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    Börde-Museum Burg Ummendorf

 

Archiv SammlungsStücke

(SammlungsStücke von 2014 bis 2017)






SammlungsStück Dezember 2017

Vogelfibel


                                                                                                                                          Vogelfibel aus Grab 3 Altenweddingen © J. Hoeft Landkreis Börde


Inv.-Nr. IV:               1761d

Fundort:                 Altenweddingen (Ldkr. Börde), Grab 3

Maße:                    L 21 mm / B max. 9 mm

Material:                 Silber (vergoldet), Almandine

Typ:                       Vogelfibel 3.3 (nach Friedrich 2016)

Erhaltung:                Nadel und Haken auf der Rückseite abgebrochen, Vergoldung nur teilweise erhalten

Datierung:                450–586 n. Chr.

 

 

Zu den Highlights des archäologischen Sammlungsbestandes gehört eine nur 2,1 cm große Vogelfibel. Sie wurde 1961 bei den Ausgrabungen eines Gräberfeldes in Altenweddingen entdeckt. Die aus Silber gegossene und anschließend vergoldete Fibel hat drei Almandineinlagen. Almandin ist ein Mineral aus der Gruppe der Granate und wird seit der Antike als Schmuckstein verwendet. Eine runde Einlage stellt das Auge dar. Die zwei weiteren Almandine geben einen Flügel wieder, der sich dadurch vom ansonsten ungegliederten Körper abhebt. Weitere Details in der Darstellung sind am Schwanz erkennbar. Dieser weist zwei Rillen auf, die eine Trennung in Federn zeigen. Auch der Schnabel und die stilisierten Füße weisen Vertiefungen auf. Insbesondere in diesen hat sich die Vergoldung gut erhalten.

Im fortgeschrittenen 5. und anschließenden 6. Jahrhundert n. Chr. treten Vogelfibeln regelmäßig auf. Sie werden anhand ihrer Gestaltung zeitlich eingeordnet und Typen zugewiesen. Manche Fibeln sind sehr vereinfacht gestaltet, andere abstrahiert. Einlagen, wie sie das hier vorliegende Beispiel hat, treten oft auf, besonders jene Einlage am Kopf. Die Gestaltung des Flügels mit Einlagen und die Angabe von Fuß und Schwanz ordnen diese dem Typen Vogelfibel3.3 zu. Chronologisch eingeordnet werden diese nach Friedrich zwischen 480 und 580 n. Chr. Bei der Suche nach vergleichbaren Exemplaren war bereits Heinz Nowak erfolgreich und erkannte in einem Fund in Schierstein (Kr. Wiesbaden) ein »formgleiches« Stück. Beispiele, die eine ähnliche Gestaltung vom Kopf und Schnabel aufweisen, treten vielerorts auf (z. B. in Gochsheim [Ldkr. Schweinfurt] und Pilsting-Peigen [Ldkr. Dingolfing Landau] Grab 125).

Oftmals werden sie in weiblichen Grabkontexten oder Kindergräbern aufgefunden. Auch diese Fibel befand sich in einem Grabzusammenhang. Bei Ausschachtungsarbeiten für ein Stallgebäude wurde damals ein Reihengräberfeld angeschnitten. Die Ausrichtung der Körperbestattungen erfolgte in West-Ost Orientierung. Kopf und Oberkörper der Frau lagen in situ, d.h. ungestört, der Unterkörper und die nördliche Begrenzung der Bestattung sind noch vor der Rettungsgrabung zerstört gewesen. Bei der Bestatteten handelt es sich um eine 40–50-jährige Frau mit auffallend kariösen Zähnen.

 


                                                                   Lage der Funde © Zeichnung H. Nowak / Umzeichnung N. Panteleon BMBU – Landkreis Börde

 

Die Fundlage der Vogelfibel unterhalb des Kinnes der Verstorbenen unterstreicht die Vermutung, dass sie als Schließe eines Mantels gedient haben könnte. Frauen trugen zu dieser Zeit Mäntel zusätzlich über einer Tunika. Die hervorragende Position, an der diese Gewandspangen angebracht waren (Schulter- oder Halsbereich), bedingten, dass es sich nicht nur um eine praktische Spange handelte, sondern auch eine Zierde war. Regionale Besonderheiten und ›modische Designs‹ kamen oft zum Tragen. In unserem Fall könnte der Gedanke der Zierde sogar im Vordergrund gestanden haben, da es sich um eine sehr filigrane Fibel mit kurzer – heute verlorener – Nadel handelt. Ein leichtes Leinentuch wird es sicher gehalten haben, bei einem schweren dicken Stoff bleiben Zweifel an einer haltenden Funktion.


                                                                    Funde aus Grab 3: Eisenstab, Spinnwirtel, Glasperlen und Voeglfibel © nach Nowak-Schmidt 1966, Taf. 27

 

Zu den weiteren Funden gehören einige Glasperlen. 11 gelbe, 7 braune und 6 rotbraune Perlen fand man im Brustbereich der Frau. Der Position nach können sie Bestandteil einer Kette gewesen sein. Das H. Nowak, T. Ruppel und B. Schmidt von jeweils 21 Perlen (nur 3 rotbraune Perlen) schreiben, muss als fortgesetzter Fehler gewertet werden, da bereits auf dem von Nowak veröffentlichen Bild 24 Perlen gezählt werden können und auch heute noch 24 Perlen vorhanden sind.

In Ergänzung dazu befanden sich im Grab ein Stabfragment aus Eisen, Scherben einer Keramikschale, zwei Eisenösen mit Kupferdraht (Verbleib unbekannt) sowie ein Spinnwirtel, der nachträglich im Abraum gefunden und diesem Grab zugeordnet wurde.

Bei den zwei anderen Gräbern, die im gleichen Zusammenhang untersucht und vorgelegt wurden, handelt es sich um eine weitere weibliche und ein männliche Bestattung. In letzterer stechen im Gegensatz zu der weiblichen die Waffenbeigaben – drei Pfeilspitzen und zwei Messer – hervor.

Zahlreiche Funde aus diesen späten Gräbern der Völkerwanderungszeit sind in der Ausstellung des Börde-Museums zu sehen. Eine Replik der Fibel in Form eines Anhängers aus Silber mit Emaille gibt es neuerdings auch im Museumsshop.

 

Literatur:

M. Friedrich, Archäologische Chronologie und historische Interpretation: Die Merowingerzeit in Süddeutschland. Reallexikon der Germanischen Altertumskunde – Ergänzungsband 96 (Walter de Gruyter GmbH & Co KG 2016) 83 f. 85, Abb. 41.

R. Heynowski, Fibeln. Erkennen - Bestimmen – Beschreiben. Bestimmumgsbuch Archäologie 1 (Berlin – München 2012) 11. 29. 113 f.

H. Nowak, B. Schmidt, Ein thüringisches Gräberfeld des 6. Jahrhunderts bei Altenweddingen, Kreis Wanzleben. Jahresschr. mitteldt. Vorgesch. 50, 1966, 287–292.

T. Ruppel, Die archäologischen Sammlungen im Börde-Museum Burg Ummendorf. In: Archäologie in Sachsen-Anhalt"N.F. 7 (Halle a. d. Saale 2014) 375–376.

B. Schmidt, Die späte Völkerwanderungszeit in Mitteldeutschland. Veröffentlichungen des Landesmuseums für Vorgeschichte in Halle Bd. 29 (Berlin 1976) 41.

G. Thiry, Die Vogelfibeln der germanischen Völkerwanderungszeit. Rhein. Forsch. Vorgesch. 3 (Bonn 1939) 136. 71 Nr. 41 Taf. 6,41.

http://www.edelsteine.net/almandin/ (1.12.2017).

 

Vergleiche Fibeln:

http://www.lda-lsa.de/landesmuseum_fuer_vorgeschichte/fund_des_monats/2008/dezember/ (1.12.2017).

https://tagdesdenkmals.at/fileadmin/Medien/_processed_/b/7/csm_Ausstattung_Kindergrab_Vogelfibeln__BDA__1_750a258302.jpg (1.12.2017).

http://www.historischer.verein.ffb.org/pages/02_chronik-13-14.html (1.12.2017).

http://www.historisches-franken.de/herkunft/04mainfranken.htm (1.12.2017).

https://commons.wikimedia.org/wiki/File:NBAM_V%C3%B6lkerwanderung_-_Rosettenfibeln.jpg (1.12.2017).

 

Vergleich Grabinventar:

https://www.wiesbaden.de/microsite/stadtlexikon/a-z/Alemannen.php (1.12.2017).



 

 



SammlungsStück November 2017

Sühnekreuz


                                                                                             Das Wefenslebener Sühnekreuz. © Foto: J. Hoeft,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              BMBU – Landkreis Börde


Datierung:      15. Jahrhundert         

Fundort:         Wefensleben

Maße:            H 100 cm / B 43-49 cm / T ca. 18 cm

Material:         Sandstein

Inv.-Nr.:          BMBU V:14/01/08/01           


Ganz am Ende des Rundganges durch das Börde-Museum, etwas versteckt unter der Treppe, steht ein einfaches und auf den ersten Blick recht unscheinbares Kreuz aus Sandstein.

Die Berichte über den Fundhergang variieren im Detail. Sicher ist nur, dass man es 1938 bei Straßenarbeiten in Wefensleben entdeckte. Ausschachtungsarbeiten an der Ecke Lindenstr./Alte Schulstraße ließen die Arbeiter im Erdreich auf den Stein stoßen. Die Gemeinde Wefensleben schenkte ihn daraufhin dem Börde-Museum für seine Sammlung. Dort stand er über Jahrzehnte im Burgturm, bis er in den 90er-Jahren seinen heutigen Platz in der Dauerausstellung erhielt.

Das Wefenslebener Kreuz stellt keine Besonderheit dar, sondern reiht sich vielmehr in die breit gefächerte Gattung der sog. Flurkreuze ein, die in Deutschland und Europa zu Tausenden vorkommen. Doch wurden und werden nicht alle aus dem Erdreich geborgen. Vielerorts haben sich diese steinernen Relikte auch oberirdisch erhalten. Und sei es nur fragmentarisch als sog. Spolien in Kirchenwänden, Friedhofsmauern oder Stallgebäuden (Abb. 2).     


                                                                                                 In eine Friedhofmauer in Domersleben eingemauerte Kreuze, verm. Keine Sühnekreuze sondern Grabsteine. Mittlerweile stehen die Kreuze im Innern der Peter                                                                                                                                                                                                und Pauls Kirche. © http://www.suehnekreuz.de/anhalt/domersleben.htm#1 (27.10.2017).

  

In der Forschung wurden die zumeist sehr grob gearbeiteten Steine in Kreuzform im Laufe der Zeit recht unterschiedlich gedeutet. Gängigste Ansprache war die des Grabsteines. Zwar trifft dies bei einigen Exemplaren aus heutiger Sicht auch tatsächlich zu, doch machen diese nur einen geringen Teil am Gesamtkomplex aus. Vielmehr ist der Grund für die Errichtung dieser steinernen Zeugnisse in einer ausgeprägten Erinnerungskultur zu suchen, so die einhellige Meinung. Als eine Art ›Gedenkstein‹, sollten sie am Ort des Geschehens an besondere Ereignisse gemahnen, an die es sich zu erinnern galt. Dabei konnten diese Ereignisse ganz unterschiedlicher Natur sein, was sich teilweise noch heute in der lokalen Namensgebung einiger der Steine widerspiegelt. Namen wie ›Pestkreuz‹, ›Hagelkreuz‹ oder ›Floriankreuz‹ lassen Rückschlüsse auf besonders schwere Unwetter, Epidemien oder gar Brandkatastrophen zu.

Des Weiteren lassen sich die sog. Wegkreuze mit dem Gedenken an vergangene Gräueltaten in Verbindung bringen. Sie sind in vielen Teilen Europas zu finden, stammen meist aus dem 17. und 18. Jahrhundert und werden je nach Region und vorausgegangenem Krieg als ›Schweden-, Hussiten- oder auch Franzosenkreuze‹ bezeichnet.

Das Sandsteinkreuz aus Wefensleben ist jedoch bedeutend älter und stammt vermutlich bereits aus dem 15. Jahrhundert. Flurkreuze, die auf Grund ihrer Formensprache dem Hoch- und Spätmittelalter zuzuordnen sind, wurden bereits im 18. Jahrhundert von Heimatforschern als sogenannte ›Sühnekreuze‹ bzw. ›Sühnesteine‹ angesprochen. Bei diesen, oft auch als ›Mordkreuz‹ bezeichneten Steinen handelt es sich um Objekte, die einst einen wichtigen Bestandteil der Rechtsprechung darstellten.

Im Mittelalter mussten sich Straftäter, je nach Tatbestand und Region, der niederen/hohen Gerichtsbarkeit der weltlichen Gewalten oder der kirchlichen Gerichtsbarkeit fügen. Maß und Art der Bestrafung waren in beiden Rechtssystemen zum Teil recht unterschiedlich, da das kanonische Recht auf dem ›römischen Recht‹, das weltliche Recht auf dem ›Stammesrecht‹ fußte. Die im Mittelalter verhängten Strafen lassen sich in fünf Kategorien einteilen: Verstümmelungsstrafe, Geldstrafe, Freiheitsstrafe (erst ab dem 16. Jahrhundert), Ehrenstrafe und Todesstrafe.

Bei geringeren Vergehen kam die Ehren- und Geldstrafe am häufigsten zum Zuge. Wenn jemand beispielsweise Lügen über eine andere Person verbreitete oder ›zänkisch‹ in der Öffentlichkeit auftrat musste er/sie damit rechnen, an den Pranger gestellt zu werden, eine Schandmaske zu tragen oder eine Geldsumme an die Grundherrschaft/Stadt zu entrichten.

Bei schwereren Vergehen wie etwa Diebstahl oder Betrug musste der/die Verurteilte mit einer Verstümmelung rechnen. Bei dieser konnte es sich sowohl um die Abtrennung von diverser Gliedmaßen handeln sowie um eine Kastration, Blendung oder Brandmarkung.

Die schwerste Strafe war die Verurteilung zum Tode. Je nach Stand, Geschlecht und Vergehen des Delinquenten konnte das Gericht zwischen einer Vielzahl von Tötungsformen wählen. Die als ehrenhaft geltende Enthauptung war meist dem Adel vorbehalten, während das ›ehrlose‹ Hängen die häufigste Todesstrafe für das einfache Volk darstellte. Bei besonders schweren Vergehen reichte die Palette vom lebendigen Verbrennen, übers Rädern bis hin zum Vierteilen und Ausweiden.

Eine weitere Möglichkeit der Rechtsprechung ist heute nahezu in Vergessenheit geraten, die der ›privaten Sühneverträge‹. Bei dieser Form der Rechtfindung lag das Hauptaugenmerk auf der Entschädigung der Opfer bzw. der Hinterbliebenen.

Ein Beispiel: Ein junger Mann erschlägt im Streit einen anderen jungen Mann. Nun hat der Vater des Opfers die Wahl: Er könnte ein Verfahren vor einem ordentlichen Gericht verlangen. Dies würde mit hoher Wahrscheinlichkeit den Rechtsbrecher zum Tode verurteilen, der Verlust des Sohnes wäre somit aus moralischer Sicht gerächt. Die fehlende Arbeitskraft im Betrieb/auf dem Hof hätte für den Vater aber den möglichen Bankrott zur Folge. Außerdem muss er sich um die Witwe seines Sohnes und um deren Kinder kümmern, eine finanzielle Belastung, die nach dem tragischen Verlust eines Kindes schnell den Untergang der ganzen Familie nach sich ziehen könnte.

Doch ihm steht noch eine weitere Möglichkeit offen. Er lässt gemeinsam mit dem Vater des Schuldigen einen sogenannten Sühnevertrag aufsetzen. Darin werden unter der Leitung eines Amtmannes Taten und/oder Zahlungen vereinbart, die der ›Buße‹ der begangenen Tat dienen sollen.

So kann etwa vereinbart werden, dass die Familie des Täters mehrere Messen für das Seelenheil des Erschlagenen bezahlen muss. Sie muss für den Lebensunterhalt der jungen Witwe aufkommen bis diese wieder geheiratet hat oder ihr ältester Sohn für die Familie sorgen kann. Zusätzlich zu den Zahlungen wird aber auch ein öffentliches Zeichen der Reue eingefordert wie etwa ein Bußgang oder das Setzen eines Kreuzes, welches im Gedenken an den Verstorbenen an der Stelle der Mordtat aufgerichtet wird – ein sog. Sühnekreuz. Im Gegenzug verzichtet der Vater auf eine Anklage, was wiederum für die Familie des Angeklagten bedeutet, dass ihr Sohn nicht hingerichtet und der Familienbetrieb/Hof weitergeführt wird. Neudeutsch könnte man ein solches Abkommen wohl als ›win win Situation‹ bezeichnen, aus juristischer Sicht handelt es sich hierbei im weitesten Sinne um einen klassischen Schadensersatz (Abb. 3). Ein solcher Vertrag wurde schriftlich und unter Zeugen aufgesetzt und erst wenn alle Vereinbarungen erfüllt waren konnte der Beschuldigte sicher sein, dass er nicht doch noch vor einem Gericht erscheinen musste.


                                                                                                            Der Besitzer einer getöteten Ziege verlangt vor Gericht Schadensersatz und erhält diesen vom Besitzer des durch-                                                                                                                                                     gegangenen Stieres. Auszug aus dem Heidelberger Sachsenspiegel (1. Hälfte 14. Jahrhundert). © E. Künßberg, S. 55-57.


Diese Sühneverträge erfreuten sich im Mittelalter großer Beliebtheit und wurden erst mit der 1533 von Kaiser Karl V. eingeführten Halsgerichtsordnung zu Gunsten der ordentlichen Gerichtsbarkeit verdrängt. So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass es im vermeintlich dunklen Mittelalter weniger Hinrichtungen gab als in der ›aufgeklärten‹ Neuzeit. Auch nach der Einführung der Halsgerichtsordnung ließ man noch ›Sühnekreuze‹ oder ›Mordsteine‹ aufstellen, allerdings geschah dies nun nicht mehr im Zuge eines geschlossenen Vertrages. Vielmehr dienten diese Steine rein dem Gedenken und der öffentlichen Anklage.

Die Annahme, dass es sich bei dem Wefenslebener Kreuz um ein solches ›Sühnekreuz‹ handelt ist aufgrund seiner Machart und Datierung relativ wahrscheinlich. Allerdings birgt die zeitliche- und kunstgeschichtliche Einordnung der vielen in Europa gefundenen Steinkreuze immer auch das Risiko einer Fehlinterpretation. Ob ein Kreuz im Gedenken an einen Mord, einen Krieg oder einer Pestepidemie errichtet wurde, bleibt somit häufig im Dunkeln der Geschichte verborgen. 

   

Literatur:

E. Künßberg, Freiherr von, Der Sachsenspiegel. Bilder aus der Heidelberger Handschrift, Leipzig 1934.

W. Saal, Steinkreuze und Kreuzsteine im Bezirk Magdeburg, Halle (Saale) 1987.

W. Schild, Folter, Pranger, Scheiterhaufen: Rechtsprechung im Mittelalter, München 2010.

P. Schuster, Verbrecher, Opfer, Heilige: Eine Geschichte des Tötens 1200-1700, Stuttgart 2015.

http://www.suehnekreuz.de/ (20.10.2017).

https://de.wikipedia.org/wiki/S%C3%BChnevertrag (20.10.2017).

 




SammlungsStücke Oktober 2017

Ölbild, Landschaft Letzlingen-Salchau von August Bratfisch

 


                                                                        Ölbild, Letzlingen-Salchau 1932 © Archiv BMBU, Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Inventar-Nr.:                    BMBU_2017Wzl006_Lei/Hol

Titel:                              Letzlingen-Salchau 1932

Künstler:                         August Bratfisch (1883-1960)

Maße:                            75 cm x 87 cm x 4 cm (H x B x T)

Material:                         Leinen, Holz, Ölfarbe

Technik:                          Ölmalerei

Datierung:                       1932

Erhaltungszustand:             Gebrauchs- und Alterungsspuren, kleinere Ölfarbenabplatzungen

 

Ein Museum, das wie das heutige Börde-Museum Burg Ummendorf im November diesen Jahres auf 93 Jahre seines Bestehens blicken kann, hat als Regionalgeschichtsmuseum beachtliche und umfangreiche Bestände vorzuweisen. Das Alltagsleben der Menschen in der landwirtschaftlich geprägten Magdeburger Börde steht im Mittelpunkt der Sammlungs-, Ausstellungs- und Forschungstätigkeit, der seit 2007 in Trägerschaft des Landkreises Börde befindlichen Einrichtung. Von urgeschichtlichen Funden über Dampfpflug und Traktoren bis hin zu historischen Werkzeugen, Tracht und künstlerischem Schaffen in der Region werden Originale für die Nachwelt bewahrt.

Besonders wird es, wenn zum Sammlungsobjekt, das selbst Zeitzeugnis ist und dem Betrachter direkte Informationen liefert, noch eine Begebenheit oder Geschichte existiert, die heimatgeschichtliches Kolorit vermittelt. Dies erfolgte erst wieder vor Kurzem mit einer Schenkung Jürgen Götzes aus Wanzleben. Es ist ein Ölbild von August Bratfisch (1883–1960), der nach dem Zweiten Weltkrieg bis zu seinem Lebensende ebenfalls Bürger der Stadt Wanzleben war und das Zeichnen und Malen liebte. Er widmete sich verstärkt in dieser Wanzlebener Zeit feinteiligen Bleistiftzeichnungen und Aquarellen mit Ortsmotiven und Landschaftsszenen der Region sowie Pflanzenstudien der heimischen Flora. Gelegentlich gestaltete er seine Arbeiten auch als Ölmalerei. Solch ein Ölbild von August Bratfisch führt in die Colbitz-Letzlinger-Heide. Das auf Leinwand ausgeführte und mit einem Keilrahmen versehene Bild ist signiert: A. Bratfisch Letzlingen-Salchau 1932.


                                                                                                    Signatur von August Bratfisch auf dem Bild Letzlingen-Salchau 1932 © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Es trägt auf der Rückseite eine Widmung folgenden Wortlautes: Herrn Horst Götze zu[r] freundlichen Erinnerung, August Bratfisch Wanzleben/Börde 15.4.1953.


                                                                          Rückseite des Ölbildes mit Widmung © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde                                                                  Horst Götze (1925-1968) © Archiv BMBU

 

Dass Bratfisch immer mal wieder eines seiner Bilder zum Geschenk gemacht hat, ist bekannt. Die Anlässe dafür allerdings waren unterschiedlich. In diesem konkreten Fall handelte es sich um eine Handwerkerarbeit, die Anfang der 1950er-Jahre in Ermangelung von Keilrahmen von Horst Götze (1925-1968) angefertigt wurden. Dessen Ehefrau Charlotte Götze schrieb dazu als ergänzende Information an das Börde-Museum: »Herr Bratfisch benötigte Keilrahmen [für seine gemalten Bilder], die er nicht mehr beschaffen konnte. Mein Mann war Tischler und konnte Herrn Bratfisch die Rahmen herstellen. Seiner Sorge enthoben, schenkte Herr Bratfisch das mit der Widmung versehene Bild.«

 

August Bratfisch, der am 24. Februar 1883 in Metz (Frankreich) geboren wurde, war bei der Eisenbahn tätig. Doch bereits in jüngeren Jahren widmete er sich Malerei und Grafik und war bemüht, seinen künstlerischen Ambitionen die nötige Basis zu geben. Er betätigte sich u.a. wohl auch in Montigny. Drei stilgleiche Federzeichungen in der Museumssammlung lassen darauf schließen. Eine davon ist signiert mit: Montigny 17.9.18 August Bratfisch.


                                                                                                                   Federzeichnung, August Bratfisch, Montigny 1918 © Archiv BMBU, Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Als er ca. 1918/19 aus Elsaß-Lothringen nach Magdeburg dienstlich versetzt wurde, war sein sein neuer Arbeitsplatz das Reichsbahnausbesserungswerk Magdeburg-Salbke. Kurz nach seinem Umzug an die Elbe trat er der spätexpressionistischen Künstlervereinigung »Die Kugel« in Magdeburg bei, die von 1919 bis 1923 bestand.  Aus dieser Schaffensperiode ist leider nichts Erkennbares in der Sammlung des Museums vorhanden, obwohl 1018 Bilder und Blätter, die Heinz Nowak nach dem Tode Bratfischs von seiner Witwe 1971 in den Bestand des Museums übernehmen konnte und so vor dem Verlorengehen bewahrte. Dabei sind die 94 Bögen mit Pflanzenabbildungen – drei bis vier Pflanzen je Blatt – aus der Umgebung von Blumenberg und Wanzleben eine Art indirekte Bestandsaufnahme der Flora zwischen 1945 und 1957, der allerdings eine eindeutige systematische Lokalisierung fehlt.

Motivik und Art der Darstellung verändern sich bei August Bratfisch spätestens ab den 1930er-Jahren deutlich. Er löste sich offensichtlich nahezu ganz vom bisherigen Mal- und Zeichenstil, was sich in einigen wenigen Arbeiten der Museumssammlung andeutet. Zwei Federzeichnungen mit weiblichen Darstellungen in Jugendstilmanier aus dem Jahr 1913 sind in der unteren Ecke signiert: ABRATFISCH13. Sie lassen eine andere künstlerische Ausdrucksweise erkennen.


                                                          Federzeichnungen, August Bratfisch, 1913 © Archiv BMBU


In der Wanzlebener Zeit, Bratfisch ist seit 1948 im beruflichen Ruhestand, sind es verstärkt Blumenstillleben, Pflanzenporträts im Naturumfeld und Landschaftsbilder, die entstehen. Beindruckend sind die feinteiligen Bleistiftzeichnungen, die Charakteristisches und Besonderes der Börde in der zweiten Hälfte der 1940er-Jahre und in den 1950er-Jahren wiedergeben, u.a. Feldlandschaften mit Bockwindmühlen und Getreidegarben, Bördedörfer mit ihren  markanten Bauwerken, Gewässer, von Bäumen eingefasste typische Straßenverläufe mit hölzernen Strommasten, Jahreszeiten und Wettererscheinungen wie Gewitter- und Regenhimmel über der Weite der Region. Als Gegenstück dazu belegt ein erhaltenes Aquarell aus dem Jahr 1950 die Veränderung in Themenwahl und Gestaltung. Er verknüpft hier abweichend zu der Vielzahl sonstiger regional geprägter Arbeiten die ihn nun befassenden Pflanzendarstellungen mit früherer Gestaltungstechnik.


                                                  Aquarell aus dem Jahr 1950 © Archiv BMBU

 

Orte der Erholung sind nicht zuletzt Thema seiner Bilder, so auch Salchau in der Colbitz-Letzlinger-Heide. Das, was das 1932 von August Bratfisch gemalte Bild landschaftlich vermittelt, entspricht nahezu dem, wie auch heute noch etliche Abschnitte der Heideregion vorzufinden sind und durchaus einen Kontrast zur landwirtschaftlich geprägten Börde darstellen. Wege und einige wenige Straßen verlaufen nahezu geradlinig, wie in einer Schneise, durch die reichlich mit Nadelbäumen bewachsenen Wälder.  – Ein Ort der Erholung und Stille lässt sich vermuten, dörfliches Leben in der Heide. Wer die Region kennt, weiß um die außerordentliche Entwicklung der Region: Letzlingen-Salchau wurde im 13. Jahrhundert erstmals urkundlich erwähnt. Zwei Jahrhunderte später zur Wüstung geworden, entstanden dort gegen Ende des 17. Jahrhunderts wieder neue Siedlungsstrukturen. In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts siedelte die preußische Regierung Menschen aus der Rheingegend nach Salchau um. 1935 dann die Zäsur schlechthin. Es begannen Arbeiten, um die Colbitz-Letzlinger Heide zu einem großen durchgehenden Schießplatz zu machen (30 km lang, 750 m geradlinig breit), was folglich auch Salchau betraf.


                                                                                       August Bratfisch, Selbstporträt, Federzeichnung, undatiert (um 1940) © Archiv BMBU

 

Für August Bratfisch war das Heidedorf Ferienort gewesen, was die im Museum vorkommenden Salchau-Bildmotive unterstreichen. Für etliche der knapp 400 Einwohner des Heidedorfes erfolgte eine Umsiedlung nach Blumenberg bei Wanzleben. Dorthin kamen auch August Bratfisch und seine Frau Auguste nach dem Luftangriff auf Magdeburg am 16. Januar 1945 bis sie nach Wanzleben umzogen.

In den Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg wurde das Gelände in der Colbitz-Letzlinger Heide Truppenübungsplatz des sowjetischen Militärs und ist heute Gefechtsübungszentrum der Bundeswehr. So verbindet sich ein Stück Lebensgeschichte mit regionalgeschichtlichem Alltag des 20. Jahrhunderts im Ölbild Letzlingen-Salchau 1932 von August Bratfisch.

 

Literatur:

(R. Hagedorn), Die Kugel – eine Künstlervereinigung der 20er Jahre. Spätexpressionistische Kunst in Magdeburg (Magdeburg 1993).

Die Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft, Band 4 (Ummendorf 1994) 49, XVII – XLVI.

H. Nowak, August Bratfisch – zur Person, zum Erwerb des künstlerischen Nachlasses und zu den damit verbundenen Begleiterscheinungen. Ms. (Ummendorf 1989).

H. Nowak, Der Pflanzenatlas des Malers August Bratfisch in Wanzleben 1947-1957. In: Börde, Bode und Lappwald, Heimatschrift 1996 (Oschersleben 1996) 65–73. 

http://www.uni-magdeburg.de/mbl/Biografien/0148.htm (08.09.2017)

https://www.museum-digital.de/st/index.php?t=institution&instnr=10 (29.09.2017)

http://www.salbke-magdeburg.de/personen/august-bratfisch/ (08.09.2017)

https://www.volksstimme.de/nachrichten/lokal/wanzleben/601703_Wuerdigung-fuer-den-Boerdemaler-schlechthin.html (29.09.2017)

https://de.wikipedia.org/wiki/Salchau_  (29.09.2017)








SammlungsStück September 2017

Hebammentagebuch von Marie Junge


                                                                                                                                            Tage-Buch einer Hebamme © Archiv BMBU ─ landkreis Börde


Inv.-Nr.: 2012-0416

Material: Papier, Leinen, Pappe

Maße: L 20,5 cm / B 17,2 cm / St 1,0 cm

Entstehung: 4. Viertel 19. Jahrhundert

Verlag: Elwin Staude, Berlin W., Potsdamer-Straße 122c

Erhaltungszustand: gut, Pappdeckel verfärbt, leicht stockfleckig

 

Hebammentagebücher bieten Genealogen und Heimatforschern eine Unmenge an Informationen. Sie kommen einem Geburtenregister gleich und beinhalten neben den Namensangaben von Mutter und Vater, ggf. auch den Beruf des Vaters, Datum und Uhrzeit der Geburt sowie das Geschlecht des Kindes. Der Kindsname fehlt in der Auflistung jedoch. Vergleichbar viele Informationen über unsere Vorfahren liefern sonst nur Geburtsurkunden des Standesamtes oder kirchliche Taufbücher.

 

»Führt die Hebamme das Buch sorgfälltig, so findet sie die meisten Angaben, die der Standesbeamte verlangt, im Tagebuch bereits verzeichnet, …« Prof. Dr. Ahlfeld

 

Das hier vorgestellte Tagebuch besteht aus unnummerierten Papierseiten, Pappdeckeln und einer Klebebindung. Auf dem Innendeckel steht vermerkt, dass das Buch oder ein Formular unaufgefordert dem Kreisarzt oder Bürgermeister zum Jahresabschluss vorzulegen ist (Vgl. Tabarelli 2004, 5.). Dass tatsächlich Prüfungen durch den Kreisarzt vorgenommen wurden, zeigt eine schriftliche Notiz im Buch. Dort ist vermerkt, dass das Buch 6. Juni 1902 durch den königlichen Kreisarzt des Kreises Neuhaldensleben geprüft wurde. Was dieser mit seiner Unterschrift und einem Stempel bezeugt. Ein weiteres Zeugnis dieser Praxis ist das Geburtenbuch der Hebamme Anna Voigt aus Eggenstedt (Inv. BMBU 2011-0195). Es wurde am 15. Juni 1904 nachgeprüft.


                                                                                                Vermerkeintrag und Prüfung durch den Kreisarzt © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde


Auf der zweiten Seite des Buches ist Platz für die Besitzerin, ihren Namen und den Zeitraum, in welchem sie das Buch nutzte, einzutragen. Marie Junge aus Eimersleben führte das Tagebuch vom 27. Mai 1896 bis 21. Februar 1905. Sie verstarb mit 61 Jahren am 14. Juli 1907.

Es folgen Hinweise, was in das Buch eingetragen werden soll und die Empfehlung, das Buch eigenhändig zu führen, sowie einige Informationen von Prof. Dr. Ahlfeld, Direktor der Hebammen-Lehranstalt zu Marburg: »Ueber den Werth und den Gebrauch des Hebammen-Tagebuchs«. Nach einer Seite mit Beispieleinträgen beginnen die Eintragungen der Hebamme.

In 13 Registern werden zu den einzelnen Geburten Informationen abgefragt, bzw. festgehalten.

  1. Laufende Nr.
  2. Tag und Stunde der Geburt. Wann traf die Hebamme bei der Gebärenden ein?
  3. Name, Stand, Alter und Wohnort (Wohnung) der Entbundenen. (Name des Ehemannes.)
  4. Wievielte Geburt?
  5. Stellung des Kindes zur Geburt.
  6. Geschlecht des Kindes.
  7. Ist das Kind lebend oder todt geboren?
  8. War das Kind rechtzeitig (reif)? frühzeitig (frühreif)? unzeitig (Abort) geboren?
  9. War bei der Geburt künstliche Hülfe nöthig? Welcher Art? Name des Arztes?
  10. Wieviel reine Carbolsäure wurde verbraucht?
  11. Wieviel Lysol? od. wieviel Cresol-seifenlösung wurde verbraucht?
  12. Blieb die Mutter gesund? Erkrankte sie? Starb sie? An welchem Tage?
  13. War das Kind bis zum 10. Tage gesund? Starb es? Wann?
  14. Besondere Bemerkungen.


                                                                                                                                    Hülfs-&Schreibkalender für Hebammen 1894 © Archiv BMBU  ─ Landkreis Börde


Als Alternative zu Tagebüchern nutzten Hebammen zu dieser Zeit auch Kalender oder trugen die Geburten in Listen ein. Bereits 1894 erschien im Verlag Hermann Böhlau ein Hülfs- & Schreibkalender für Hebammen für das Königreich Preußen (Inv. BMBU 2012-0417). Ab 1889 bewarb auch der Staude Verlag seine Drucksachen und empfahl, Kalender oder Tagebücher zur Dokumentation der Geburten zu verwenden. In Lübeck setzte sich dies allerdings nicht durch, dort wurde fortlaufend mit Listen gearbeitet, in denen annähernd dieselben Fragen festgehalten wurden (Vgl. Halves 1996, 58 f.). Eine weitere Variante zeigt das Geburtenbuch von Anna Voigt. Sie ließ sich ein Buch im Großformat (337 x 220 mm) mit vergleichbaren Fragen in Magdeburg drucken und binden.

In dem hier vorgestellten Tagebuch sind 214 Geburten verzeichnet. Bei 20 Geburten notierte Frau Junge bei den besonderen Bemerkungen, dass das Kind die Nabelschnur um den Hals gewickelt hatte. Andere Auffälligkeiten waren etwa starke Blutungen der Schwangeren, bei denen die Hebammen gehalten waren, einen Arzt hinzuzuziehen (Halves 1996, 52 f.). Auch im Falle einer festgewachsenen Nachgeburt waren Hebammen dazu verpflichtet (Halves 1996, 54 f.) und konnte bei einem Fehlverhalten, wie es seiner Zeit in Lübeck auftrat, sogar verklagt werden.


                                                                                                                      Kalender für hebammen mit verschiedenen Abb. von Kindslagen © Archiv BMBU ─ Landkreis Börde


Das Tagebuch belegt derweil, dass Frau Junge dieser Anordnung folgte. Drei Ärztenamen tauchen im Buch immer wieder auf: Dr. Vogt, Peine und Dr. Hülsmeier. Bei 26 Geburtseintragungen wurden diese erwähnt. Zu den Beweggründen gehören neben Blutungen auch Krämpfe der Gebärenden (Eintrag Nr. 878), Verzögerungen bei der Geburt (Eintrag Nr. 831, 835), Verwachsungen der Nachgeburt (Nr. 728, 745), Kindswendungen (Nr. 680, 713, 780) und Geburtseinleitungen (Eintrag Nr. 770).

Vermehrt treten die Ärzte auch bei Fällen mit Todgeburten in Erscheinung. 21 Kinder sind vor, während oder im Laufe von 10 Tagen nach der Geburt gestorben. Im Zusammenhang mit Todgeburten notiert Maria Junge oftmals komplexere Kindslagen (Steiß- oder Fußlage).

In einem Fall sind tragischerweise bei der Geburt sowohl Mutter als auch das Kind gestorben. Am 24. August 1900 wurde um 4 Uhr Nachmittag die Geburt von Dr. Vogt eingeleitet. Im Laufe der Geburt starb dann zunächst das Kind und eine halbe Stunde nach der Geburt die Mutter, bei der es zu starken Blutungen gekommen war (Eintrag Nr. 770.).

Es war wohl nicht das erste Geburtentagebuch von Marie Junge, da die Zählung mit 677 beginnt. Das Buch endet mit der Eintragung 891 und lässt noch einige Seiten frei. Warum die Eintragungen mitten im Band enden, bleibt offen. Bemerkenswert ist eine parallele zur Hebamme Anna Voigt, die ab 1905/1906 zwar ihr Geburten-Buch weiterführt, jedoch nur noch die Grunddaten eintrug: Datum der Entbindung, Name der Mutter und Geschlecht des Kindes.

 

Literatur:

C. Halves, Das Lübecker Hebammenwesen um die Jahrhundertwende 1889-1914. Eine Darstellung sozialer und kultureller Aspekte eines medizinischen Berufsbildes. Veröffentlichungen zur Geschichte der Hansestadt Lübeck – Reihe B Bd. 28 (Lübeck 1996).

E. Labouvie, Beistand in Kindsnöten: Hebammen und weibliche Kultur auf dem Land (1550-1910) (Frankfurt a. M. 1999).

Neuhaldensleber Wochenblatt vom 14. Juli 1907.

P. Tabarelli, Da Hebammenwesen in Mainz um 1900 (o. Ort 2004).

 






SammlungsStück August 2017

Fernseher Clivia 2 RFT


                                                                                                                      Fernseher Clivia 2 RFT © Foto N. Panteleon, BMBU – Landkreis Börde



Baujahr:         1957

Hersteller:       VEB Rafena-Werke (vorm. Sachsenwerk Radeberg)      

Maße:            H 112 cm, B 65 cm, T 54 cm

Material:         Holz, Kunststoff, Metall

Inv.-Nr.:          BMBU, ohne Inv.-Nr.             

     

Das Objekt des Monats August steht ganz im Zeichen der Television: Die CLIVIA 2 RFT stammt aus dem Jahr 1957 und ist ein Schwarz-Weiß-Fernseher. Das Standgerät mit Drucktasten weist eine Bilddiagonale von 43 cm auf und besitzt vier Lautsprecher. Das Holzgehäuse umschließt neben dem eigentlichen Fernsehempfänger mit Bildröhre zudem noch ein Rundfunkgerät Typ »Beethoven«. Das Gerät gehörte zur Sammlung des Kreismuseums Oschersleben, deren Bestände nach der Schließung 2003 im Börde-Museum Burg Ummendorf verwahrt sind.

Die Geschichte des Herstellers, die VEB Rafena-Werke, reicht bis in die Deutsche Kaiserzeit zurück und liest sich wie eine Kurzfassung der jüngeren deutschen Geschichte: Rüstungsproduktion im Ersten Weltkrieg, Demontage nach Kriegsende, Wiederaufbau und zivile Produktion sowie Niedergang im Zuge der Weltwirtschaftskriese.


Königliches Feuerwerkslaboratorium, 1915–1920, © 14.08.2017, http://fesararob.de/HTML_Basis/Start_G.html


Anschließend erneute Rüstungsproduktion im Zweiten Weltkrieg, Demontage nach Kriegsende, Wiederaufbau und zivile Produktion sowie endgültiger Niedergang in Folge der Umwälzungen durch die Wiedervereinigung. Die wechselvolle und sich scheinbar wiederholende Werksgeschichte steht symptomatisch für die Entwicklung vieler Firmen und Betriebe in Deutschland, insbesondere die der ehemaligen DDR.

Im Oktober 1915 wurde der erste Spatenstich für den Neubau des »Königlichen Feuerwerkslaboratoriums Radeberg« gesetzt (Abbildung 1). Der Rüstungsbetrieb war eigens für die Produktion von Brenn- und Aufschlagzünder gegründet worden und sollte den durch den Ersten Weltkrieg gestiegenen Bedarf decken. Auf Grund des hohen Arbeitskräftemangels zu Kriegszeiten wurde der Bau vorrangig durch Soldaten, Frauen und Kriegsgefangene fertiggestellt. Bis November 1918 wurden 5,9 Millionen Zünder, 43 Millionen Sprengkapseln und 35 Millionen Infanteriezündhütchen hergestellt. Bei den 5.400 Mitarbeitern handelte es sich überwiegend um Frauen und Kriegsgefangene. Ab der zweiten Hälfte des Jahres 1918 wurde die Produktion immer weiter reduziert bis sie zum Kriegsende im November komplett eingestellt wurde.

Nach der Kapitulation Deutschlands wurde das Feuerwerkslaboratorium durch die Alliierten demontiert (Zünderzerlegung und Rückbau der rüstungstechnischen Infrastruktur) und das ortsansässige Kriegsgefangenenlager aufgelöst. Bereits zwei Monate nach Kriegsende verkaufte der sächsische Staat die Werkgebäude zu unterschiedlichen Teilen an das Sachsenwerk Licht und Kraft A.G. Niedersedlitz und an den Hutschenreuther-Konzern.

Das Sachsenwerk produzierte ab 1920 Schalttafeln, Schaltschütze und Niederspannungsschalter. Für diese „zivile Fertigung“ beschäftigte das Werk noch etwa 800 Mitarbeiter. 1928 wurde die Produktpalette in Radeberg durch verschiedene Haushaltsgeräte wie etwa Kühlschränke oder Staubsauger erweitert, ein Jahr später eine eigene Rundfunkabteilung aufgebaut. Im Zuge der Weltwirtschaftskriese brachen die Absätze in den darauffolgenden Jahren so stark ein, dass das Werk am 1. Februar 1932 geschlossen werden musste.

Unter nationalsozialistischer Regierung öffnete der Betrieb erneut seine Tore, nun bestehend aus einem Kasernen- und einem Produktionsbereich. Im Zuge des nationalen Rüstungsprogrammes konnten nach Ankauf neuer Produktionsmaschinen bereits im März 1936 die ersten Zünder und Granaten vom Band laufen.

Anfang der 1940er-Jahre, nun Teil des rüstungstechnischen Zentrums in Dresden, zeichnete sich der Betrieb für die Herstellung hochwertiger Funkgeräte wie etwa des Kurzwellenempfängers »Köln« für die Luftwaffe verantwortlich. Des Weiteren wurden in Radeberg Teile des Panzerfunkgerätes »Boge« und der V2 Rakete A4 produziert. 1941 „beschäftigte“ das Sachsenwerk etwa 5000 Mitarbeiter, bei denen es sich hauptsächlich um Kriegsgefangene, Zwangsarbeiter und strafversetzte Soldaten handelte. Nach Einmarsch der roten Armee wurde das Sachsenwerk 1945 stillgelegt und bis 1946 vollständig demontiert.


                                                                                                "Leningrad T2", 1952,  © 14.08.2017, http://www.earlytelevision.org/Etzold/tv.html


Doch die Werksgebäude sollten nicht lange leer stehen. Bereits 1946 wurde die Lorenz A.G. (Vogtland) nach Radeberg ausgelagert und die übrigen Gebäude als »Sowjetische Aktiengesellschaft ʹGerätʹ in Deutschland, Werk Sachsenwerk in Radeberg« wiedereröffnet und durch die Besatzungsmacht direkt verwaltet. Produzierte man zunächst ausschließlich einfache Rundfunkempfänger, so erweiterte man die Produktpalette in den Folgejahren um Hochfrequenz-Messgeräte (1947), Drehstrom-Elektromotoren, Schaltgeräte und Nachrichtentechnik (1948).

Ab 1951 gingen mit dem Modell »Leningrad T2« auch Fernsehempfänger in Produktion (Abbildung 2). Zunächst als reine sowjetische Reparationsleistung hergestellt, handelte sich um den ersten in Deutschland in Großserie hergestellten Fernseher. Pro Jahr wurden allein 40.000 Geräte gefertigt und in die Sowjetunion geliefert (bis 1954 verließen rund 130.000 Fernsehgeräte den Betrieb in Richtung Russland). Die damalige Bilddiagonale betrug gerade einmal 23 cm!

Mit Ausstrahlung der ersten Probesendungen im Juni 1952 begann das Fernsehen in der DDR und am 16. November des gleichen Jahres der Verkauf von Fernsehgeräten. Das Modell »Leningrad« war nun für jeden DDR-Bürger erhältlich. Aufgrund des hohen Kaufpreises (3500 Mark) waren beim Start eines regelmäßigen Fernsehprogrammes am 21. Dezember 1952 (Stalins Geburtstag) auch erst 60 Geräte verkauft worden.

Die Entwicklung war jedoch nicht aufzuhalten. Binnen weniger Jahre avancierte Radeberg zur größten Produktionsstätte von Fernsehgeräten in der DDR. Während die Produktion des Typs Leningrad noch auf Bauplänen der Sowjetunion basierte, wurde mit dem Gerät Rembrandt erstmals eine Eigenentwicklung hergestellt. Mit dem Vertrieb der »Malerserie« gehören die Sachsenwerke schließlich mit zu den größten Produzenten für Fernsehgeräte Europas.

Am 1. Juli 1952 wurde der SAG-Betrieb Sachsenwerk unter dem neuen Namen VEB Sachsenwerk Radeberg zu einem volkseigenen Betrieb erklärt, zwei Jahre später mit der Fertigung der Kombinationstruhe CLIVIA begonnen. Im November 1956 erfolgte eine erneute Umbenennung. Durch einen eigens dafür ausgeschriebenen Wettbewerb entstand der neue Firmenname RAFENA-Werke Radeberg (RAdeberger FErnseh- und Nachrichtentechnik). Bis 1961 wurden in Radeberg 1 Millionen Fernsehgeräte, bis 1964 bereits 2 Millionen produziert. Im selben Jahr beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau der Datenverarbeitung in der DDR. Im Zuge dessen erweiterte man die Produktpalette der Rafena-Werke und widmet sich nun verstärkt dem neuen Bereich der »Computertechnik«. Durch die Produktionsaufnahme der Datenverarbeitungsanlage R300 verlagerte sich der Entwicklungsschwerpunkt des Werkes so stark, dass die Produktion von Fernsehgeräten 1968 zeitweise komplett eingestellt wurde.



                                                                        Gebäude der „Robotron-Werke“ in Radeberg. © 14.08.2017, http://www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/standorte/rafena.htm


                                                                                                                                             Der „UNI-VISION RC 8954“, eines der letzten in Radeberg produzierten Fernsehgeräte, 1991.                                                                                                                                                                                                                                                                                               © 14.08.2017, http://fesararob.de/HTML_FS/Geraete_TV2.html


Mit der veränderten Ausrichtung des Werkes erfolgte eine weitere Namensänderung: die VEB Robotron-Elektronik Radeberg (Abbildung 3) wurde 1969 Stammbetrieb des neu gegründeten VEB Kombinat Robotron und produzierte noch bis zu Beginn der 90er-Jahre Datentechnik, Richtfunktechnik, diverse Konsumgüter und auch immer wieder Fernsehgeräte (Abbildung 4).

Bedingt durch die politischen Veränderungen, die im Zuge der Wiedervereinigung entstanden, kam es auch in Radeberger Werk zur Stornierung von Aufträgen. Trotz der Einstellung einzelner Produktionszweige und eines Sanierungskonzeptes kommt es 1991 zu einer Gesamtvollstreckung und zur schrittweisen Auflösung des Betriebes.

Die Fernsehtruhe Clivia II wird noch bis zum 3. Dezember 2017 in der aktuellen Sonderausstellung »Das Pferd frisst keinen Gurkensalat – Kommunikationsmittel im Wandel der Zeit und deren gesellschaftlicher Stellenwert« zu sehen sein.

    

Literatur:

 

14.08.2017; https://de.wikipedia.org/wiki/Rafena

14.08.2017; http://www.robotrontechnik.de/index.htm?/html/standorte/rafena.htm

14.08.2017; http://fesararob.de/

14.08.2017; https://de.wikipedia.org/wiki/Rundfunk-_und_Fernmelde-Technik

          





SammlungsStücke Juli 2017

Kalkstein-Kleinplastik »Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016)


                                                                             »Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016) aus Kalkstein © Foto S. Vogel BMBU –  Landkreis Börde


Künstler/Bildhauer:                 Klaus Thiede (1939-2016)

Werktitel:                             Lesende

Material:                              Kalkstein

Maße:                                 33 cm /52,5 cm /23 cm (H/L/B)

Entstehungsjahr/-ort:               1975/Ummendorf

Sammlung:                           Börde-Museum Burg Ummendorf

Erwerbung:                           aus Mitteln des Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik, Rat des Bezirkes Magdeburg Reg.-Nr. 212 (Ü.-P. 29.08.1977)

Inventar-Nr.:                         BMBU V:22/00/01/212

 

An den Symposien der Magdeburger Bildhauer des VBK (Verband Bildender Künstler) der DDR (Deutschen Demokratischen Republik) – Bezirk Magdeburg, die von 1975 bis 1985 in Ummendorf ihren Veranstaltungsort hatten, war auch der in Havelberg geborene und zu jener Zeit in Magdeburg tätige Künstler Klaus Thiede beteiligt. In den Jahren 1975 bis 1977 schuf er während der Bildhauersymposien Kleinplastiken aus Kalkstein, so auch die »Liegende“, die 1975 entstand. 1976 ist ein sitzendes, umschlungenes Paar (ohne Titel) verzeichnet und eine Große Stehende, ebenfalls eine kleinplastische weibliche Ausführung. Für das Jahr 1977 sind als Werke von Klaus Thiede als Kleinplastiken aus Kalkstein in der Listung zum Symposium drei Arbeiten benannt: »Schlangenturm«, »Liegende« und »Sitzende mit Blume«, die allerdings, wie die meisten der Symposiumsskulpturen, nicht für das Museum erworben wurden. Wohingegen die zum Teil wesentlich größeren Bildhauerwerke aus Sandstein, geschaffen von den Künstlern Eberhard und Wolfgang Roßdeutscher, Harri Schneider, Dieter Borchard, Jochen Sendler, Stefan Thomas, Roman Richtermoc, Wieslaw Jelonek und Jaroslav Černý – aus Mitteln des Kulturfonds der Deutschen Demokratischen Republik vom Rat des Bezirkes Magdeburg finanziert – in der parkartigen Gartenanlage des Börde-Museums Burg Ummendorf seit jenen Jahren einen festen Platz haben, präsentierte die „Lesende“ von Klaus Thiede auf Grund guter Umsetzmöglichkeiten in einigen Ausstellungen beispielhaft diese namhafte Veranstaltungsreihe, so auch 2014 in der Sonderschau zum 90jährigen Bestehen des Ummendorfer Museums. Künftig wird die Kalksteinskulptur  von Klaus Thiede Teil eines der neu zu gestaltenden Dauerausstellungs-bereiche sein.

Dem Betrachter dieses Bildhauerwerkes bietet sich der Anblick einer weiblichen Figur mit körperbetonten Rundungen in auf der Seite liegender entspannter Haltung. Dabei ist das rechte Bein gebeugt auf der Unterlage liegend. Das linke Bein wurde angewinkelt dargestellt und lässt die Körperfülle mit kräftigem Oberschenkel und linkem sichtbaren Oberarm durchaus anziehend erscheinen. Die Brüste sind von den Armen eingerahmt. Der Kopf zeigt sich erhaben, der Blick ist geradeaus gerichtet. Dabei hält sie in der linken Hand ein Buch, das mitunter erst bei genauerem Hinsehen als solches erkannt wird, auch durch den Titel der Skulptur gestützt. Die Frisur wurde so ausgeführt, dass man sowohl im Profil als auch frontal das Gesicht deutlich erkennen kann. Dieses ist mit wenigen Linienführungen gestaltet. Die Mächtigkeit des linken Beines zeigt sich hier besonders deutlich und deutet dies ebenso für das rechte an. Schulter- und Kopfpartie wirken dadurch eher schmächtig.


                                                                                                                              Kleinplastik »Lesende« von Klaus Thiede (1939-2016), Kalkstein, Blick in das Gesicht von vorn                                                                                                                                                                                                                                                                                               © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Auf dem Ölbild »Bildhauer von Helga Borisch (geb. 1939 in Thale) aus dem Jahr 1976, die als Malerin ebenfalls Teilnehmerin an den Symposien in Ummendorf war, ist eine Momentaufnahme des Schaffens von Klaus Thiede festgehalten. Die Künstlerin schreibt zu ihrem Bild: » … Links in der oberen Ecke ist Klaus Thiede mit einer sehr kleinen Figur beschäftigt. …« Dies galt offensichtlich nicht nur für die »Lesende«. Kleinplastik war sein Metier.

                                                                                      

                                                      »Bildhauer«, Ölbild von Helga Borisch (geb. 1939), 1976, Sammlung Börde-Museum Burg Ummendorf (Inv.-Nr. V: 22/00/07/205) © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Werk des 2016 verstorbenen Künstlers war facettenreich, sowohl in den Darstellungen als auch in den verwendeten Materialien. Kalkstein begegnet immer wieder in seinen Skulpturen, die einen unverkennbaren Stil haben und dennoch unterschiedliche Ausdruckskraft verkörpern. Auch Marmor, roter Sandstein und Serpentin waren für ihn Ausgangsmaterial und akzentuieren die Figürlichkeiten.

 

                                                                    Arbeiten von Klaus Thiede (1939-2016): »Stehende« (Venus), Marmor; »Sitzende«, roter Sandstein; »Liegende«, Serpentin; Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde



                                                                                                                                         Kalkstein-Relief »Steintransport« und Büste »Bildhauer« von Klaus Thiede (1939-2016), Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

Reliefgestaltungen bildeten eine weitere Facette des umfangreichen Schaffens wie auch die Gestaltung von Brunnen (z. B. Bördebrunnen in Wanzleben, 1981, mit Wasserspeiern in Tierkopfgestalt und drei Bäuerinnen; Dorfbrunnen in Bottmersdorf mit Bauer und Pferd, 1981, oder Skulpturen für den öffentlichen Raum wie beispielsweise der Ziegenbock für den Heimatverein des Ortes Dodendorf, 2011. In der Stadt Magdeburg waren dies »Vogelbaum« (Grundschule Am Kannenstieg), »Kuh« (Milchweg), »Liegender« (Stadtpark Rothehorn),
»Schlangenknäul“ (Neustädter See).
 Ebenso wurde Klaus Thiede im Rahmen von Holzsymposien tätig, so 1980, 1982 und 1984 in Colbitz. Zichtau und Gardelegen waren weitere Aktionsorte der Holzbildhauerei.

Was in der beruflichen Orientierung bei Klaus Thiede mit der Lehre zum Uhrmacher (1953-1954) begann, sollte sehr schnell eine andere Ausrichtung erfahren, nämlich die künstlerische Arbeit am Stein.


                                                                                                                               Kalkstein-Relief »Steintransport« und Büste »Bildhauer« von Klaus Thiede (1939-2016),                                                                                                                                                                                                                                                                                                       Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen                                                                                                                                                                  © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Das Rüstzeug seines Könnens erwarb Thiede in der Steinmetzlehre in Havelberg (1954-1957), in der Dombauhütte Magdeburg (1958-1960), durch das Studium der Bildhauerei an der Fachschule für angewandte Kunst Leipzig, Abt. Plastik bei H. Chemnitz (1960-1963) und durch die Arbeit als Bildhauer an der Dombauhütte Magdeburg/VEB Denkmalpflege (1963-1975). Über viele Jahre währte seine denkmalpflegerische Tätigkeit (Magdeburger Dom, Kloster Unser Lieben Frauen, Restaurierungsarbeiten an Schlössern in Leitzkau, Mosigkau, Zerbst und Merseburg und Halberstädter Dom, Rekonstruktion des Altars in der Kirche von Jecha bei Sondershausen).



                                                                                                       Informationstafel zum Künstler Klaus Thiede (1939-2016) und seinen ausgestellten Werken im Kirchgarten der evangelischen                                                                                                                                                                                                                                                      Kirche St. Georg, Langenweddingen © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde

 

Um selbst einige Arbeiten aus Stein des seit 1975 freischaffenden Künstlers Klaus Thiede zu erkunden und auf sich wirken zu lassen, bei denen der Mensch deutlich im Mittelpunkt der Ausführungen stand, bietet seit Juni 2017 eine als Dauerleihgabe der Familie aus dem Nachlass des seit 1998 in Dodendorf beheimateten Thiede eine Exposition mit 11 Werken im Kirchgarten der evangelischen Kirche St. Georg in Langenweddingen (Verborgene Schätze an der Straße der Romanik) Gelegenheit dazu.


                                                                                                       Feierliche Eröffnung der Ausstellung zum Künstler Klaus Thiede (1939-2016), evangelische Kirche St. Georg, Langenweddingen,                                                                                                                                                                                                                                                  am 10. Juni 2017 im Beisein der Familie © Foto S. Vogel BMBU – Landkreis Börde


Mit dem Wohnort- und Atelierwechsel nach Dodendorf sind bis zu Klaus Thiedes Tod noch über 100 Kleinplastiken aus Stein entstanden, etliche Keramiken und zahlreiche Aktzeichnungen. Letztere wird es künftig nicht nur u.a. in der Bibliothek des Ortes, untergebracht im Pfarrhaus, zu entdecken geben. Durch seine  Tochter Annegret Thiede, Architektin in Berlin, war zu erfahren, dass ein gefördertes Projekt noch voraussichtlich 2017 die Veröffentlichung eines Kataloges mit Aktdarstellungen des Künstlers Klaus Thiede möglich macht. Gekonnt ausgeführt und minimalistisch angelegt sind diese. »Es waren Studien, zeichnerische Momentaufnahmen, Skizzen für Arbeiten in Stein. Thiede reduzierte dabei, konzentrierte sich ganz auf die Linie. … Gesichter sind angedeutet, nur selten und äußerst sparsam arbeitete der Künstler mit Schattierungen. Wie Thiede reduzierte, wie er den menschlichen Körper sah, wie er erste grobe Skizzen auch in Ton umsetzte,«  (volksstimme.de 14.07.2016) zeigte bereits eine Sonderschau im Juli/August 2016 in der Galerie Süd, Feuerwache Magdeburg, in der Zeichnungen und Skulpturen des im April 2016 in Magdeburg verstorbenen Künstlers Klaus Thiede – auch in neuer Betrachtungsweise –  zu sehen waren.


Literatur:

Verband Bildender Künstler der DDR, Bezirk Magdeburg / Rat des Bezirkes Magdeburg, Abteilung Kultur (Hrsg.), Kleinplastik. Bildhauer des VBK DDR Bezirk Magdeburg stellen aus (1975).

Ort der Ruhe und der Kunst. Rund um die Langenweddinger Kirche werden Werke von Klaus Thiede dauerhaft ausgestellt. In: Volksstimme, Mittwoch, 14. Juni 2017, Börde (Magdeburg 2017) 18.

S. Vogel, Bildhauerkunst aus Sandstein – in der Gartenanlage des Börde-Museums Burg Ummendorf, Flyer (Ummendorf 2017).

BMBU Archiv – Kunst und Kunstpflege/Symposium der Magdeburger Bildhauer in Ummendorf 1975 – 1985.

http://www.feuerwachemd.de/termin/2805-klaus-thiede (24.07.2017)

http://www.volksstimme.de/kultur/bildende-kunst-immer-wieder-der-mensch, 14.07.2016 (24.07.2017)

https://de.wikipedia.org/wiki/Plastik_(Kunst) (24.07.2017)

 

 



SammlungsStück Juni 2017 

Lehrbrief des Schmiedegesellen Albert Hanse


                                                                                                                                Lehrbrief © Foto N. Panteleon, BMBU ─ Landkreis Börde

Inv.-Nr.:                    2010-876

Material:                    Papier, Leinen, Pappe

Maße:                      L 14,4 cm / B 10,0 cm (Buchdeckel) L 47,5 cm / B. 33,5 cm (Urkunde)

Druckfarbe:                rot, schwarz

Entstehung:                1900

Litograph:                  W. J. Rother, Nachfolger Berlin C, Alte Schönhauserstr. 32

Verlag:                      Verlag Dr. Adolph Schulz, Berlin, Blücherstr. 32

Erhaltungszustand:        gut, Einband leicht eingerissen, Urkunde stockfleckig


Wichtige Dokumente, wie etwa Zeugnisse, bewahrt man noch heute in der Regel sehr sorgfältig auf. So ist es weniger überraschend, dass sich im Archiv ein größere Zahl von Lehrbriefen und ähnlichen Urkunden befindet. Darunter ist auch der Lehrbrief von Albert Hanse aus Eilsleben.

Urkunden dieser Art sind kunstvoll anzusehende Stücke, obwohl es sich bereits um eine Drucksache handelt, genaugenommen einer Lithographie. Der Begriff Lithographie stammt von den griechischen Worten: λίθος »Stein« und γράφειν »schreiben« ab und benennt das Material, welches zur Herstellung der Abdruckes eingesetzt wurde. Diese Technik entwickelte Alois Senefelder 1798. Auf eine Steinplatte, damals vor allem Kalkschieferstein, wurde das zu druckende Bild oder der Text zunächst aufgebracht. Hierfür verwendete man spezielle Tusche, bzw. Kreide oder gravierte den Stein. Mit einer Säure, dem ›Scheidewasser‹, bereitete man die Oberfläche anschließend für den Druck vor. Dabei wurde der Stein zunächst befeuchtet und anschließend mit fetthaltiger Farbe eingewalzt. Da sich Fett und Wasser nicht verbinden, konnte das Motiv anschließend auf Papier oder Karton übertragen werden. Für diesen Druckvorgang ist eine Steindruckpresse erforderlich.

Mehrere Einzelmotive zieren die Urkunde, die durch Blüten und andere Ranken miteinander in Verbindung stehen. Im linken oberen Eck befindet sich zunächst ein Adler. In seinen Fängen hält er zwei nach oben gebogene Zweige. Außerdem trägt er auf der Brust ein Wappen, auf dem gleichfalls ein Adler zu sehen ist, sowie eine Kette. Die Kette besteht bei näherer Betrachtung aus einzelnen Kreuzen und Raubvögeln. Zudem befindet sich zentral ein Anhänger in Kreuzform, der an einen Orden erinnert.

Unter dem Adler folgt ein unbärtiger, junger Mann mit Hut, Wanderstock und geschultertem Sack. Diese Elemente kennzeichnen, zurzeit als der Lehrbrief gedruckt wurde, einen Gesellen auf Wanderschaft. Seine Beine umspielt eine Banderole, die mit einem Kreuz sowie dem Schriftzug »Mit Glück und Gunst« versehen ist. Das dritte Motiv auf der Seite ist ein Wappen. Dieses ist gefüllt mit einem Hammer und einer Zange. Zentral über dem Wappen befindet sich ein Hufeisen. An den unteren Seiten erkennt man einen Anker mit Kette und eine Axt sowie einen Hammer.

Der Wandersbursche und insbesondere das Wappen mit seinen Werkzeugen verweisen auf das Gesellentum und den Schmiedeberuf. Selbiges bestätigen die Textfelder und Banderolen auf der rechten Seite der Urkunde. Dort wird die Urkunde zuoberst als Lehrbrief benannt, darunter folgt der Text der Urkunde:

Der Lehrling Albert Hanse geboren am 9. Dezember 1882 zu Eilsleben hat während 3 ½ Jahre hintereinander, und zwar vom 21. April 1897 bis 30. September 1900 die Schmiede-Profession bei dem Schmiedemeister Herrn Fr. (Friedrich) Bode zu Ostingersleben gehörig erlernt und vor der unterzeichneten Prüfungskommission nach den bestehenden-Prüfungsvorschriften seine Gesellen-Prüfung mit dem Prädikat gut bestanden und wird ihm zum Ausweise hierüber das gegenwärtige Zeugnis ertheilt.

Ostingersleben, den 29. September 18 1900.

Die Innungs-Prüfungs-Kommission:

G. Müller

Fr. Hüllinghorst

Auf Grund des vorstehenden Prüfungs-Zeugnisses ertheilen wir hiermit dem Albert Hanse diesen Lehrbrief unter dem Gewerkssiegel und ersuchen einen Jeden, dem vorgelegt wird, besonders die Genossen des Gewerks, demselben völligen Glauben beizumessen und dem gedachten Gesellen überall zu seinem Fortkommen behülflich zu sein, welches wir in gleichen Fällen zu erwidern bereit und willig sind.

So geschehen Magdeburg den 14. Oktober 18 1900.

Der Vorstand der Schmiede-Innung

H. Cornelius

Obermeister [?]

No. 12471

Unterschrift des Inhabers

Unter dem Textfeld auf der rechten Seite der Urkunde befinden sich weitere Blüten und Schriftbanderolen mit folgendem Inhalt:

»Wer ist Geselle? Der was kann. Wer ist Lehrling? Jedermann. Halte die stets so, dass du gern gesehen bist und überall wiederkommen kannst.«

In einem Kreis und einer weiteren Banderole wird außerdem der Innungs-Verband Bund deutscher Schmiede-Innungen genannt. Ein Stempel verweist abschließend auf die Schmiede-Innung Magdeburg.

Die Lithographie wurde – wie am unteren Rand gedruckt steht – von W. J. Rother hergestellt und vom Verlag Dr. Adolph Schulz vertrieben. Sie ist auf Papier gedruckt worden, dessen Rücken mit Leinen verstärkt ist. Da die Handwerker diese Lehrbriefe auch mit sich führten, war dieser gefaltet und in Buchdeckel eingebunden. Auch wenn als Druckfarben zu dieser Zeit bereits mehrere Farben verwendet werden konnten, so ist in diesem Fall nur schwarz und rot eingesetzt worden. An mehreren Stellen überdeckt die rote Farbe die schwarze, so dass deutlich wird, dass die rote später aufgetragen wurde. Insgesamt spricht vieles dafür, dass auch die in schwarz geprägten Schriften später als das Bild aufgedruckt wurde. Oberhalb des Titels der Urkunde liest man die Worte »Fleiss« und »Lohn«, die wie schon die rote Schrift auf der Banderole das Bildmotiv überschneidet.

Heute wird die lithographische Technik nur noch im künstlerischen Bereich eingesetzt und wurde in der Massenproduktion von modernen Druckverfahren abgelöst. Ähnlich sieht dies mit dem Beruf des Schmieds aus. Mit der Industrialisierung wurden Werkzeuge, Materialien und Geräte nun zunehmend maschinell hergestellt. Geschmiedete Geräte, wie z. B. die sog. Köpfschippen, die zum Entfernen des Rübenblattes zum Einsatz kamen, wurden zudem von effizienteren, moderneren Geräten abgelöst. Der Beruf des Hufschmiedes hingegen wird bis heute ausgeübt.

 

Literatur:

J. Zeidler, Lithographie und Steindruck in Gewerbe und Kunst, Technik und Geschichte (Ravensburg 1994) bes. 8–10. 66–70.

A. Senefelder: Lehrbuch der Lithographie und des Steindruckenes [Nachdruck] (München 1818) bes. 8–9. 136–145.

K. Senefelder Lehrbuch der Lithographie, oder leichtfaßlicher und gründlicher Unterricht (Regensburg 1833) 1–6. 11–12. 14–16. 25–26.

 





SammlungsStücke Mai 2017

RS 03/30 ›AKTIVIST‹


                                                                                   Signet des Brandenburger Traktorenwerkes © Foto U. Schmidt, privat

Hersteller:

VEB Brandenburger Traktorenwerke

Baujahr:              1950

Motor:                Zweizylinder-Viertakt-V, Diesel, wasserumlaufgekühlt

Hubraum:           3325 cm³

Leistung:             30 PS bei 1500 U/min

Getriebe:            4 Vorwärts- und 1 Rückwärtsgang


                                                                                                               RS 03/30 ›Aktivist‹ der Sammlung des Börde-Museums © Foto U. Schmidt, BMBU – Landkreis Börde


Wie es sein Name schon sagt, Radschlepper dritte Konstruktion, ist der ›AKTIVIST‹ der Dritte im Bunde der neu gebauten Traktoren in der Sowjetischen Besatzungszone bzw. der jungen DDR. So unglücklich seine Entstehungsgeschichte ist, ist auch die Konstruktion.

Schon 1869 gründeten die Brüder Reichstein in Brandenburg an der Havel ein Unternehmen zur Produktion von Kinderwagen. Zehn Jahre später kam die Fahrradproduktion hinzu. Im selben Jahr erhielt das Werk seinen Namen, der unter Oldtimerfreunden heute noch ein Begriff ist – ›Brennabor‹. Mit ihren Produkten wurde ›Brennabor‹ bald marktführend und erweiterte die Produktionspalette auch auf die Fertigung von Motorrädern, PKW und Nutzfahrzeugen.


                                                                       Fahrradproduktion bei Brennabor, um 1920 Riepke, Handbuch des Maschinenbaues Bd. 2, Leipzig o.J.

 

Anfang der 1930er-Jahre geriet das Unternehmen in eine Krise, die auf Grund von Rüstungsaufträgen abgefangen werden konnte.

Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde durch das Rüstungsprogramm die ›Brennaborwerke‹ seitens der sowjetischen Besatzung zum Kriegsproduzenten eingestuft, was zu einer Enteignung mit anschließender Demontage führte. Der Teil der Werkanlagen, der den Krieg unbeschadet überstanden hatte, blieb allerdings von einer Sprengung verschont.

Im Sommer 1948 erhielt das Amt für Volkseigene Betriebe den Auftrag im ›Brennaborwerk‹ ein Traktorenwerk einzurichten. Im August des gleichen Jahres begannen die Aufräum- und Instandsetzungsarbeiten der Werksanlagen.

Mit der Forderung nach neuen Traktoren unter Berücksichtigung der herrschenden Brennstoffknappheit sollte in Brandenburg der Generatorgasschlepper ›S 25 Solidarität‹ in Produktion gehen. Die Konstruktion des Motors war die Arbeit von Dr. Ing. Herbert Isendahl, der schon einige erfolgreiche Generatoren entwickelt hatte. Der Name Isendahl ist in der Fahrzeuggeschichte nicht unbekannt. So war der Vater, Walther Isendahl, langjähriger Redakteur in verschiedenen Fachzeitungen und Verfasser mehrerer Fachbücher. Für die Firma ›Wisco‹ entwickelte er Vergasersysteme und übernahm die technische Leitung des Betriebes, der als ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Berlin‹ einen neuen Namen führte. Nach dem Zweiten Weltkrieg baute er den vollständig zerstörten Betrieb als ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Beeskow‹ wieder auf.

Sein Sohn Herbert Isendahl dissertierte an der Technischen Hochschule Berlin zum Thema „Entwicklung eines Hochleistungs-Fahrzeuggaserzeugers. H. Isendahl wurde 1950 Technischer Leiter/Chefkonstrukteur im ›VEB Schlepperwerk Brandenburg‹, das ab dem 10. August 1951 umbenannt wurde in ›VEB Brandenburger Traktorenwerk (BTW)‹.

Somit begann bei ›Wisco-Fahrzeuggeneratoren Grau, Isendahl & Co, KG Beeskow‹ die ersten Arbeiten zu dem Generatorgasschlepper ›S 25 Solidarität‹. Als Treibstoff dienten teerarme Festbrennstoffe wie Torf, Holz, Braun- und Steinkohle. Dieser Schlepper wies einige Besonderheiten auf, die zu den typischen Konstruktionsmerkmalen des ›RS 03/30 Aktivist‹ führten. Der Motor war ein Einzylinder Gegenkolbenmotor. Über der Vorderachse wurde der Generator platziert. Mit dieser Anordnung ergab sich ein sehr kurzer Radstand. Zusätzlich gab es ein besonderes Novum an diesem Schlepper. Zwischen Gaserzeugeranlage und Motor gab es keine Rohrleitungen. Sie bildeten eine Einheit. Die Gasführung verlief vom Generator über zwei parallel geschaltete Fliehkraft-Staubabscheider durch zwei mit Holzwolle gefüllte Reinigungskästen zum Gassammelbehälter und dann zum Motor.


                                                                    Ein Funktionsmuster des Generatorgasschleppers während einer Ausstellung in Frankfurt/Oder 1948 mit Wisco-Schriftzug                                                                                                                                                                                                                                                          am Gasentwickler. Foto Sammlung H. Hintersdorf/ U.Schmidt, privat


Zur ›Leipziger Frühjahrsmesse‹ 1949 wurde der erste ›S 25 Solidarität-Schlepper‹ der Öffentlichkeit vorgestellt.

Der ›S 25‹ war hinsichtlich der Kombination von Gaserzeuger und Motor eine beachtliche technische Leistung, die heute fast vergessen ist und nur selten in der Fachliteratur zu den DDR-Schlepperkonstruktionen Beachtung findet.


                                                                                                                               Der ›25 Solidarität‹ während der ›Leipziger Frühjahrsmesse‹ 1949. Das Buchstabenkürzel ›BTW‹                                                                                                                                                                                                                                                                                             weist schon auf den neuen Traktorenproduzenten in Brandenburg hin.                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Foto Sammlung H. Hintersdorf/ U. Schmidt, privat

 

Die Begutachtung der Prototypen fiel erfolgreich aus. Eine monatliche Produktion von 100 Stück wurde geplant, die Fertigung lief allerdings nicht an. Obwohl Treibstoff knapp war, wurden Otto- und Dieselmotoren bevorzugt, zumal die Leistung des Gasschleppers unter der Erwartung lag. Eine Fortführung zur Serienreife erfolgte daher nicht mehr.

Mit dieser Situation kam das neue Brandenburger Traktorenwerk in eine missliche Lage. Alles Werksanlagen waren fertig für eine Traktorenproduktion. Die Mitarbeiter hoch motiviert. Dennoch standen die Brandenburger vor großen Problemen. Es gab zu wenig Werkzeuge. Es ist überliefert, dass viele Kollegen privates Werkzeug mitbrachten oder organisierten. In einer beispiellosen Aktion erwarb der Betrieb Werkzeug. Die Leitung und die Mitarbeiter des Traktorenwerkes riefen die Bevölkerung zu einer Tauschaktion auf. So konnte privates Werkzeug, vorrangig Messwerkzeuge, gegen Lebensmittel und Textilien eingetauscht werden. Dazu richtete man eine Tauschzentrale ein. Mit der Aufgabe des ›S 25‹-Traktors ergab sich ein weiteres Problem – es stand kein zu fertigender Traktorentyp für die Brandenburger mehr zur Verfügung. Somit wurde der ›S 25‹ umkonstruiert. Von ›Orenstein & Koppel‹ existierten Unterlagen für einen vielversprechenden Zweizylinder V-Motor mit einer Leistung von 30 PS. Mit dieser Leistung würde der neue Schlepper eine Lücke zwischen Pionier und Brockenhexe füllen können.


                                                                                                                                ›RS 03/30 AKTIVIST‹ in der ersten Ausführung mit kurzer Kühlerschnauze. Foto Lehrbücher                                                                                                                                                                                                                                                                                                        für die Berufsausbildung-Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren, Burg 1957


Während man das Prometheus-Getriebe des ›S 25‹ beibehielt, wurde statt des Gegenkolbenmotors der V-Motor eingesetzt. Damit erklärt sich seine gedrungene Bauweise, die ihm schließlich auch das Prädikat einer ›unglücklichen‹ Konstruktion einbrachte, denn bei schwereren Zugarbeiten, wie dem Pflügen, neigte der Traktor zum Aufbäumen. Mit dem Verlust des Bodenkontaktes an der Vorderachse, ließ sich der Schlepper schlecht lenken. Die Vorderachslast, die der Generator beim Gasschlepper mitgebracht hätte, fehlte nun. Um dem entgegen zu wirken, wurde der Vorderachsträger überarbeitet. Um den Kühler weiter vorn zu platzieren, zogen die Konstrukteure den Vorderachsträger weiter vor, was eine Überarbeitung der Kühlerverkleidung mit sich zog. Ab 1951 wurde der ›AKTIVIST‹ mit der vorgezogenen Vorderachse ausgeliefert. Die damit verbundene Gewichtserhöhung im vorderen Bereich reichte allerdings nicht aus, dem Schlepper eine bessere Lastverteilung zu geben. Die Neigung des Aufbäumens blieb.

     


                                                                                Zwei ›RS 03/30 AKTIVIST‹ während verschiedener Oldtimertreffen im Landkreis Börde. Links ist der überarbeitete Vorderachsträger gut erkennbar. Deutlich kann man bei beiden                                                                                                                                                                         Schleppern die größere Kühlerverkleidung gegenüber dem Vorgängermodell (Bild 6) sehen. © Foto U. Schmidt, privat


Der ›RS 03/30‹ in der Ausstellung des Börde-Museums stammte aus der Sammlung des ehemaligen Kreismuseums Oschersleben, dessen Grundstock die Sammlung des Kreisbetriebes für Landtechnik Oschersleben bildet. Der damalige Betriebsleiter Kurt Vlasak legte mit weiteren Kollegen in den 1980er-Jahren eine betriebseigene Sammlung historischer Landtechnik an. Als der Fundus am 1. April 1990 an das Museum Oschersleben übergeben wurde, befand sich dieser Schlepper als einziger Traktor darunter. Laut Überlieferung war er im Raum Sommerschenburg in einem kleinen Privatbetrieb eingesetzt. Technische Probleme führten zu seinem Dienstende. Die Verschrottung drohte. Durch Tausch gegen einen zugkräftigeren und einsatzbereiten Traktor gelangte der ›AKTIVIST‹ in die KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) – Sammlung, wo er optisch hergerichtet wurde.

Auf Grund seiner Konstruktion besitzt der ›RS 03/30‹ ein etwas kurios anmutendes Erscheinungsbild, der des Museums umso mehr, hier scheint gar nichts zu passen. Wenn man sich den Schlepper aber genau ansieht, erzählt er einiges aus seiner Einsatzgeschichte. Er gehört zu der ersten Generation des ›RS 03/30‹ mit der kurzen Kühlerverkleidung und der ersten Vorderachsausführung. Irgendwann musste sie ausgetauscht worden sein. Der Kühler blieb dennoch an seinem alten Platz und auch die originale kurze Kühlerverkleidung blieb erhalten. Damit wirkt unser ›RS 03/30‹ »zusammengestoppelt«. Allerdings dokumentiert das Exponat so auch die Entwicklungsgeschichte des ›RS 03 AKTIVIST‹.


                                                                                                Der neuere Achsträger mit der damit nach vorn verlegten Vorderachse. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde           

 


An Hand dieser drei Aufnahmen ist deutlich erkennbar, um wieviel der Achsabstand verlängert wurde, da der Kühler an seinem alten Platz und die originale Kühlermaske erhalten blieben. Die beiden Sockel im Achsträger sind die eigentlichen Aufnahmepunkte des Kühlers bei der überarbeiteten Variante. Fotos © U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde   


Der ›RS 03/30‹ ist in Blockbauweise ausgeführt. Der Motor muss von Hand angedreht werden. Der Startvorgang wird durch Lunten und eine Dekompressionsvorrichtung erleichtert. Mittels eines seitlichen Hebels können über ein Gestänge beide Auslassventile der Zylinder geöffnet werden, um das Durchdrehen zu erleichtern. Ist die nötige Drehzahl erreicht, schließt man die Ventile wieder. Der so entstehende Druck im Verbrennungsraum erzeugt gleichzeitig Wärme, die die Lunten entzünden und diese das Luft-Dieselgemisch im Zylinder.


                                                          Der Pfeil kennzeichnet den Hebel zur Bedienung der Dekompressionsvorrichtung. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde          

 


                                                      Gekennzeichnet sind die Gestänge zur Steuerung der beiden Auslassventile mittels der Dekompressionsvorrichtung. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Neben einer starren Ackerschiene besitzt der ›AKTIVIST‹ auch eine Riemenscheibe, die mit bis zu 1400 U/min arbeitet sowie eine fahrkupplungsabhängige Heckzapfwelle mit einer maximalen Drehzahl von 140 U/min. Das Getriebe besitzt vier Vorwärtsgänge und einen Rückwärtsgang. Der Traktor erreicht so eine Höchstgeschwindigkeit von 17, 8 km/h. Die geringste Geschwindigkeit liegt bei 3,94 km/h.

Der ›AKTIVIST‹ besitzt die spartanischste Ausstattung aller Schleppern im DDR-Traktorenbau. Seine Vorderachse ist pendelnd gelagert und ungefedert. Zur elektrischen Ausrüstung gehören neben der Lichtmaschine als Energieversorger eine einfache Beleuchtung. Eine Signalanlage ist nicht vorhanden. Bei Richtungswechsel muss der Fahrer dies mit einer Kelle anzeigen, die in seiner Reichweite ihren Platz hat.


                                                                                               Die Kelle zum Anzeigen des Richtungswechsels, wie sie auch bei Pferdefuhrwerken bis in die 1970er-Jahre üblich war. © Foto U. Schmidt, privat  


In der Ausführung mit Fahrerkabine ist ein Scheibenwischer oberhalb der Frontscheibe montiert. Bei Bedarf muss er per Hand mittels Kurbel bedient werden. Ein elektrischer Antrieb war original dafür nicht vorgesehen. Während starken Regenfalls ist das sicher kein angenehmes Fahren.

Doch nicht nur die Konstruktion an sich bereitete im praktischen Einsatz Probleme. Es gab auch viele technische Unzulänglichkeiten. Die meisten Schwierigkeiten traten bei der Einspritzpumpe, dem Differential und der Lenkung auf. Während die ersten 830 Schlepper Lenkungsteile aus dem Westsektor aufwiesen, laut mündlichen Überlieferungen handelt es sich dabei um Lenkgetriebe aus dem US-Armee- Geländewagens ›Willys‹ von› Jeep‹, musste im weiteren Produktionszeitraum die Lenkgetriebe durch eigene Produktion ersetzt werden. Sie erwies sich als sehr störanfällig. Mit diesen negativen Eigenschaften wurde 1952 die Produktion des ›RS 03/30 AKTIVIST‹ eingestellt. Insgesamt verließen 3761 Schlepper des Typs die Brandenburger Traktorenwerke. Heute sind nur noch wenig dieses kuriosen aber interessanten Traktors erhalten geblieben.



Literatur:

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon 2004).

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).                                                              

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002). 

H. Lorenz; H. Lichtenfeld; W. Marutz; H. Rentsch, Lehrbuch für die Berufsausbildung Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren (Berlin 1958).

R. Blumenthal, Technisches Handbuch Traktoren (Berlin 1961).

G. Riepke, Grosses Handbuch des Maschinenbaues Bd.2 (Nordhausen o.J.).

Private Korrespondenz H. Hintersdorf – U. Schmidt zum Traktor ›RS 03/30‹ und ›S 25‹ (Erfurt-Oschersleben 2004).







SammlungsStücke April 2017

Stickmustertücher


                                                                                                                                    Stickmustertuch mit Initialen AMF und Jahreszahl 1811, Inv.-Nr. 2010-549                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde


Dieses mit der Jahreszahl 1811 versehene bestickte Leinenstück, in den Abmessungen 465 mm x 300 mm, zählt zu den älteren Mustertüchern der Museumssammlung. (Katalog-Nr. V:13/05/01/8612; Erfassung museum-digital: Börde-Museum Burg Ummendorf 2010-549) Das Stickmustertuch ist als Kreuzstichstickerei gestaltet, welche mit Seidengarn in den Farben Gelb, Rot, Braun, Grün und Blau ausgeführt wurde. Eine kleine Anzahl an Großbuchstaben des Alphabets ist verschiedenfarbig gestickt. Auch innerhalb eines Buchstaben finden sich unterschiedlich farbige Garne verwendet. Bei diesem gestickten Alphabet, wie auch sonst häufig bei den Übungstüchern dieser Zeitstellung, entfällt das J in der alphabetischen Buchstabenreihung. Der Buchstabe zwischen T und W, meist wie ein V aussehend, wurde in gestickten Sprüchen sowohl als U und V gleichermaßen eingesetzt. In der optisch separierten rechten oberen Ecke wurden 17 unterschiedliche Zierstreifenmuster gestaltet. Der überwiegende Teil des Tuches ist mit Bildmotiven in Kreuzstickstickerei versehen, darunter zahlreiche stilisierte florale Motive, die oftmals in unterschiedlichen Ausgestaltungen die Abbildung des Lebensbaumes zum Inhalt haben. Hinzu kommen bei der Bildmotivsammlung biblische Szenen, oft Adam und Eva im Paradies mit Apfelbaum und Schlange, Jesus als Opferlamm abgebildet oder wie hier dargestellt "Jesus am Kreuz" mit darüber stehender Inschrift INRI. Diese Abkürzung führt zurück auf einen Text im Johannesevangelium (Johannes 19, Vers 19) in der lateinischen Vulgata (im Volk verbreitet), die sich in der römisch-katholischen Kirche verankerte. In den ältesten griechischen Handschriften des Johannesevangeliums ist die Übersetzung des Wortlautes Ἰησοῦς ὁ Ναζωραῖος ὁ βασιλεὺς τῶν Ἰουδαίων : „Jesus, der Nazoräer, der König der Juden“. Links und rechts des Kreuzes ist jeweils eine weibliche Person in schlichter Stickart dargestellt: Maria und Maria Magdalena.

Fast zentral auf dem Stickmustertuch zu sehen ist der sogenannte Doppeladler. Der Adler ist in vielen Kulturen symbolhaft. Die Zweiköpfigkeit veranschaulicht u.a. das Duale, beispielsweise in der Herrschaft bei der Verbindung Kaiser und König, wie beim deutsch-römischen Kaiser, der erst durch eine zweite, sakrale Krönung, vom König zum Kaiser aufstieg. Eine der ältesten bekannten Darstellungen des Doppeladlers stammt aus dem Babylonien des 23. Jahrhunderts vor Christus. Ebenso ist sie als Symbol des Schottischen Ritus der Freimaurerei zu finden. Im Gebiet von Kleinasien wurde der Doppeladler seit dem 4. Jahrhundert zum dynastischen Zeichen. Mit religiöser Symbolik versehen war dieser ebenso anzutreffen wie als Motiv orientalischer Stoffe, die im 11. Jahrhundert nach Europa gelangten und ab ca. 1100 Eingang in die Kunst fand. Als Doppeladlersiegel wird die Abbildung um 1180 von den Grafen von Saarwerden gewählt. Bei Kaisern aus der Familie der Palaiologen wurde im späten Byzantinischen Reich der Doppelkopfadler verwendet. In diesem Kontext stehen wohl die europäischen Reichsadler. Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation kam der Doppeladler in Schwarz auf Gold zur Darstellung und gilt seit der Regierungszeit von Kaiser Sigismund, im zweiten Viertel des 15. Jahrhunderts. In dieser Entlehnung ist wohl auch die Vorlage für dieses Sticksammelmotiv zu sehen.

Zu den des Öfteren, für eine gewissen Zeitspanne nahezu fast obligat ausgeführten Tieren gehört auch die Darstellung des Pfau, so auch auf dem Mustersammeltuch mit der Inventarnummer BMBU 2010-540. Er ist sowohl Rad schlagend als auch mit angelegtem Schwanzgefieder auf der rechten Seite des Leinenstoffstückes abgebildet, gilt als Symbol für die Auferstehung nach dem Tod, für das ewige Leben.


                                                                           Stickmustertuch mit Initialen CEB, Jahreszahl 1830 und Pfauabbildungen, Inv.-Nr. 2010-540                                                                                                                                                                                                                                                                                                     © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde


Bereits im Motivbuch von Johann Sibmacher aus dem Jahr 1601 findet sich der Pfau mit aufgestelltem Rad. Er wurde auch für den Zeitraum von 22 Jahren zum Signet für das Deutsche Stickmuster-Museum im Prinzenpalais in Celle während seines dortigen Bestehens in den Jahren 1991 bis 2013, welches die umfängliche Sammlung des Journalistenehepaares Elfi und Hans-Joachim Connemann zeigte. Heute sind die Stickmustertücher Teil des Bomann-Museums und können als Digitalisate der ehemaligen Ausstellung im Internet betrachtet werden. In den abgebildeten Motiven der Stickereien des 18. Und 19. Jahrhunderts immer wiederkehrend, sind auch wie auf diesem Mustersammeltuch, Vögel, Brunnen (Gott als Lebens- und Kraftquell) und Herzen, die die Liebe Gottes bildhaft vermitteln sollen, jedoch ebenso für die weltliche Liebe zweier Menschen steht.

Im europäischen Raum lassen sich die ältesten bekannten Stickmustertücher in die 2. Hälfte des 17. Jahrhunderts zurückverfolgen. Dass es schon zuvor Sammeltücher für gestickte Bildmotive gab, wird belegt durch Stickerei-Vorlagen wie beispielsweise im Modelbuch von Peter Quentel, erschienen 1529, im Formbüchlein von Hans Hofer, 1545 oder im 1601 vorgelegten Modelbuch von Johann Ambrosius Sibmacher. Der Kupferstecher aus Nürnberg fertigte die Mustersammlung sehr filigran als Kupfersticharbeiten an.

Das älteste im Börde-Museum Burg Ummendorf vorliegende Stickmustertuch (Katalog Nr. V:13/05/01/96:335, Inv.-Nr. BMBU 2010560) stammt aus dem Jahr 1798.                     Auf naturfarbenem, ungebleichtem Leinenstoff wurde mit pastellfarbenem Seidengarn als zentrales Motiv der Paradiesgarten mit Adam und Eva, Apfelbaum und Schlange gestickt, als Synonym für den Sündenfall, der die Vertreibung aus dem Paradies zur Folge hatte und den Tod über die Menschen brachte. Dieses Motiv diente gleichwohl als Art Erinnerungsbild für die junge Stickerin, ein tugendhaftes, gottgefälliges Leben zu führen.  Lebensbaummotive sind die floralen Darstellungen links und rechts. Die in der oberen Zeile unterschiedlich gestalteten Kronen symbolisieren die Ewigkeit (Gottes). Sie befinden sich oft, wie auch auf diesem Mustertuch aus Altenweddingen, über den gestickten Initialen.


                                                                                                               Strickmustertuch mit der jahreszahl 1798, Inv.-Nr. 2010-560 © Foto S. Vogel BMBU ─ Landkreis Börde


Im Unterschied zu üblicherweise gestickten Anfangsbuchstaben von Vor- und Zunamen, den Initialen oder sog. Monogrammen, weisen die Großbuchstaben CMG, die sich ab und an auf Stickmustertüchern finden, nicht auf einen Personennamen hin, sondern sind die Anfangsbuchstaben für die lateinische Benennung: Christus Missus Genitoris (Christus, der Bote Gottes).                                         

Aus dem Nachbarort Wormsdorf wurde das nachfolgend abgebildete Stickmustertuch (Inv.-Nr. BMBU 2010-512; alte Katalog-Nr.: Ha 6:46, A 91-52, V:13/05/01/8573) bereits in den 1920er-/1930er-Jahren vom Malermeister Franz Bode in die Ummendorfer Sammlung des Museums gegeben. Als Nachlass aus dem Familienbesitz findet sich das B in den drei gestickten Initialen MLB wieder. M und L stehen für die Anfangsbuchstaben des Vornamens, den es noch im Kirchenbuch zu erkunden gilt.  Auf dem 650 mm x 395 mm großen Leinenstück sind die Buchstaben und Bildmotive gleichermaßen ausgeführt. Neben der Paradiesszene mit Adam und Eva und dem Baum der Erkenntnis sind auch Opferlamm und unterschiedlich gestaltete Boote und Schiffe gestickt, die u.a. die Unwegsamkeit des Lebensweges symbolisieren. Neben Kronen, Lebensbäumen, Schiffen sind auf dem Mustertuch mit der Inventarnummer BMBU 2010-551 auch einfach gehaltene Begleitvögel gestickt, die Teil eines Bildmotives sind, jedoch auch solitär abgebildet sein können. Das für diese Handarbeit gewählte dickere Stickgarn aus Baumwolle macht die Darstellungen optisch weniger filigran. Vergleicht man Mustertücher aus unterschiedlichen Regionen, stellt man fest, dass zeitgleich relativ ähnliche Gestaltungsweisen und Bildmotive vorliegen. Es handelt sich meist um normierte, überregional verbreitete Vorlagen, die verwendet wurden und auf den Tüchern in den Stickereien Umsetzung fanden. 


                                             Mustertuch mit Buchstaben und bildlichen Darstellungen, 1842/43, Inv.-Nr. BMBU 2010-512  und aus dem Jahr 1847, Inv.-Nr. BMBU 551 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Waren Stickmustertücher anfänglich Handarbeiten, die im häuslichen Rahmen, meist bei jungen Mädchen aus dem Bürgertum im Alter von ca. fünf Jahren bis um das fünfzehnte Lebensjahr gefertigt wurden und die Sammlung von bildlichen Darstellungen, meist religiöser Art, zum Inhalt hatten, bekamen ab der Mitte des 19. Jahrhunderts Stickarbeiten einen festen Platz in der schulischen Ausbildung der Mädchen, um auf ihre Rolle als Hausfrau vorbereitet zu werden. Mit der Vereinheitlichung des Handarbeitsunterrichtes an den Schulen in Preußen ab 1872 veränderte sich das Aussehen der Stickmustertücher deutlich. Das vorherige Leinentuch wurde häufig durch sog. Stramin- und Aidastoffe, grobe appretierte Gewebe aus Leinen oder Baumwolle mit Kästchenstruktur, ersetzt. Rotes Baumwollgarn dominierte zunehmend und verdrängte die Seidengarne in Pastelltönen. Da das Kennzeichnen der Weißwäsche aus Leinen (Bettbezüge, Tischdecken, Handtücher, Unterhemde und Unterhosen) mit dem sogenannten Monogramm, den Anfangsbuchstaben des Vor- und Nachnamens, üblich wurde, ggf. auch noch mit eingestickter Nummerierung, wandelten sich die Übungstücher und dienten mehr und mehr den Stickübungen von Buchstaben und Zahlen in unterschiedlicher Größe und Gestalt. Bereits im 19. Jahrhundert wurden immer häufiger bedruckte Mustertücher für Stickübungen benutzt.


                                                                    Stickmustertuch aus feinem Leinen mit Vordruck von Buchstaben, Zahlen, Randeinfassung, Monogramm und Kronen,                                                                                                                                                                                                                                                               1. Hälfte 19. Jahrhundert, Inv.-Nr. 2010-562 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde


Das Bestreben bei der Ausführung der Stickereien war, ob nun im häufig vorkommenden Kreuzstich oder bei Stiel- und Langettensticharbeiten, auf Vorder- und Rückseite des Tuches gleichsam filigran und sorgfältig, gearbeitet zu haben. Knoten bei einer Stickerei galten noch im 19. Jahrhundert als Teufelswerk und waren peinlichst zu vermeiden, was auch bei Stickarbeiten aller Art in der 1. Hälfte des 20. Jahrhunderts noch angestrebt wurde, jedoch qualitative Unterschiede in der Ausführung erkennen ließ.



                                                            Stickmustertuch aus feinem Leinen mit gestickten Groß- und Kleinbuchstaben. Vorder- und Rückseite,  Jahreszahl 1855,  Inv.-Nr. BMBU 2010-531 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde


Vermehrt wurden Stickereien mit Bildmotiven von Buchstaben- und Zahlenreihungen abgelöst. Gelegentlich kamen fortan Zierkanten mit Mäanderband- oder Wellenlinienmuster hinzu. Auffallend ist auch die Verwendung von rotem Baumwollstickgarn wie bei diesem Mustertuch aus Altenweddingen, mit Namen der Stickerin und Entstehungsjahr versehen.


                                                                                                               Stickmustertuch mit  gestickten Groß- und Kleinbuchstaben, Zahlen und Zierstreifen sowie Name der Stickerin                                                                                                                                                                                                                                                                         und Jahreszahl 1855, Inv.-Nr. BMBU 2010-525 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde


Wie deutlich sich die Gestaltung von Handarbeitsübungstüchern nach der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert änderte, zeigt sich u.a. an den Arbeiten von Ottilie Heinemann (OH) aus Ummendorf von 1910 und von Edith Müller, Klasse 3, aus dem Jahr 1937. Verschiede Stiche für Nähte und Säume wurden ausgeführt, kaum noch sind Stickereien vorhanden. Gehäufter kommen stattdessen das Annähen von Knöpfen, das Umnähen (Schürzen) von Knopflöchern oder Reparaturarbeiten wie das Einsetzen eines Stoffstückes vor. Ottilie Heinemann (geb. 21.1.1899, gest. 20.2.1985) war zum Zeitpunkt der Anfertigung des Übungstuches 11 Jahre alt, ähnlich wohl auch Edith Müller, was vermuten lässt, dass trotz des Wandels vom Motivsammeltuch zum Übungstuch für Näharbeiten und Zierstiche das Lebensalter der Mädchen, in dem solche Arbeiten ausführten wurden, nahezu gleich blieb.


                                                  Handarbeitsmustertuch mit unterschiedlichen Näharbeiten, Inv.-Nr. BMBU 2010-  559 und BMBU 2010-564  © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Literatur:

O. A. Erich, Wörterbuch der Deutschen Volkskunde, dritte Auflage, neu bearbeitet R. Beitl (Stuttgart 1974) 781.

A. Fahl, Mustertücher und Schulhandarbeiten. In: „Langes Fädchen – faules Mädchen“. Textile Handarbeiten in Erziehung, Beruf und Freizeit. Schriften des historischen Museums Hannover, Heft 3 (Hannover 1993) 18-23.

S. Lehmann, Niedersächsische Stickmustertücher, 2. erweiterte Auflage (Hannover 1936).

Im Celler Prinzenpalais richteten Elfi und Hans-Joachim Connemann ihr Stickmustermuseum ein. In: Braunschweiger Zeitung, Wochenend, 23. Dezember 1995.

https://de.wikipdia.org/wiki/Stickmustertuch (07.02.2017)

https:/de.wikipedia.org/wiki/INRI (21.03.2017)

https:/de.wikipedia.org/wiki/Doppeladler (21.03.2017)

http://www.cellesche-zeitung.de/S2559562/Das-Stickmustermuseum-lebt-weiter (24.03.2017)

http://www.samplers-berlin.com/de/ueber-mich/museen/das-deutsche-stickmuster-museum-celle.html (24.03.2017)







SammlungsStück März 2017

Holzbagger FWF


                                                                                                                                                                   Signet PGH ›Friedrich Fröbel Werdau‹ © Foto U. Schmidt


                                                                                                       Der Spielzeugbagger aus der Ummendorfer Museumssammlung © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Baujahr: ca. 1965–1970

Hersteller: PGH ›Friedrich Fröbel‹, Werdau, vormals ›Dressel Spielgaben‹, Zwickau

Länge min.: 520 mm; max.: 710 mm

Breite: 220 mm

Höhe min.: 190 mm; max.: 500 mm

Material: Holz, geleimte Schicht-hölzer, lackiert, Gummi, Plastik

Inventar-Nr. V:16/01/02/97:I


 

Im April 1997 wurde dieser Spielzeugbagger dem Museum als Geschenk übereignet. Er ist bespielt und beschädigt, allerdings weitestgehend komplett und kann ohne viel Aufwand wieder instand gesetzt werden. Hier fragt man sich möglicherweise, warum dies noch nicht erfolgt ist. Es kommt letztendlich immer darauf an, was mit dem Originalzustand des Objektes gezeigt werden soll. Im Fall des Baggers belegt trotz seiner Gebrauchsspuren die qualitätvolle Ausführung , die seine Vorbesitzer sicher zu schätzen wussten und die ein gutes Kinderspielzeug auszeichnet.

Die Baggerkonstruktion geht zurück in die Zeit Anfang der 1950er-Jahre. Am 18. Oktober 1954 besuchte der damalige Präsident der DDR, Wilhelm Pieck, überraschend das gerade eröffnete Kinderkaufhaus ›Haus des Kindes‹ am Strausberger Platz in Berlin. Mit dem damaligen Minister für Handel und Versorgung, Kurt Wach überzeugte sich der Präsident von der Güte der hier angebotenen Waren und von der Sortimentsvielfalt. Das neue Kaufhaus war auf Kinderwünsche konzipiert und besaß auch einen Spielbereich, in welchem Kinder die Spielwaren nach Herzenzlust ausprobieren konnten. Diesen Bereich besuchte auch Wilhelm Pieck. Ein Foto ist von dieser Begebenheit erhalten geblieben. Es zeigt den Präsidenten mit seinem Minister und den Kaufhausleiter, die den spielenden Kindern zusehen. Im Vordergrund hockt ein Mädchen, das mit einem großen Holzbagger spielt. Beim genauen Hinschauen kann man erkennen, dass es sich um einen Bagger handelt, der dem aus der hiesigen Museumssammlung sehr ähnlich ist. Mit Sicherheit lässt sich feststellen, dass beide Spielzeugbagger vom selben Hersteller produziert wurden, nämlich von Hans Dressel in Zwickau.


                                                                                                                        Wilhelm Pieck beim Besuch des ›Haus des Kindes‹ in Berlin. Im Vordergrund spielt ein Mädchen mit                                                                                                                                                                                                                                                                                      einem ›Dressel-Bagger‹ Bundesarchiv, Bild 183-27014-0013 / Heilig, Walter / CC-BY-SA 3.0


Dressel war Bauingenieur, der allerdings durch seine Kriegsinvalidität nicht mehr in seinem Beruf arbeiten konnte. Mit seinen Kenntnissen und einem Gespür dafür, welches Spielzeug Kinderherzen erobern würden, machte er sich daran, Holzspielzeug selbst herzustellen. Auf dem Striezelmarkt in Dresden versuchte er erstmals 1948 sein Spielzeug an den »Weihnachtsmann« zu bringen. Seine Art des Verkaufs durch gekonntes Feilbieten seiner Produkte und besonders die Qualität der von ihm gefertigten Kinderspielwaren führten zu großem Zuspruch und schnellem Erfolg. Schon kurze Zeit später gründete er seinen Betrieb mit dem Namen ›Dressel Spielgaben‹ in Zwickau. Im Sortiment befanden sich Straßen,- Bau- und Schienenfahrzeuge nebst Zubehör. Dressel-Spielzeug zeichnete sich aus durch ansprechende Form, Robustheit und hohen Spielwert für das ›Einzel- und Kollektivspielen‹. Das Holzspielzeug wurde farblos lackiert und in mehrfarbiger Schichtholztechnik hergestellt. Es hat nie seinen besonderen Charme verloren und ist bei Kindern und Sammlern auch heute noch beliebt und wertgeschätzt. Das gilt besonders für die sehr schön gearbeiteten LKW vom Typ S 4000-1 in verschiedenen Formen mit vielen Spielfunktionen.

Mit diesen Eigenschaften fanden die Dressel-Erzeugnisse Eingang in den Vorbildkatalog ›Form und Dekor‹, der vom Institut für angewandte Kunst herausgegeben wurde. Noch in den 1950er- Jahren gehörten Spielsachen von Dressel zur Standardausstattung von Kindergärten und Schulhorten. Viele ehemalige DDR-Kinder sind bewusst oder unbewusst mit diesem Spielzeug groß geworden. Obwohl es solide gebaut und somit spielbeständig war, blieben Kindergärten der Haupteinsatzort, da allein schon auf Grund der Größe und der Vielfalt der Fahrzeuge nicht in jedem Kinderzimmer der ausreichende Platz zur Verfügung stand.


                                                                                                       Unterseite eines ›Fröbel‹ Holzfahrzeuges mit Eigentumsnachweis des Rates der Stadt Oschersleben. Dieses Spielzeug war Eigentum                                                                                                                                                                                                                                          eines städtischen Kindergartens und wurde nach 1990 ausgesondert. © Foto U. Schmidt BMBU ─ Landkreis Börde


Ende der 1950er-Jahre verließ Hans Dressel aus persönlichen Gründen die DDR und ging in die BRD. Die Rechte seiner Produkte überließ er der in Werdau gegründeten Produktionsgenossenschaft, die sein Sortiment fortan weiterproduzierten. Wie im Großen, so auch im Kleinen wechselte damit etwa zeitgleich der S 4000-1-Produktion vom VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk Zwickau in das VEB IFA Kraftfahrzeugwerk Ernst Grube Werdau (1958/1959), auch die Holz-S 4000- 1- Produktion von Zwickau in das nahe gelegene Werdau. Die PGH (Produktionsgenossenschaft des Handwerks) war sich der Qualität des Dressel-Spielzeuges bewusst. Um dies zu unterstreichen gab es einen Namenwechsel. Fortan wurde das Spielzeug in der PGH ›Friedrich Fröbel‹ Werdau produziert. Alle Fahrzeuge erhielten das Logo FWF auf der Frontpartie. Ausnahmen stellten der Bagger und die abgewandelte Form als Kran dar. Bei diesen Fahrzeugen wurde das Signet auf die Bodenplatte gedruckt.


                                                                                                       Ein Traktor aus der Produktion der PGH ›Friedrich Fröbel‹ mit dem entsprechendem Signet auf dem Kühler.                                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Friedrich Fröbel (21. 4. 1782 – 21. 6. 1852) war Pädagoge und Schüler Pestalozzis. Er gilt als Begründer der Kindergärten. Die Bedeutung der frühkindlichen Entwicklung erkannte Fröbel und förderte diese durch die Schaffung eines Systems von Liedern, Beschäftigungen und Spielen. 1840 stiftete er den ersten ›Allgemein Deutschen Kindergarten‹ in Bad Blankenburg. In das Zentrum seiner Arbeit stellte er das Spielen als typische kindliche Lebensform. Fröbel gründete auch die erste Ausbildungsstätte für Kindergärtnerinnen. Bekannt sind die von ihm entwickelten pädagogischen Grundkörper Kugel, Zylinder und Würfel die auch heute noch die beliebten Formen für Kleinkinderspielzeug bilden.

Mit diesem verpflichtenden Namen produzierte die PGH ›Friedrich Fröbel‹ lange gutes Holzspielzeug, das sich auch in den 1970er-Jahren gut in der Bundesrepublik Deutschland verkaufen ließ. Die Spielzeugindustrie war einer der Hauptdevisenbeschaffer der DDR. Um die Produktion zu erhöhen, wurden die Spielzeughersteller neu organisiert und in einem Kombinat zusammengefasst. Die PGH ›Friedrich Fröbel‹ wurde zusammen mit anderen Holzspielzeugherstellern dem ›VEB VERO‹ Olbernhau unterstellt. Anfangs waren neben der VERO-Beschriftung noch ein Fröbel-Schriftzug oder Logo angebracht, das später entfiel. Um effektiver zu produzieren, vereinfachte man viele Bauteile, was sich besonders im Design negativ bemerkbar machte. So verschwanden zum Beispiel die gut gestalteten und mit Gummireifen versehenen Räder. Sie wurden durch einfache Plasteräder ersetzt. Ab hier ging es hauptsächlich um preiswerte Fertigung und hohe Stückzahlen.

Der Bagger gehörte zu den Fahrzeugen, die am längsten im Fertigungssortiment waren. Prinzipiell blieb die Funktionsweise unverändert erhalten. Dennoch kann man Unterschiede in den Bauteilen erkennen. So hatte der Bagger in den 1950er-Jahren noch eine kleinere Frontscheibe und Holzräder. Auf Gummireifen musste man noch verzichten, da die Industrie zu dieser Zeit noch nicht ausreichend mit Gummiprodukten versorgt werden konnte.

Die Bauzeit des Museumsbaggers ist auf die späten 1960er-Jahre zu datieren. Er besitzt das ›Friedrich Fröbel Werdau‹ Logo auf der Bodenplatte.


                                                                                                                       Die Unterseite des Baggers mit dem Friedrich Fröbel Werdau-Logo und den Holzachsen                                                                                                                                                                                                  © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Damit stammte er noch aus der Produktionszeit der PGH ›Friedrich Fröbel‹. Auch hat er die feinteiliger gestalteten Räder mit den Gummireifen. Das Chassis ist auf vier Achsen gesetzt. Die Achsen selbst sind ebenfalls aus Holz gefertigt. Die Räder haben einen gebogenen Schutz, der mit dunklem Schichtholz abgeschlossen ist.


                                                                                  Das Fahrgestell mit den gummibereiften Holzrädern © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


In hellerem Holz ist die Fahrerkabine drehbar aufgesetzt. Sie besitzt eine unverglaste Front und unverglaste Seitenfenster. An der rechten Seite der Kabine befinden sich zwei Kurbeln mit im Führerhaus quer gelagerten Holzwellen. Mit ihnen wurden beide Ausleger bedient.



                                                                         Der Bagger der Museumssammlung in zwei Ansichten © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Der Ausleger ist durch entsprechende Ausfräsungen optimal gestaltet. Der untere Arm ist kompakt aus Holz gefertigt. Er ist beweglich am Hauptausleger angelenkt und hat verschiedene Anbaumöglichkeiten. Damit lassen sich verschiedene Arbeitstiefen voreinstellen. Der Steckbolzen ist hierbei in Plastik ausgeführt. Abgesehen von der Bereifung, handelt es sich hierbei um das einzige Bauteil aus Kunststoff.


                                                                                                       Die beiden Ausleger des Baggers. Gut erkennbar sind die verschiedenen Anbaumöglichkeiten und der Kunststoffsteckbolzen.                                                                                                                                                                                                                                               © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


In Würfelform ist der Baggerlöffel gearbeitet. Er besitzt Zinken, die ausgefräst wurden. Der Löffel wird von unten vorbildgemäß durch eine Klappe verschlossen. Über eine Sperrklinge lässt er sich öffnen. Mit diesen gut durchdachten Konstruktionen war das Spiel mit dem Bagger recht realitätsnah möglich und so erklärt sich die Faszination dieses Spielzeuges bis heute.



                                                            Der Baggerlöffel mit geschlossener und geöffneter Klappe zum Entleeren. © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Literatur:

B. Havenstein, DDR Spielzeug (Köln o. J.)

G. Wappler, Geschichte des Zwickauer und Werdauer Nutzfahrzeugbaues (Aue 2003).

G. Wappler, Große Autos – Kleine Brüder. Der Lastwagen S 4000-1 und seine Modelle (Aue 2017).

Wikipedia-Friedrich Fröbel https://de.wikipedia.org/wiki/Friedrich_Fr%C3%B6bel (14. 02. 2017)

Bundesarchiv über www. App-in-die-geschichte.de (14. 02. 2017)




 



SammlungsStücke Februar 2017

Ein Pionier, der aus dem Osten kam ›RS 01/40/I IFA Pionier‹



                                                                                               Der ›RS 01/40 IFA Pionier‹ in der landtechnischen Ausstellung des Börde-Museums Burg Ummendorf © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Technische Daten

Motor:

Zylinder:            4 in Reihe stehend (4F 145 DL)

Takt:                 4

Art:                   Diesel

Hubraum:           5020 cm³

Leistung:            40 PS bei 1250 U/min

Kühlung:             wasserumlaufgekühlt

Eigengewicht:       3200 kg

Baujahr:              um 1955

                                                                                                                                                                 

Er war der erste und lange Zeit der wichtigste Radschlepper aus der DDR-Produktion, der ›RS 01/40‹. Sein Zusatzname, unterstrich die Wichtigkeit dieses Schleppers: ›Pionier‹, der Voranschreitende, der Wegbereiter. Treffender konnte dieser Traktor nicht bezeichnet werden. Bei seinen Fahrern und heute noch bei seinen Oldtimerfreunden wird er nur kurz ›Pio‹ genannt.

Um die Geschichte des ›Pionier‹ zu betrachten, wird ebenfalls dies eine Reise in die Zeit des Zweiten Weltkrieges. Wie das ›Schlepperwerk Nordhausen‹, hat auch das ›Traktorenwerk Schönebeck‹, eine komplexe Geschichte, die mit dem RS 01 eng verbunden ist.

1935 erwarben die ›Junkers Flugzeug- und Motoren-Werke AG‹ die ›Waggonfabrik Linke-Hofmann-Busch‹ in Breslau, heute Wroclaw, viertgrößte Stadt Polens.

Zu dieser Zeit waren die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ der größte Flugzeugproduzent Deutschlands. Prof. Hugo Junkers war allerdings 1935 nicht mehr in seinem Werk tätig. Er wurde bereits 1933 seitens der deutschen Regierung gezwungen, sein Werk mit allen Rechten und Patenten an den Staat abzutreten. Er musste sogar Dessau verlassen! Damit wurde der Betrieb verstaatlicht. Hugo Junkers verstarb an seinem 76. Geburtstag am 3. Februar 1935 in Gauting bei München. Prof. Junkers gehört zu den bedeutendsten deutschen Konstrukteuren. Nicht nur im Flugzeugbau, sondern auch in Heiztechnik, im Bauwesen, dem Motoren- und Fahrzeugbau war er innovativ tätig und hatte viele Patente erhalten. Er war aktiver Förderer der Bauhauskunst in Dessau und mit vielen Künstlern befreundet.

Die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ hatte ihren Hauptsitz in Dessau, unterhielt aber etliche Zweigwerke, so in Bernburg, Halberstadt, Leopoldshall/Stassfurt, Aschersleben, Schönebeck (Flugzeugbau) sowie Magdeburg und Köthen (Motorenbau und Strahltriebwerke).

Mit dem Erwerb der ›Waggonfabrik Linke-Hofmann-Busch‹ in Breslau plante man unter dem Namen ›FAMO‹ (›Fahrzeug und Motoren-Werke G.m.b.H.‹) einen neuen Traktorenproduzenten. Besonders die östliche Lage, aber auch die Erfahrungen die ›Linke-Hofmann-Busch‹ schon im Schlepperbau besaßen, waren hier ausschlaggebend, denn es sollten leistungsstarke Traktoren für die neuen großen landwirtschaftlichen Flächen gefertigt werden, die die Wehrmacht in der Sowjetunion erobern sollte.          

                                                              Werbeprospekt für den FAMO- Ackerschlepper aus dem Jahr 1939 Archiv BMBU – Landkreis Börde


Die ›Junkers Flugzeug- und Motorenwerke AG‹ hielt 99% des Gesellschaftskapitals. Auf Wirken des Reichsluftfahrtministeriums wurden Anfang 1942 die Anteile von der Bank der Deutschen Luftfahrt übernommen. Neben dem ›FAMO‹-Stammwerk betrieb man weitere acht Zweigwerke in Schlesien. Später ordnete man den bekannten Traktorenhersteller ›URSUS‹ der ›FAMO‹ zu.

Bei ›FAMO‹ wurden zwei Kettenschlepper, die 42 PS Raupe ›FAMO Boxer‹ und die 60 PS leistende ›FAMO Rübezahl‹ sowie der 42/45 PS Radschleppers ›FAMO XL‹, dessen Konstruktionsarbeiten schon bei ›Linke-Hofmann-Busch‹ begonnen hatten, produziert.

Von 1935 bis 1938 fertigte man 1636 Traktoren, davon 606 Radschlepper. ›FAMO‹ Schlepper wurden in der Land- und Forstwirtschaft und besonders im Bauwesen eingesetzt. Mit 50 % Marktanteil bei den Raupenschleppern, wurde ›FAMO‹ zu einem der bedeutendsten Traktorenhersteller Deutschlands in dieser Zeit.

Das Produktionsprogramm umfasste weiterhin den Bau von Dieselmotoren für Schlepper, Motoren für den Stationärbetrieb und für den Schiffsbau, Kompressoren für Schiffsmotore sowie komplette Prüfstände für die Kraftfahrzeug- und Flugmotorenindustrie.

Mit den Kriegsvorbereitungen kam es 1937 zur Einrichtung der Abteilung ›Sonderfahrzeugbau‹. Hier wurden schwere Zugmaschinen mit einem Eigengewicht bis 18 Tonnen für die Armee in Halbkettenausführung gebaut.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges konnte die Rote Armee den »deutschen Siegeszug« aufhalten und die deutschen Armeen zurückschlagen. Als absehbar wurde, dass die russischen Truppen an der sowjetisch-polnischen Grenze nicht haltmachten, erließ das Rüstungsministerium in Berlin am 7. Dezember 1944 die Weisung 50 % des Breslauer Betriebes zu demontieren. Dies betraf insbesondere die Produktion der Wehrmachtszugmaschinen und der Raupenschlepper. Um einer Enteignung des Betriebes nach dem Kriegsende durch die Siegermächte zu entgehen, hatte man bereits im September 1944 den Beschluss gefasst, die ›FAMO‹ von einer G.m.b.H. in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln, um sie zu reprivatisieren. Das Vorhaben konnte allerdings bis Kriegsende nicht mehr umgesetzt werden.

Bis Ende Januar 1945 erfolgte eine Teilverlegung in das Junkerswerk Schönebeck. Dazu wurden zwei Hallen mit 13 000 m² Produktionsfläche an die ›FAMO‹ verpachtet. Unter der Tarnbezeichnung ›Betrieb 71, Sommer Co, Schönebeck a. d. Elbe‹ sollte die Produktion wieder aufgenommen werden. Die Verlegung verlief allerdings alles andere als planmäßig. Viele der beladenen Züge mit wichtigen Maschinen und Halbfertigprodukten wurden auf Grund der Kriegswirren fehlgeleitet oder standen monatelang auf Bahnhöfen fest. So kam es, dass nicht alles in Schönebeck eintraf. Viele Werkzeugmaschinen tauchten erst nach dem Krieg in Zwickau wieder auf. Allerdings kamen die FAMO- Mitarbeiter nach Schönebeck. Besonders wichtig war der Umstand, dass die gesamte Entwicklungsabteilung von ›FAMO‹ in Schönebeck eintraf. Sie bildete damit die künftige Basis des Schönebecker Traktorenbaus.

Unter diesen Umständen war die Einrichtung der Werkshallen zur Aufnahme der Schlepperproduktion in Schönebeck nur bedingt möglich. Den Beginn der Produktion erschwerten zusätzlich mangelnde Strom- und Gaszulieferungen. Dennoch begann die Produktion von Ersatzteilen für schwere Zugmaschinen und Raupenschlepper, einschließlich der Produktion von Getrieben.

Im Januar/Februar 1945 wurden seitens des Aufsichtsrates der ›FAMO‹ und dem Vorstand der Junkerswerke Vereinbarungen zur gemeinsamen Aufnahme einer Traktorenproduktion nach Kriegsende in Schönebeck getroffen. Beide Unternehmen erkannten, dass der Bedarf an Traktoren nach dem Krieg besonders groß sein würde.

Doch noch ein dritter Betrieb bildete den Ursprung des Traktorenwerkes Schönebeck.

Die Schlossermeister Carl Hoyer und Walter Glahn gründeten am 1. März 1885 ihre Firma ›Hoyer & Glahn‹. Sie produzierten Stark-, Schwach- und Blitzschutzanlagen. 1890 wurde die Produktion von Fahrrädern aufgenommen, wobei das Unternehmen sehr innovativ war. Hier erfand man das Walzen der Hohlrohrverbindungen für Fahrradrahmen welches das Hartlöten der Rahmenteile überflüssig werden ließ. Ab 1897 erfolgte eine weitere Umbenennung, der Betrieb hieß jetzt ›Fahrradwerke Weltrad – vormals Hoyer & Glahn – Aktiengesellschaft‹. 1900 wurde das Unternehmen abermals umbenannt in ›Metallindustrie Schönebeck Aktiengesellschaft‹. Zwischenzeitlich erfolgte eine Erweiterung des Produktionsprogramms. Neben der Fahrradproduktion wurden Musik- und Warenautomaten, Schaufensterdekorationsartikel, Haushaltsmaschinen, Maschinen für Bäcker- und Fleischerbetriebe gefertigt sowie eine Metallgießerei für Maschinenbau betrieben. Kurze Zeit später wurde eine Motorrad- sowie eine PKW-Produktion aufgenommen, die allerdings 1907 wieder eingestellt wurde.

In den 1920er-Jahren erfolgte die Aufnahme der Produktion von Kinder- und Puppenwagen, Kinderzwei- und Dreiräder sowie Kindertretroller. Die Marke ›Weltrad‹ war in dieser Zeit ein sehr bekannter Hersteller und führend in der Fahrradproduktion.

Nach der Machtergreifung Hitlers und der damit verbundenen Aufrüstung, besonders aber während des Zweiten Weltkrieges wurden viele metallverarbeitende Betriebe in die Rüstungsproduktion einbezogen, so auch die ›Metallindustrie Schönebeck Aktiengesellschaft‹. Es erfolgte eine Produktionserweiterung auf Geschützlafetten, Schlösser für Maschinengewehre und Verschlussköpfe für die 2 cm-Flugzeugbordgeschütze sowie Handfeuerwaffen, die man jetzt vorrangig fertigen musste.

Mit dem Einmarsch der amerikanischen Truppen am 11. April 1945 endete der Zweite Weltkrieg für die Schönebecker. Die Stadt hatte den Krieg relativ gut überstanden, selbst die kriegswichtigen Betriebe wie ›Weltrad‹ und ›Junkers‹ trugen keine schwereren Beschädigungen davon. Am 1. Juli 1945 übernahm die Rote Armee das Gebiet. Bereits am 4. Juli 1945 besichtigte der zuständige Kommandeure Saizew die hier ansässigen Betriebe. Schon bald danach durfte ›Weltrad‹ mit der Produktion von Fahrrädern, Krankenfahrstühlen und Kinderwagen beginnen. Auch bei ›Junkers/FAMO‹ wollte man schnell den Neuanfang und erbat sich eine Produktionserlaubnis für Traktoren und Ersatzteile. Nach der Prüfung der Betriebe wurden ›Junkers‹, ›FAMO‹ und ›Weltrad‹ als Produzenten von Kriegsgütern eingestuft, was eine Demontage zur Folge hatte. Dies ging sogar soweit, dass die verbliebenen Junkers-Hallen, die den Krieg schadlos überstanden hatten, komplett gesprengt wurden. ›Junkers/FAMO‹ erhielt die Erlaubnis auf dem Betriebsgelände von ›Weltrad‹ mit der Produktion von dringend benötigten Gebrauchsgütern wie Feuerhaken, Scharniere, Rodelschlitten und Handwagen zu beginnen.

Am 30. November 1945 vereinigten sich die ›FAMO‹ und die Junkerswerke Schönebeck zur ›Fahrzeug- und Gerätebau G.m.b.H. Schönebeck‹. Am 1. Juli 1948 schloss sich die ›Metallindustrie Schönebeck‹ (Weltrad) mit an. Die drei Unternehmen firmierten zum ›Schlepperwerk Schönebeck‹ aus dem später das ›Traktorenwerk Schönebeck‹ (TWS, 1. Februar 1955) hervorging. Am gleichen Tag gründete sich die ›IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke‹, zu der nun auch das ›Schlepperwerk Schönebeck‹ gehörte.

Da bereits im Sommer 1947 geplant war, zwei Schleppervarianten einmal mit 22 PS und einmal mit 40 PS zu produzieren, lag eine Neuauflage des ›FAMO‹-Radschleppers XL nahe. Allerdings ergaben sich für die Schönebecker auf Grund der Verlegung der ›FAMO‹ während des Krieges besondere Schwierigkeiten. Es waren nicht alle notwendigen Maschinen angekommen. Die Werkzeugmaschinen, die nach Zwickau fehl geleitet wurden, hat man im ›Horch-Werk‹ untergebracht. Dazu kam, dass die Produktionsfläche, die die ›Metallindustrie Schönebeck‹ zur Verfügung stellte bei weitem nicht ausreichte. Somit war das Traktorenwerk nicht in der Lage, seinen Schlepper komplett zu fertigen, sondern nur eine Teilefabrikation zu betreiben. Lediglich konnten in Schönebeck die Vorderachsen, die Kühler, die Blattfedern und die Andrehvorrichtungen gefertigt werden. Zusätzlich lief die Produktion von Fahrrädern, Kinderwagen, Krankenfahrstühlen, Schlepperersatzteilen, Ketten und Kettenbolzen. Auf Grund der fehlenden Maschinen und der unzureichenden Produktionsflächen ordnete die SMAD (Sowjetische Militär-Administration in Deutschland) an, die Produktion des 40 PS-Schleppers bei ›Horch‹ in Zwickau anlaufen zu lassen. Dies zeigte sich als durchaus sinnvoll, da die dafür notwendigen FAMO-Maschinen durch die Fehlleitung während der Produktionsverlagerung, bereits bei ›Horch‹ waren. Allerdings war man hier nicht gerade begeistert, Traktoren bauen zu sollen. Schließlich sind hier Automobilbauer am Werk. Nur mit viel Überzeugung konnten die Werktätigen umgestimmt werden. Dennoch gab es viele Komplikationen bis hin zu Sabotageakten, dass Ziegelsteine in die Hinterreifen bei der Montage eingelegt wurden, die zu schweren Beschädigungen im Einsatz und langen Ausfallzeiten führten, denn die Reifenindustrie war zu dieser Zeit noch nicht in der Lage diese Reifen in ausreichender Menge zu produzieren. Am 12. Mai 1949 verließ der erste Traktor die 82 Meter lange Taktstraße von ›Horch‹.

       


                                                            Einer aus der Zwickauer Produktion stammender ›RS 01/40‹ auf dem Werksgelände von ›Horch‹. Im Hintergrund stehen neue LKW                                                                                                                                                                                                                                          vom Typ ›Horch H3‹ um 1950. Priv. Sammlung G. Wappler/U. Schmidt

 

Bei den Horch-Werken bekam der Schlepper auch seinen Zusatznamen. Hier war man sich einig, er sollte als Bahnbrecher für Produktion und Landwirtschaft für einen Neuanfang nach dem Krieg stehen – ›Pionier‹. Den dafür extra angefertigten Schriftzug montierten symbolisch zwei Pioniere aus zwei Zwickauer Schulen auf den Kühler eines der ersten bei ›Horch‹ gefertigten Traktoren. Mit diesem Namen wurde der ›RS 01/40‹ zur ostdeutschen Schlepperlegende.

Bis Ende 1950 baute man 2250 ›RS 01/40‹ (Radschlepper, erste Konstruktion, 40 PS) in Zwickau. Die Produktion wurde dann nach Nordhausen verlegt da für die Produktionsflächen bei ›Horch‹ und ›Audi‹, beide Betriebe wurden 1957 zum ›VEB Sachsenring Kraftfahrzeug- und Motorenwerk‹ zusammengelegt, die LKW-, PKW- und Motorenproduktion geplant war.

Die Produktion des ›IFA Pioniers‹ wurde erst 1956 eingestellt. Etwa 2000 Stück produzierte das Nordhäuser Schlepperwerk jährlich.


                                                                Abgestellte ›RS 01‹ warten auf ihre Abholung und Auslieferung im Schlepperwerk Nordhausen um 1955.© Höckelmann/priv. Sammlung U. Schmidt


   Der Traktor wurde während seiner Bauzeit ständig verbessert. Da anfangs Starterbatterien noch nicht in ausreichendem Maße für die Nutzfahrzeugproduktion zur Verfügung standen, musste der Motor mittels Kurbel angedreht werden. Da dies sehr kraftaufwendig war, führte schon ›Horch‹ eine Verbesserung ein. Während des Anlassens wurde Vergaserkraftstoff in den Verbrennungsraum eingespritzt und über einen Zündmagneten und Zündkerzen gestartet. Nachdem der Motor angesprungen war, konnte dann auf Dieselbetrieb umgestellt werden. Heute sind diese RS 01/40 sehr selten noch mit dieser originalen Startvorrichtung zu finden.   


                                                                 Ein ›RS 01‹ mit originaler Benzinstartanlage. Mit X gekennzeichnet ist der Zündmagnet, von dem die Zündleitungen zu den Zündkerzen führen. © Foto U. Schmidt


Eine weitere Variante war das Anlassen über eine Luftdruckanlage. Hierzu musste der Motor allerdings mit einem anderen Zylinderkopf ausgestattet werden. Über ein Anlassventil wurde dann auf zwei Zylindern die Druckluft eingelassen, die den Motor in die nötige Drehbewegung brachte.

    


                                                                      Schematische Zeichnung der Druckluftanlassanlage des RS 01 Lehrbuch für Berufsausbildung-Fachkunde für Betriebsschlosser 1957 S. 243


Diese steuerungstechnisch aufwendige Vorrichtung veranlasste viele »Pio-Fahrer« dazu, ihren Schlepper den ganzen Tag laufen zu lassen. Um dies gewährleisten zu können, war ein größerer Tank von Vorteil. Aber auch der Umstand, den ›Pionier‹ in Doppelschicht ohne Tankstopp einsetzen zu können, veranlasste die Industrie einen größeren Tank zu produzieren, der zum Nachrüsten angeboten wurde. Sein Fassungsvermögen lag bei 160 Litern. Generell wurde der ›Pionier‹ allerdings nur mit dem einfachen Tank ausgeliefert.                                                                                                                        


                                                                                                                   Zwei ›Pioniere‹ während der Kartoffelernte in der Börde. Gut erkennbar ist der vergrößerte Tank am im Vordergrund stehenden Traktor.                                                                                                                                                                                                                                                                                 © F. Giesecke, Archiv BMBU 669_2009

 

Die Traktoristen schwörten besonders in der kalten Jahreszeit auf den »Kettenanlasser«. Er wurde immer mitgeführt und half nicht nur beim Anziehen.


                                                                  Ein ›Pionier‹ mit »Kettenanlasser«. Hier wurde extra eine Halterung für die Schleppkette angebracht. © H. Hintersdorf/priv. Sammlung U. Schmidt

 

Da die Methode des Anschleppens nicht gerade materialschonend war, wurde bald eine elektrische Startanlage serienmäßig eingebaut. Hierzu bekam der Schlepper zwei Starterbatterien. Während alle Verbraucher und die Ladeanlage auf 12 V Bordspannung betrieben wurden, bekam der Anlasser über einen Umschalter eine Startspannung von 24 V. Der 24 Volt-Anlasser besaß eine Leistung von 4 PS. Diese Technik ist allerdings schon älter und stammte ursprünglich von ›BOSCH‹. Man kann sie auch bei den HANOMAG-Raupenschleppern der 1940er-Jahre finden. Sie kam nur aus Mangel an Batterien erst so spät in der IFA-Nutzfahrzeugtechnik zum Einsatz, hielt sich aber dafür bis 1990 in Fahrzeugen wie dem ZT 300 oder dem IFA W 50.

Der ›RS 01/40‹ war ein mittelschwerer Traktor in Blockbauweise. Motor und Getriebe wurden aneinander geflanscht und bildeten somit die Verbindung zwischen Vorder- und Hinterrädern.

Der ›IFA Pionier‹ besaß noch keine Hydraulikanlage. Seine Ackerschiene war fest montiert. Er besaß eine gefederte selbsttätige Sicherheitszugvorrichtung und eine Zapfwelle, die bis zu 540 U/min erreichte. Ein Riemenscheibenantrieb konnte an der Zapfwelle montiert werden. Eine Besonderheit war die Zyklonauspuffanlage, die einen funkenfreien Abgasausstoß sicherte, was zu dieser Zeit im Schlepperbau keine Selbstverständlichkeit war. Das Getriebe besaß fünf Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Der Schlepper erreichte damit eine Höchstgeschwindigkeit von ca. 17 km/h. Seine Bodenfreiheit betrug 300 mm, was ihn gut durch das Gelände brachte.


                                                          Obwohl der Pionier zugstark war, gab es auch Situationen, in denen er Verstärkung benötigte wie hier bei der Kartoffelernte.                                                                                                                                                                                                                                               Auch dabei kam der »Kettenanlasser« zum Einsatz. Als Abfahrer ist ein Primus im Einsatz. Priv. Sammlung U. Schmidt


Der ›IFA Pionier‹ war auf Grund seiner guten Zugleistungen besonders bei der Bodenbearbeitung und im Transport einer der wichtigsten Traktoren in der DDR. Viele landwirtschaftliche Betriebe setzten ihn noch bis Anfang der 1970er-Jahre ein. Erst die Einführung des leistungsstärkeren und moderneren ZT 300 und später des ZT 303 lösten den ›RS 01‹ ab. In privaten Landwirtschaftsbetrieben und Transportunternehmen versah er noch weiter viele Jahre treue Dienste, sodass es einige ›Pioniere‹ gab, die es auf stolze 50 Dienstjahre brachten, bis sie endgültig ausgedient hatten. Einige von ihnen fanden den Weg zu privaten Oldtimerfreunden oder in Museen.



                                                »Pio-Brigade« beim ersten technischen Dienst (Bild links) und anschließend beim Pflügen um 1955 im Raum Neuwegersleben. © G. Siedentopf/priv. Sammlung U. Schmidt

      


                                                            Der Arbeitsplatz und die Welt aus der Sicht eines »Pio-Fahrers« © Fotos U. Schmidt

 

Innerhalb dieser langen Bauphasen gab es nicht nur Unterschiede in der Startvorrichtung. Der Traktor wurde mit und ohne Fahrerhaus ausgeliefert. Heute sehr selten zu finden sind originale Kühlerbeschriftungen, die in die Wasserkastenverkleidungen geprägt waren.

       


                                                               Ein authentisch erhaltener ›Pionier‹ mit der seltenen geprägten Kühlerbeschriftung © Foto U. Schmidt

 

Der in Ummendorf ausgestellte RS 01 stammte aus der Memlebener Sammlung, die seit Anfang 2000 teilweise im Börde-Museum ausgestellt ist.

 

Quellen:

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon 2004).

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten. Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945–1990 (Stuttgart 2005).

W. Lohoff, Betriebsgeschichte VEB Traktorenwerk Schönebeck Teil 1 (Schönebeck 1983).

W. Lohoff, Betriebsgeschichte VEB Traktorenwerk Schönebeck Teil 2 (Schönebeck 1983).

K. Tiedgens, Fortschritt ZT 300. Typengeschichte und Technik (München 2014).

U. Miethe, Bildatlas des DDR Straßenverkehrs. PKW und Nutzfahrzeuge (München 2008).

G. Wappler, Geschichte des Zwickauer und Werdauer Nutzfahrzeugbaues (Aue 2003).

W. Lang, Wir Horch-Arbeiter bauen wieder Fahrzeuge. Geschichte des Horch-Werkes Zwickau 1945 bis 1958 (Aue 2007).

R. Blumenthal, Technisches Handbuch Traktoren (Berlin 1961).

H. Lorenz – H. Lichtenfeld – W. Marutz – H. Rentsch, Fachkunde Betriebsschlosser für Traktoren (Leipzig 1957).

O. Groehler – H. Erfurth, Hugo Junkers. Ein politisches Essay (Berlin 1989).

Verfasser unbekannt, Die Breslauer Firmen FAMO und Linke-Hofmann, http://www.zobten.de/Famo/Famo.htm (03. 04. 2005).




SammlungsStücke Januar 2017

RS 02/22  >Brockenhexe<

Die Brockenhexe, erster Schlepper aus dem VEB Schlepperwerk Nordhausen


                                                                                             IFA Raute

 


                                                                                                                                     Der RS 02/22 ›Brockenhexe‹ in der landtechnischen Ausstellung des Börde-Museums                                                                                                                                                                                                                                                                                                    © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Technische Daten RS 02 ›Brockenhexe‹

Motor:

Zylinder:              2 in Reihe stehend F2M414 Lizenz DEUTZ

Takt:                   4

Art:                     Diesel

Hubraum:             2200 cm³

Leistung:               22 PS bei 1500 U/min

Kühlung:               wasserumlaufgekühlt

Eigengewicht:         1340 kg

Baujahr: 1950

 

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges wurde auch Nordhausen Opfer von Bombenangriffen. Das Schlepperwerk ›MBA‹ (Maschinenbau und Bahnbedarf Aktiengesellschaft) war davon aber nicht betroffen.

Zum Kriegsende wurde die Produktionsanlage der A4 Rakete von Peenemünde nach Nordhausen in den Kohnstein verlegt. Am 11. April 1945 marschierten die US Streitkräfte in Nordhausen ein. Sie fanden neben rund 100 A4 Raketen auch Konstruktionsunterlagen und Fachpersonal vor und hatten somit das gesamte Knowhow der deutschen Raketentechnik für sich sichern können. Als am 5. Juli 1945 die Rote Armee das Gebiet als neue Besatzungsmacht übernahm, war von der Raketenproduktion kaum etwas übrig geblieben. Dennoch ging man daran mit den wenigen Überbleibseln, ehemaligen Arbeitern und wenigen Raketentechnikern, die noch zur Verfügung standen, die A4 Rakete zu rekonstruieren. Noch 1945 richtete die sowjetische Verwaltung einen neuen Betrieb zur Raketenentwicklung und Produktion ein, das ›Institut Nordhausen‹. Auf dem Gelände der MBA wurde ein neuer Raketenproduktionsstandort errichtet. Im ›Montania Werk 2/Triebwerksbau‹ wurde von 1946 bis 1947 das Antriebsaggregat der A4 neu produziert, während in anderen Betriebsbereichen langsam die Produktion von Schlepperersatzteilen, Bedarfsgüter für die Bevölkerung und Waggonreparaturen anlief. Sogar zwei Prüfstände für die Raketentriebwerke wurden in Betrieb genommen. Rund 700 Arbeiter und Angestellte hatte das Werk in Nordhausen. Ab dem 15. Juni 1947 wurde das komplette Werk demontiert und in die Sowjetunion verbracht. Anschließend sprengte die Rote Armee alle Gebäude der ›Montania‹, die mit der russischen Raketenproduktion in Zusammenhang standen, das entsprach dem größten Teil der Werksanlagen. Nach der Demontage sah der Betrieb aus, als wäre er kriegsbedingt zerstört wurden. Anschließend zäunte man das Gelände ein. Es sollte als ›Schwarzgängerlager‹ genutzt werden.

Aus Mangel an einsatzfähigen Traktoren in der Landwirtschaft beriet man im Sommer 1947 in der ›Deutschen Zentralverwaltung Industrie‹ (DZVI) die künftige Schlepperproduktion in der Sowjetischen Besatzungszone. Danach sollten zwei Traktorentypen produziert werden, ein schwerer 40 PS und ein kleiner 22 PS leistender Traktor. Als Produzent kam NORMAG in Frage, die auch Bereitschaft dazu zeigte, allerdings die geforderte Stückzahl nicht garantieren wollte und auch sicherlich unter den schwierigen Umständen nicht konnte, denn kurz vor der Verwaltungsübernahme durch die Sowjearmee, siedelte NORMAG in den amerikanischen Sektor nach Zorge um. Zurück blieben ein Teil der Belegschaft und die leeren Werkhallen. Den Neuanfang des Betriebes unternahm man unter der Bezeichnung ›Maschinenbau Nordhausen‹, der dann der ›WB ABUS Halle‹ zugeordnet wurde. Später entwickelte sich daraus NOBAS, der bekannte Baumaschinenhersteller der DDR, der heute noch produziert und als eigenständiger Betrieb zur ›GP Günter Papenburg AG‹ gehört.

Auf der Suche nach dem Produzenten des kleinen 22 PS Traktors kam der Gedanke auf, den Auftrag zur ›Montania‹ zu geben. Hier aber fehlte es an geeigneten Produktionshallen und Maschinen. Die ›Montania G.m.b.H. ‹ hatte starkes Interesse an der Aufnahme einer neuen Traktorenproduktion. Nachdem der Versuch die Stadt Nordhausen in die Aktiengesellschaft zu beteiligen gescheitert war, wurde am 1. Mai 1948 der ›Landeseigene Betrieb (LEB) Motoren- und Fahrzeugbau Nordhausen‹ gegründet. Mit anfangs 11 Mitarbeitern, 49 gebrauchten Werkzeugmaschinen und einem Kredit von 300 000 Mark war die wirtschaftliche Grundlage gegeben. Doch lange blieb der Betrieb unter diesem Namen nicht bestehen. Am 1. Juli 1948 wurde die ›IFA Vereinigung Volkseigener Fahrzeugwerke‹ gebildet. Hier wurden alle enteigneten Fahrzeughersteller in der SBZ (Sowjetische Besatzungszone) zusammengefasst. Aus dem ›LEB Motoren- und Fahrzeugbau Nordhausen‹ wurde der ›VEB IFA Schlepperbau Nordhausen‹, später ›VEB IFA Schlepperwerk Nordhausen‹. Somit entstand der erste Traktorenhersteller der sowjetischen Besatzungszone, dessen Wurzeln auch im Traktorenbau lagen. Sicherlich durch die Zentralisierung des Fahrzeugbaus über IFA kamen Konstruktionsunterlagen und angearbeitete Schlepperteile von NORMAG aus dem ABUS-Bestand in das neue Nordhäuser Traktorenwerk. Dieser Umstand erklärt, dass in vielen heutigen Publikationen die Meinung vertreten wird, dass beide Traktorhersteller MBA und NORMAG zusammengelegt worden sind.

Nichts lag also näher, einen Traktor zu konzipieren, der auf die Erfahrungen der Konstruktionen von MBA und NORMAG aus den 1940er-Jahren basierte. So entstand ein kleiner Traktor in der bewährten Blockbauweise mit einem Zweizylinder-Diesel-Motor. Prinzipiell handelte es sich um den Nachbau des NORMAG NG 10. Auch hier wurde der F 211 414 DEUTZ-Motor mit 22 PS und das Vierganggetriebe der Zahnradfabrik Friedrichshafen verwendet. Sicherlich standen bei den ersten Traktoren, die ab Juli 1949 produziert wurden, noch Originalbaugruppen aus Altbeständen zur Verfügung. Nachdem diese aufgebraucht waren, baute man den DEUTZ- Motor und auch das ZF-Getriebe selbst nach. Seine Motorhaube und die Kühlerverkleidung stammten aus der MBA-Produktion und gehörte zum 30 PS leistenden MB 751 SA. Sicher haben hier die Presswerkzeuge den Krieg überstanden.

Anfangs hatte der Traktor die Bezeichnung ›IFA Dieselschlepper 22PS‹. Mit der Einführung einer Nomenklatur bekam der Schlepper die Bezeichnung RS 02/22. Zusätzlich erhielt er den Namen ›Brockenhexe‹. RS steht für Radschlepper, die 02 für die zweite Schlepperkonstruktion und die 22 für die Leistung des Traktors in PS.

Für kleinere Wirtschaftsbereiche war der robuste Schlepper durchaus gut einsetzbar. Er eignete sich für leichte Feldarbeiten und wurde zu Transportaufgaben herangezogen. Mit dem Einsatz der bewährten Baugruppen war er relativ zuverlässig und wurde ein beliebtes Arbeitsmittel. Seine Blockbauweise mit der ungefederten Pendelachse gab ihm eine gute Geländegängigkeit. Er besaß eine feststehende Ackerschiene und eine Zapfwelle, die motorgebunden mit einer Umdrehung bis zu 540 U/min lief. Zusätzlich konnte eine Riemenscheibe mittels Zapfwelle in Betrieb genommen werden.

Unter Einsatz von Lunten (Zündkapseln) wurde mittels Andrehkurbel der Motor in Gang gesetzt. Eine Dekompressionshilfe erleichterte den Startvorgang. Sie befand sich zwischen Scheinwerfer und Kühlerverkleidung. Über ein Gestänge wurden die Auslassventile geöffnet, um den Motor leicht durchdrehen zu können. Bei genügend erreichter Drehzahl wurden die Ventile geschlossen. Durch die Kompression entzündeten sich die Lunten und die wiederum den eingespritzten Kraftstoff. Nach Inbetriebnahme des Motors wurde die Andrehkurbel abgezogen. In die Bohrung konnte eine Zugvorrichtung eingesetzt werden.


                                                                                                                 Die beiden Luntenhalter an der linken Motorenseite © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde



                                                                                                                 Der kleine Hebel ist die Dekompressionshilfe. © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 


Die Andrehkurbel                                                                                                         Vorderes Zugmaul                                                                                                         Die Zugvorrichtung, eingesetzt in die Aufnahmeöffnung für die Andrehkurbel.                           © Fotos U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Dem Fahrer stand eine Sitzschale zur Verfügung, die durch eine Blattfeder die Stöße im Fahrbetrieb abfing. Dies war die übliche einzige Federung der meisten Vorkriegsschlepper, die die Brockenhexe besaß. Sie wurde öfter von ehemaligen Fahrern bemängelt. Mitarbeiter der MTS Halberstadt haben eine bessere Federung des Sitzes entwickelt und diese auf Wunsch gegen die originale ausgetauscht.


                                                                                                                     Die ›Brockenhexe‹ des Museums besitzt die verbesserte Federung der MTS Halberstadt                                                                                                                                                                                                                                                                                                        © Foto U. Schmidt BMBU –  Landkreis Börde

 

Schon bald zeigte sich allerdings, dass die Leistung des kleinen Schleppers zu gering war. 1952 wurde die Produktion eingestellt. Weitere Gründe waren jedoch auch, die Schaffung von Produktionskapazitäten zum Bau des RS 01/40 ›Pionier‹ und wahrscheinlich auch der Umstand, dass keinerlei Lizenzverträge mit DEUTZ und ZF Friedrichshafen bestanden, was bei einem Weiterbau zu Komplikationen mit diesen Unternehmen geführt hätte. Insgesamt wurden 1935 RS 02 gefertigt.

Die ›Brockenhexe‹ aus dem Bestand des Börde-Museums Burg Ummendorf stammte aus dem ehemaligen Kreis Halberstadt. Nachdem sie aus dem Maschinenpark einer dortigen MAS (Maschinenausleihstation) oder MTS (Maschinen-Traktorenstation), beide Betriebe waren die Vorläufer des KfL (Kreisbetrieb für Landtechnik) ausgesondert wurde, fand sie in einer kleinen Privatwirtschaft in Schlanstedt Verwendung. Auf Grund eines Motorschadens wurde der Traktor 1995 von einem leistungsstärkeren russischen Traktor ersetzt. Bis dahin war der betagte Schlepper im Einsatz. Durch eine Mitarbeiterin des Kreismuseums Oschersleben, in Schlanstedt wohnhaft, war die Geschichte um das fragliche Schicksal der ›Brockenhexe‹ bekannt. Nach Bemühungen seitens der Museumsmitarbeiter konnte der Traktor in den Sammlungsbestand aufgenommen werden. Mit dem Fortfall von Ausstellungsflächen in Oschersleben kam der Großteil der Sammlung 1996 in das Börde-Museum Burg Ummendorf und der heute seltene Traktor erhielt hier einen festen Platz in der ständigen Ausstellung.


                                                                                                                       Die ›Brockenhexe‹ in der letzten landtechnischen Ausstellung des Kreismuseums Oschersleben in der                                                                                                                                                                                                                                                               Breitscheidstraße 1996 © Foto U. Schmidt KMO – Landkreis Bördekreis

 

 

Quellen:

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon 2004).

Autor nicht angegeben, DDR Fahrzeuge – Von AWO bis Wartburg (Renningen 2014).

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

K. Andresen, DDR Nutzfahrzeuge – LKWs, Feuerwehrautos, Traktoren (Köln o.J.).

W. Steinmetz, A. Heber, W. Geiger, Die 100-jährige Geschichte des IFA-Industrieparks Nordhausen Lok- und Traktorenära

www.ifa-museum-nordhausen.de/allgemeines/index.php?ID=131 (28. 01. 2016).

GP Papenburg Maschinenbau GmbH-GP Papenburg AG

www.gp.ag/hbm-nobas/Unternehmen (11. 01. 2017).





 

SammlungsStücke 2016


SammlungsStücke Dezember 2016

O&K-MBA Bauernschlepper SB 751


                                                                                                       Der MBA SB 751 in der ständigen Ausstellung des Börde-Museums Foto © U. Schmidt


Technische Daten MBA SB 751

Motor:                              Einzylinder, liegend, Viertakt, Diesel                

Hubraum:                          1786 cm³                                                       

Leistung:                            15 PS

Kühlung:                            wassergekühlt

Eigengewicht:                      1340 kg

zul. Gesamtgewicht:               1830 kg

zul. Achsdruck:                      630–1260 kg

Baujahr:                             1940


                                                                                                                                                                          Signets der Firma MBA Foto: © U. Schmidt


1905 gründeten August König und Albert Gerlach die Firma König & Gerlach in Nordhausen. 1907 wurde das Unternehmen in Montana Maschinenfabrik umbenannt. Die Firma produzierte Maschinen für den Bergbaubedarf und die Kaliindustrie wie Bohrmaschinen, Bohrhämmer und Kompressoren, Gruben- und Feldbahnen sowie stationäre Gas- und Rohölmotoren mit einer Leistung bis zu 100 PS und einem Gewicht bis zu 11 t. 1912 wurde die Montana Maschinenfabrik auf der Weltausstellung in Brüssel für ihre Benzollok mit der Goldmedaille ausgezeichnet. Zur Verbesserung der Vertriebsstruktur verband sich die Montana mit Orenstein & Koppel, einem Unternehmen mit ähnlichem Profil. Nach einer weiteren Umfirmierung entstand 1916 die »Orenstein & Koppel AG Nordhausen«.

Benno Orenstein und Arthur Koppel gründeten 1876 ihren Betrieb in Berlin. Sie verfolgten den Gedanken den Transport in Bergbaubetrieben effektiver und preiswerter zu gestalten und durch den Einsatz von Feldbahnen die Förderleistung zu erhöhen. Bereits 1890 fertigte das Unternehmen O&K Dampfloks, Reisezugwagen, Güterwagen und lieferte Bahnanlagen an verschiedene Länder. 1908 kam der erste Löffelbagger und 1922 der erste dampfgetriebene Löffelbagger mit Kettenlaufwerk in das Produktionsprogramm.



                                                                                                                       Die Riemenscheibe zum Betreiben stationärer Technik an der rechten Fahrzeugseite Foto © U. Schmidt


Der Bau von Dieselloks führte zu einer eigenen Motorenproduktion bei O&K. Diese Motoren hatten einen guten Ruf. Auch bei geringer Temperatur sprangen sie sehr gut an. Man setzte hier bei der Dieseleinspritzung auf das Wirbelkammerverfahren. Die Produkte von O&K wurden weltbekannt. Allein aus der Nordhäuser Produktion erfolgte vor dem Zweiten Weltkrieg ein Export von Dieselloks nach Java, Marokko, Argentinien und in die Sowjetunion.

Die Machtergreifung Hitlers hatte die Diskriminierung und Verfolgung der Juden zur Folge. Eine besondere Maßnahme war die Arisierung, die viele Juden traf, so auch Orenstein und Koppel. Beide Familien waren jüdischer Abstammung. So wurde auch ihr Betrieb zwangsenteignet und unter »deutsche Leitung« gestellt, wie es offiziell zu dieser Zeit hieß. Da das Unternehmen viele Auslandskunden besaß, die man nicht verunsichern wollte und um das Absinken der Exportzahlen zu verhindern, blieb der Firmenname erst einmal bestehen.

Auf Grund der guten Erfahrungen im Dieselmotorenbau, ging O&K daran einen kleinen Bauernschlepper zu entwerfen. Zwei Typen sind entstanden, der SA 751 und der SB 751. Während der SA 751 mit einem 30 PS leistenden Zweizylinder-Motor ausgestattet wurde, halbierte man den Zweizylindermotor beim SB 751 auf einen 15 PS Einzylinder-Motor. Die Leistung des kleinen Einzylinder-Motors konnte noch einmal auf 17 PS gesteigert werden.

Beide Traktoren vertrugen auch das billigste Rohöl als Kraftstoff. Dies ließ sie durch die kriegsbedingte Treibstoffknappheit interessant werden. Mit diesen Eigenschaften wurden sie bei mittleren Höfen in dieser Region zu beliebten Traktoren. Der SB 751 zeichnete sich durch eine hohe Bodenfreiheit bei einem tiefen Schwerpunkt aus, wodurch er auch in schwierigerem Gelände sicher zu steuern war. Zu seiner Ausstattung gehörten eine Zapfwelle, eine Riemenscheibe zum Betreiben stationärer Technik sowie eine Zugvorrichtung, um Transportaufgaben übernehmen zu können.    Um die Leistungen des kleinen Traktors zu verdeutlichen, versprach O&K in einer Werbeanzeige, dass dieser Schlepper dem Bauern zwei bis drei schwere Pferde einsparte.


                                                                                                                    Der Arbeitsplatz des Traktoristen war nur auf das Notwendigste beschränkt. Lediglich eine Öldruckanzeige                                                                                                                                                                                                                                                                                 verriet dem Fahrer, ob es dem Motor gut geht. Foto: © U. Schmidt


Ab Februar 1940 wurde O&K offiziell umbenannt in Maschinenbau und Bahnbedarf Aktiengesellschaft, vormals Orenstein & Koppel (MBA). Der Zusatz »vormals Orenstein & Koppel« wurde eine Zeit lang mitgeführt, um die ausländischen Kunden nicht zu verunsichern. Mit dem neuen Namen erhielten auch die Traktoren ein neues Design. Aus dem kantigen O&K-Schleppern wurde der neue MBA mit einer moderneren abgerundeten Form produziert. Die robuste und zuverlässige Technik unter der neuen »Haube« blieb unangetastet.

Im Verlauf des Zweiten Weltkrieges musste die Traktorenproduktion bei MBA in Nordhausen eingestellt werden. Mit der Proklamation des »totalen Krieges« durch Göbbels wurde die Wirtschaft auf die Kriegsproduktion umgestellt. Für MBA bedeutete dies die Einstellung der Traktoren- und Diesellokproduktion in Nordhausen. Stattdessen wurde ein Teil der Maybach-Motorenwerke von Ludwigshafen am Bodensee nach Nordhausen zu MBA verlegt. Fortan produzierte man hier Zwölf- Zylinder-Benzinmotoren mit einer Leistung von 220–300 PS für die Panzerfertigung. Da die Panzerproduktion unter anderem in der Friedrich Krupp AG Grusonwerk Magdeburg lief, verringerte sich so der Transportweg der Motoren erheblich.

Bis dahin wurden 1401 SA 751 und nur 405 SB 751-Traktoren ausgeliefert. Schon die Produktionszahl zeigt, dass ein MBA SB 751 heute nur schwer zu finden sein dürfte. Er gehört somit zu den besonderen Stücken dieser Sammlung.


                                                                                                               Das Typenschild des MBA SB 751 Foto: © U. Schmidt


In den 1980er-Jahren stellten die Mitarbeiter des Volkseigenen Gutes (VEG) »Thomas Müntzer« eine landtechnische Sammlung zusammen, die in den Wirtschaftsgebäuden des Klostergutes zu einer interessanten Ausstellung zusammengebracht wurde. Zwischen vielen landwirtschaftlichen Geräten gelang es hier, eine sehr interessante Traktorensammlung anzulegen, in der sich auch dieser seltene MBA SB 751 befand. Mit der Abwicklung und Reprivatisierung des VEG sah die unter Denkmalschutz stehende Sammlung einer ungewissen Zukunft entgegen. Da die Gebäude, in der die Sammlung untergebracht war einer neuen Nutzung zugeführt werden sollten, musste die Sammlung ausgelagert werden. Die Landesregierung suchte nach einer neuen Unterbringungsmöglichkeit und fand sie im Börde-Museum Burg Ummendorf. So kam die komplette Memlebener Sammlung Anfang 2000 in die Börde. Eine ansprechende Ausstellung im Freigelände ermöglichte die Ende der 1990er-Jahre mittels Fördermittel und Spenden errichtete offene Ausstellungshalle.



                         Blick in den Motorraum von rechts und links (oben und mitte). Der Kühler ist quer zur Fahrtrichtung eingebaut. Ein zweiflügeliges Lüfterrad sorgt für Kühlluft. Ansicht auf den Zylinderkopf mit Ein- und Auslassventil und dem Düsenstock (unten).                                                                           Der Kopf des Motors befindet sich vorn mittig über den Vorderachsträger. Foto: © U. Schmidt


Die in der Landtechnik-Ausstellung des Börde-Museums gezeigten Exponate stammen aus insgesamt drei Sammlungen: aus der Memlebener, der des 2003 geschlossenen Kreismuseums Oschersleben und aus dem Teilbestand des Börde-Museums Burg Ummendorf. Obwohl aus platztechnischen Gründen nur ein kleiner Teil der Sammlungen gezeigt werden kann, zeichnen die ausgestellten Stücke die Entwicklungsgeschichte der Landtechnik gut nach.

Die Geschichte des hier gezeigten MBA bleibt ungeklärt, lediglich der Grund seines Endes ist erklärbar. Bei der näheren Untersuchung des Traktors musste festgestellt werden, dass der Wasserkasten nach unten beschädigt ist. Das lässt die Vermutung zu, dass der Traktor abgestellt wurde, ohne das Kühlwasser abzulassen oder Frostschutzmittel aufzufüllen. Frosteinwirkung führte zum Aufreißen des Kühlwasserbehälters. Damit stand er für den Einsatz in der Landwirtschaft nicht mehr zur Verfügung. Im Regelfall kam solch ein Fahrzeug dann zur Verschrottung. Glücklicherweise wurde dieser MBA in die Memlebener Sammlung überführt und ist somit als Schleppertechnik mit Seltenheitswert und einer interessanten Geschichte erhalten geblieben.



Literatur:

A. Bischof, Traktoren in der DDR (Brilon, 2004).

Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

F. Rönicke, Verdiente Aktivisten-Traktoren und Ackerschlepper der DDR (Stuttgart 2002).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2005).

U. Paulitz, Bildatlas der DDR Traktoren und Landmaschinen (München 2010).

W. Steinmetz – A. Heber – W. Geiger, Die 100-jährige Geschichte des IFA-Industrieparks Nordhausen Lok- und Traktorenära. http://www.ifa-museum-nordhausen.de/allgemeines/index.php?ID=131 (29.11.2016)

http://www.oundka.com/de/unternehmen/historie.html (20.10.2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Orenstein_%26_Koppel (20.10.2016)







NORMAG NG 10


                                                                Der Normag auf dem Ummendorfer Burghof im Jahr 2002 © U. Schmidt


Technische Daten NG 10:

Motor:                   Deutz F 2 M 414

Zylinder:                 2

Takt:                      4

Art:                        Diesel

Kühlung:                  wasserumlaufgekühlt

Hubraum:                 2198 cm³

Bohrung:                    100 mm

Hub:                          140 mm

Leergewicht:               1600 kg

zul. Gesamtgewicht:      1850 kg

L/B/H in mm:              2650/1500/1530

Höchstgeschwindigkeit:    15 km/h

Bauzeit:                        1940 – 1942

In der Sammlung des Börde-Museums Burg Ummendorf nehmen Traktoren mit regionalen Herstellern einen besonderen Platz ein. Die Produkte von vier Schlepperwerken kommen somit als näher gelegene Traktorenhersteller in Betracht, so die Traktoren des Traktorenwerkes Schönebeck, des Schlepperwerkes Nordhausen, von MBA/O&K (Maschinenbau und Bahnbedarf AG, vormals Orenstein&Koppel) und von NORMAG. Wenn auch nicht ausgestellt, so ist von all diesen genannten Herstellern auch jeweils mindestens ein Exemplar im Bestand.

Der NORMAG NG 10 wurde um 1940 vom Familienunternehmen Zänker neu angeschafft. Das Unternehmen, das heute noch existiert, war zu jener Zeit Mühlen- und Landwirtschaftsbetrieb. Der Traktor wurde für Feld- und Transportarbeiten eingesetzt.

Als nach dem Zweiten Weltkrieg die Bildung der Landwirtschaftlichen Produktionsgenossenschaften (LPG) vorangetrieben wurde, ergaben sich damit Schwierigkeiten im Maschinenbedarf. Für die Großfelderwirtschaft fehlten oft Traktoren. Auch wendige Kleinschlepper für Gärtnereien und Stallanlagen waren nicht in ausreichendem Maße vorhanden. So kam es, dass bei Privatunternehmen, die Technik besaßen, diese beschlagnahmt und auf die Genossenschaften verteilt wurden. Auch die Familie Zänker musste ihren NORMAG abgeben. Sein neuer Arbeitsort war eine Gärtnerei bei Möser. Da der Schlepper sich für die dort anstehenden Arbeiten nicht voll einsetzen ließ, gelang es der Familie Zänker, ihr Eigentum zurückzukaufen.

Bis etwa 1990 stand der Traktor im Dienst der Mühle Zänker. In den 1990er-Jahren verkauften Zänkers ihren Traktor für eine geringe Summe an einen Oldtimerfreund nach Magdeburg. Der wiederum wollte ihn gegen ein Motorrad tauschen. Das Tauschgeschäft kam jedoch nie zu Stande, sodass er einen Traktor besaß, den er eigentlich gar nicht mehr brauchte. Somit begab er sich auf die Suche nach einem neuen Zuhause, das er im Ummendorfer Museum fand. Für die gleiche Kaufsumme, die der Oldtimerfreund beim Erwerb gezahlt hatte, verkaufte er den Traktor an das Museum. Obwohl der Betrag sehr gering war, musste das Museum erst auf Sponsorensuche gehen. Der Museumsförderverein reagierte schnell und konnte die Kaufsumme zur Verfügung stellen.


                                             Der Traktor demontiert und grundiert © U. Schmidt               Der NORMAG nach der Lackierung während der Montage © U. Schmidt


Nach einem sichtlich bewegten und arbeitsreichen Traktoren-„Leben“ befindet sich der Schlepper momentan noch in der Museumswerkstatt zur Überholung. Während der Arbeiten am NORMAG zeigte sich, dass Motor und Getriebe während seiner langen Einsatzzeit einige Beschädigungen davongetragen hatten. Inwieweit der Traktor wieder einsatzfähig wird, muss sich noch zeigen.


                                                                   Detailaufnahme des Motors von der linken und der rechten Seite © U. Schmidt


DIE NORMAG-GESCHICHTE


                                                                                                                       NORMAG-Schriftzug auf dem Kühler © U. Schmidt


1934 wurde die Nordhäuser Maschinenfabrik AG gegründet, die aus der Maschinenfabrik Schmidt, Kranz und Co hervorging. 1937 wurde der Markenname NORMAG als Traktorenhersteller eingetragen. Bereits 1931 hatte das Unternehmen einen Einachsschlepper produziert. Unter der Leitung von Erwin Peuckert entstand 1937 der NORMAG NG 22. Er wurde als Universal-Bauernschlepper konzipiert, der beachtliche Leistungen aufwies. Dieser Schlepper war mit einem 22 PS Motor von MWM ausgestattet. Der Zweizylinder-Vorkammerdieselmotor hatte eine Leistung von 22 PS und war wasserumlaufgekühlt. Sein Getriebe lieferte der bekannte Getriebehersteller ZF Friedrichshafen. Bei NORMAG wurde es dann noch mit eigenen Teilen ergänzt. Es besaß vier Vorwärts- und einen Rückwärtsgang. Der NG 22 eignete sich für Feld- und Transportaufgaben im Straßenverkehr. Der kleine Traktor war ausgelegt für eine Anhängelast von beachtlichen 15 Tonnen, denn seine Zugkraft lag bei 1100 kg. Mit dieser Kraft konnte der NG 22 bei 10 Arbeitsstunden 8 Morgen (2 Hektar) tiefpflügen, 12 Morgen (3 Hektar) saatpflügen, 25 Morgen (6,25 Hektar) schälen – flache Bodenbearbeitung – oder 50 Morgen (12,5 Hektar) eggen.

Ausgestattet war der Schlepper mit einer Zapfwelle, einer Riementriebscheibe und einer elektrischen Lichtanlage. Als weitere Besonderheiten besaß er eine gefederte Vorderachse, eine Sitzbank für zwei Personen und hintere Kotflügel. Zusätzlich konnten auf Wunsch eine elektrische Startanlage, ein Wetterdach oder ein geschlossenes Fahrerhaus für die Version als Straßenzugmaschine sowie ein Mähbalken bestellt werden.

Diese Leistungsparameter und der geringe Anschaffungspreis, er kostete nur 4 500 Reichsmark, sowie seine solide Bauart ließen ihn schnell zu einem der beliebtesten Traktoren seiner Zeit werden. Schon 1939 verließ der 1000. NORMAG NG 22 das Werk. Bis zum Baustopp 1942 wurden 4972 Schlepper produziert, davon nur 412 NORMAG NG 10. Als einen reinen Ackerschlepper leitete man vom NG 22 den NG 10 ab. Obwohl er ähnliche Leistungsparameter wie der NG 22 aufwies, ist der NG 10 die zweite Schlepperkonstruktion bei NORMAG. Wahrscheinlich entstand er zur besseren Anpassung an den Schell-Plan (Typenbegrenzung in der Kraftfahrzeugindustrie). Angetrieben wurde der NG 10 mit den Zweizylinder-Deutz-Diesel F 2 M 414 Motor. Äußerlich ist dies nur daran zu erkennen, dass die Aggregate wie Lichtmaschine, Auspuff, Luftfilter, Glühkerzen und Einspritzanlage seitenverkehrt zum MWM des NG 22 liegen. Der vierte Gang war beim NG 10 gesperrt. Aus Mangel an Reifen gab es ihn auch mit Ganzmetallrädern.

Seine Produktion begann 1940 und endete ebenfalls durch den verordneten Baustopp 1942. Ursache dafür war der Treibstoffmangel. Die Produktion musste auf Fahrzeuge mit Holzgasgeneratoren umgestellt werden, was bei NORMAG mit dem NG 25 vollzogen wurde.

 

 

 

Quellen:

A. Bischof, Traktoren in der DDR, (Brilon, 2004).

Autor nicht angegeben, Landwirtschaftliche Fahrzeuge der DDR (Renningen 2012).

H. Hintersdorf, Typenkompass DDR-Traktoren und Landmaschinen 1945 – 1990 (Stuttgart 2005).

P. Kautz Normag NG10 und NG22 https://fahrzeugseiten.de/Traktoren/Normag/NG22/ng22.html (18. 10. 2016).

U. Paulitz, Bildatlas der DDR Traktoren und Landmaschinen (München 2010).





SammlungsStücke Oktober 2016

Tafelaufsatz „Vier Jahreszeiten“


                                                                                               Tafelaufsatz aus Meissener Porzellan, Szenerie Sommer und Herbst                                                                                                                                                                                                                               © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Ein Tafelaufsatz aus Meissener Porzellan befindet sich im Sammlungsbestand des Museums. Der zweiteilige, miteinander verbundene repräsentative Tischschmuck trägt die Inventarnummer V:02/04/02/5414 a-b. Mit einer Gesamthöhe von 44 cm und seiner augenfälligen Gestaltung sowie auf Grund seiner namhaften Produktionsstätte nimmt er im Bereich des hiesigen Porzellaninventars einen besonderen Platz ein.

Der obere Teil des Tafelaufsatzes besteht aus einer ovalen Schale in den Abmessungen 28,5 x 39,5 x 7,5 cm. Das durchbrochene Dekor, die auf den Stirnseiten befindlichen rankenumwundenen Henkel, sog. Asthenkel, und nicht zuletzt die aufgesetzten, farbig gefasste Einzelblüten aus Porzellan erhöhen die filigrane Optik.


                                                    Tafelaufsatz mit Allegorien Winter, Frühling, Sommer        Detail des Tafelaufsatzes 

                                                    © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde             © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde 
             

Gold staffiert sind sowohl die Oberkante als auch die geschwundenen Zierelemente auf Schale, Schalenauflage und Sockel. Aufgemalte florale Motive, hier als Blumenbukett gestaltet, die medaillonartig den säulenförmigen Schafft schmücken und die ausgeformten erhabenen Blüten in den Farben Gelb, Orange, Rot und Violett geben dem Tafelaufsatz ein elegantes Aussehen. Dekorativ sind die vier Jahreszeiten gestaltet. Die Jahreszeiten-Amoretten mit entsprechenden Attributen wie Blüten, Ranken, Getreideähren, Trauben und Wein, bis hin zum einhüllenden Tuch und dem wärmenden Feuer, den Winter symbolisierend, stellen den Jahreskreis dar. Sie sind auf dem mit Voluten verzierten Sockel rund um den säulenartigen Schaft angeordnet.

Auf der Unterseite des Tafelaufsatzes befindet sich die Firmen-Marke mit den zwei gekreuzten Schwertern für Meissen. Die gekreuzten Schwerter als Manufaktur-Marke wurden bei diesem Tafelaufsatz – wie bei allen in den Meissener Werkstätten erzeugten Produkten – seit Anbeginn bis zum heutigen Tag handgemalt (Blaumalerei als Unterglasurfarbe) auf die Erzeugnisse gebracht und sind die älteste registrierte Marke Deutschlands, die mit dem Inkrafttreten des „Reichsgesetzes über den Markenschutz“ im Jahr 1875 mit seinen verschiedenen Varianten beim damaligen Königlich-Sächsischen Amtsgericht Meißen eingetragen wurde. Der Markenschutz erfolgte anschließend in Österreich, England, Frankreich, den USA, Belgien und Holland. Auf Grund der feinteiligen Veränderungen bei der Ausführung der Schwerter wird eine mehr oder minder genaue zeitliche Zuordnung möglich.


                                                                                   Ausschnitt der Unterseite des Tafelaufsatzes, Schwertermarke mit Knauf                                                                                                                     © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

Entsprechend der „Schwertermarke mit Knauf“ ist eine Datierung dieses Tafelaufsatzes zwischen 1815 und 1923 möglich, wobei die Zeitspanne zwischen der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und dem Jahr 1923 am wahrscheinlichsten gilt. Erkennbar ist auf der Unterseite ebenfalls die Ritznummer 605.

Laut Künstlerverzeichnis stammt dieser Tafelaufsatz von Ernst August Leuteritz (1818-1893). Er studierte an der Akademie in Dresden, war Bildhauer und übte von 1849 bis 1886 in der Meissener Porzellan-Manufaktur das Amt des Gestaltungsvorstehers aus, erlangte 1882 den Professorentitel. Er bearbeitete Gefäßformen und Figuren des 18. Jahrhunderts, entwarf selbst Vasen, Tafelaufsätze und Leuchter im Stile von Rokoko und Klassizismus. Sein Lebenskreis schloss sich an seinem Hauptwirkungsort, wo er 75 Jahre zuvor begonnen hatte – in der Porzellan-Stadt Meißen. Der Markenname der Manufaktur wird in der Anpassung an die internationale Schreibweise mit doppeltem „s“ geführt.

In leicht abgewandelter Form- und Farbgebung sowie variierender Sockelgestaltung ist dieser Tafelaufsatz mit den Allegorien der Jahreszeiten heute noch aufzufinden (siehe Auktionshäuser). In identischer Motivik ist sogar ein Zwiebelmusterdesign vertreten.

Tafelaufsätze kamen im 1700 Jahrhundert als französische Erfindung in Mode. Sie waren Teil des zu Repräsentationszwecken angeschafften Prunkgeschirrs, das vorrangig dekorative Funktion hatte und im herrschaftlichen Rahmen feiner Gesellschaften zum Einsatz kam. Als bevorzugte exotische Materialien galten zum Beispiel Elfenbein und Gehäuse von Kopffüßern. Der figürlichen Ausgestaltung waren dabei keine Grenzen gesetzt. Im 18. und 19. Jahrhundert wurden Bronze und Porzellan zu den auf der Festtafel herausragenden Aufsätzen verarbeitet.

Die Jahreszeiten-Amoretten von Leuteritz finden sich nicht zuletzt auf dekorativen Meissen-Girandolen aus der Zeit um 1860. Beispielsweise hat ein 59 cm hohes Leuchterpaar einen u.a. mit Blütenranken verzierten Schaft sowie jeweils zwei Amoretten zur Zier (Frühling und Sommer bzw. Herbst und Winter). Ferner gibt es einen abnehmbaren Kranz mit drei geschwungenen Leuchterarmen und bekrönender Tülle. Ebenfalls aus dieser Zeit stammt eine prunkvolle Kaminuhr „Die vier Jahreszeiten“, aus Meissener Porzellan (Höhe: 47,5 cm), als deren Künstler sich erneut Ernst August Leuteritz ausweist. Es handelt sich um ein geschweiftes Uhrengehäuse auf drei Volutenbeinen, verziert mit plastischen Blumen und Blättern. Winter, Sommer und Frühling treten in den bekannten gestalteten Personifizierungen des Tafelaufsatzes im Ummendorfer Museum auf: Der Winter ist als Figur mit dem weinroten Tuch umhüllt, die Hände über der darstellten Flamme wärmend. Der Sommer erscheint mit einem um die Hüften geschlungenen Tuch gekleidet und einem Bund Getreideähren im Arm. Der Frühling zeigt sich mit Blüten geschmückt. Bekrönt wird die Uhr mit einer Amorette/Putte, die ein Weinglas in der Hand hält, das Haar bekränzt und so den Herbst darstellend. (Die Uhr ist ferner von einer Schlange umrahmt und mit einem relieffierten Zifferblatt aus Goldbronze versehen. Eingelegte Emailtäfelchen bilden die römischen Ziffern ab. Zahlreiche Einzelblüten aus dem Jahreskreis verstärken die Dreidimensionalität.)

 

                               Allegorie des Winters mit Tuch und Flamme                                         Allegorien von Herbst und Sommer mit Weinglas bzw. Getreideähren

                                  © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde                                © S. Vogel, U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde


Rund 700 000 Gipsformen aus drei Jahrhunderten sind im Formenarchiv der Manufaktur Meissen verwahrt, die die Möglichkeit von Restauration bis Neuanfertigung historischer Stücke geben.

Kaolin als Ausgangsstoff bei der Herstellung des Hartporzellans wird im manufaktureigenen kleinsten Bergwerk Deutschlands abgebaut (Kaolin-Bergwerk Seilitz, 12 km entfernt) und ist ein vor 100 Millionen Jahren durch Zersetzung von Dobritzer Quarzporphyr entstandenes Verwitterungsprodukt. Das daraus gefertigte Meissener Porzellan ist das erste Hartporzellan, welches in Europa produziert wurde.

Die Geschichte der heutigen Manufaktur MEISSEN ® begann offiziell – dank der „Erfindung des Porzellans“ – am 23. Januar 1710 in den Mauern der sächsischen Albrechtsburg Meißen mit der Patentverkündung durch August den Starken. Exponiert und abgeschieden über der Stadt gelegen, war die Burg für 154 Jahre, bis 1864, Experimentier- und Produktionsstätte für edles Porzellan. Denkwürdig, dass erst zwei Jahre zuvor dem Forscherkreis um Johann Friedrich Böttger, Ehrenfried Walther von Tschirrhaus und Gottfried Pabst von Chain die Herstellung des „Weißen Goldes“ im Alchemistenlabor auf der Jungfernbastei in Dresden gelungen war.

 

Literatur:

J. Helfricht, Kleines ABC des Meissener Porzellans, 3. aktualisierte Auflage (Husum 2015), 8 ff., 45 f., 49 ff., 76 ff., 134 ff.

N. Panteleon (Hrsg.), Georg Kolbe in der Börde – Skulpturen für Peseckendorf (Ummendorf 2015), 67 ff., 77 f.

https://lot-tissimo.com/de/i/10437675/paar-dokorativer-meissen-gir... (29.09.2016).

https://de.wikipedia.org/wiki/Tafelaufsatz (/14.09.2016).

http://www.auktions-bergmann.de/ufltemInfo.aspx?a_id=106&i_id... (29.09.2016).

https://www.auktionshaus-stahl.de/kuenstlertest.php?alpha=L&kuenst... (30.09.2016).

http://www.zeller.de/fileadmin/zeller/katalog_90/1538.JPG (14.09.2016).





SammlungsStück September 2016

Hersteller-Stempel


                                                                                  Hersteller-Stempel Töpferei Rodenberg Sommersdorf. ; Inv.-Nr.:2010-691 © Foto S. Vogel BMBU - Landkreis Börde

 

Der Hersteller-Stempel diente in seiner Funktion der Kennzeichnung der Töpferwaren in der Töpferei Rodenberg. Der Stempel weist in der Länge 65 mm, in der Breite 25 mm und in der Dicke 30 mm auf. Das Rundteil ist glasiert und trägt die Initialen ›W R S‹, was für Willy Rodenberg Sommersdorf steht. Das Griffstück ist hingegen nicht glasiert. Diese Signation der ansässigen Töpfer fand nur in Ausnahmefällen statt, da ihre Herstellung auf Serienproduktion ausgerichtet war. Erst in der Zwischenkriegszeit (1920iger-/1930iger-Jahre) fingen die Töpfereien an, ihre Erzeugnisse mittels Prägestempel vermehrt zu kennzeichnen. Daher ist eine Werkstattzuordnung der Stücke oftmals schwierig, gestalteten in Sommersdorf die Töpfer das Dekor in Bunzlauer Manier.

Mitte des 18. Jahrhunderts war die große Zeit der preußischen Binnenkolonisation. Das Vorhaben bestand darin, dass man Importe stoppen und den Export fördern könne. Demzufolge sollten sich Handwerk und Gewerbe an den Grenzorten-/regionen ansiedeln. In diesen Grenzregionen war die Wahrscheinlichkeit höher, dass die einheimische Bevölkerung Waren importierte. Dieser Import von ausländischen Gütern sollte somit verringert und gleichzeitig durch die neu geschaffenen Produktionsstätten der Export angekurbelt werden. Die Ansiedlung der Kolonisten (ein früherer Gebrauch für Ausländer) erfolgte bereits im Rahmen der ›Peuplierungspolitik‹ (Planmäßige Besiedlung eines Gebietes) Friedrich II. (1712-1786).

Die Töpferei Rodenberg ist ein Ergebnis dieser Maßnahme und wurde in Sommersdorf ansässig. Das Dorf liegt im heutigen Landkreis Börde in Sachsen-Anhalt. Aufgrund der damals großen Verbreitung des Töpferhandwerkes in der Gemeinde ziert ein halber Krug die linke Seite des Ortswappens. Sommersdorf besaß im Jahr 1800 zwei Töpfereien. Den Höchststand erreichte das Dorf im Jahr 1850 mit vier Töpferwerkstätten. Danach ging die Anzahl zurück. 1900 konnte man noch drei Töpfereien vorweisen und 1935 nur noch eine. Bei den Töpfern war es die Konkurrenz der Tonwaren- und Porzellanfabriken sowie die Verwendung von anderen Materialien zur Herstellung der Produkte, welche zum Rückgang der Töpferwerkstätten führten. Mit der Stilllegung der Töpferei Rodenberg im Jahr 1969 stellte die letzte Töpferei Sommersdorfs den Betrieb ein.


                                                                                                Wohnhaus Töpferei Rodenberg mit Familie sowie Gesellen / Entnommen: Wiswe (1987), S.8.

 

Der von 1904 bis 1975 lebende Willy Rodenberg war der letzte Inhaber der Sommersdorfer Töpferei Rodenberg. Er studierte Ende der 1920er-Jahre vier Semester an der Keramischen Fachschule in Bunzlau (im heutigen Polen; Niederschlesien) und legte im Jahr 1939 die Meisterprüfung ab. Zu Beginn der 1930er-Jahre übernahm er zusammen mit seinem Bruder Erich den väterlichen Betrieb. Später führte er ihn alleine weiter. Bis in das Jahr 1969 wurde in der Töpferei Bunt- und Braungeschirr in Bunzlauer Gestaltungsweise gefertigt. Bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts kam das Grundstück an den Bouteillenfabrikanten Tobias Heinrich Gabriel Rodenberg.

Was ein Töpfer am notwendigsten braucht, das ist ein guter Ton. Dieses Grundmaterial des Töpfers ist ein Mineralgemenge, ein feinkörniges Sedimentgestein, welches durch mechanische und chemische Verwitterung feldspathaltiger Gesteine entstanden ist und an dem wasserhaltige Aluminiumsilikate den größten Anteil besitzen. In unterschiedlichen Mengen sind andere anorganische Stoffe, wie Quarz, Glimmer oder Kalk sowie Eisenoxyde, welche beim Brennen unter Sauerstoffzufuhr die bräunlichen Farbtöne bewirken, beigemengt. Neben diesen Bestandteilen lassen sich in den Rohtonen auch organische Bestandteile, insbesondere Pflanzenreste finden. Das Material zum Töpfern sollte die Eigenschaften einer guten Bildbarkeit im frischen Zustand sowie gute Formbeständigkeit durch Trocknen und Feuereinwirkung, ohne dabei Risse und Zusammenschrumpfen, vorweisen. Die daraus produzierten Waren sollten wasserundurchlässig sein, eine glatte Oberfläche besitzen, was eine leichtere Reinigung ermöglicht, und zugleich einen befriedigenden ästhetischen Anblick bieten. Die Lagerung des Rohstoffvorrates, welcher für mindestens ein halbes Jahr angelegt war, erfolgte im Freien neben der Werkstatt. Die Atmosphäre zersetzte hier den Ton und dieser wurde somit für die Verarbeitung geeigneter. Die Anlieferung erfolgte meist in der nicht landwirtschaftlichen Zeit und sorgte für ein Durchfrieren des Materials. Im Frühjahr und Sommer wurde der Ton in verschiedenen Arbeitsschritten verarbeitet. Er wurde u.a. gewässert und von Verunreinigungen befreit. 

Bevor der Ton zur endgültigen Produktion der verschiedenen Waren, wie Flaschen, Näpfe, Töpfe, Kaffeekannen, Essenträger, Gärkrüge, Kuchen-/Puddingformen, Pfannen, Schüsseln oder Satten, verwendet werden konnte, wurde er in den verwendeten kleinen Mengen noch einmal gewässert, durch Schlagen mit dem Holzhammer (Tonschlägel genannt) sowie durch Walken noch einmal vorbehandelt. Erst danach formte man auf der Drehscheibe das gewünschte Gefäß. In Sommersdorf verwendete man zum Töpfern eine Spindelscheibe, auch Fußscheibe genannt. Der Vorteil einer manuellen angetriebenen Scheibe gegenüber einer elektrisch betriebenen Scheibe war, dass man die Geschwindigkeit individuell, was in manchen Arbeitsschritten beim Formen notwendig war, beeinflussen konnte. Dies wurde erst mit der Erfindung und Einführung der Kupplung, welche eine Einstellung der Scheibe in verschiedene Geschwindigkeiten via Pedal ermöglichte, umsetzbar. Bei der Spindelscheibe erfolgt der Antrieb mit den Füßen über die unten liegende Scheibe. Für die Kraftübertragung auf die oben liegende Scheibe dient die Spindel, eine Metallachse. Zur Bearbeitung des Tons nutzte man überwiegend die Hände, jedoch kamen die verschiedensten Hilfsmittel wie Holzplatten oder Formschienen zum Einsatz. Nach Fertigstellung des gewünschten Produktes wird dieses mit einem Draht der an zwei kurzen hölzernen Handgriffen befestigt ist von der Scheibe abgetrennt. Nach einer mehrtägigen Trocknung werden bei Bedarf frei Hand Henkel oder Ausgussröhren ergänzt. Die angesprochene Trocknung macht die Gefäße ›wasserhart‹, ›windtrocken‹ oder ›lederhart‹. Erst bei diesem Härtegrad können die Produkte, eventuell vorher mit einem farbigen Dekor und Glasur versehen, gebrannt werden. Der Brennvorgang erfolgte bei über 1250 Grad. Je nach verwendetem Ton erhielt man eine gleichmäßige oder ungleichmäßige, auch teilweise fleckige, Färbung.

Zunächst verwendete man in den Töpfereien eine Salzglasur, welche nur bei hohen Temperaturen einsetzbar ist. Hierzu gibt man bei einem bestimmten Stadium des Brandes Kochsalz in den Brennofen dazu. Das Salz schmilzt bei diesen hohen Temperaturen sofort und legt sich als Anflug auf der Ware ab, was den glasartigen, durchsichtigen Überzug ergibt. Später verwendete man eine deckende Lehmglasur, wie sie für die Bunzlauer Töpfereierzeugnisse (Braungeschirr/Braunzeug) charakteristisch ist.

Aufgrund der steigenden Verwendung und Beliebtheit von Porzellan, Glas und Emaille mussten sich die Töpfer anpassen. Sie strebten eine Produktion von preiswertem, hellem, farbig dekoriertem Tongeschirr an, welches u.a. Porzellan besonders ähnlich sah. Vorreiter für dieses Buntgeschirr war wieder Bunzlau. Man erweiterte das Sortiment vom reinen Braungeschirr mit der Herstellung von Buntgeschirr nach Bunzlauer Art.


                                                                                              Schüsseln der Töpferei Rodenberg mit geschwämmeltem Dekor / Entnommen: Wiswe (1987), S. 15.

 

Eine weitere Nachahmung der Bunzlauer Art erfolgte in der Verzierung der Gefäße. Hier bezog man vom selben Hersteller die Stempel zum Schwämmeln. Beim Schwämmeln bringt man das Schwammdekor durch Aufdrücken der Farbe mit Hilfe eines entsprechend zugeschnittenen feinporigen Schwammes auf. Aufgrund der hohen Kosten für die Naturschwämme wich man auch auf ausrangierte Strickstrümpfe oder Hasenpfoten aus. Bei der Farbgestaltung bevorzugte man verschiedene Blautöne, aber auch ein erdiges Braun, seltener ein sanftes Grün und gelegentlich ein Weinrot. Eine Besonderheit der Töpferei Rodenberg ist die Verwendung eines eierschalenfarbenen Grundes. Das Gießen von Tongefäßen war in den Töpfereien von Sommersdorf nicht verbreitet.

 

Literatur:

A. Gastmann, Geschichte des Dorfes Sommersdorf bei Magdeburg (Halle/Saale 1937).

H. Heuschkel / K. Muche, ABC Keramik (Leipzig 1974).

B. Leach, Das Töpferbuch (Bonn 1971).

H. Müller / E. u. I. Lippert / R. Falkenberg, Bunzlauer Geschirr, Gebrauchsware zwischen Handwerk und Industrie (Berlin 1986)

M. Wiswe, Volkstümliche Keramik aus Sommersdorf und Sommerschenburg (Braunschweig 1981).

M. Wiswe, Volkstümliche Keramik aus Sommersdorf und Sommerschenburg, zwei Dörfern des Magdeburgischen Holzlandes (Braunschweig 1987).

http://www.sommersdorf.de






Indikator   

Das vorgestellte Sammlungsstück im August ist ein originaler Indikator (Signalwinker oder Flügel) – eine Dauerleihgabe der Familie Wahnschaffe. Er kam in der Station Nr. 16 der Preußischen Optischen Telegrafenlinie zwischen Berlin und Koblenz zum Einsatz. Sie bestand aus 62 Stationen über eine Strecke von ca. 588 km. Die Linie diente der Übermittlung von staatlichen Depeschen und militärischen Nachrichten mittels optischer Zeichensetzung. Auf dem Gebiet des heutigen Landkreis Börde waren ehemals vier Stationen eingerichtet wurden: Hohendodeleben (Nr. 15), Schloss Ampfurth (Nr. 16), Oschersleben (Nr. 17) und Neuwegersleben (Nr. 18). In den 1960er-Jahren wurde der Flügel in einem Wirtschaftsgebäude des Schlosses Ampfurth gefunden und im Museum Ummendorf verwahrt. Der achteckige Treppenturm des Renaissance-Gebäudes in Ampfurth diente dabei als Telegrafenstation. Unterhalb der Plattform des Burgturmes wurde das dazugehörige Stationszimmer eingerichtet.


                                                                    Indikator (Inv.:BMBU A96:623a-k) © Dr. Ruppel BMBU − Landkreis Börde

 

Dieser Indikator war einer von sechs Flügeln, die paarweise auf beiden Seiten an einem sogenannten Mastbaum befestigt waren. Sie dienten in der optischen Telegrafie der Zeichenstellung. Das Wort ›Telegrafie‹ wurde von den beiden griechischen Wörtern tēle (fern) und gráphein (schreiben) abgeleitet.

Der Indikator weist eine Gesamtlänge von 205,5 cm auf. Die größte Breite beträgt 32 cm und im Bereich der Seilscheibe wird mit 8,5 cm der größte Wert in der Tiefe erreicht. Der Holzrahmen hat inklusive der Befestigung am Gussteil eine Länge von 162,5 cm. Die fehlenden Blechlamellen der Holzrahmung wurden restauratorisch ergänzt.


                                                                                               Indikatorrolle © Foto A.Schnitzer BMBU − Landkreis Börde

 

Der Flügel besteht aus einem gusseisernen Teil mit Seilführung und zentralem Bronze-Lager sowie einem angeschraubten Bandeisen mit einem eisernen Gegengewicht. An diesem Gussteil ist ein Holzrahmen aus Fichtenholz mit drei Vierkantkopfgewindeschrauben befestigt. Die gusseiserne Indikatorrolle saß auf einer durch den Mastbaum hindurchgehenden Achse, sodass auf jeder Seite ein Flügel befestigt werden konnte.


                                                                                               Gegengewicht © Foto A.Schnitzer BMBU − Landkreis Börde

 

Das am Ende angebrachte Gegengewicht diente einer leichteren Bewegung. An den oberen Signalwinkern befanden sich kleinere Gegengewichte an längeren Stangen und bei den tiefer angebrachten größere Gewichte an kürzeren Stangen. Diese Bauweise war nötig, damit die Gegengewichte nicht mit den Sturmstangen in Berührung kamen. Für einen minimalen Windwiderstand der Indikatoren wurden in den Holzrahmen Blechlamellen jalousieartig angeordnet eingenutet.

Erste Versuche einen optisch-mechanischen Telegrafen zu entwickeln fanden u.a. durch den französischen Geistlichen Claude Chappe de Vert 1791 statt. Nach einer Zeit der nicht zufriedenstellenden Versuche und Apparate, eröffnete die erste Telegrafenlinie in Frankreich von Paris nach Lille im Jahr 1794.

Die im Jahr 1830 gebildete ›Telegrafen-Kommission‹ prüfte mehrere Entwürfe zum Thema Telegrafenapparate. Sie gaben letztendlich dem Entwurf des Geheimen Postrat Pistor den Zuschlag. Dieser war zugleich Inhaber einer Werkstatt für optische, mechanische, astronomische und physikalische Instrumente/Geräte. Per Kabinettsorder vom 16.10.1831 wurde eine ›Immediats-Commission zur Errichtung von Telegraphenlinien‹ gebildet. Auch diese Kommission stimmte dem Vorschlag des Pistor zu.

Dr. Carl Philipp Heinrich Pistor (1778 - 1847) wurde selbst mit der Ausführung und Aufstellung der Apparate sowie mit der Anfertigung der Fernrohre beauftragt.

Der Telegrafenapparat von Pistor hatte den von Reserveleutnant der Marine Bernard L. Watson auf der Strecke von Wheatson nach Liverpool und Holyhead in England errichtete Apparat zum Vorbild, jedoch glich er diesem lediglich in der Anordnung der Flügelpaare. Die ganze Mechanik wurde von ihm verbessert, überarbeitet bzw. erneuert.

Mit einer allerhöchsten Kabinettsorder vom 21.07.1832 wurde der Bau der Telegrafenlinie zwischen Berlin und Koblenz angeordnet. Die oberste Bauleitung übertrug man dem Major im Großen Generalstab Franz August O'tzel (1784 - 1850). Dazu wurde er zum ›Königlichen Telegrafendirektor‹ berufen und war für Personalangelegenheiten, Beschaffungswesen und Organisation verantwortlich.

Eine Festlegung der Standorte/-punkte erfolgte durch O'Etzel selbst. Am Ende wurden die Stationen in 56 Funktionsgebäuden, 1 Sternwarte, 3 Kirchen und 2 Schlössern untergebracht. Zwischen den jeweiligen Punkten lagen im Durchschnitt 1 1/2 Meilen also etwa 11,3 km. Der größte Abstand betrug 2 Meilen (ca. 15 km) und der geringste Abstand 1 Meile (7,53 km). Die Entfernung wurde aufgrund des Hintergrundes des Telegrafengerüstes getroffen. Ein fester Hintergrund bot keinen Kontrast und verminderte somit die Erkennbarkeit des gestellten Zeichens. Den geeignetesten Hintergrund lieferte ein freier Himmel.

Bereits im Juli 1833 nahm die Strecke Berlin - Magdeburg (Stationen 1 - 14) ihren Betrieb auf. Bis zum Oktober 1833 war auch die Strecke Magdeburg - Ehrenbreitstein (Stationen 14 - 60) fertig gestellt wurden. Im Jahr 1834 wurde die letzte Station der Strecke mit der Nummer 61 auf dem Schloss Koblenz eingerichtet. Aufgrund von häufigen Übertragungsfehlern wurde zwischen den Stationen 24 und 25 die 62. Station (24a) ergänzt. Der Betrieb der Gesamtlinie erfolgte bis 1849, als sie durch die neue elektromagnetische Telegrafie ersetzt wurde. Das letzte Teilstück von Köln nach Koblenz gab man im Jahr 1852 auf.

Der Mastbaum war der Hauptteil des Telegrafen. Ein runder aus Fichtenholz bestehender 20 Fuß (6,30 m) über der Telegrafenstation (dem Observationszimmer) hinausragender Mast. Dieser wurde an drei Stellen befestigt. Die erste Befestigung erfolgte im Boden der Station. Am Punkt, an dem der Mast aus dem Dach der Station herausragte, befand sich die zweite Befestigung. Die dritte Stelle war etwa auf zwei Drittel Höhe des äußeren Mastes zu finden. An diesem Punkt war ein Sturmstangenring mit vier Ösen angebracht, in den sich die Sturmstangen einhängen ließen, welche selbst am Dach befestigt wurden. Die in ihrer Länge verstellbaren Stoßstangen dienten der Stabilisierung zwischen den mittleren und oberen Indikatoren. Im Bereich der ersten und zweiten Befestigungsstelle konnte man durch Stellschrauben den Mast in eine senkrechte Lage versetzen.

Die Steuerung wurde im Beobachtungszimmer integriert. Sie bestand analog zur Indikatorenanordnung aus sechs Stellvorrichtungen. Diese waren paarweise gegenüberliegend in drei Etagen übereinander direkt am Mastbaum angebracht, mit ihnen bewegte man die Indikatoren über die Steuerungsrollen.

Die Synchronisation der Uhrzeit durchlief die Strecke bei optimalen Bedingungen innerhalb einer Minute. Diese Geschwindigkeit konnte dabei nur erreicht werden, weil es eine hohe Aufmerksamkeit, eine gut geplante Vorbereitung und hervorragende Sicht erforderte. Andere Signalzeichen durchliefen die Strecke in etwa 7 1/2 bis 14 Minuten.

Da sich der preußische Telegraf dem von Watson annäherte, lag es auch nahe, dass man dessen Signalsystem teilweise mit übernahm. Die Basis bildete dabei das ›dekadische Zahlensystem‹.

Die Indikatoren/Flügel konnte man in vier Stellungen positionieren, wenn man die Ausgangstellung bei 0 Grad mit einbezieht, welche jedoch im preußischen System ausdrücklich keine Stellung einnahm. Weitere Winkel waren 45 Grad, 90 Grad und 135 Grad. Für die Zeichensetzung war die Ausgangsstellung nicht von Bedeutung, daher konnte man pro Flügelpaar sechs Stellungen vornehmen. Drei weitere Zeichen wurden durch die symetrische Anordnung der Indikatoren erreicht. Somit ergaben sich neun Zeichen und dementsprechend neun Zahlen.


Abbildung entnommen: Herbarth, Abb. 77, S. 59.

 

Zusammengefasst schaffte es das preußische System auf eine Anzahl von 4095 Zeichen.

 

1. Zeichen im dekadischen System

999

2. kombinierte Zeichen in je einer   Etage (6x3)

18

3. kombinierte Zeichen in je zwei   Etagen (36x3)

108

4. kombinierte Zechen in drei Etagen   (6x6x6)

216

5. kombinierte Zeichen in zwei Etagen   und Zahlen (dekadisch) in der dritten (108x9)

972

6. kombinierte Zeichen in einer Etage   und Zahlen (dekadisch) in den beiden anderen (6x3) x 99

 

  

1782

Gesamtzeichen

4095

Daten entnommen: Herbarth, S. 55.

 

Die Hauptfehlerquelle bei der preußischen Telegrafie war, dass die Depeschenübermittlung im Uhrzeigersinn nur auf der Strecke Berlin - Koblenz galt. Bei der umgekehrten Führung, also von Koblenz nach Berlin, stellte man die Zeichen/Zahlenfolge gegen den Uhrzeigersinn.

Das Chiffrieren bzw. das Chiffrierrecht lag nur bei den Inspektoren und dem Direktor der Linie. Die Telegrafisten waren angewiesen ausschließlich Depeschen von ihrem Vorgesetzten, den Inspektoren, anzunehmen. Den einzigen Ausnahmefall bildete die Abwesenheit des Inspektors. In diesem Fall, dass eine Depesche von der Direktion an eine Person gerichtet eintraf, durfte der Telegrafist eine Antwort mittels des Telegrafistenwörterbuches stellvertretend zurückgeben.

Bei Begegnung zweier Depeschen auf der Line hatte die aus Berlin kommende immer den Vorrang vor der nach Berlin abgesendeten. 

 

Literatur:

P. Fuchs, Über den Alltag und den Betriebsdienst auf der Optischen Telegrafenlinie Preußens in: Landratsamt des Landkreises Börde (Hrsg.), Börde, Bode und Lappwald. Heimatschrift 2002 (Oschersleben 2002) S. 15 – 23.

D. Herbarth, Die Entwicklung der optischen Telegrafie in Preussen (Köln 1978).

www.optischertelegraph4.de [Stand: 12.07.2016]

www.museum-digital.de/nat/index.php?t=objekt&oges=126

BMBU Archiv – Verkehr, Transport, Handel/Optische Telegraphie

 


 

 


Sammlungsstück Juli 2016

Buttermodel / Butterform

Das im Sammlungsbestand befindliche Objekt mit der Inventarnummer BMBU 2012-648a-b ist ein Buttermodel. Dieser wird umgangssprachlich auch als Butterform bezeichnet, was auf seinen Verwendungszweck zurückzuführen ist. Der aus Holz gefertigte rechteckige Model weist eine Länge von 115 mm, eine Breite von 63 mm bei einer Tiefe von 44 mm auf. Datiert wird die zweiteilige Form in das 2. Viertel des 20. Jahrhunderts. Der Model befindet sich in einem guten äußerlichen Zustand, aber aufgrund des Alters, der wahrscheinlichen Benutzung und eventuell durch die verwendete Holzart sind an den Rück- beziehungsweise den Außenwänden leichte Abnutzungen des Holzes erkennbar. Das eingeschnitzte Motiv ist ein Schaf. Im Gegensatz zu anderen aufwendig gestalteten und detailreichen Figuren und Formen ist dieses Schaf schlicht und weniger detailliert ausgearbeitet


                                                                                                Buttermodel (Inv.:BMBU 2012-648a-b) © N. Panteleon BMBU ─ Landkreis Börde

 

Eine Verwendung fand dieser Model bei der Verzierung, Gestaltung und beim Abmessen von Buttermasse. Der Begriff ›Model‹ stammt von dem lateinischen Wort modulus ab, welches eine universale Maßeinheit beim Entwurf von Bauten bezeichnete. Im heutigen Sprachgebrauch wird es in mehrfachem Sinne benutzt. Man unterscheidet in Druckmodel und Hohlformen. In unserem Fall handelt es sich um eine Hohlform. Durch seine Zweiteiligkeit, eine sogenannte Klapp- oder Passform, ermöglicht dieses Werkzeug eine rundplastische Ausformung.

Vor dem Gebrauch ist der Model zu wässern. Dazu wird die zusammengesteckte Form für eine kurze Zeit in kaltes Wasser gegeben. Eine Fixierung der beiden Formhälften wird durch die dafür eingelassenen Holzstifte ermöglicht. Über die am Boden befindliche Öffnung kann der Model mit der zu formenden Masse befüllt und Überschüsse abgestreift werden.

Funde von Model lassen sich bis in das Altertum zurückverfolgen. Bei der Freilegung der Stadt Mari (im heutigen Syrien; früher Mesopotamien) wurden Gebäckmodel ausgegraben. Der mesopotamische Stadtstaat Mari wurde ca. 1759 v. Chr. durch den babylonischen König Hammurapi eingenommen und zerstört. Weitere Funde ergaben sich in Ägypten und Griechenland. Eine reiche Anzahl stammt aus dem Römerreich. In der ehemaligen römischen Hafenstadt Ostia (ca. 20 km südwestlich des heutigen Stadtzentrums Roms) konnten rund 400 Bruchstücke und vollständige Model geborgen werden. Eine Datierung wurde in die Jahre zwischen 200 und 250 n. Chr. vorgenommen. Die Motive der Fundstücke weisen Szenen aus Schauspielen, Gladiatorenkämpfen oder einzelne Tiere auf. Die überwiegende Zahl der dort gefundenen Model waren in einer Größenordnung von einem römischen Pfund, also 300 Gramm. Daher geht man davon aus, dass diese zur Gebäckherstellung benutzt wurden, um diese bei den Spielen an das Volk zu verkaufen. Eine Verbreitung nach Mitteleuropa, belegt durch Funde in Mainz, bei Budapest oder bei Straßburg, erfolgte durch die Römer.

In unserem heutigen geografischen Gebiet lassen sich Model bis in das 13. Jahrhundert zurückverfolgen. Eine Vielzahl stammt aus dem 15. Jahrhundert. Je nach Verwendungszweck wurden die Formen aus unterschiedlichen Materialien gefertigt. Funde zeigen die Verwendung von Schiefer, Graphitstein, Ton, Wachs, Speckstein oder auch Holz. Die Model in der Nahrungsmittelherstellung, z. B. bei Lebkuchen, Marzipan oder verdickten Fruchtsäften, wurden traditionell aus Holz gefertigt. Bevorzugte Holzarten sollten dicht und feinfaserig sein, daher waren Birnen-, Apfel-, Kirsch- oder Ahornbäume beliebt. In der heutigen Zeit werden weitere Materialien wie Keramik, Silikon, Metall oder Plastik für die Modelherstellung benutzt.

Mit dem Aufkommen der Industrialisierung verflachte die Nachfrage an Model für den privaten häuslichen Gebrauch. Erst in den letzten Jahrzehnten stieg das Interesse am hilfreichen Werkzeug zur Produktion und zur dekorativen Formgebung wieder an.

Bereits im Alten Testament wird die Butter (lat. butyrum) erwähnt. So heißt in den Sprüchen Salomos: »Wenn man Milch stößt, so macht man Butter draus«. (30,33)

Man kann davon ausgehen, dass die Erzeugung von Butter mit der Entwicklung und Ausprägung der Viehhaltung einherging.

Schon in der römischen und griechischen Antike fand sie ihren Anwendungsbereich. Neben Herodot (4,2) und Plinius (nat. 28, 133-34) wird die Butter an 50. Stelle des IV. Abschnittes für Tierprodukte in dem vom römischen Kaiser Diokletian erlassenen Höchstpreisedikt aus dem Jahr 301 n. Chr. erwähnt. Aufgrund der Unbeliebtheit der Kuhmilch und dem reichen Vorkommen des Olivenöls nutzte man sie nicht wie heute als Nahrungsmittel, sondern für medizinische Zwecke. Plinius stellte die ölartige Beschaffenheit fest und vermerkte, dass neben den Barbaren auch sie ihre Kinder damit einrieben. Die Butter wurde in medizinischer Hinsicht außerdem vielfach bei Schwellungen verwendet.

Die traditionelle Butterherstellung sieht vor, dass man die Milch - vorwiegend Kuhmilch, aber auch z. B. Schaf- oder Ziegenmilch - solange stehen lässt, bis sich der Rahm bildet und an der Oberfläche absetzt.Dies berichtete auch Herodot über das nomadische Reitervolk der Skythen: »Die ausgemolkene Milch schütten sie in hölzerne Gefäße, die Blinden stellen sie um die Gefäße her, und lassen die Milch umrühren. Was sich oben aussetzet, schöpfen sie ab, und halten es für das köstlichste: was sich aber unten setzet, das ist schlechter als das andere.«. (Herodot 4,2) Der gebildete Rahm wird nun abgeschöpft und bedarf noch einer Reifung beziehungsweise Säuerung. Dabei wird durch Milchsäurebakterien ein Teil der enthaltenen Laktose in Milchsäure umgewandelt. Als letzter Schritt wird ganz wie in Salomos Aussage der Rahm zu Butter gestoßen oder geschlagen. Während dieses Prozesses werden die in dem Milchfett enthaltenen Fettkügelchen zerstört. Butterfässer oder Buttermaschinen mit Rührschaufeln sind bei diesem Schritt nützliche Werkzeuge. Ein Stoßbutterfass wird im Museum ausgestellt und ist in der ›Schwarzen Küche‹ zu finden. Das sehr schön erhaltene kegelförmige Gefäß dient mit seinem Stößel, an dem eine durchlöcherte Holzscheibe befestigt ist, zum Buttern. Dazu wird der Stößel immer wieder senkrecht auf und ab bewegt, der Rahm so gestoßen und weiterverarbeitet. Das nun austretende Fett kann sich miteinander verkleben. Abschließend wird das Endprodukt zu einer homogenen geschmeidigen Masse geknetet.

Das Schaf, welches bei der Butterform als Motiv gewählt wurde, tritt bereits in den schriftlichen und bildlichen Quellen der Antike auf. Noch heute wird die aus dem Neuen Testament stammende Symbolik des Hirten für Pastor und das Schaf für die Gemeinde verwendet.

Es ist davon auszugehen, dass die Motivwahl der Model eher zufällig und ohne konkreten Hintergrund erfolgte, wie es bei Gebrauchsgegenständen oft der Fall ist.

Als Nutztier der Weidewirtschaft, einer Form der Landwirtschaft, ist das Schaf unter anderem Lieferant für Nahrung, Wolle, Dung, Fell oder Milch. Über dies hinaus wird es ebenfalls zur Landschafts- und Deichpflege eingesetzt.

Objekte wie dieser Model aber auch solche die eine weitergehende Interpretation des Motivs zulassen, sind in der aktuellen Sonderausstellung ›Klein aber Fein - Landwirtschaft mal anders‹ ausgestellt.

 

 

Literatur:

 

W. Altenkrich, Schafzucht (Berlin 1959).

H. Kürth, Kunst der Model (Leipzig 1981) 7–9.

L. A. Moritz, Der Kleine Pauly, Bd. 1, Sp. 976, s.v. Butter (München 1979).

J. Seymour, Vergessene Haushaltstechniken (Berlin 1999) 75–79.

J. Seymour, Das neue Buch vom Leben auf dem Lande. Ein praktisches Handbuch für Realisten und Träumer (Stuttgart 2003) 188 f.

www.lebensmittellexikon.de/b0000270.php [Stand: 20.06.2016].

 

 

 








Sammlungsstücke Juni 2016

Motorrad ›Panther‹



Hersteller:                             Panther-Fahrradwerke Act. Ges. vorm. Ernst Kuhlmann & Co

Ort:                                      Magdeburg-Sudenburg

Baujahr:                                1904

Motor:                                  1 Zylinder-4 Takt-luftgekühlt

Leistung:                               2,75 PS

Inventarnummer der

Museumssammlung:                  V:12/01/01/01

 

Als Hermann Thielecke aus Ummendorf um 1960 entschied, sich von seinem Motorrad zu trennen, kam das in die Jahre gekommene Fahrzeug in die Ummendorfer Sammlung. Mit dieser Entscheidung sicherte er seinem Motorrad den Weiterbestand. Auch wenn sie nicht mehr fahrbereit ist, gehört die Panther heute zu den ältesten Motorrädern in Deutschland und ist wahrscheinlich die einzig erhaltene Maschine aus der Magdeburger Produktion der Panther-Werke.

Zur Inbetriebnahme der Panther waren einige Besonderheiten zu beachten. Das Motorrad besitzt keine Federung, ist aber schon mit einer Vorderradbremse ausgestattet.

Besonders auffällig sind die Lenkergriffe, die aufwendig aus Holz geschnitzt sind. Sie wurden nicht direkt am Lenker angebracht, sondern mittels drei Federstahlstiften mit dem Lenker verbunden. Diese Stifte stellen die einzige Federung der Vorderachse dar und dämpfen dem Motorradfahrer die Unebenheiten der Straße.

 


                                                                              Die gefederten Holzgriffe © U. Schmidt BMBU Landkreis Börde


Die Panther besitzt entsprechend des damaligen Entwicklungsstandes weder eine Kupplung noch eine Gangschaltung. Die Drehbewegung des Motors wird direkt über einen Riemen auf das Hinterrad übertragen.


                                                                                                                                            Die direkt an der Kurbelwelle angeflanschte Keilriemenscheibe zur                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Kraftübertragung© U. Schmidt BMBU Landkreis Börde


Einen Gasdrehgriff, wie heute üblich, hat dieses Motorrad nicht. Die Steuerung des Motors erfolgt über ein Hebel- und- Gestänge System, womit einmal der Zündzeitpunkt verstellt und zum anderen die Kraftstoffmenge und damit die Motordrehzahl geregelt wurde. Um diese zu bedienen, musste der Fahrer den Lenker los lassen.


                                                                                                                               1-Zündverstellung; 2- Gashebel; 3- Luftklappe© U. Schmid tBMBU Landkreis Börde


Die Maschine weist weder Beulen, noch andere sichtbaren Beschädigungen auf und besitzt trotz eines Alters von über 110 Jahren ihre Originallackierung. Der Einzylinder-Viertaktmotor leistet 2,75 PS und weist einige Besonderheiten auf. Während das Auslassventil gesteuert wird, arbeitet das Einlassventil als Schnüffelventil. Der Luftansaugstutzen wurde direkt dicht hinter der Zylinderwand platziert, um die Ansaugluft vorzuwärmen und eine optimale Verbrennung zu erreichen.


                                                                                                               Der Ansaugstutzen mit dem Luftfilter direkt hinter dem Zylinder © U. Schmidt BMBU Landkreis Börde

Die Schmierung der Kurbelwelle musste vor Inbetriebnahme vom Fahrer durchgeführt werden. Dazu wurde der Tank zweigeteilt gebaut. Während sich in einem der Kraftstoff befand, diente der andere, meist kleinere, als Motoröltank. Vor dem Start wurde der Ölabsperrhahn geschlossen. Ähnlich einer Injektionsspritze wurde mittels Pumpe per Hand das Motorenöl in den Glasvorratsbehälter gesogen. Anschließend konnte der Absperrhahn wieder geöffnet werden. Damit wurde die Kurbelwellenschmierung gewährleistet. Der Motor besitzt keine Ölwanne wie herkömmliche Viertakt-Motoren. Eine ständige Kontrolle während des Betriebes war notwendig.


                                                                                                                                    Die Handpumpe für die Motorenschmierung © U. SchmidtBMBU Landkreis Börde

 

Obwohl die Karbidlampe und der Keilriemen nicht mehr vorhanden und wahrscheinlich auch die Räder nicht mehr original sind, besitzt die Panther noch viel Originalsubstanz. Bemerkenswert sind neben der Lackierung und dem Sattel die Handgriffe und Pedale aus Holz. Die Panther verfügt über ein Tretlager und ließ sich mit den Pedalen auch als Fahrrad fahren.

 


                                                                    Die Panther-Prägung auf dem Motorradsattel © U. SchmidtBMBU Landkreis Börde


Um 1890 galten Fahrräder noch als Luxusartikel. Sie wurden zu dieser Zeit sehr aufwendig gestaltet und produziert. Dennoch war eine stetige Nachfrage zu verzeichnen, worauf hin sich viele Unternehmen als Fahrradhersteller etablierten. So gründete 1896 Ernst Kuhlmann die Panther-Fahrrad-Werke Ernst Kuhlmann & Co mit Sitz in Magdeburg-Buckau. 1900 gab es die erste Umfirmierung zur Panther-Fahrradwerke, Act. Ges. vorm. Ernst Kuhlmann & Co.. In dieser Zeit begann auch die Produktion der ersten motorgetriebenen Fahrzeuge der Marke ›Panther‹, einem Motordreirad. Daran anknüpfend folgten die ersten Panther-Motorräder.

Die 1896 gegründeten Braunschweiger Fahrradwerke AG übernahmen die Magdeburger Panther-Fahrradwerke ca. 1907 und auch ihren Namen. Künftig wurden die Erzeugnisse in den Pantherwerken AG Braunschweig gefertigt. Die Produktion in Magdeburg wurde allmählich gedrosselt und der Standort gänzlich aufgegeben. Damit endete die Produktion der Panther-Motorräder in Magdeburg.

 

 

Literaturnachweis:

Der Deutsche Straßenverkehr Nr. 7

Internet: https://de.wikipedia.org/wiki/Pantherwerke_AG

           https://de.wikipedia.org/wiki/Panther_Fahrradwerke






SammlungsStück Mai 2016

Öllampe aus Zinn


                                                                                                                                           Öllampe aus Zinn © Foto N. Panteleon BMBU Landkreis Börde

 

Inv. Nr. 02/03/01 A95:138 (Ha 10:2/F26-52)

Material: Zinn

Typ: Rabiner L. nach Müller

Herstellungsort: Deutschland

Datierung: um 1800

Schenkung: Georg Lüders (Eilsleben)

Eine Vielzahl unterschiedlicher Lampen und Lampentypen entstand über die Jahrhunderte. Funktionale Merkmale wie eine Aufhängung oder einen Standfuss gibt es regelmäßig. Ebenso zeichnet eine große Masse an Stücken eine Lampenschnauze aus, in der ein Docht hing. Brennstelle und Ölfüllstelle lagen also getrennt voneinander, eine Eigenart, die beim Nachfüllen Verbrennungen verhinderte. Der Docht bestand meist aus Baumwolle oder Binsen und sog sich  mit Öl voll.

Eine der Standlampen im Sammlungsbestand des Museums besitzt nicht nur eine kurze Schnauze, sondern eine weiter ausgestellte Tülle. Die Schale, in der das Öl aufgenommen wurde, ist halbkugelförmig und spricht für eine zeitliche Einordnung in das 18. Jahrhundert und frühe 19. Jahrhundert. Die älteren Typen haben oftmals eher die Form eines Fasses. Der verhältnismäßig kleine Lampenkörper sitzt auf einem hohen Fuß, der am unteren Abschluss in einer großen Standfläche mündet. Sie hat einen Durchmesser von 14 cm. Insgesamt ist die Lampe schlicht und funktional gestaltet. Zusätzlicher Schmuck in Form von Ziselierungen oder Reliefs fehlen. Derartiger Schmuck konnte bei Lampen, die in Salons aufgestellt waren, natürlich nicht fehlen, so dass diese Standlampe wohl eher alltäglich war und einem einfacheren Haushalt gehörte.

Das gut erhaltene Stück aus Zinn weist nur eine größere Beschädigung an der Standfläche auf. Fast direkt unterhalb der Lampenschnauze ist eine Fehlstelle, die den Eindruck erweckt, als wenn das Material an dieser Stelle geschmolzen wäre. Tatsächlich gibt es Lampenbeispiele, bei denen unter der Schnauze ein kleiner Auffangbehälter hing, der abtropfendes Öl auffing. Ein solcher ist für diese Lampe nicht überliefert. Dass das Öl aber tatsächlich eine solche Hitze erreichte, um das Zinn zum Schmelzen zu bringen, ist fraglich. Sein Schmelzpunkt liegt bei 231,9 C. Wahrscheinlicher ist die Lampe an dieser Stelle auf eine heiße Ofenplatte oder ähnliches gestellt worden.

Eine vergleichbare Lampe zeigt eine Fotografie des ehem. Museumsleiters Albert Hansen. Die Aufnahme entstand 1934 und lichtete hauptsächlich den neu gebauten Kamin ab, den er aus einem Honorar für einen Bericht im Radio bauen ließ. Eine Information, die er umseitig auf dem Fotoabzug festhielt. Auch diese Lampe hat eine lange Schnauze, einen Klappdeckel zum Einfüllen des Öls, einen hohen Ständer und einen Griff, um die Lampe tragen zu können.

Beschriftung auf der Fotorückseite: Erbaut aus dem Honorar für Hörbericht im Leipziger Sender.    28/9 [19]34[um]15.15 h.


                                                                                                                              Kamin in Eilsleben© Foto N. Panteleon BMBU Landkreis Börde


In einer Zeit als es noch keinen elektrischen Strom und damit elektrisches Licht gab, behalfen sich die Menschen mit unterschiedlichen Lichtquellen. Fackeln, Kerzen, Öl- und Tranlampe gehören zu den ältesten Möglichkeiten. Hinzu kam im 19. und vor allem frühen 20. Jahrhundert dann die Petroleumlampe. Doch bereits im 3. Jahrtausend v. Chr. stellten die Menschen Öllampen her. Sie waren aus Stein oder aus gebranntem Ton und sehr unterschiedlich in der Gestaltung. Manche besaßen nur einen Docht, andere drei oder mehr. Die ältesten Beispiele kennt man aus Ägypten (Sakkara). Auf Kreta konnten Lampenfunde auf 1500 v. Chr. datiert werden. Dort am Mittelmeer verwendete man seit der Antike insbesondere Ölivenöl als Brennstoff für Lampen. Seltener nutzte man Leinöl, Mohnöl oder Rizinusöl. Erste Lampen aus Metall gab es bereits ab 600 v. Chr. in Italien (Etrurien), Phönizien und Griechenland, doch es dauerte noch rund 400 Jahre bis in die römische Zeit, um ein ausgewogeneres Verhältnis zwischen den Stücken aus Ton und Stein herzustellen. In römischer Zeit betrug die maximal bekannte Anzahl an Dochten 18. Solche Lampen trug man natürlich nicht mit sich herum. Sie hangen oder standen an einem festen Platz. Lampen aus Metall wurden in der Regel gegossen, das bekannteste Verfahren ist das Wachsausschmelzverfahren, bei dem das geschmolzene Metall die zuvor aus Wachs modellierte Form schmilzt und beim Erkalten nimmt das Metall ihre Form ein. Der Mantel aus Lehm oder Sand, der das Wachsmodel umgab, wird nach dem Guss zerschlagen. In einem weiteren Schritt arbeitete man die Stücke dann weiter auf und entfernte etwa Gusszapfen, die beim Einfüllen des Metalls entstanden.

In Mitteleuropa konnte man nur auf dem Handelsweg auf Olivenöl zurückgreifen. Es war daher nie die bevorzugte Ölquelle für Lampen. Zunächst kamen natürlich tierliche Fette wie Tran zum Einsatz, doch spätestens 1100 n. Chr. hatte man mit dem Rüböl (aus der Rapspflanze: Rübsen) ein Öl gefunden, welches sich gut für das Betreiben von Lampen eignete.

Im 18. und 19. Jahrhundert gab es zahlreiche Weiterentwicklungen des Geleuchts. Dazu gehört auch, dass an manchen Ölbehälter aus Glas mit einem nummerierten Metallstreifen angebracht wurden (IX (Neun) bis VI (Sechs) betrug die Nummerierung). Die Lampen brannten die ganze Nacht und am Füllstand konnte auch im Dunkeln und ohne Uhr abgelesen werden, wie spät es etwa war. Der höchste Füllstand kennzeichnete die neun und war im Regelfall die Uhrzeit zu der man zu Bett ging. Den niedrigsten Stand hatte die sechs, womit es wohl an der Zeit war aufzustehen.

 
    

Literatur:

Inventarkartei/-Buch BMBU: Öllampen, - funzel,- krüsel

W. Bomann, Bäuerliches Hauswesen und Tagewerk im alten Niedersachsen (Weimar 1927) 117–119 Abb. 97.

J. Bracker, Das Schleswig-Holsteinische Freilichtmuseum als Lernort. Band 2. Kienspan–Krüsel–Talglicht. Lichtherstellung und Beleuchtung in alten Bauernhäusern (Husum 1982) 10–12.

J. Matz – H. Mehl (Hrsg.), Vom Kienspan zum Laserstrahl (Husum 2000) 29–42.

H. Müller, Öllampen (Bern 1988) 5. 92. 94. Nr. 321.

R. Müller, Licht und Feuer im ländlichen Haushalt. Lichtquellen und Haushaltsgeräte (Hamburg 1994) 15.

G. Wietek, Altes Gerät für Feuer und Licht (Oldenburg/Hamburg 1964) 84–85.








SammlungsStücke April 2016

Gespannpflug-Abzeichen der Landwirtschaftsschule Helmstedt


                                                                                                  Abzeichen der Landwirtschaftsschule Marienberg, Helmstedt, um 1900, Inv.-Nr. V:18/01/04/2008:1 © Foto Sabine Vogel BMBU Landkreis Börde

 

Es mag auf den ersten Blick vielleicht verwunderlich erscheinen, dass ein Objekt mit dem Kontext zur Landwirtschaftsschule in Helmstedt (heute Niedersachsen) aus der Zeit um 1900 im Sammlungsbestand des Börde-Museums (Sachsen-Anhalt) zu finden ist. Dieser Eindruck relativiert sich jedoch, wenn man sich bewusst macht, dass seit den 1870er/80er-Jahren bis 1939 (Schließung der Schule) Kinder wohlhabener Bauern aus Ummendorf, Eilsleben und benachbarter Dörfer die rund 20 km entfernte Landwirtschaftsschule in Helmstedt besuchten, um dort eine fachbezogene bzw. hauswirtschaftlich orientierte Ausbildung zu erhalten. Die Anstecknadel in Gestalt eines Gespannpfluges als Abzeichen für die jungen Männer der Helmstedter Fachschule für Landwirtschaft (St. Marienberg) ist als Zugang des Ummendorfer Museums mit dem 19.2.1962 datiert. Laut Vermerk auf dem Objektfundzettel durch den damaligen Museumsleiter Heinz Nowak hatte sein Amtsvorgänger Dr. Albert Hansen das Abzeichen ca. 1961 aus Eilslebener Privatbesitz für das Museum erhalten.

 

Die Anstecknadel mit den Maßen 35 x 12 x 5 mm wurde aus 835er Silber gegossen, was ein Stempel auf der Rückseite belegt. Auf dieser Seite befindet sich auch die quer befestigte Anstecknadel. Ein kugelförmiges Verschlussteil mit drehbarer Sperre soll das Abzeichen am textilen Untergrund sicher fixieren.

Entsprechend des Lehrinhaltes der Fachschule wurden für die Abzeichen landwirtschaftliche Motive gewählt. Für die Schülerinnen war es eine silberne Getreideähre, für die Schüler ein Gespannpflug, der mit seinen charakteristischen Bauteilen dargestellt ist. Von links nach rechts betrachtet sind dies: 2 Pflugsterze zum Führen/Lenken des Pfluges, darunter der Pflugkörper (bestehend ausStreichblech und Pflugschar), Vorschäler (zum Aufbrechen des Ackerbodens und als Führungsrinne), Grindel (quer über den Pflug verlaufend), daran montiert Landrad und Furchenrand (hier beide mit identischem Durchmesser dargestellt; Originalgespannpflüge mit unterschiedlich großen Rädern ausgestattet).

Gefertigt wurde das Abzeichen vom Großvater des Goldschmiedemeisters Andreas Gralow aus Helmstedt. Die silbernen Gespannpflug-Nadeln wurden in Handarbeit ausgeführt. Noch heute befindet sich die Gussform, aus zwei Schieferblöcken bestehend, im Privatbesitz der Familie.

Den Miniaturgespannpflug befestigten die Schüler gut sichtbar vorn an ihren Schirmmützen, was ein schwarz-weiß Foto aus der Zeit um 1900 in der Ummendorfer Museumssammlung erkennen lässt.                                          


                                                                                                  Schüler der Landwirtschaftsschule Marienberg, Helmstedt, um 1900 © Foto Inv.-Nr. V:23/03/02/09

 

Zur Entstehungszeit der obigen Aufnahme bestand die Bildungseinrichtung, die 1869 gegründet wurde, bereits über 25 Jahre und die steigenden Schülerzahlen (9 im Jahr 1869 und 314 im Jahr 1892) machten inzwischen einen Schulneubau erforderlich, denn der Platz im Verwalterhaus des Klostergutes St. Marienberg reichte längst nicht mehr aus. So wurde am 20. Oktober 1892 das neue Gebäude – im Stile italienischer Renaissance – auf dem Tanzbleek übergeben, einem Areal, welches zuvor für Tanzveranstaltungen genutzt wurde.

Die Schwerpunktsetzungen der nun geräumigen Einrichtung war die Bildung und Ausbildung junger Landwirte, um mit diesem Bildungsweg nicht zuletzt die Offizierslaufbahn zu beschreiten. Nach dem Ersten Weltkrieg war es möglich, mit zwei Semestern Ausbildung die Qualifizierung zum „Staatlich geprüften Landwirt“ zu absolvieren und nach einem dreimonatigen Lehrgang den Qualifizierungsnachweis als „Staatlich geprüfter Landmaschineninspektor“ zu erlangen. Mit dem schwindenden regionalen Sonderstatus als Bildungseinrichtung, trotz weiterer Umstrukturierungen, sanken die Schülerzahlen (1925: 806, 1930: 380), was u.a. mit zur Schulschließung im Jahr 1939 beitrug.

  

Literatur:

J. Giermann, Als Helmstedt grün war. Landwirtschaftliche Schule Marienberg. In: Geschichte und Geschichten. Kreisbuch 2010, herausgegeben vom Landkreis Helmstedt (Oschersleben 2010) 97-108.

Zeitschrift des Verbandes ehemaliger Schüler der Landw. Schule Marienberg zu Helmstedt, e.V. Herausgegeben von dem geschäftsführenden Ausschusse des Verbandes. Nr. 3 u. 4. 1922.

A. Hansen – H. Schönfeld, s. V. Bleek. In: Holzland-Ostfälisches Wörterbuch. Besonders der Mundarten von Eilsleben und Klein Wanzleben. Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 4 (2. ergänzte Aufl. Ummendorf 1994) 65.

http://oldthing.de/Lithographie-Helmstedt-Landwirtschaft-Schule-Marienberg (15.03.2016)

https://de.wikipedia.org/wiki/Landwirtschaftsschule (15.03.2016)







SammlungsStück März 2016

Tobelkiepe


                                                                                                                                                    Tobelkiepe aus dem Allertal © Foto N. Panteleon BMBU Landkreis Börde


Kiepen gibt es in den unterschiedlichsten Arten. Allgemein ist Kiepe eine Bezeichnung für eine Tasche, einen Korb oder Sack. Unter anderem gibt es auch Futterkiepen, die man als Tragekörbe für Tierfutter verwendet(e). Sie bestehen aus zwei Schulterriemen und stets einem geraden Rückenteil um die Kiepe auf den Schultern tragen zu können.

Unter der Bezeichnung Dobel oder Tobel wird im Wörterbuch der deutschen Sprache der Gebrüder Grimm nicht nur eine enge Schlucht verstanden, sondern auch ein Platz neben einem Acker kann gemeint sein.

Tobelkiepen/Towelkipen kommt in der ostfälischen Mundart als Wort vor und bezeichnet, wie A. Hansen in seinem Wörterbuch ausführt, eine Frühstückstasche. Sie besteht aus Holzspan und wurde mit Kalbfell überzogen oder ist ausschließlich aus Holzspänen geflochten.

Eine solche Tobelkiepe befindet sich im hiesigen Sammlungsbestand. Die Kiepe mit der Inv.-Nr. V:02/07/04/01 ist bereits seit dem 2. Viertel des 20. Jahrhunderts im Museum. Die Herkunft ist nicht näher bekannt, außer der Bezeichnung Allertal. Zeitlich einzuordnen ist sie wohl in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts oder in das frühe 20. Jahrhundert.

Die Tasche selbst besteht aus einem Unterteil und einem eng ansitzenden Deckel. Horizontal angeordnet gibt es bei beiden Hälften breitere Holzspäne, die mit schmaleren vertikal ausgerichteten Spännen verflochten sind. Außerdem sind beide durch den Trageriemen miteinander verbunden. Ob das geknüpfte Band, das den Trageriemen bildet schon zur ursprünglichen Tobelkiepe gehörte, ist unklar. Es kann auch später erneuert worden sein. Der Riemen geht an zwei Stellen durch den Deckel, kreuzt sich innen und erscheint dann kurz unterhalb der Ansatzstelle des Deckels. Dort ist er auf einer Seite verknotet und auf der zweiten um ein Holzstück gebunden.

Die mit 24,5 x 30,5 cm relativ kleinformatige Tobelkiepe nutzten hier in der Region insbesondere Feldarbeiter, um ihre Verpflegung mit auf den Acker zu nehmen. Die Taschenform brachte mehrere Vorzüge mit sich. Durch den Trageriemen konnte man die sie nicht nur bequem tragen, sondern auch während der Arbeit am Pausenplatz aufhängen. Dies verhinderte, dass sich Tiere über die Verpflegung der Arbeiter hermachten.

Der Arbeitstag eines Feldarbeiters sah in seinem 12-14 Stunden langen Arbeitstag drei Pausen vor. Eine halbe Stunde gab es zum Frühstück und zum Vesperbrot sowie eine Zeitstunde für die Mittagspause.


                                                                                                                                                        Tobelkiepe aus dem Allertal © Foto N. Panteleon                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                              BMBU Landkreis Börde


R. Hecht beschreibt in seinem 1907 veröffentlichten Beitrag, dass die Bauern in der Magdeburger Börde fünf Mahlzeiten über den Tag verteilt zu sich nahmen.

Morgenessen: Milch- oder Mehlsuppe, Malz- oder Zichorienkaffee vermehrt ab ca. 1865

Frühstück: Brot, Schinken, Wurst, Käse und Butter (auf dem Felde um 8.00 Uhr, sonst zwischen 9.00 und 10.00 Uhr).

Mittagbrot: Werktags waren es Breigerichte aus Hülsenfrüchten, z. B. Linsen, Erbsen oder Bohnen oder aus Gemüse- oder Obstsorten wie Möhre und Apfel. Sonntags kamen Grudegerichte auf den Tisch. In der Mehrzahl waren es Klumpgerichte: z. B. Weißkohl mit Klump, Kohlrüben mit Klump, Sauerkraut mit Klump, Grünkohl mit Klump etc. (12.00 Uhr).

Vesperbrot/Feremaal: Bestand aus kalten Speisen (Speck, Wurt, Schmalzbrote und einer Milchsuppe als Getränk (16.00 Uhr).

Abendbrot: Pellkartoffeln mit Strippe, Kartoffelbrei oder Bratkartoffeln, saure Milch oder Buttermilch sowie Reste der Mittagsmahlzeit (sog. Neige).

 

Außer Feldarbeitern nutzen auch andere Berufsstände, die nicht regelmäßig zu den Mahlzeiten heimkehren konnten, „Tobelkiepen“. Für den Harz ist etwa bekannt, das Fuhrmänner sie auf ihren Reisen bei sich hatten.

An der See gibt es Beispiele mit einem ähnlichen Aufbau, die jedoch nicht für die Wegzehrung verwendet wurden. Ein Beispiel wurde 1912 durch das Prignitz-Museum als Schenkung erworben. Sie besteht aus Weidengeflecht und kam als Fischertasche im 19. Jahrhundert zum Einsatz. Man nimmt jedoch an, dass darin kleinteilige Arbeitsutensilien verwahrt wurden. Die Tasche mit aufschiebbarem Deckel ist wie beim Stück in Ummendorf gleichzeitig durch eine durchgezogene Umhängeschnur gesichert.

 

Literatur:

http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&hitlist=&patternlist=&lemid=GK04432#XGK04432 (1.3.2016)

Wörterbuch der Gebrüder Grimm s. V. Kiepe

http://woerterbuchnetz.de/DWB/?sigle=DWB&mode=Vernetzung&lemid=GD02780#XGD02780 (1.3.2016)

Wörterbuch der Gebrüder Grimm s. V. Tobel

A. Hansen – H. Schönfeld, s. V. Towelkipe. In: Holzland Ostfälisches Wörterbuch. Besonders der Mundarten von Eilsleben und Klein Wanzleben. Die Magdeburger Börde – Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 4 (2. ergänzte Aufl. Ummendorf 1994) 196.

R. Hecht, Die Kost auf den Magdeburgischen Dörfern vor 100 Jahren. Geschichtsblätter für Stadt und Land Magdeburg 42, 1907.

R. Hecht 1934

G. Griepentrog, Zur Struktur und Funktion der Familie im Leben der werktätigen Dorfbevölkerung zwischen 1900 und 1960. In: H.-J. Rach – B. Weissel – H. Plaul (Hrsg.). Das Leben der Werktätigen in der Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Volkskunde und Kulturgeschichte (Berlin 1987) 91–94.

R. Krosch, Arbeitsmigration in der Preußischen Provinz Sachsen 1870 – 1914, dargestellt am Beispiel der Magdeburger Börde und Umgebung [unveröffent. BA-Arbeit Schachdorf Ströbeck 2015]

http://www.museum-digital.de/san/index.php?t=objekt&oges=2677 (2.3.2016).

http://www.astfeld.de/heimatstuben_text.htm (2.3.2016).







SammlungsStück Februar 2016

Eistransport


Nicht nur in Aquarellen, Zeichnungen und Stichen wurden Ansichten und Impressionen der Magdeburger Börde festgehalten, auch zahlreiche Fotografien im Sammlungsbestand vermitteln einen Eindruck dieser Region. Dazu gehören die Aufnahmen von Fritz Giesecke (1905–1984), die er ab den späten 1920er-Jahren (bis etwa 1960) anfertigte.

Fritz Giesecke wurde am 1. Februar 1905 in Eilsleben geboren und wuchs ab 1910 in Klein Wanzleben auf. 1926 wurde er in Domersleben ansässig und ging zunächst einem kaufmännischen Beruf nach. Wenige Jahre später wechselte er sein Tätigkeitsfeld. Ab 1930 arbeitete Fritz Giesecke als Journalist und Redakteur beim Magdeburger General-Anzeiger. Sein Talent als Autor offenbarte sich insbesondere in seinen plattdeutschen humorigen Geschichten. So hat er u. a. die als Börde-Originale bekannten Figuren des Andrees Laudan und des Oskar Banse erfunden. Neben den im 14-tägigen Rhythmus erscheinenden Laudan-Geschichten verfasste er ebenfalls Artikel für das Wanzlebener Kreisblatt, den Seehäuser Anzeiger sowie Zeitungen in Leipzig, Halle, Berlin, Frankfurt a. M. und Hamburg. 1936 wechselte er zur Zeitung "Der Mitteldeutsche". Die weiterhin im Generalanzeiger veröffentlichten Laudan-Geschichten stammen seitdem aus der Feder von Gustav Behrens aus Unseburg. Fritz Giesecke verbrachte seine gesamte Lebenszeit in der Magdeburger Börde und verstarb am 28. Juli 1984 im Alter von 79 Jahren in Domersleben. Als Redakteur und Autor war ihm die Fotografie beruflich sehr nah, doch bei dem fotografischen Nachlass handelt es sich um Privataufnahmen, die Giesecke in seiner Freizeit machte.


                                                                                                                                           Porträtfoto von Fritz Giesecke (1905–1984) - entstanden in einem                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                      Fotoatelier Ende der 1950er-Jahre © BMBU 2009-1153


1993 gelangte der fotografische Nachlass des hauptberuflichen Journalisten und Redakteurs in das Börde-Museum. Nach dem Tod Fritz Gieseckes 1984 übergab die Witwe einem Freund ihres Mannes – dem Schriftsteller Martin Selber (1924–2006) – die Sammlung. Er bewahrte sie auf und ihm ist es zu verdanken, dass heute Abzüge zu unterschiedlichen Themen im Börde-Museum gezeigt werden können. Insgesamt handelt es sich um 829 Glasplatten- und Fotonegative, die Impressionen vom damaligen Leben in der Magdeburger Börde wiedergeben. Eine finanzielle Förderung des Landes Sachsen-Anhalt ermöglichte die vollständige Digitalisierung der Fotoplatten und -negative im Jahr 2011.

Die Aufnahmen spiegeln vielfach das Alltägliche wider und können als kulturgeschichtliches Zeitdokument ersten Ranges angesehen werden. Dazu gehört etwa die Aufnahmen von der Eisernte und dem Eistransport.



                                                                                                Eistransport in Wanzleben (Wanzlebener Straße), Ackerwagen beladen mit Natureisblöcken, 1930er-Jahre, Scan einer Glasplatte                                                                                                                                                                                                                                              im Format 4,5 x 6 cm © Fotografie F. Giesecke BMBU 2009-1, 061


Die Aufnahmen entstanden wohl in den 1930er-Jahren. Die Eisblöcke auf dem Ackerwagen stammten von zugefrorenen Seen. Dort wurde das Eis im Winter gebrochen und abtransportiert. Dafür wurde die Fläche zunächst aufgehakt. Zum Herstellen der Blöcke setzten sie dann spezielle Sägen ein. Zu dieser Zeit verfügten die Haushalte noch nicht über die heute unverzichtbaren Kühl- und Gefrierschränke, um Lebensmittel frisch und haltbar aufzubewahren. Tatsächlich wuchs der Bedarf an Kühlmöglichkeiten zunehmend mit der Industrialisierung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Als diese Aufnahme entstand gab es neben der Lagerung in Kellern durch die Eisschränke bereits eine zweite Möglichkeit zur Lagerung. Sie stellen die Vorläufer der heutigen Kühlschränke dar. Um eine Kühlung zu ermöglichen wurden die Eisschränke mit Natureis gefüllt.

Aufgebaut waren die Eisschränke wie folgt: Im oberen Bereich gab es einen Kasten für das Eis, darunter war Platz für die Lebensmittel, die gekühlt werden sollten und im unteren Bereich folgte ein Schmelzwasserbehälter mit Ablaufhahn, um das Wasser aufzusammeln.

Das Eis dafür lagerte in Eiskellern. Dort konnte es über Monate verbleiben, da die natürliche Isolierung das Abschmelzen verlangsamte. Regelmäßig musste das Eis in den Schränken nachgefüllt werden. Eiskeller besaßen hier in der Region jedoch vor allem landwirtschaftliche Güter und Gewerbebetriebe (z. B. Brauereien). Privathaushalte mussten sich regelmäßig mit Eis beliefern lassen.


Literatur:

Archiv BMBU – Fotos/Fritz Giesecke

H. Davidies, Praktisches Kochbuch für die gewöhnliche und feinere Küche (Berlin 1845).

http://lueersen.homedns.org/!gutenb/davidis/kochbuch/nr35.htm (29.01.2016).

E. Nöthling, Die Eiskeller, Eishäuser und Eisschränke ihre Konstruktion und Benutzung. Für Bautechniker, Brauereibesitzer, Landwirte, Schlächter, Konditoren, Gastwirte u.s.w.. 5. Auflage. (Weimar 1896).

A. Südekam – S. Vogel – Th. Ruppel, Mit großem Blick für kleine Dinge. Historische Fotografien von Fritz Giesecke (1905–1984) aus Domersleben. Die Magdeburger Börde. Veröffentlichungen zur Geschichte von Natur und Gesellschaft Bd. 11 (Ummendorf 2011) 6. 8 f. 173–175.








SammlungsStück Januar 2016

Metallartefakte / Kupferbeile


Die ältesten Metallartefakte im Börde-Museum sind zwei Flachbeile aus Kupfer (Inv.-Nr. IV:316 / IV:809). Gefunden wurden sie in Belsdorf (Ldkr. Börde, Sachsen-Anhalt). Jenes mit der Inv.-Nr. IV:316 fand man „... im November 1937 ... beim Rübenroden“. Das zweite Beil mit der Inv. Nr. IV:809 wurde bereits um 1900 gefunden, gelangte aber auch erst in den 1930er-Jahren ins Börde-Museum.

Bevor die Menschen in Mitteleuropa ab ca. 2300 v. Chr. in der Lage waren, die Legierung Bronze herzustellen, wurden bereits Geräte aus Kupfer gefertigt. In Mitteleuropa sind die ältesten solcher Objekte aus Fundzusammenhängen bekannt, die in das 4. Jahrtausend v. Chr. datiert werden. Diese Zeit wird in manchen Regionen daher nicht mehr als Jungsteinzeit (Neolithikum), sondern als Kupfersteinzeit (Chalkolithikum) bezeichnet.

Doch nicht in allen Regionen verarbeitet man noch vor der Bronzezeit Metall. Daher stellen diese Objekte seltene und besondere Funde dar. Viele Metallvorkommen, wie jene am Harz, waren zu dieser Zeit noch nicht erschlossen und es gibt verschiedene Vermutungen, wie die Kupferobjekte diese Region erreichten. So vermuten manche, dass sich gerade wegen der Metall- und Salzvorkommen neue Siedler in der Region niederließen und Gegenstände aus Kupfer mit sich brachten. Genauso wahrscheinlich ist jedoch möglich, dass ausschließlich das Objekt auf dem Handelsweg nach Mitteldeutschland gelangte und als Prunk-Gegenstand zu werten ist.

Kurz nachdem die Beile in den Museumsbestand kamen, gab man Materialproben an den Metallurgen Dr. Wilhelm Witter (Halle), der eine Analyse der Zusammensetzung durchführen sollte. Diese Analyse ergab, dass sie zu 99,5%, bzw. zu 98,2% aus Kupfer bestehen. Im Gegensatz zur Legierung Bronze, die als zweiten wichtigen Bestandteil 10% Zinn enthält, handelt es sich nach Herrn Witter in beiden Fällen um gediegenes Kupfer, also nicht um eine Legierung, sondern ein natürliches Erz-Vorkommen, das in reiner Form abgebaut wurde. Gemeinsam mit H. Otto bemühte sich W. Witter nicht nur um diese sogenannten Spektralanalysen, sondern auch darum, Lagerstätten an Hand der Analyseergebnisse zu identifizieren. Heute denkt man vielfach, dass solche Analyseverfahren typisch für die moderne archäologische Forschung sind, tatsächlich gehören diese Untersuchungen schon viel länger zum Forschungsstandard.


                                                                                               Karteikarte von Inv.-Nr. IV: 316 Archiv BMBU ─ Landkreis Börde


Für das Beil IV:316 vermutete Witter, dass es vom oberen Maintal stammte; für IV:809 gibt er an, dass es wohl im Raum Zwickau/Schedewitz gefertigt wurde. Sicher handelt es sich bei beiden Beilen wohl um Importe. Dies ist nicht ungewöhnlich, da bereits andere Kupferimporte z. B. in Rössen in einem Grab der Gaterslebener Kultur (4300–3900 v. Chr.) oder in Preußlitz und Büden (Lkr. Burg) in Gräbern der Baalberger Kultur bekannt sind. Nach dem heutigen Stand der Forschung ist für das 4. Jahrtausend v. Chr. belegbar, dass Kupfer in Ai Bunar (Bulgarien), Rudna Glava (Serbien), Špania Dolina-Piesky (Slowakei), Keutschacher See und Mariahilfbergl (Ostalpin) verarbeitet wurden.

Da die Belsdorfer Beile aus gediegenem Kupfer sind, werden diese eher nicht, wie von Albert Hansen und Heinz Nowak zunächst vermutet, aus der frühen Bronzezeit stammen, sondern bereits rund 1000 Jahre zuvor in die Magdeburger Börde gelangt sein. Hinzukommt auch die Form, die sich deutlich von bronzezeitlichen Beilen unterscheidet. Eine engere zeitliche Eingrenzung des Fundplatzes und damit der Beile ist leider nicht möglich, da die anderen Funde vor Ort aus unterschiedlichen Zeiten stammen.



                                                                                                Karteikarte von Inv.-Nr. IV: 8ß09 BMBU ─ Landkreis Börde


Zu den bekanntesten Funden dieser Epoche gehört der sog. Ötzi aus den Ötztaler Alpen in Südtirol. Auch er trug ein Kupferbeil mit sich. Dieses gehört jedoch einem anderen Typ als die Belsdorfer Beile an. Besonders auffallend an dem Stück Inv. Nr. IV:809 (Typ Split?) sind die begradigten Seiten mit den leicht ausgestellten Kanten. Beide Exemplare im Ummendorfer Museum weisen insgesamt einen rechteckigen Querschnitt auf, wobei die Seiten von IV: 316 leicht konvex, also nach außen gewölbt, sind. Formal ähneln beide noch sehr stark den Steinbeilen des Neolithikums, wobei IV:316 (Typ Altheim?) durch die leicht an den Seiten ausgestellten Spitzen an der Schneide schon etwas fortschrittlicher geformt ist.

Metallartefakte wurden meist zunächst im Gussverfahren hergestellt, d. h. sie wurden in der Regel in eine Form gegossen und nach dem Erkalten weiterbearbeitet. In der frühen Metallverarbeitung kam es jedoch auch vor, dass das Metall erhitzt und dann geschmiedet wurde. Für den Gebrauch wurden Beile dann geschäftet. Dafür gab es mehrere Möglichkeiten: etwa durch Einstecken des Beils in einen Holm oder durch die Befestigung an einem Zwischenstück aus Holz oder Geweih, welches man dann ebenfalls mit einem Holzstiel versah. Eine dritte Möglichkeit hat sich auf Grund der guten Erhaltungsbedingungen im Eis bei der Axt der südtiroler Gletschermumie erhalten. Dort wurde das Beil durch Lederschnüre und einen Klebstoff (Pech, Harz, Teer oder Leim) an einen Holzstiel fixiert. Welche Möglichkeit hier Anwendung fand, ist schlussendlich aber nicht zu klären. Die Beile aus Belsdorf stehen nicht allein in der Region. So wurden weitere Beile in Dahlum, Letzingen, Böddensell und Schermcke gefunden, die sich im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale befinden.


                                                                                                Belsdorfer Beil Inv.-Nr. IV: 80 © Foto N. Panteleon BMBU ─ Landkreis Börde 


                                                          Belsdorfer Beil, Inv.-Nr. IV: 316 © Foto N. Panteleon BMBU ─ Landkreis Börde



Inv.-Nr. IV:316

Inv. Nr. IV:809

Länge 11,56 cm

Länge 12,2 cm

Schneidebreite: 5,36 cm

Schneidebreite: 4,75 cm

Nackenbreite: 3,35 cm

Nackenbreite: 1,3 cm

Dicke: 2 cm

Dicke: 0,98 cm

 

 

Materialzusammensetzung:

Materialzusammensetzung:

Kupfer: 99,5%

Kupfer: 98,62%

Arsen: 0,3%

Arsen: 1,10%

Silber: 0,06%

Schwefel: 0,27%

Gold: 0,005%

Silber: 0,01%

Zinn: Spuren

Blei: Spuren

Blei: Spuren

Antimon: Spuren

Antimon: Spuren

Wismut: Spuren

Wismut: Spuren

Nickel: Spuren

Nickel: Spuren

Gold: 0%

Zink: 0%

Zinn: 0%

Kobalt: 0%

Zink: 0%

Eisen: 0%

Kobalt: 0%

Schwefel: nicht bestimmt

Eisen: 0%

 

Literatur:

G. Böttcher, Ein Grab der Baalberger Gruppe mit Kupferschmuck von Büden, Kr. Burg. Ausgrabungen und Funde 27, 1982, 165–170.

T. L. Kienlin, Von Schmieden und Stämmen: Anmerkungen zur kupferzeitlichen Metallurgie Südosteuropas. Germania 86, 2008, 503–540.

L. Klassen, Jade und Kupfer. Untersuchungen zumNeolithisierungsprozess im westlichen Ostseeraumunter besonderer Berücksichtigung der Kulturentwicklung Europas 5500-3500 BC. Jutland ArchaeologicalSociety 47 (Århus 2004).

D. W. Müller, Frühes Kupfer und Baalberge – Betrachtungen zu einem Grabfund von Unseburg, Kr. Staßfurt. Ausgrabungen und Funde 35, 1990, 166–171.

R. Turck, Die Metalle zur Zeit des Jungneolithikums inMitteleuropa unter besonderer Berücksichtigung ihrerAdaption und Verwendung. Eine sozialarchäologischeUntersuchung. Universitätsforschungen zur prähistorischen Archäologie 185 (Bonn 2010).

R. Turck, Über die Grenzen hinweg? Zur symbolischen Bedeutung von Äxten, Beilen und Kupfer im mitteleuropäischen Jungneolithikum. In: T. Doppler/B. Ramminger/D. Schimmelpfennig (Hrsg.), Grenzen und Grenzräume? Beispiele aus Neolithikum und Bronzezeit. Fokus Jungsteinzeit 2 (Kerpen-Logh 2011) 141–154.

 



Sammlungsstücke 2015




SammlungsStück Dezember 2015

 Der Wanzlebener Pflug


                                                                                                                Wanzlebener Pflug mit Vorwagen aus der Zeit um 1880 (Inventarnummer: BMBU 2012-0418, 0419)                                                                                                                                                                                                                                                                                        © Foto U. Schmidt BMBU – Landkreis Börde

 

 Wanzlebener Pflüge gehören selbstredend zur Sammlung des Börde-Museums Burg Ummendorf. Sie sind wesentlicher Bestandteil und historisches Zeugnis einer wirtschaftlichen Entwicklung, die das fruchtbarste Schwarzerdegebiet Mitteleuropas zu einem der im 19. Jahrhundert bedeutendsten Regionen in Verbindung mit dem Zuckerrübenanbau machte. Wie dies vonstatten ging und welche Bedeutung dabei dem Wanzlebener Pflug zukam, wird im Folgenden vorgestellt.

Zur Erreichung guter Erträge beim Rübenanbau musste der Boden entsprechend vorbereitet werden. Hierzu war es nötig, den Acker bis zu einer Tiefe von 35 cm aufzulockern. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts gab es allerdings keinen Pflug, der auch annähernd diese Arbeitstiefe aufweisen konnte. Um dennoch den Boden für den Rübenanbau vorzubereiten, kam der Magdeburger Spaten zum Einsatz. Dieser Spaten ist vom Aufbau mit einem herkömmlichen Gartenspaten vergleichbar, lediglich das Blatt war etwa doppelt so lang. Durch Einsatz vieler Landarbeiter wurden die Ackerflächen per Hand umgegraben. Bis dahin glaubte man, dass nur die Magdeburger Spatenkultur die einzige Methode sei, um den Boden tiefgründig für den Anbau von Zuckerrüben zu bearbeiten.

Etwa 1850 gab es zahlreiche Versuche einen Pflug zu fertigen, der diese hohen Anforderungen erfüllte. So entstand zum Beispiel der Knoche Preispflug, auch als Magdeburger Pflug bekannt. Als Tiefkulturpflug erdacht, erfüllte er die geforderten Leistungsparameter für den Rübenanbau nicht, allerdings erreichte der Pflug für den Getreideanbau hervorragende Werte, wofür er 1850 in Magdeburg prämiert wurde.

Tiefkulturpflüge arbeiteten nach dem Ruchadlo-Prinzip, der Brüder Wewerka aus Böhmen, als steilwendende Pflüge. Hierbei ist das Streichblech sehr hoch. Der abgetrennte Erdstreifen gleitet bei der Vorwärtsbewegung des Pfluges an dem schraubenförmig gewundenen Streichblechsteil nach oben und wird dabei umgewendet.

1852 führte der Wanzlebener Schmied Christian Behrendt auf einer Veranstaltung des Landwirtschaftlichen Vereins Halberstadt einen Tiefkulturpflug vor, der bald als “Wanzlebener Pflug” in den Rübenanbaugebieten Mittel- und Osteuropas bekannt und berühmt wurde.


                                                                                                       Urkunde von der Weltausstellung 1873 in Wien für den Pflugfabrikanten Friedrich Behrendt (Inventarnummer: V:23/01/05/05)                                                                                                                                                                                                                                                  © Foto Dr. Th. Ruppel BMBU – Landkreis Börde

 

Auf der Weltausstellung 1873 in Wien erhielten die Brüder Friedrich und Christian Behrendt dafür die Verdienstmedaille. Die dazugehörige Urkunde von Friedrich Behrendt ist im Bestand der Sammlung des Börde-Museums.

 

Diese Pflüge verkörperten die maximal mögliche Entwicklung eines Gespannpfluges zur Erzielung der tiefen Bodenkultur. Seine Arbeitstiefe lag bei 35 cm. Der Gespannpflug wurde mittels Vorwagen, auch als sog. Pflug- oder Vorderkarre bezeichnet, geführt. Der Grindel des Pfluges wurde dazu am Vorwagen eingehängt. Durch unterschiedliche Anhängepositionen konnte die Arbeitstiefe bestimmt werden. Beim Pflügen fuhr der Vorwagen mit dem kleinere Rad (Landrad) auf dem noch ungepflügten Ackerstück, während das größere Rad (Furchenrad) durch den schon bearbeiteten Boden fuhr.

Die speziellen Scharform und die Winkelstellung bewirkten eine gute Zerkrümelung bei schweren Böden, wie sie in der Börde anstehen. An den Grindel des Pfluges konnte ein Vorschäler anmontiert werden. Er sorgte für die Auflockerung des oberen Teils des Bodens und somit für einer feineren Zerkrümelung.

Der Wanzlebener Pflug als Gespannpflug musste von vier Pferden oder zwei Ochsen gezogen werden. Die Arbeitsleistung lag bei 0,3 bis 0,5 Hektar pro Arbeitstag mit 12 bis 13 Arbeitsstunden! (1 Hektar entspricht 10 000 Quadratmetern).

 

Schon bald produzierten weitete Schmiede und Stellmacher Pflüge dieser Art:

 

  Christian   Behrendt  

  1852   - 1880  

  Wanzleben  

  Wilhelm   Refert/
    Friedrich Refert  

  1880   – um 1925                

  Wanzleben  

  Friedrich   Behrendt 

  1852   - 1887      

  Wanzleben  

  Carl   Schabon   

  1887   – 1893/94  

  Wanzleben  

  Jacob   Schaeper  

  1893/94   – um 1915  

  Wanzleben  

  Thiele      

  1868   - ?  

  Wanzleben  

  Otto   Graf  

  um   1880  

  Wanzleben  

  Karl   Kagelmann  

  um   1892  

  Klein   Wanzleben  

  Andreas   Hansen*  

  nach   1865 - ?  

  Klein   Wanzleben  

  Laass  

  um   1861  

  Domersleben  

  H.   Handge  

  um   1880  

  Sülldorf  

  Georg   Pieper    

  um   1870 - ?  

  Altenweddingen  

  C.   Finke               

  1880  

  Altenweddingen  

  Regner                            

  1868  

  Langenweddingen  

  Reinhard   Br.Kayser &Co.      

  ?   - 1884  

  Magdeburg  

  Carl   Knoche  

  um   1868 – um 1880  

  Magdeburg  

  Paul   Behrens    

  um   1880  

  Magdeburg  

  Lemier                

  1861   – um 1880  

  Magdeburg  

  Theodor   Hinze  

  1880  

  Magdeburg  

  Förster                

  1868  

  Magdeburg  

  Carl   Christianus  

  1880  

  Wolmirsstedt  

  Gödecke             

  1880  

  Borne  

  August   Fricke   

  1880  

  Bottmersdorf  

  Paul   Scholz  

  um   1875  

  Oschersleben  

  Friedrich   Dehne  

  um   1880 – um 1900  

  Halberstadt  

  Hoffmeister  

  1880  

  Eilenstedt  

  Liebau   und Köhler       

  1868  

  Quedlunburg  

  W.   Siedersleben  & Co.  

  1871   – um 1880  

  Bernburg  

* Andreas Hansen war der Großvater des späteren Ummendorfer Museumsgründers Dr. Albert Hansen      


                                                                                                Die „Pflugfabrik Friedrich Refert“, vormals Christian Behrendt, in Wanzleben um 1900,                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/Wanzleber Pflug/eigenes Bildmaterial/originale Dokumente

Friedrich Behrendt konnte seine Pflüge erfolgreich verkaufen. Sein Betrieb wurde 1887 von Carl Schabon übernommen und 1893/94 von Jacob Schaeper bis zum Ersten Weltkrieg weitergeführt. Christian Behrendt verpachtete bereits 1880 seine Werkstatt an Friedrich Refert, der ebenfalls erfolgreich diesen Pflugtyp produzierte und vertrieb.


                                               Katalog-Titelseite des Pflugherstellers Pieper (Altenweddingen) um 1900,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                               Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/                                                                                                                                                                                                                                                                                                  Wanzleber Pflug/eigenes Bildmaterial/originale Dokumente

 

Die Produktion der Wanzlebener Pflüge ist aus heutiger Sicht allerdings mehr als handwerkliche Kleinserienproduktion zu verstehen. Jeder Pflug wurde in Handarbeit gefertigt. Wanzlebener Pflüge waren in den Rübenanbau-gebieten bis Ende des 19. Jahrhunderts bevorzugte Bodenbearbeitungsgeräte, die erst durch die größere Verbreitung der Dampfpflüge an Bedeutung verloren und lediglich für kleine Ackerflächen bis weit in das 20. Jahrhundert relevant blieben. Dennoch beeinflusste diese Pflugkonstruktion auch die weitere Entwicklung der späteren Traktorenpflüge. Mit den Erfahrungen, die bei der Verwendung der Wanzlebener Pflüge in Bezug auf den Schwarzerdeboden in der Magdeburger Börde gesammelt werden konnten, wurden in Wanzleben bei der Firma Refert auch Traktorenpflüge gefertigt. Ihre Besonderheit war der große Durchlass zwischen den Pflugscharen, die ein vollständiges Wenden des Bodens garantierte.


                                                                              Katalogseite zu den Traktorenpflügen des Pflugfabrikanten Refert von 1939,                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Archiv BMBU Bäuerliche Arbeit und Wirtschaft/Wanzleber Pflug/Material Refert I+II/                                                                                                                                                                                                                                                                                                              Information-Refert /Material Refert I, >>Wanzlebener Schlepperpflüge „Schlückspecht“<<, Seite 6

 

 

Literatur:

M. Häusler, J. Hoeft, Museums Landschaft. Die Museen des Landkreises Börde (Haldensleben 2010).

Th. Ruppel, Als die Börde boomte! Begleitpublikation zur gleichnamigen Sonderausstellung, 24.09.2007-25.05.2008. Kleine Schriften aus dem Börde-Museum, Band 23 (Ummendorf 2008).

H. Nowak, Der sogenannte „Wanzleber Pflug“ als kennzeichnende Erscheinung in der agrarischen Gesamtentwicklung der Magdeburger Börde. Jahresarbeit im Fernstudium Volkskunde der Humboldt-Universität Berlin (Berlin 1969).

G. Ripke, Grosses Handbuch des Maschinenbaues Band II (Heinrich Killinger Verlagsgesellschaft mbH Nordhausen ohne Jahresangabe).                            

G. Fischer, Landmaschinenkunde. Nachdruck der Ausgabe von 1928 (Verlagsgruppe Weltbild GmbH Augsburg 2005).

Fr. Refert, Katalog Wanzlebener Schlepperpflüge „Schluckspecht“ (Wanzleben 1939).

 





SammlungsStück November 2015

Armreif aus Bronze und Keramik

Ein Gürtel der vorrömischen Eisenzeit aus Hadmersleben

1950 stieß man bei Arbeiten am sog. Steilen Ufer bei Hadmersleben (Lkr. Börde, Sachsen-Anhalt) auf eine Urne mit Beigaben aus Bronze. Die Urne nebst Leichenbrand ging in der Folge verloren, die Bronzefunde hingegen verblieben zunächst in Hadmersleben. Erst 1959 erfuhr der Kreisbodendenkmalpfleger und Leiter des Börde-Museums Heinz Nowak von diesem Fund, als durch Sprengungen in der dortigen Kiesgrube drei weitere vorrömische Brandbestattung zutage traten.


                                                          Blick in die Kiesgrube und Bodeaue von SSW © H. Nowak BMBU – Landkreis Börde

 

Eine von diesen übertraf den ersten Fund durch seine Fülle von Bronze-Objekten. Außerdem konnte in diesem Fall zwar nicht mehr der Leichenbrand sichergestellt werden, aber immerhin eines der Keramikgefäße, welches diesen vermutlich beinhaltete.