naumburg

Ausführung: Betrieb Schlossermeister Carl Liebau, Altenweddingen

 

Mitte des 19. Jahrhunderts setzte in der Magdeburger Börde durch den intensiven Zuckerrübenanbau ein wirtschaftlicher Aufschwung ein. Dieser führte in der Region zu zahlreichen Betriebsneugründungen bzw. zu deren Wachstum. Auch das landwirtschaftliche Unternehmen „Gebr. Schaeper“ wurde zu dieser Zeit (1855) von Adolf und Friedrich Ludwig Schaeper in Sülldorf gegründet. Bereits 1856 bauten sie zusätzlich eine Zuckerfabrik in Bahrendorf und erweiterten sich 1888 um das Gut Peseckendorf. Zu den Nachkommen der Gründer gehörten die Brüder Hans (1870-1914) und Friedrich (Fritz) August Schaeper (1864-1924), die ab dem späten 19. Jahrhundert leitende Funktionen übernahmen. Beide traten im frühen 20. Jahrhundert auch als Bauherren in Erscheinung: Sie beauftragten den Architekten Paul Eduard Schultze-Naumburg (1869-1949) damit, erst in Peseckendorf (1906-1909) und anschließend in Bahrendorf (1909-1913) Gutshäuser zu errichten.                                                                                                                                         Jugendstilformen kamen in dieser Zeit häufig in der architektonischen Gestaltung von repräsentativen Gebäuden zur Anwendung. Bei den Gutshäusern in Peseckendorf und Bahrendorf orientierte sich der Architektenentwurf jedoch an der Bautradition der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts: Elemente des Barock, Klassizismus und Empire kamen zum Tragen; zudem spielte das Verhältnis von Baukörper und Natur eine Rolle, so dass in Bahrendorf zunächst das repräsentative Gutshaus entstand und anschließend die Gestaltung des weitläufigen Parkgeländes erfolgte.                                                                                                                                     Für eine solche Baumaßnahme war die Anfertigung von maßstabsgetreuen Plänen und Zeichnungen unerlässlich. Sie sind nicht nur ein zeichnerischer Entwurf, sondern bilden die Grundlage für die Ausführung der Handwerksarbeiten. Daher musste zunächst eine Vorlage (z. B. eine Lichtpause) geschaffen werden, die man vervielfältigen konnte.                   Diese Kopien gab man an die ausführenden Firmen weiter. Im Archiv des Börde-Museums befindet sich eine Pause, die das Einfahrtstor zum Gutshaus (Schloß) Bahrendorf abbildet.

Wie nachträgliche Beschriftungen auf der Zeichnung belegen, wurde diese dem Schlossermeister Carl Liebau (Altenweddingen) übergeben, der den Auftrag für die Ausführung des Tors erhielt. Während auf der Vorlage bereits vermerkt war, dass kelchförmige Gläser mit Kupferdeckel für die Beleuchtung auf den Pfeilern vorgesehen waren, sind auf diesem Exemplar weitere Angaben mit Bleistift nachgetragen worden: etwa die Form der einzelnen Metallstäbe von Tor und Einfriedung sowie die Größe der Lochung, wenn einzelne Teile verbunden werden mussten. Wer Interesse an der Bauarchitektur des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts hat, sei an dieser Stelle auf die Sonderausstellung „Georg Kolbe in der Börde –Skulpturen für Peseckendorf“ verwiesen. Dort wird ab dem 12. April (bis zum 29. November 2015) auch dieses Exponat zu sehen sein.

 

 

Literatur:

Wilhelm Bode, Paul Schultze-Naumburgs Bauten, in: H. Bruckmann (Hrsg.), Dekorative Kunst. Eine illustrierte Zeitschrift für Angewandte Kunst. Band XVI (München 1908).

Norbert Borrmann, Paul Schultze-Naumburg. 1869-1949. Maler, Publizist, Architekt. Vom Kulturreformer der Jahrhundertwende zum Kulturpolitiker im Dritten Reich.                      Ein Lebens- und Zeitdokument mit einem Geleitwort von Julius Posener (Essen 1989).

Ralf-Peter Pinkwart, Peseckendorf –Bahrendorf – Helmsdorf. Drei Schlösser von Schultze-Naumburg im Gebiet zwischen Halle und Magdeburg.                                             In: Burgen und Schlösser in Sachsen-Anhalt. Mitteilungen der Landesgruppe Sachsen-Anhalt der Deutschen Burgenvereinigung e.V. Heft 4, Halle/Saale 1995, 106-117.

Ralf-Peter Pinkwart, Paul Schultze-Naumburg. Ein konservativer Architekt des frühen 20. Jahrhunderts (Dissertation, Universität Halle-Wittenberg 1991).

Paul E. Schultze-Naumburg, Das Peseckendorfer Herrenhaus, in: Sport im Bild 1930, 2, 93–95.

M. Wiehle (Hrsg.), Bördepersönlichkeiten. Biographisches Lexikon der Magdeburger Börde.                                                                                                      Beiträge zur Kulturgeschichte des Magdeburger Börde Band 6 (Oschersleben 2001)  s. V. Paul Schultze-Naumburg, 150.

 

 

 

SammlungsStück  März 2015

Das Bockwindmühlen-Modell Duckstein aus Eilsleben

 

Duckstein Bockwindmühlenmodell © Foto Dieter Johannes, Klein Lüben

 

Ein besonders markantes Objekt im Ummendorfer Museum ist das Modell einer Bockwindmühle, das im Mai 1969 in die hiesige Sammlung und in die Ausstellung gelangte. Bis dahin verging allerdings eine Zeitspanne von 44 Jahren, von der zugedachten, testamentarisch festgelegten Schenkung bis zum eigentlichen Eintreffen im Museum. Eine maschinenschriftlich erstellte Testamentsabschrift der Eheleute Andreas und Therese Duckstein geb. Märtens vom 26. Januar 1911 verfügte im Absatz 2 des „Vierten Nachtrags“ (von 1925): „…die im Garten stehende kleine Windmühle (mein ehemaliges Meisterstück) erbt der Heimatverein, Sitz Ummendorf zum Unterbringen in seinem Museum zu Ummendorf, falls derselbe dann noch Wert auf diese Erwerbung legt."                                         (Eilsleben, den 6.November 1925. gez. Andreas Duckstein)                                                              Andreas Duckstein (geb. 4.10.1849), selber Müller, betrieb ab 1871 eine wieder aufgebaute Bockwindmühle in der Ovelgünner Straße in Eilsleben, die vormals im Windschatten des Eisenbahndammes zwischen Kupferschmiede und Westendstraße gestanden hatte und eine Drebenstedtsche Mühle war. Als Andreas Duckstein am 16. Mai 1931 verstarb, schlug der damalige Heimatverein die Erbschaft des Mühlenmodells zunächst aus. Auch die unmittelbaren Erben lehnten die Übernahme ab. So gelangte es zum Müller Ewald Albrecht Laue (1876 bis 1963) in Eilsleben und verblieb auch nach der Umsetzung in den Ort Alvensleben bei Haldensleben (ab 1950 zusammen mit dem Ort Dönstedt: Bebertal) weiterhin im Besitz der Familie Laue.

                                                                                             

Duckstein Bockwindmühlenmodell, © Foto Dieter Johannes, Klein Lüben

Sein Schwiegersohn Richard Laue hatte in der Folge, als gelernter Zimmermann und Müller, wesentliche Teile der Mühle instandgesetzt. Er selbst verfasste dazu folgende Notiz: „Neugemacht habe ich die Flügel, die Bremse, das Windehaus, Schwanz (Stert) und Stuhl. Die Zähne im Rad waren abgeköpfte Holzschrauben und die Teilung passte überhaupt nicht. Die Schrauben habe ich entfernt, die Löcher zugemacht, neu eingeteilt und Holzkämme eingesetzt. Erst jetzt konnte sich das Räderwerk passend drehen. Man kann die alten Löcher noch erkennen.“ In den Folgejahren des Gaststättenbetriebes durch Familie Laue hatte die Mühle eine veränderte Farbgebung und Lampen zur Dekoration bekommen, die nicht dem angemessenen Aussehen einer Bockwindmühle entsprachen.              

Da Bockwindmühlen für einige Jahrhunderte auch das Landschaftsbild in der Magdeburger Börde prägten und bis in unsere Zeit – wenn auch in deutlich geringerer Anzahl – vorzufinden sind, bemühte sich Museumsleiter Heinz Nowak in einem Schreiben vom 11.6.1959 an Ewald Laue in Eilsleben um das Mühlenmodell. Erst zehn Jahre später war die Korrespondenz mit dessen Schwiegersohn Richard Laue in Bebertal von Erfolg gekrönt. In einem Brief vom 22. Februar 1969 schrieb Richard Laue: „Ihr Int(e)resse mein Mühlenmodell für das Volkskundemuseum Ummendorf zu erwerben entspricht meinem Wunsch, und freut mich. Aus diesem Grunde bescheinige ich Ihnen hiermit dass Sie das Windmühlenmodell als Eigentum des Volkskundemuseums Ummendorf, betr(a)chten können. …“ Für den 12. Mai 1969 folgte dann das schriftliche Transportersuchen zur Abholung der Mühle aus Bebertal durch die Firma Werner Resonnek, in Wanzleben.

Als Sammlungszugang des Ummendorfer Museums wurde das Modell wieder in den ursprünglichen farblichen Zustand zurückversetzt und ist seit den frühen 1980er-Jahren in der Ausstellung sichtbar. Bis zum Januar 2015 war das Mühlenmodell Teil der Ausstellung zur Getreideaufbereitung und -verarbeitung, heute kann es jetzt gleich zu Beginn des Museumsrundganges betrachtet werden und beeindruckt mit einer Gesamthöhe von rund 3,40 m, die mit den ausladenden Flügeln erreicht wird. Von der Treppe zu den Ausstellungsräumen ist das Betrachten des inneren Aufbaus der Mühle möglich.

 

 

Quellen und Literatur:

Archiv Börde-Museum Burg Ummendorf „Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft / Mühlen“ Unterlagen von Alwin Laue, Eichenbarleben, für das Museumsarchiv, Januar 2015

J. M. Beyer, Theatrummachinarum molarium oder Schauplatz der Mühlen-Baukunst.(Dresden 1803)

H. Gleisberg, Das kleine Mühlenbuch. (Dresden 1956)

 

J. A. F. Hermes – M. J. Weigelt, Historisch-geographisch-statistisch-topographisches Handbuch vom Regierungsbezirk Magdeburg.                                                             Zweiter, oder topographischer Theil.(Magdeburg1842)

 

R. Hagen, Historische Mühlen und ihre Technik. Künstlerische und technischeZeichnungen von Rüdiger Hagen (Reprint, Leipzig 2004)

 

E. Jahn, Wind- und Wassermühlen im Bezirk Magdeburg (Magdeburg 1987)

J. Mager – W. Orf – G. Meissner, Die Kulturgeschichte der Mühlen (Leipzig 1988)

 

W. Schnelle, Mühlenbau: Wasserräder und Windmühlen bewahren und erhalten (Beuth2012)

G. Stave, Glück zu! – Mühlengeschichten (Leipzig 1984)

 

 

Danksagung:

Für ergänzende Informationen und Erweiterung des Archivmaterials im Rahmen dieser Recherche gilt Herrn Alwin Laue aus Eichenbarleben und Günter Wagener aus Eilsleben unser besonderer Dank. Die Fotografien verdanken wir Dieter Johannes aus Klein Lüben.

 

 

 

  

SammlungsStück Februar  2015

Die MZ RT 125/3 des Börde-Museums Burg Ummendorf

 

Technische Daten

© Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

Hersteller: VEB Motorradwerk Zschopau,  

vormals DKW

Motor: 1 Zylinder 2 Takt luftgekühlt

Hubraum: 123 ccm

Leistung: 6,5 PS bei 5200 U/min

Antrieb:4 Ganggetriebe mit Fußschaltung über  

Kette auf Hinterrad

Eigengewicht:90 kg

Zul.Gesamtgewicht: 238 kg

Preis:1830,00 Mark (DDR 1960)

 

Im Februar 1962 wurde für das Museum in Ummendorf ein fabrikneues Motorrad des Typs MZ RT 125/3 als Dienstfahrzeug angeschafft. Die zu diesem Zeitpunkt vom VEB Motorradwerk Zschopau hergestellte Maschine geht ursprünglich auf eine Entwicklung von DKW zurück. DKW ist fest mit dem Wirken des Dänen Jörgen Skafte Rasmussen (1878-1964) verbunden. Er gründete 1903 nach dem Abschluss seines Maschinenbau-Studiums gemeinsam mit seinem damaligen Partner, dem Kaufmann Carl Ernst aus Köln, die Firma Rasmussen & Ernst (RE) eine Dampfkesselarmaturen-und Metallwarenfabrik in Chemnitz. Da während des Ersten Weltkrieges in Deutschland Kraftstoffknappheit herrschte, begann Rasmussen einen DampfKraftWagen zu konstruieren. Trotz der Erfahrungen, die Rasmussen über Dampfanlagen verfügte, kam das Fahrzeug nicht über das Versuchsstadium hinaus, doch das Kürzel DKW wurde in der Folge für viele Produkte aus den Werken Rasmussens zu einem Begriff.

Die nächste wichtige Konstruktion Rasmussens war ein kleiner Spielzeugmotor, den er mit dem aus Apolda stammenden Motorenkonstrukteur Hugo Ruppe (1879-1949) entwickelte. Der Motor leistete 0,25 PS und wurde ab 1919 produziert. Er bekam den Namen „Des Knaben Wunsch“-DKW wurde zur Grundlage in der Entwicklung eines leistungsstarken Zweitaktmotors im Fahrzeugbau. So entstand aus dem Spielzeugmotor ein 1 PS leistender Hilfsmotor, der in Fahrrädern eingebaut wurde. Bis 1922 verkaufte man von diesem Motor unter dem Namen Das Kleine Wunder 25.000 Stück. Auf diesen Erfahrungen basierend, ging die Motorradproduktion bei DKW hervor. Rasmussen gründete in Zschopau sein Motorradwerk, das schnell zum größten Motorradproduzenten der Welt wurde. Diese Tatsache ist umso beachtlicher, wenn man bedenkt, dass zu dieser Zeit England führend im Motorradbau war und auch in Deutschland ein beträchtlicher Wettbewerb bestand. Nach Rasmussens Vorstellungen musste ein Motorrad, das eine breite Käuferschicht ansprechen sollte, bei geringem Eigengewicht höchste Leistung abgeben, wirtschaftlich, wartungsarm, zuverlässig und preiswert in der Anschaffung und im Unterhalt sein.  

Nur ein Zweitaktmotor versprach ein geringes Gewicht und konnte aus einem kleinen Volumen maximale Kraft abgeben. Die Zweitaktmotoren von DKW hatten schon immer den Ruf, sehr wartungsfrei und zuverlässig zu sein. Nach diesen Vorgaben entstand 1939 unter Leitung des DKW-Chefkonstrukteurs Hermann Weber die RT 125, die von der im Jahr 1934 vorgestellten RT 100 abgeleitet war. RT steht für Reichstyp, 100 bzw. 125 für die Kubikzentimeter des Motors. Der 125 ccm starke Motor leistete zur damaligen Zeit beachtliche 4,75 PS. Die Maschine wog, aufgetankt, nur 66 kg. Großer Wert wurde auch auf das Fahrverhalten gelegt. Die kleine Maschine erreichte eine Geschwindigkeit von 70km/h und haftete buchstäblich auf der Straße. Aber auch im Gelände war sie zuverlässig zu beherrschen, so dass das Motorrad für die Wehrmacht interessant war und während des Zweiten Weltkrieges rege abgenommen wurde. Eine Auslieferung an den zivilen Handel kam nahezu zum Erliegen. Nachdem Zweiten Weltkrieg wurde DKW als Rüstungsbetrieb eingestuft und enteignet. Die gesamten Produktionsanlagen gingen als Reparationsleistungen in die UdSSR. Auf Grund der Abwicklung der DKW-Betriebe griffen verschiedene Hersteller weltweit die geniale Motorradkonstruktion auf und kopierten sie. So wurde die RT in der UdSSR, der VR Polen, Japan und sogar in den USA bei Harley Davidson ohne Lizenzen nachgebaut.

In Zschopau setzte die Motorradproduktion 1952 erneut ein. Aus dem einstigen DKW-Werk wurde das VEB Motorradwerk Zschopau-MZ. Die ersten Produkte waren die RT und die BK 350 (Boxermotor, Kardanwelle, 350 ccm). Die RT wurde kontinuierlich weiterentwickelt und mit der RT 125/3 ging 1959 die letzte Version in Produktion. Zu den technischen Verbesserungen gehörte eine moderne Teleskopfederung des Vorderrades, genauso wie die Geradfederung des Hinterrades. Eine Vollnabenbremse erhöhte die Sicherheit. Ganz neu und von vielen Motorradherstellern übernommen und heute noch angewendet, war der neuartige Kettenschutz aus sogenannten Gummistrümpfen, der eine absolut schmutzfreie Führung der Antriebskette gewährleistete. Diese Neuerungen zogen eine Gesamtgewichtserhöhung auf 110 kg mit sich. Das konnte der Motorallerdings ausgleichen, denn aus den 123 ccm wurde die Leistung von anfänglichen 4,75 PS auf immerhin 6,5 PS erhöht. Die RT 125/3 verblieb nach ihrer Ausmusterung als Ausstellungsstück im Ummendorfer Museum. Um 1995 wurde sie technisch wieder instandgesetzt und 1997 wieder zugelassen. Die Maschine ist nicht Bestandteil der ständigen Ausstellung, kann aber beim alljährlichen „Treffen historischer Fahrzeuge und Landtechnik“ im Museum bestaunt werden.

 

Quellen:

ADAC Motorwelt 02/1951

 

R. Küster, DDR auf Rädern. Fahrzeuge im Osten 2. Aufl. (Gudensberg-Gleichen 2011)

R. Küster, DDR-Fahrzeuge. Von AWO bis Wartburg (Renningen 2014)

H. Seyfert, 30 Jahre Zweiradbau, KFT Kraftfahrzeugtechnik 10/1979, 302–305

G. Wappler, Framo & Barkas. Die Geschichte der 2-Takt-Transporter aus Sachsen(Zwickau 2005)

 

 

 

Der rauchende Vulkan – das Logo von DKW aus dem Jahr 1920, dessen Herkunft aus dem Projekt des Dampfkraftwagens abgeleitet wird. (nach Wappler Barkas & Framo 2005)

 

 

 

 SammlungsStück Januar 2015

 Die preußischen Adler der Burg Ummendorf  

 

© Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Im Innenhof der Burg stellt das Museum Objekte aus Sandstein aus. Dort befinden sich auch zwei Adler. Sie zierten bis Anfang der 1980er Jahre die Pfeiler am Eingang zur Burg, wurden dann jedoch aus Sicherungsgründen durch Repliken ersetzt und in den Burghof überführt.  

Die Jahrhunderte haben an den Skulpturen ihre Spuren hinterlassen. Fehlstellen und ausgewaschene, verwitterte Bereiche sind auf die Umwelteinflüsse zurück zuführen. Trotzdem ist gut erkennbar, dass die Adler auf der Brust die Buchsta-ben FR und auf dem Haupt eine Krone aufweisen. An einem Exemplar haben sich außerdem Ansätze von zwei weiteren Attributen erhalten: Er hält den Reichsapfel und ein Zepter in seinen Fängen.

 


Diese Merkmale sprechen dafür, dass die Adler nach 1700 entstanden. 1701 war das Jahr, in dem Friedrich I. zum König gekrönt und das Kurfürstentum Preußen zum Königreich Preußen wurde. Den Wappenadler zeichnet in der Folge jene Merkmale aus, die bereits an unseren Exemplaren skizziert wurden: Initialen FR (Fredericus Rex – Friedrich der König) auf der Brust, Reichsapfel und Zepter in den Fängen sowie eine Krone auf dem Adlerkopf. Das Motiv erfreute sich insbesondere im 19. Jahrhundert einer besonderen Beliebtheit, wobei vollplastische Skulpturen wie diese in Ummendorf eher selten sind.

 

© Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Die Adler scheinen hier auch einen inhaltlichen Bezug zum preußischen Königreich wiederzugeben. Ab der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts gab es vor Ort keine adligen Burgherrn mehr. Mit dem Aussterben der Ummendorfer Linie derer von Meyendorff wurde das Amt in eine Domäne mit nichtadeligen, bürgerlichen Pächtern umgewandelt. 1701 wurde die Domäne zu einer preußischen Domäne. Es erscheint daher wahrscheinlich, dass die Adler den Betrachter darauf hinweisen sollten, dass die Burg bzw. die Domäne zum preußischen Königreich gehört.

 

© Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Literatur und Quellen:

Archiv des Börde-Museums Burg Ummendorf / Domäne

M. Häusler – J. Hoeft, Die Museen des Landkreises Börde (Haldensleben 2010)

H. Kretschmer, Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst (Stuttgart 2008) s. v. Kugel / Reichsapfel 246–247.

H.-H. Müller, Domänen und Domänenpächter in Brandenburg-Preußen im 18. Jahrhundert, in: Jahrbuch für Wirtschaftsgeschichte, IV/1965, 152–192.

http://www.museum-digital.de/nat/index.php?sv=Preu%DFischer%20Adler&style=grid&done=yes&ftext=1&startwert=0 (12.01.2015)

 

 

 

 SammlungsStück Dezember 2014

 

 

Schüssel – BMBU Inv.-Nr. IV:1165c1© Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

Die hier abgebildete Schüssel (Inv. Nr. IV:1165c1) gehört zu einer Fundgruppe aus 5 Stücken. Sie stellt dabei das größte Exemplar dieser Gruppe dar. Auf den rot-bräunlichen Tongrund wurde eine Bemalung in heller, kontrastreicher Farbe aufgetragen. In der Mitte erkennt man zunächst die Zeichnung eines Hahns mit ausgestreckten Flügeln. Umgeben ist dieser von mehreren Reifen, worauf sich ein Banddekor anschließt. Es besteht aus mehreren Teilkreisen, die mit Dreiecken gefüllt sind. Seit 1950 befindet sie sich im Bestand des Museums.

Bei den zahlreichen Baumaßnahmen, die im Laufe der Jahre auf dem Gelände des heutigen Museums stattfanden, ergab es sich, dass sofern möglich zugleich archäologische Untersuchungen durchgeführt wurden.

Als man im Juli 1950 bei Arbeiten auf dem Burghof eine ungewöhnliche Struktur entdeckte, informierte die Gemeinde-verwaltung den Museumsleiter Dr. Albert Hansen darüber. Daraufhin „ließ er an zwei Nachmittagen tiefer schürfen“. In einem Brief an Dr. Schwarz in Halle beschreibt Hansen weiter, dass er gerne weiter „geschürft“ hätte, doch der Gemeinde die notwenigen finanziellen Mittel dafür fehlten.

 

 

 

 

Skizze Brunnen von A. Hansen– BMBU Archiv © BMBU – Landkreis Börde

 

 

Der Brunnen wurde daher nur ca. 2,5 m tief ausgegraben. Zunächst traf Hansen Bauschutt und Scherben aus verschiedenen Zeithorizonten an. Unter einer vermoderten Bohlenabdeckung folgte dann eine Schicht aus Schlick und Pflanzenwurzeln. Darunter befand sich ein größerer Befund, in dem glasierte und teilweise verzierte Scherben des 17./18. Jahrhunderts sowie „vier gegossene Flintenkugeln aus Blei, an denen die Gussnaht noch nicht entfernt ist“, gefunden wurden. Große Steinquader und „in die Tiefe gestürzte Eichenbalken“ könnten nach Hansens Ansicht zu einem Brunnenhaus gehört haben. Die verzierten Scherben konnten zu 5 Schüsseln und Schalen zusammengesetzt werden, fehlende Stücke wurden von einer „Keramikerin“, die zu diesem Zeitpunkt bei Ausgrabungen in Magdeburg mitarbeitete, ergänzt.

 

Quellen:

Archiv des Börde-Museums - Über die Brunnen auf dem Burghof (H. Nowak/A. Hansen) 

Archiv des Börde-Museums - Nachlass A. Hansen - Briefe 

 

 

 

SammlungsStück November 2014

Skizzenbuch von Albert Hansen 

 

Skizzenbuch A. Hansen – BMBU Archiv © Foto N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

Neunzig Jahre reichen die Ursprünge des Börde-Museums zurück. Am 16. November 1924 wurde ein Heimatmuseum in der Burg Ummendorf eröffnet, aus dem das heutige Museum erwachsen ist.  

Diese Gründung geht auf den Heimatverein im alten Holzkreis zurück, in dessen Vorstand auch der Tierarzt Dr. Albert Hansen (1892–1963) saß. 1924 wurde Hansen zum ehrenamtlichen ‚Museumsleiter’ und bemühte sich nicht nur um die Pflege der Ausstellung und Exponate, sondern  auch um die wissenschaftliche Erforschung der Region. Dabei war Hansen ausgesprochen vielseitig interessiert und widmete sich den naturwissenschaftlichen Bereichen gleichermaßen wie auch der Vor- und Frühgeschichte, Volkskunde, Geschichte und den Sprachwissenschaften. Innerhalb seiner Forschungen stand er in regem Austausch zu Wissenschaftlern sowie Heimatforschern,                         wovon sein Nachlass zeugt.

 

Nach dem Tod A. Hansens am 19. Februar 1963 übergab seine Ehefrau Emmy dem Börde-Museum seinen Nachlass, verbunden mit dem Wunsch, seine unveröffentlichten Manuskripte in seinem Andenken herauszugeben. Helmut Schönfeld und Max Bathe überarbeiteten in der Folge zwei dieser Werke, die 1964 und 1965 erschienen:

A. Hansen, Holzland-Ostfälisches Wörterbuch. Aus dem Nachlass bearbeitet von Helmut Schönfeld (1964).

A. Hansen, Die Namenlandschaft zwischen Ober-Aller und Sarre(Bode) aus dem Nachlass bearbeitet und ergänzt von Max Bathe.                                                                 In: Die Magdeburger Börde. Band 5, Erster Halbband (1965).

Insgesamt umfasst der Nachlass 34 Ordner mit über 150 Mappen. Neben Manuskripten und seiner Korrespondenz finden sich dort auch kleine Raritäten, wie das hier abgebildete Skizzenbuch mit teils sorgfältigen, teils flüchtigen Zeichnungen. Hinzukommen die von Hansen angelegte Kartei über archäologische Funde und seine Sprachkartei.

 

 

Literatur:

H. Nowak, Albert Hansen †, in: Jahresschrift für mitteldeutsche Vorgeschichte 49, 1965, 259-260.

Nachlass Hansen (BMBU-Archiv)

 

 

 

SammlungsStück Oktober 2014

Ein Hausstein aus Ummendorf  

Reliefplatte aus Ummendorf (BMBU 2012-582) © Foto: N. Panteleon BMBU Landkreis Börde

 

Material: Sandstein

Erhaltung: aus drei Fragmenten zusammengesetzt – zwei Fehlstellen – Bemalung gut erhalten

Maße: B 34,8 cm, H 32,4 cm, T 5,5 cm

Fundort: Ummendorf

Datierung: 1844

 

 

 

 In der Dauerausstellung des Börde-Museums befinden sich unterschiedliche Objekte, darunter auch solche die zusammenfassend als Bauplastik bezeichnet werden: Etwa Dachziegel mit figürlichem Schmuck und lebensgroße Skulpturen, die den Eingangsbereich eines Guthauses krönten. Auch Reliefplatten, die an Häusern verbaut waren, gehören dazu und sind Bestandteil der Ausstellung. Letztere geben oftmals als eine Art Bauinschrift das Entstehungsdatum des jeweiligen Hauses wieder.

Durch seine mehrfarbige Gestaltung besonders reizvoll ist eine derartige Platte aus Sandstein (Inv. BMBU 2012-582 – V:01/00/06/02), die in Ummendorf 1960 nach dem Abriss eines Hauses geborgen wurde. In der oberen Hälfte wurde aus dem Steinblock der Oberkörper eines Engels ausgebildet, darunter folgen ineinandergreifende Hände. Je eine Rosette befindet sich in den vier Ecken der nahezu quadratischen Platte.  

Diese Rosetten, die Perlenkette - die der Engel um den Hals trägt - und sein doppelreihiger Kragen zeigen eine rote Farbgebung. Ein Türkis ist besonders deutlich an den Flügeln des Engels sichtbar, findet sich aber auch an den drei Aussparungen der Platte, die mit einem Perlband versehen sind. Schwarz bemalt wurden Haare und Brauen des Engels.

Links und rechts vom Engelskopf steht zusammen genommen "Anno" geschrieben und am unteren Rand folgt die Datierung: 1844. Beide Inschriften sind vertieft gearbeitet und türkis ausgefüllt. Solche datierenden Inschriften sind in Fachwerkbalken sehr viel bekannter als in Form von Inschrifttafeln. Dort sind in der Regel die Namen des Erbauer-Ehepaares, das Errichtungsdatum sowie einen Bibelspruch oder eine Lebensweisheit niedergeschrieben.

In unserem Beispiel ersetzen die bildlichen Darstellungen das Wort. So kann der Engel als Zeichen eines göttlichen Schutzes ausgelegt werden. Für eine Interpretation der Hände gibt es mehrere Möglichkeiten, am wahrscheinlichsten erscheint es hier, die ineinandergreifenden Hände als friedlichen Begrüßungsgestus zu begreifen.

 

Literatur (Auszug):

G. Kiesow, Kulturgeschichte sehen lernen. Band 1 (Bonn 2000).

W. Koch, Baustilkunde. Burg und Palast. Band 2 (Gütersloh/München 1998).

H. Kretschmer, Lexikon der Symbole und Attribute in der Kunst (Stuttgart 2008).

 

 

SammlungsStück September 2014

RS 01/II Typ Harz

RS 01/II Typ Harz © Foto U. Schmidt - BMBU Landkreis Börde

 

Technische Daten

Hersteller: VEB Schlepperwerk Nordhausen

Bauzeit: 1957/1958

Motor: Vierzylinder-Reihe, Viertakt-Diesel, wasserumlaufgekühlt

Hubraum: 5022 ccm

Leistung: 42 PS / 30,9 kW

Gewicht: 3200 kg

Getriebe: 5 Vorwärts-, 1 Rückwärtsgang

Höchstgeschwindigkeit: 17,25 km/h

 

 

Der RS 01/II Typ Harz ist die modernisierte Variante des RS 01 Pionier. Neben einem neuen Design prägten ihn auch technische Veränderungen. So bekam der Typ Harz eine Vorderachse mit Einzelradfederung, wodurch die Bodenfreiheit des Schleppers erhöht wurde. Ab 1957 erhielt er außerdem eine hydraulische Kraftheberanlage mit genormter Dreipunktaufhängung. Zugunsten des RS 04/30 wurde die Produktion des Typ Harz 1958 eingestellt. Nur 2175 Exemplare verließen das Werk. Durch diese kurze Produktionszeit ist dieser Schlepper heute eine große Seltenheit. Zudem hat ‚unser’ Typ Harz eine besondere Geschichte: Er war zum Export nach Algerien vorgesehen, wurde aber aus ungeklärten Gründen nicht abgenommen und in der Folge einer ‚Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaft’ (LPG) im Kreis Halberstadt zugewiesen. Mit der Einführung des modernen Zt 300 (Zt – Zugtraktor) Ende der 60er Jahre, wurden die alten Traktorentypen wie Pionier und Typ Harz bald verschrottet. Damit eine LPG einen neuen Zt 300 bekam, musste sie zwei andere Traktoren nachweislich der Schrotterfassung zuführen. Dieses Schicksal ereilte um 1975 auch unseren Typ Harz und er landete auf einem Schrottplatz in Halberstadt. Durch Zufall entdeckte ihn hier ein Wulferstedter, der diesen Traktor für seinen kleinen privaten Acker erwerben wollte. Doch für Geld war er nicht zu haben. Der Schlepper stand mit 3t Schrott in den Büchern und die einzige Lösung war, dass der Wulferstedter Kleinbauer 3t Schrott sammelte und ihn damit auslöste.

Mit viel Fleiß und sicher auch einigen Beziehungen gelang es. Nachdem der Schlepper von Halberstadt nach Wulferstedt überführt wurde, begannen nach Feierabend die Reparaturarbeiten, die einer Generalüberholung gleich kam. Nach Abschluss der Arbeiten versah der Schlepper treue Dienste bis zur Wende. Nach der Wende machte sich der Bauer selbstständig und stieg auf modernere Traktoren um. Den Typ Harz bewahrte er jedoch und schenkte ihn in den frühen 90er Jahren dem damaligen Kreismuseum Oschersleben, das in dieser Zeit eine landtechnische Sammlung aufbaute. 1997 kam er schließlich in die Ummendorfer Ausstellung.

 

Weiterführende Literatur:

 

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004).

H. Hintersdorf, Typenkompass – DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2002).

U. Paulitz, Bildatlas der DDR Traktoren und Landmaschinen (2010).

 

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten: Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

U. Schmidt, Die Traktoren des Börde-Museums. Kleine Schriften aus dem Börde-Museum. Band 21 (Ummendorf 2006).

 

 

SammlungsStück August 2014

 

Noch heute lebt der Brauch der Wanderjahre (Wanderschaft, Walz, Tippelei, Gesellenwanderung) in einigen Berufsständen fort. Bereits ab dem 14. Jahrhundert ging man als Handwerksgeselle auf Wanderschaft, um Berufserfahrung zu sammeln und die Persönlichkeit zu bilden. Für die Region und die Meisterbetriebe brachte diese Art des Arbeitens und der Ausbildung einige Vorteile: Man bereicherte sich mit dem Wissen aus anderen Regionen oder gar Ländern und konnte auf die Arbeitskraft der wandernden Gesellen zurückgreifen, wenn zu viel Arbeit für die eigenen Mitarbeiter vorlag.

Der Geselle selber brauchte für diese Reise eine Erlaubnis, einen ‚Wanderpass’ (Wanderbuch), in dem zugleich seine Stationen und etwaige Fehltritte festgehalten wurden. Um ein solches zu bekommen, mussten jedoch einige Bedingungen erfüllt sein; dazu gehörte beispielsweise die körperliche Gesundheit, ein Alter unter 30 Jahren, die für Reise und Arbeit erforderlichen Kleider sowie ein Reisegeld in Höhe von fünf Thalern.

 

Reisetagebuch Johann A. Mayer © Foto N. Panteleon Inv. Nr. BMBU 2013 - 05

 

Im Archiv des Börde-Museums sind zwei solcher Wanderpässe aus dem 19. Jahrhundert erhalten. Ein Exemplar gehörte dem Schreiner Johann Anton Mayer und datiert auf den 14. November 1816 (Wangen). Ursprünglich aus dem Allgäu stammend, ließ er sich später in Weferlingen (bei Morsleben) nieder. In seinem Wanderpass sind folgende Stationen verzeichnet: Leutkirch, Mundelheim, Türkheim, Weißenhorn, Memmingen, Zürich (Schweiz), Freiburg, Straßburg (Frankreich), Heilbronn, Linz (Österreich), Wien (Österreich), Bunzlau (Polen), Dresden, Duben, Berlin und Magdeburg. Er beendete seine Reise dann in Braunschweig.

Der zweite Wanderpass gehörte dem Schmied Friedrich Heinrich Behrendt aus Wanzleben. Jener erhielt ihn am 18. September 1844 in Magdeburg. Wie das Dokument zeigt, schlug der Schmiedegeselle Friedrich H. Behrendt im Vergleich zu Johann A. Mayer eine eher nördliche Route ein: Halberstadt, Aachen, Paris, Amsterdam, Bremen, Vegesack, Stade, Hamburg, Itzehoe, Kiel, Eutin, Lübeck, Wismar, Schwerin, Ludwigslust und Perleberg waren seine Aufenthaltsorte. Nach seiner Reise kehrte er nach Wanzleben zurück und stellte unter anderem die typischen Wanzleber Pflüge her, mit denen sein Name noch heute verbunden wird.

 

Reiserouten von Johann A. Meyer und Friedrich H. Behrendt © N. Panteleon - Landkreis Börde (Kartengrundlage Daniel Dalet)

 

 

 

 

Weiterführende Literatur:

A. Bohnenkamp - F. Möbus, Mit Gunst und Verlaub! Wandernde Handwerker: Tradition und Alternative (Göttingen 1989).

J. S. Ersch - J. G. Gruber, Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste (1818–1889) s. v. Pass.

 

W. Krebs, Alte Handwerksbräuche. Mit besonderer Berücksichtigung der Schweiz (Basel 1933).

A. Steidel, Auf nach Wien! Die Mobilität des mitteleuropäischen Handwerks im 18. und 19. Jahrhundert am Beispiel der Haupt- und Residenzstadt. Verlag für Geschichte und Politik u. a. Sozial- und wirtschaftshistorische Studien 30 (Wien 2003).

F. Stöckle, Fahrende Gesellen – Des alten Handwerks Sitten und Bräuche (Würzburg 1980).

S. Wadauer, Die Tour der Gesellen. Mobilität und Biographie im Handwerk vom 18. bis zum 20. Jahrhundert (Frankfurt - New York 2005).

 

 

 

SammlungsStück Juli 2014

 

In zehn aufeinander folgenden Jahren (1975–1985) begrüßte das Börde-Museum, damals noch ‚Agrarmuseum‘ genannt, zahlreiche Künstler zum Symposion der Magdeburger Künstler in Ummendorf. Die Schirmherrschaft der Veranstaltung oblag dem Rat des Bezirks Magdeburg (Abteilung Kultur) und dem damaligen Verband der Bildenden Künstler der DDR (Bezirk Magdeburg). Das Museum organisierte im Rahmen des Symposions ein Begleitprogramm. Es umfasste Vortragsabende, Begegnungen mit den schaffenden Künstlern, Ausstellungen und Exkursionen. Über 4 Wochen lebten und arbeiteten Bildhauer und Maler vor Ort. Die Arbeiten an den Werken wurden im Steinbruch zwischen Ummendorf und Wefensleben durchgeführt und erst zum Ende des Symposions transportierte man die schweren Kolosse zur Ausstellung in den Burggraben des Museums.

 

Steinbruch zwischen Ummendorf und Wefensleben © H. Nowak BMBU - Landkreis Börde AR-Foto Sym.

 

 

Einige Werke sind heute Teil unserer Dauerausstellung. Darunter auch die „Sitzende“ von Harri Schneider (1929–1992). Sie ist im Westgraben der Burg beim Info-Pavillon zum Kräutergarten aufgestellt.

Betrachtet man die Figur, fällt zunächst ein archaisch anmutendes Lächeln auf, das die Lippen dieser weiblichen Skulptur umspielt. Ihre Haare sind zu einer Hochsteckfrisur gebunden und den Körper umhüllt ein langes Gewand. Es gelang dem Künstler gerade an den angewinkelten Beinen der Sitzfigur, sowohl Spannungsfalten als auch einen lockeren Faltenwurf darzustellen. Im Gegensatz dazu fehlen solche Details an Armen und Oberkörper. Während etwa ein Saum am unteren Abschluss des Gewandes erkennbar ist, fehlt jener am Nacken und den Händen. An der ganzen Figur überwiegt eine runde Linienführung der Kontur, während der Gesamtaufbau des Werkes eher kubisch ist.

 

Quellen:

BMBU Archiv – Kunst und Kunstpflege/Symposien der Magdeburger Bildhauer Mappe 1–3.

BMBU Archiv – Fotos Museum Ummendorf/Symposien I–II

BMBU Archiv – Fotos Symposien/Steinbildwerke  

 

 

SammlungsStück Juni 2014

Martin Merbt und sein Werk 

Als kulturgeschichtliches Regionalmuseum der Magdeburger Börde umfassen die Bestände der Bibliothek eine hohe Zahl an Werken mit regionalem Schwerpunkt und von lokalen Autoren. So auch von Martin Merbt (1924–2006) der einen Großteil seines Lebens in Domersleben verbrachte. In diesem Jahr hätte er - wie das Börde-Museum selbst - seinen 90. Geburtstag begangen. Martin Merbt verfasste unter dem Pseudonym Martin Selber zahlreiche Kurzgeschichten, Romane, Sachbücher und Kinderbücher. Auch Zeitungsartikel und Theaterstücke stammen aus seiner Feder. Die dramaturgische Fabel „Das Trommelmädchen“ (1955) wurde im Leipziger Theater beispielsweise 1959/60 aufgeführt. Es handelt von dem Bauernmädchen Barbara und ihrem Schicksal in Deutschland während des Dreißigjährigen Krieges (1618–1648). Als Autor war er über die Region hinaus bekannt und wurde etwa für seine Knechtschronik mit einem Literaturpreis ausgezeichnet. So wie Martin Merbt in seinem Genre wechselt, so wechseln auch die Orte der Handlung. „Die Flucht ins Tal der Schwalben" (1972) siedelte er etwa Libyen an. Lokalkolorit wird auf der anderen Seite in seinen auf Plattdeutsch geschriebenen Werken deutlich und darin, dass er 1999 gemeinsam mit dem Zeichner Lothar Donath „Dat bist Du, mien Bördeland – Lehrreiches und Unterhaltsames zur Bördegeschichte“ veröffentlichte, welches mit folgendem Versbeginnt:

 

Miene Börde

Grote Felder, gräune Wieschen

Un de Himmel blau un wiet,

un de Lereken, dee tüdeln

in de Sommersunnentiet –

Opn Acker mang de Räuben

Rührtsich fleißlich manche Hand.

Blaumen, Bolln, Zucker, Weiten,

dat bist Du, mien Bördeland.

 

 

Zum Museumsbestand:

In der Bibliothek des Börde-Museums Burg Ummendorf befinden sich insgesamt 48 Titel von Martin Merbt/Selber. Viele davon sind handsigniert und mit Widmungen für das Museum versehen. In Ergänzung dazu gibt es eine Mappe mit Zeitungsartikeln und ein Verzeichnis seiner Veröffentlichungen mit dem Stand Frühjahr 1960.

 

Auszug aus dem Bibliothekskatalog:

M. Selber, Das Trommelmädchen (Leipzig 1955).

M. Selber, Kapt’n Hartwig (Berlin 1960).

M. Selber, Die Flucht ins Tal der Schwalben (Weimar 1972).

M. Selber, Heimkehr in fremde Betten (Halle-Leipzig 1986).

M. Selber, Dat bist Du, mien Bördeland – Lehrreiches und Unterhaltsames zur Bördegeschichte, in: Beiträge zur Kulturgeschichte der Magdeburger Börde (Oschersleben 1999).

M. Merbt, Die Domersleber Fotochronik. Förderverein Domersleben e. V. (1989/1998).

M. Merbt, Die Wüstungen in der Umgebung des Bördedorfes Domersleben (Domersleben 1972).